Hier einmal ein ganz herzliches Dankeschön an Frozen Queen, Annely C. und AngelFilia für die vielen und zum Teil recht ausführlichen Revies.
Und dann muss ich mich auch noch dafür entschuldigen, dass ich so lange gebraucht habe, um dieses Kapitel zu posten. Die Verzögerung liegt an meinem Verbesserungswahn und weil ich den bisherigen Text – noch nicht das Kapitel – zum Verbessern einer Freundin gegeben habe. Vier Augen sehen ja schließlich doch mehr als zwei. Ohne die verbesserten alten wollte ich das neue Kapitel nicht posten und so ist es eben etwas später geworden. Ich hoffe, die nächsten Kapitel kommen wieder regelmäßiger.
Aber jetzt zum neuen Kapitel!

Kapitel 4

Hoch hinaus

Shajrabatan Lahshagt sah sich missmutig in der Klasse um und versuchte sich ganz auf den Unterricht zu konzentrieren. Schon zum zehnten Mal musste er ein Gähnen unterdrücken und die Ohren klingten ihm mittlerweile von dem Gestotter der Kinder.

„…Mit nur wenigen Satzen…Sätzen hatte er… der Dache… Drache den Sawat ein… einge… eingeholt und wollte ihn schön… schon verschlingen, da… da rief Shalitara: ‚Wenn ich nuuur auf mein… meine Mutter gehört und ein Meer… Messer mitgenommen hätte! Dann könnte ich… ich jetzt diesen schicklichen… schrecklichen Drachen toten… töteten!'"

Er wagte es wieder einmal von dem kleinen Palipan aufzusehen und ließ seinen Blick von einem zum anderen schweifen. Er war nicht der einzige, der sich langweilte. Ganz in der letzten Reihe bestaunten zwei Jungen etwas, das verdächtig nach einem Frosch aussah, doch Shajrabatan war viel zu niedergeschlagen, um sich näher damit zu befassen.

Da hörte… horchte der Drache über… überrascht auf. ‚Du klaubst… glaubst', sprach er ver… vergnügt, ‚mich mit eine… einem einzigen Messer toten… töten zu können?'"

Sein Blick wanderte wieder vor zu dem lesenden Palipan. Palipuran Maiavand war sicherlich nicht der klügste und aufmerksamste der Klasse, er bewegte sich eher im unteren Feld – im Rechnen war er sogar einsames Schlusslicht – doch gab er sich wenigstens Mühe, was man von den wenigsten Kindern hier behaupten konnte. Trotzdem, zu Palipans Alpträumen gehörte es wohl auch zu lesen, ganz besonders vor der ganzen Klasse, und Shajrabatan fragte sich mittlerweile, ob er ihm und auch sich selbst diese Folter weiter auferlegen wollte.

„‚Aber na…"

„Danke, Palipuran, das ist genug!", unterbrach ihn Shajrabatan harsch, ehe der Junge den Text noch mehr verstümmeln konnte.

Palipuran atmete erleichtert auf und schob das abgegriffene Buch weit von sich, als ob es etwas besonders widerliches wäre. Dabei hatte sich Shajrabatan doch solche Mühe gegeben einen Text zu finden, der den Kindern gefallen könnte. Er hätte es besser wissen sollen. Das Imuva-Fest fand in wenigen Tagen statt und da wollten die Kinder nicht von Drachen lesen, sondern sich welche basteln.

Shajrabatan sah sich nach einem neuen Opfer um und plötzlich genoss er wieder die ungeteilte Aufmerksamkeit der Kinder vor ihm. Alle blickten sie ihn bangend an, versuchten das Kunststück sowohl einen möglichst guten Eindruck zu machen, um nicht seinen Ärger auf sich zu ziehen, aber keinen zu guten, um nicht gerade deswegen als nächstes dran zu kommen. Sogar die beiden Burschen in der letzten Reihe hatten ihren Frosch verschwinden lassen. Shajrabatan wusste, dass dieses Interesse nur geheuchelt war. Kaum eines dieser Kinder interessierte sich dafür, was er ihnen einmal in der Woche nach der Andacht beizubringen versuchte. Die meisten wollten am liebsten raus in die Sonne und ihre wilden Spiele spielen oder mussten ihren Eltern bei der Arbeit helfen und hielten solche wichtigen Fertigkeiten wie das Rechnen, Lesen und Schreiben für reine Zeitverschwendung. Das galt für die meisten, doch eine Ausnahme gab es. Shajrabatan blickte den keinen, schmächtigen Jungen neben Palipan an und sah in interessierte graue Augen, die seinen Blick ohne jegliche Furcht, sondern vielmehr mit unstillbarer Neugier erwiderten. Dieser Junge wollte wissen, wie der legendäre Sawat den Drachen nur mit einem Messer besiegte, wenn er es nicht ohnehin schon gelesen hatte.

Die meisten Bewohner von Shabagaaon wunderten sich, dass der kräftig gebaute Palipan und der schmächtige Rishkan Geschwister sein sollten, und das zu Recht, denn ähnlich sahen sich die beiden überhaupt nicht. Nur wenige wussten, dass die beiden tatsächlich nicht miteinander verwandt waren und er war einer von ihnen.

Shajrabatan erinnerte sich noch immer sehr genau an jenen Tag, als Artharan Maiavand nach all den Jahren endlich aus dem Krieg zurückgekehrt war, als schon niemand mehr damit gerechnete hatte, dass er überhaupt noch am Leben sei. Dabei war Artharan niemals in einem Gefecht verwickelt gewesen, sondern hatte sich auf dem Weg zur Musterung in die Tochter eines Köhlers verliebt, sie geheiratet und war einfach bei ihnen geblieben. Als er sich endlich dazu entschloss, nach Hause zurück zu kehren, hatte er bereits zwei Kinder. Doch nach Shabagaaon kam er mit drei, von denen das kleinste, Rishkan, unter einem starken Fieber litt. Um das Fieber kümmerte sich die Naghavani, die unheimliche Heilerin von Shabagaaon, und auch Shajrabatan interessierte sich so für das Bündel aus Haut und Knochen, obwohl dieser anfangs panische Angst vor ihm hatte. Schließlich hielt Dashamakari, Artharans Frau das Schweigen nicht mehr aus und erzählte ihnen die Geschichte von der wahren Herkunft des Jungen. Die Gaukler, zu denen er eigentlich gehörte, konnten sich angeblich nicht mehr um ihn kümmern können, in der warmherzigen Dashmakari die perfekte Adoptivmutter gefunden und ihn einfach bei ihr zurückgelassen. Oder vielleicht hatte sich auch Dashmakari einfach angeboten, sich um ihn zu kümmern, da war sicher der Shumarjünger nicht ganz sicher. Nachdem Naghavandi das Fieber runter gebracht hatte und Artharans junge Familie trotz Proteste seines jüngeren Bruders in den ihm zustehenden kleinen Hof einziehen konnte, fasste der Junge endlich Vertrauen zu seinen neuen Eltern und Geschwistern und begann endlich zu sprechen.

Was Rishkans Vergangenheit anging, so wusste niemand etwas. Die Gaukler hätten ihn am Ufer des Rishas gefunden, dem er auch seinen Namen – Geschenk des Rishas – verdankte. Ungewöhnlich war dieser Name nicht, denn Risha war der Name einer heidnischen Jagdgottheit der Banshunten und alte Götter hatten sich in den Namen der Banshunten lange gehalten, trotz des allgegenwärtigen Shumarismus, ähnlich wie die alten heidnischen Feste. Für Rishkan passte er aber auf alle Fälle ausgezeichnet. Was den Jungen selbst betraf, so schien der alles bis zu jenem Zeitpunkt vergessen zu haben, als er zu den Maiavands kam, und es musste wohl ein gewaltiger Schock zu diesem Vergessen geführt haben, denn Rishkan vergaß nie etwas.

„Rishkdvaidan, du hast noch nichts gelesen. Fahr fort!"

Rishkan zog ruhig sein Buch zu sich und begann zu lesen: „‚Aber natürlich!' behauptete Shalitara furchtlos. ‚Doch weil ich keine habe, wirst du mich wohl jetzt gleich verschlingen.'

Die Worte des jungen Sawat amüsierten das Ungeheuer so sehr, dass es sagte. ‚Halte deine Hand auf, und ich werde dir ein Messer geben. Dann werden wir ja sehen, ob du mich mit einem einzigen Messer töten kannst.'

Shalitara tat wie ihm geheißen und tatsächlich erschien in seiner Hand ein goldenes Messer. Er sah sich das Messer genauer an und rief plötzlich empört: ‚Aber das Messer ist ja abgebrochen!'

Das konnte der Drache nicht glauben und er wollte einen Blick auf das zerbrochene Messer werfen. Doch Shalitara nahm das Messer, das gar nicht zerbrochen war, und stieß es dem Ungeheuer in sein riesiges Auge.

Da begann der Drache furchtbar zu toben, wollte den Sawat packen und verschlingen, doch da er ihn nicht sehen konnte, war es ihm auch nicht möglich ihn zu ergreifen. Shalitara lief aber schnell zu dem toten Holzfäller, nahm seine Axt und schlug damit dem Ungeheuer den Kopf vom Hals.

Von nun an ritt Shalitara niemals unbewaffnet fort, und er hatte auch immer das goldene Messer bei sich, mit der er den einäugigen Drachen getötet hatte."

Ein Baumfuchs, das war der Junge, ein magerer Baumfuchs, der auf einen Bauernhof lebte und sich für einen Athi hielt. Es erschien Shajrabatan falsch, dass ihn keiner darauf hinwies, keiner den Mut hatte, den Fuchs zu nehmen und ihn dorthin zu bringen, wo er hingehörte, in den Wald zu den anderen Rotbärten. Der Baumfuchs würde sich weiter für ein Athi halten und nur Mäuse fangen, anstatt den flinken Eichhörnchen in ihrem Element nachzujagen. Rishkan würde weiterhin in Shabagaaon leben und vielleicht als Bauer, viel wahrscheinlicher nur als Knecht am Hof seiner Eltern und dann an dem seines Bruder seinen Unterhalt verdienen. Es war nicht richtig.

Er bemerkte, dass es in der Klasse ungewöhnlich still geworden war. Rishkan hatte die Geschichte von Shalitara und dem Drachen beendet und wusste nicht, ob er mit dem nächsten Text fortfahren sollte. Noch einmal blickte er den Jungen an und fällte eine Entscheidung.

„Nun, ich denke, wir haben heute genug gelesen", brach Shajrabatan das Schweigen.

Erleichtertes Aufseufzen unter den Schülern.

„Dann können wir es noch einmal mit dem Rechnen versuchen", fuhr er fort, und wusste, dass ihn die Kinder für diese Worte hassten. „Barjasan!"

Der Junge in der letzten Reihe, der noch vor kurzem den Frosch bestaunt hatte, zuckte schuldbewusst zusammen.

„Ich hoffe, dir gefallen Zahlen genauso gut wie Frösche. Komm an die Tafel! Und dich, Rishkdvaidan, will ich noch einen Augenblick nach dem Unterricht sprechen."

Barjan trottet mit gesenktem Kopf zur Tafel, während Rishkan nur nickte.

- - - - -

Rishkan hatte etwas Angst, als er kurze Zeit später alleine in den Unterrichtsraum trat. Palipan hatte ihn begleiten wollen, doch Rishkan wusste, dass Meister Lahshagt mit ihm alleine sprechen wollte, und so hatte er das tapfere Angebot seine Bruders abgelehnt.

Nun bereute er seine gespielte Selbstsicherheit. Er konnte sich nicht vorstellen, warum um alles in der Welt Lahshagt mit ihm sprechen wollte. Der alte Shumarjünger unterhielt sich nur dann mit Kindern nach dem Unterricht, wenn er ihnen eine Strafpredigt halten wollte. Doch er hatte nichts angestellt, abgesehen natürlich von dem Buch, das er vor drei Wochen aus dem Klassenzimmer geschmuggelt hatte, um es endlich in Ruhe lesen zu können. Aber er hatte niemandem davon erzählt, nicht einmal Palipan, und das Buch schon am nächsten Tag zurückgebracht. War der Priester doch dahinter gekommen? Hatte es ihm vielleicht gar Shumar erzählt? Je länger er darüber nachdachte, desto sicherer wurde er, dass es sich genau so abgespielt haben musste. Shumar sah schließlich alles und Lahshagt war sein Diener. Er musste es ihm einfach gesagt haben. Diese Erkenntnis trug allerdings nicht viel zu seiner Beruhigung bei.

Es dauerte einige Augenblicke, bis der Priester wieder ins Klassenzimmer zurückkam. Er lächelte freundlich und Rishkans Angst und Sorgen schmolz dahin wie Eis an einem heißen Sommertag. Die meiste Zeit war Lahshagt einfach nur ein Shumarjünger, einer jener Menschen, von denen sich die meisten Leute insgeheim fürchteten, jemand, dem man am besten nicht in die Augen blicken sollte und auf keinen Fall verärgern durfte, wenn man Shumar selbst nicht verärgern wollte. Doch dann, im Unterricht oder in einem Augenblick wie diesem, fühlte sich Rishkan mehr mit dem Priester verbunden als mit seinen eigenen Eltern oder irgendjemand anderem aus dem Dorf, vielleicht mit Ausnahme von seinen Geschwistern.

„Setzt dich ruhig, meine Junge!" forderte ihn der Priester auf und deutete auf einen Schülerhocker gegenüber des wuchtigen Lehrertisches, währen er sich selbst auf seinen eigenen, mit der Rückenlehne deutlich bequemeren Stuhl niederließ.

Rishkan gehorchte mit einem mulmigen Gefühl und legte seine Hände auf seine Oberschenkel.

„Sag einmal Rishkdvaidan, kannst du dich noch an die Sage erinnern, die du und dein Bruder heute gelesen habt?"

„Die Geschichte vom Sawat Shalitare und dem Drachen?"

„Ganz genau die. Hat sie dir gefallen?"

Rishkan dachte darüber nach. Sie war interessant, wenn man sie das erste Mal hörte oder las. Aber irgendwann hielt man sie für dumm und langweilig. „Nein", gestand er nach einiger Zeit.

Der Shumarjünger runzelte überrascht die Stirn. „Und warum nicht?"

„Weil es da zu viele Zufälle gibt, die einfach keinen Sinn ergeben", räumte Rishkan ein. „Ein Drache, der ganz zufällig nur ein Auge hat. Ein toter Holzfäller, der auch ganz zufällig herumliegt, zusammen mit seiner Axt. Und dann ist der Drache auch noch so dumm, Shalitara seinen Hals hin zu halten, damit er ihm ruhig den Kopf abschlagen kann."

Der alte Shumarjünger begann zu lachen. „Du bist der erste, der so etwas sagt, und du hast Recht. Ich schätze, ich sollte mich nach einem neuen Lesestoff für euch umsehen."

„Die Geschichte, in der der Shalitara zu den Elfen fährt, ist viel interessanter", entfuhr es Rishkan – und hätte sich im nächsten Augenblick für seine Worte auch schon auf die Zunge beißen wollen.

Der Shumarjünger lächelte – wissend. „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir die schon gelesen hätten, außer natürlich du und ich."

Rishkan senkte den Kopf und wäre am liebsten im Erdboden versunken.

„Und du glaubst wirklich, dass ich das Fehlen des Buches nicht bemerkt habe?" wollte der Priester wissen. „Vielleicht sogar, dass du der erste bist, der sich eines der Bücher mitgenommen hat?"

Rishkan wusste nicht, was er darauf antworten sollte, und so hielt er lieber seinen Mund.

„Deine Schwester ist ständig nach dem Unterricht hereingeschlichen, als sie nicht viel älter war wie du, immer durch genau das Fenster." Meister Lahshagt deutete auf eines der beiden kleinen Fenster der Schulstube. Er wusste von Vetti, dass es nicht richtig schloss und dass man es mit einem leichten Druck an der richtigen Stelle leicht öffnen konnte. Das war zwar für Rishkan nichts Neues – seiner Erfahrung nach brachte man jede Tür und jedes Fenster auf, wenn man nur fest und lang genug daran rüttelte – aber auf den Gedanken, sich ein Buch mitzunehmen, war er erst durch ihr gekommen.

„Und sie hat wahrscheinlich nicht die leiseste Ahnung, dass ich es all die Jahre gewusst habe", fuhr er vergnügt Priester fort. „Du musst es ihr unbedingt erzählen, wenn sie euch wieder einmal besuchen kommt."

„Das werde ich machen, Meister Lahshagt", versprach Rishkan leise. Es konnte aber dauern, bis Vetti wieder einmal vorbeischaute. Seit fast zwei Jahren hatte sie Shabagaaon verlassen, um sich in der Stadt Bonbat niederzulassen, die irgendwo im Süden lag. Seither war sie nur einmal zu Besuch gekommen und hatte fünf Briefe geschrieben, die Rishkan seinen Eltern hatte vorlesen müssen.

„Aber genug, ich wollte ja eigentlich nicht von verschwundenen und wieder aufgetauchten Bücher, ja nicht von deiner Schwester reden", erinnerte sich der Shumarjünger. „Ich will ja eigentlich nur wissen, was du in deinem späteren Leben machen willst."

Da gab es nicht viele Möglichkeiten, obwohl er schon oft darüber nachgedacht hatte. „Ich werde natürlich am Hof meiner Eltern bleiben."

„Du weißt aber, dass dein Bruder und nicht du den Hof erben wirst", erinnerte ihn Lahshagt sanft.

„Ja, oder meine Schwester."

„Fall sie Anspruch auf das Erbe stellt, was ich aber sehr bezweifle", warf der Priester ein.

Rishkan hatte keine Ahnung was ihm der Priester sagen wollte. Er wusste schon längst, dass Palpian erben würde, er war schließlich älter, und selbst das war nicht sicher, denn sein Onkel schielte auch schon seit langem auf dem Hof und behauptete noch immer, dass eigentlich ihm der Hof gehöre.

„Mittlerweile kenne ich dich schon gut genug um zu wissen, dass du für ein Leben als Bauer nicht so geeignet bist, wie vielleicht deine Eltern wollen. Du bist nicht annähernd so kräftig gebaut wie dein Bruder", fuhr Lahshagt fort.

„Ich kann gut mit den Idaris umgehen", verteidigte sich Rishkan und unterdrückte eine Träne, „und auch mit dem Pferd… Außerdem…"

„Rishkan, beim gerechten Shumar, ich wollte dich doch nicht kränken", unterbrach ihn Lahshagt. „Ich wollte dir nur sagen, dass du ganz andere Stärken und Fähigkeiten hast."

Die Überraschung, dass ihn der Shumarjünger bei seinem Kurznamen angesprochen hatte, ließ den Schmerz von soeben sofort verblassen. Bis jetzt war das noch nie geschehen. Ein Shumarjünger sprach andere immer mit dem vollen Namen an, selbst engste Verwandte und Freunde.

Der Shumarpriester sah aus dem Fenster, aus jenem durch das anscheinend Vetti immer geklettert war. „Weißt du, ich bin jetzt schon fast zwanzig Jahre in Shabagaaon und seit zwölf Jahren versuche ich jede Woche das Unmögliche, euch Kindern das Lesen und Schreiben und die wichtigsten Grundbegriffe der Mathematik beizubringen. Meine Arbeit wird in der Kirche nicht gerne gesehen, das weiß ich, aber dort vergisst man leider zu oft, dass Shumar nicht nur eine strafende Seite hat, sondern uns auch allen ein Vater ist. Und welcher Vater würde wohl wollen, dass seine Kinder dumm bleiben und seine Gesetze nicht richtig verstehen?"

„Keiner", antworte Rishkan leise, obwohl ihm mindestens acht in Shabagaaon einfielen, die ihren Kindern verbaten Lahshagts Unterricht zu besuchen, weil sie Wissen für nutzlos, ja sogar für gefährlich hielten.

„Da hast du Recht", stimmte ihm der Shumarjünger zu, obwohl Rishkan sicher war, dass auch er an diese acht Väter, vielleicht sogar an einige mehr dachte. „Leider haben bis jetzt nur wenige meinen Unterricht zu schätzen gewusst. Deine Schwester war eine von ihnen, aber selbst im Vergleich zu ihr bist du ein wahres Wunderkind, und jetzt spreche ich nicht von deiner Gabe, dass du praktisch nichts, was du hörst und siehst, vergessen kannst. Ich bin mir sicher, du könntest mir die ganze Geschichte vom Sawat Shalitara erzählen, wortwörtlich. Einerseits so, wie so im Buch steht, andererseits auch so, wie sie dein Bruder vorgelesen hat."

Das war nicht schwierig. Rishkan hatte plötzlich wieder das abgegriffene Buch vor sich, roch die Tintenschwärze und konnte natürlich die Schrift auf dem brüchigen Papier lesen. Er müsste den Text nur ablesen. Und gleichzeitig konnte er Palipans Gestammel hören.

„Wusste ich doch", bemerkte der Shumarjünger amüsiert, „muss aber nicht unbedingt etwas damit zu tun haben, dass du besonders intelligent wärst. Dafür sprechen aber deine Zwischenfragen und das, was dir auffällt und die anderen nicht einmal dann bemerken, wenn man sie darauf hinweist. Du hast ja keine Ahnung, wie deine Fragen zum Beispiel im Rechnen deine Mitschüler durcheinander bringen, manchmal sogar mich."

„Das will ich nicht."

„Willst du nicht fragen oder uns nicht durcheinander bringen?" wollte Lahshagt augenzwinkernd wissen. „Wenn nämlich nur letzteres der Fall ist, dann hab ich eine Lösung für dich, deine leidenden Mitschüler und sogar für meine Wenigkeit gefunden."

Jetzt verstand Rishkan überhaupt nichts mehr. Das Gespräch drehte sich zunehmend in eine Richtung, bei der er immer mehr den Überblick verlor.

„Ich hab mir nämlich überlegt, dich in die Stadt, an eine richtige Schule zu schicken."

Rishkan wollte seinen Ohren nicht trauen. Vetti hatte bei ihrem Besuch von solchen Schulen berichtet, die anscheinen zumindest in Bonbat sehr zahlreich sein sollten. Seither war es ein geheimer Traum von ihm gewesen, einmal eine solche Schule nur zu sehen, vielleicht sogar von innen. Aber von mehr zu träumen wagte er nicht, denn solche Schulen waren teuer, für seine Eltern trotz des kleinen Hofs praktisch unbezahlbar. Sein größtes Ziel – sein größtes ihm bis jetzt realistisch erscheinende Ziel – blieb daher vielleicht eines Tages von der Heilerin Naghavandi als Lehrling aufgenommen zu werden und weil ihm die Heilerin in den letzten Wochen immer öfter erlaubte, ihr zur Hand zu gehen, hatte er schon zu hoffen gewagt. Doch eine richtige Schule…

„Natürlich nur wenn du willst", beschwichtigte Lahshagt, der sein Schweigen wohl falsch deutete. „Ich will dir nichts vormachen, Junge. Es kann sein, dass du weit weg von Shabagaaon kommst und deine Familie nur noch selten siehst. Außerdem wird es eine Aufnahmeprüfung geben, für die wir beide noch ordentlich arbeiten müssen. Das was dort gefragt wird, kann ich euch einmal pro Woche unmöglich beibringen. Doch du hast auch die Aussicht auf ein Leben, das vielleicht besser zu dir passt."

„Aber das können wir uns nicht leisten", entgegnete Rishkan.

Lahshagt lächelte. „Um das Geld brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich hab da einen guten Freund in Uthrasimg, der mir noch einen Gefallen schuldig ist. Er kann dafür sorgen, dass du ein Stipendium bekommst, vorausgesetzt, dass du die Aufnahmeprüfung bestehst und auch danach anständige Ergebnisse, aber da mache ich mir bei dir keine Sorgen. Ein Brief genügt, und bis wir die Antwort bekommen, haben wir genug Zeit, dich auf diesen Aufnahmetest vorzubereiten."

Rishkan nickte eifrig. „Was soll ich denn alles dafür lernen?"

„Ganz langsam! Überlege dir genau, ob es wirklich das ist, was du willst! Schlafe eine Nacht darüber und rede vor allem noch mit deinen Eltern! Ich werde in der Zwischenzeit nachsehen, ob ich noch irgendwelche anderen Bücher, die uns ein wenig helfen können. Geschichten über den Sawat Shalitara werden sicherlich nicht gefragt werden. Und jetzt geh schon zurück zu deinem Bruder und baut eure dummen Drachen fertig! Das Imuva-Fest beginnt ja schon in drei Tagen."

- - - - -

Natürlich wartete Palipan vor der Tür auf ihn – etwas anderes hatte er nicht von ihm erwartet – wie ein treuer Hund, der genau das tat, was man von ihm verlangte. Meistens ignorierte Rishkan diese Anhänglichkeit seines Bruders, nicht selten ging sie ihm sogar auf die Nerven, aber manchmal – wenn auch nicht besonders oft – war er einfach nur dankbar dafür, dass er Palipan hatte. Das lag weniger daran, dass sein Bruder schon alleine mit seiner Anwesenheit verhinderte, dass sich die anderen Kinder mit ihm prügelten, sondern an dem Wissen über ein unheimliches schwarzes Loch tief in ihm, das Palipuran voll und ganz auszufüllen schien. Denn trotz seiner großen Neugier wollte Rishkan nicht wissen, was in diesem schwarzen Loch auf ihn lauerte. Schon allein beim Gedanken daran stellten sich ihm seine Nackenhaare auf. Die Vorstellung sich vielleicht bald von seinem Bruder trennen zu müssen – wenn natürlich nicht für immer – verpasste daher seiner anfänglichen Begeisterung einen kleinen Dämpfer. Er schwor sich den Rat des Shumarjüngers zu Herzen zu nehmen und erst gründlich nachzudenken, bevor er jemand anderem von Lahshagts Vorschlag erzählte.

.„Der alte Lahshagt wird auch immer wunderlicher", begrüßte ihn Palipan brummend, als Rishkan durch die Tür treten. „Vetti hat erzählt, dass es nur in Städten richtige Schulen gibt. Nur in der Stadt braucht man so etwas wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Was wollte er überhaupt von dir?"

„Er hat mit mir über den Unterricht gesprochen", log Rishkan, obwohl das eigentlich keine richtige Lüge war. Über den Unterricht hatte schließlich der Shumarjünger tatsächlich mit ihm geredet, wenn auch nicht nur.

Palpipan runzelte die Stirn. „Warum denn das?"

Er zuckte mit den Schultern. „Er wollte wissen, ob mir der die Geschichte von Sawat Shalitara gefallen hat."

Palipurans Augen wurden groß. „Warum denn das?"

„Ich hab keine Ahnung. Schauen wir, dass unsere Drachen fertig werden."

Sein Bruder mustere ihn kurz und zuckte dann mit den Schultern. „Mein Drache, deiner schaut einem Drachen nicht einmal ähnlich."

Rishkan grinste Palipan an und schubste ihn. „Dafür kann meiner fliegen, als einziger von ganz Shabagaaon."

Er lief davon und Palipuran hetzte ihm hinterher. Rishkan mochte vielleicht schwächer als sein Bruder sein, doch dafür war er auch deutlich schneller. Zielstrebig liefen sie zum Hundsgraben, wo um diese Zeit Holz gelagert wurde und wo sein Bruder und er ihre Drachen zusammenbauten.

Palipans Drache bestand aus einem langen Baumstamm mit vier kräftigen Ästen als Beinen, in dessen vorderen Teil ein Gesicht geschnitzt war, das wohl grimmig aussehen sollte, Rishkan aber eher an einen dösenden Hund erinnerte. Auch der lange Schwanz aus Holzperlen, den Palipan noch an dem Drachen befestigen musste, änderte nichts an dem hündischen Eindruck, ließ das künstliche Ungeheuer aber dafür fast ein wenig lächerlich erscheinen. Palipan schien dies egal zu sein. Seiner Meinung nach könnte ein Drache so aussehen, denn es gab niemanden in Shajrabatan, der mit eigenen Augen einen Drachen gesehen hatte.

Rishkans Drache sah hingegen ganz anders aus, so wie immer. Nach dem laufenden Drachen im letzten Jahr, der zwar mit einer Länge von einem halben Schritt der kleinste von allen Drachen gewesen war, der aber, wenn man ihn leicht anstieß, selbständig einige Schritte laufen konnte, war dieses Jahr sein großes Ziel ein Drache, der fliegen konnte. Er hatte mehrere Monate über das Problem nachgedacht, hatte Vögel, Fledermäuse aber auch Insekten beim Fliegen beobacht und dann versucht seinem Drache so etwas wie brauchbare Flügel zu verpassen. Zuerst hatte er versucht, Federn an einen schlanken Stab zu leimen, ohne den geringsten Erfolg, bis er bemerkt hatte, dass die Flügel von Drachen in allen Abbildungen, die er kannte, eher denen von Fledermäusen glichen. Aus leichten Hölzern und aus hauchdünnem Pergament, dass er einem Händler beim monatlichen Markt gestohlen hatte, hatte er schließlich dem Drachen starre Flügel gebastelt und – damit der Drache auch bei leichterem Wind abheben konnte – schließlich den Drachen weggelassen und nur noch die Flügel übrig behalten. Auf dem Boden glich sein Drache daher trotz der bunten Bemalung eher eine Fledermaus ohne Maus, aber wenn er erst im Wind tanzte, wäre sein Drache mehr als die reinen Holzkonstruktionen am Boden. Sein Drache würde tatsächlich leben.

„Deine Drachen werden auch mit jedem Jahr kleiner und hässlicher", hörte er eine schnarrende Stimme hinter sich. Rishkan musste sich nicht umdrehen um zu wissen, dass es sein Vetter Jasumchandan war. Er wusste schon lange, dass sein Onkel seinen Vater hasste – was an dem Hof lag – und der Hass war auch irgendwie auf seinen Sohn übergesprungen. Trotzdem fürchtete sich Rishkan nicht vor ihm, denn Jasan hatte panische Angst vor Palipans Fäusten.

„Dafür wird auch meiner beim Imuva-Fest fliegen können und deiner nicht", antworte er ihm ruhig und befestigte mit einem geschickten Knoten den Wollfaden. Er hoffte sehr, dass der Wind zum Imuva-Fest nicht zu wild gehen würde, denn er fürchtete, dass der Faden reißen könnte. Doch einen dickeren wagte er nicht zu nehmen, um den Drachen nicht noch schwerer zu machen als er ohnehin schon war.

„Du lügst doch", schnappte Jasan. „Genauso wie dein Vater. Er hat uns den Hof weggenommen, der uns gehört. Und eines Tages werdet ihr dafür bezahlen."

Rishkan ignorierte die Worte seines Vetters, sie gehörten praktisch zu Jasan und Rishkan vermutete schon lagen, dass sein Onkel Jasan immer wieder einschärft, diesen Satz bei möglichst jeder Gelegenheit von sich zu geben. Palipan stand jetzt direkt zwischen ihm und Jasan, daher drohte ihm praktisch keine Gefahr.

„Wenn er fliegen kann", probierte Jasan weiter, „dann beweis es doch!"

„In drei Tagen", gab Rishkan zurück, „dann wird er fliegen, wie ein richtiger Drache."

„Nicht in drei Tagen, sondern jetzt. Du hast ja gestern gesagt, dass er eigentlich schon fertig ist, oder war das auch eine Lüge?"

Erst jetzt richtete Rishkan seinen Blick auf Jasan. Sein Vetter stand ihm grinsend gegenüber. Er hatte keine braunen Haare wie die meisten Maiavands, sondern dunkelblonde und glich damit mehr Jasans Mutter, der zerbrechlichsten Frau, die er jemals in seinem Leben gesehen hatte. Und auch sonst war Jasan eher schmächtig und zierlich gebaut, fast genauso wie Rishkan. Gemocht hatten sich beide nie, obwohl Rishkan mehrmals versucht hatte Frieden mit ihm zu schließen. Und auch jetzt wollte er das noch, denn vielleicht konnte sie beide für längere Zeit nicht mehr miteinander streiten. Also seufzte er. „Na gut, dann zeig ich es dir eben." Er sah sich um. „Aber nicht hier, da stehen eindeutig zu viele Bäume."

„Dann vielleicht auf dem Dorfplatz? Da ist nur diese eine Eiche?", schlug Palipan vor.

Ja, der Dorfplatz war gut. Vielleicht würde sogar Shajrabatan seinen Drachen fliegen sehen, als einer der ersten.

Rishkan hob den Drachen auf und sah ihn prüfend an. „Also dann zum Dorfplatz!"

Bald waren sie nicht mehr alleine, denn andere, vor allem kleinere Kinder wurden neugierig, als sie die drei Jungen mit dem sonderbaren Drachen durchs halbe Dorf laufen sahen und folgten ihnen mit deutlichem Abstand. Rishkan versuchte sie zu ignorieren.

Auf dem Dorfplatz nahm er dann seinen Drachen in die eine Hand und die Spindel mit der Schnur, an der der Drache hing, in die andere. Auf alle Fälle ging der Wind, wenn auch etwas stärker als ihm eigentlich lieb war. Trotzdem begann er unter den neugierigen Blicken der Kinder und auch einiger Bauern so lange am Platz herumzulaufen und dabei den Drachen hinter sich her zu ziehen, bis ihn der Wind langsam erfasst und in den Himmel trug.

„Du bist wahnsinnig", hauchte Jasan neben ihm. „Das gibt es doch nicht! Wie hast du das denn gemacht."

Rishkan wollte triumphierend grinsen, doch der Wind wurde gerade etwas wilder und er hielt es nun für besser, den Drachen wieder einzuholen.

Und da riss der Faden. Rishkan schrie erschrocken auf und beobachtete entsetzt, wie der Drache immer weiter in den Himmel stieg, bis er sich in den oberen Ästen der alten Eiche verfing.

„Das schaffst du nie, und Palipan auch nicht", bemerkte Jasan, nachdem sie alle drei eine Zeit lang in den Baum gestarrt hatte.

Rishkan warf einen unsicheren Blick auf seinen Bruder, der mit hochrotem Kopf auf den mächtigen Baum starrte. Wenn er wollte, würde Palipuran für ihn auf den Baum klettern, obwohl er schreckliche Höhenangst hatte. Aber die Äste dort oben waren viel zu schwach für sein Gewicht. Doch er selbst könnte es vielleicht schaffen. Er war dünn und viel zu leicht für sein Alter. Außerdem wollte er vor Jasan sein Gesicht nicht verlieren.

„Der Drache hat eh nicht ausgeschaut wie ein richtiger Drache", versuchte ihn Palipan zu trösten. „Dafür hat er fliegen können. Wir könnten sicherlich bis zum Fest noch einen neuen bauen, oder vielleicht fällt er von selbst herunter."

„Vielleicht aber auch nicht, deshalb hole ich ihn auch wieder runter", schnappte Rishkan und schlüpfte aus seinen Strohschuhen.

„Willst du wirklich da rauf?" wollte Jasan ungläubig wissen.

„Nein, aber ich will meinen Drachen wieder haben und daher muss ich rauf." Rishkan ergriff den bodennahsten Ast und zog sich mühsam hoch. Keuchend richtete er sich mit Hilfe des nächsten Astes auf und blickte zu den anderen hinunter.

„Seht mal her, Rishkan will sich den Hals brechen!", rief Jasan.

Rishkan hörte nicht weiter auf ihn, sondern konzentrierte sich auf den nächsten Ast. Fast mechanisch ergriffe er ihn und zog sich weiter, Zoll für Zoll, Arm für Arm. Und dann den nächsten. Irgendwann vergaß er, was um ihn herum geschah, obwohl unten die Kinder schrien und ihn anfeuerten, obwohl ein verärgertes Blutschwänzchen ihn einige Zeit lang panisch attackierte, weil er dem Nest zu nahe kam, und obwohl seine Hände von den zahlreichen blutenden Kratzern höllisch brannten und seine Nägel abbrachen. Er konnte nur noch den Drachen im Baum erkennen – und an den nächsten Ast. Eine viertel Stunden später kam er endlich in Reichweiter des Drachen und hier waren die Äste so dünn, dass sie sogar unter seinem Gewicht protestierend knarrten. Doch solange keiner brach, war ihm das herzlich egal. Vorsichtig griff er nach seinen Drachen und drückten ihn triumphierend an sich. Erst jetzt bemerkte er, dass seine Arme von der ungewohnten Anstrengung heftig zitterten und er in Schweiß gebadet war. Mit dem Drachen im Arm würde er es niemals hinunter schaffen, aber der Drache konnte segeln und würde beim Fallen wohl keinen Schaden davon tragen.

„Ich hab es geschafft!", rief er dem gaffenden Auflauf am Boden zu und bemerkte erst jetzt, dass dort unten nicht nur Kinder standen. Der Mann in der roten Kutte konnte niemand anderer als ein Shumarjünger sein und es gab nur einen hier. Stolz winkte er ihnen zu und wollte Palipan den Drachen zuwerfen, als der Ast, an dem er sich mit seiner zweiten Hand festhielt, ein weiteres Knarren von sich gab. Es klang irgendwie anders, als ob im Baum etwas zerreißen würde, bemerkte er überrascht, als der Ast auch schon brach.

Rishkan ruderte mit den Armen, ließ den Drachen los und fiel selbst.

Plötzlich lief alles ganz langsam vor ihm ab, als er zum Boden stürzte und dabei zahlreiche Blätter und Zweige mit sich riss. Er wusste, dass er sterben würde, wenn er auf den Boden aufschlug, der fast zwanzig Meter unter ihm lag. Er wusste auch, dass man einen solchen Sturz nur einmal erleben konnte, und doch war ihm das Gefühl des Fallens, eines Fallens aus großer Höhe, nicht fremd. Der Gedanke an eiskaltes Wasser, an einen schäumenden Fluss, als ob er kochen würde, vermischte sich mit dem Gefühl des Fallen, des Gleitens, des Fliegens. Rishkan war verwirrt, er konnte sich an keinen solchen Fluss erinnern. Die Erinnerung musste aus dem schwarzen Loch kommen. Sein Geist suchte tiefer und erreicht das dunkle Loch in sich – ein großer Brunnen, wie er plötzlich erkannte, nur keiner mit Wasser. Rishkan griff in den Brunnen, der ihm nun gar nicht mehr so dunkel erschien, sondern bunt und in schillernden Farben, und dann schöpfte er daraus.

Er wurde zu einer Feder, einem fallen Blatt im Wind.

Dann schlug er auf den Boden.

- - - - -

Shajrabatan hatte genau gesehen, was soeben geschehen war, und noch immer konnte und wollte er es nicht glauben. Er wusste nicht, ob ihn Überraschung oder Entsetzen lähmte, vielleicht beides. Doch als er sich wieder etwas beruhigt hatte, schob er energisch die gaffenden Kinder beiseite und kniete vor dem regungslosen Körper nieder.

„Er ist doch nicht…?" stammelte der kleine Palipan und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht.

„Nein, nein, keine Sorge, ihm geht es gut", beruhigte ihn Shajabatan und hoffte, dass er damit Recht hatte. Doch dann konnte er zu seiner Erleichterung erkennen, dass sich Rishkans Brust hektisch, aber trotzdem eindeutig hob und senkte. Natürlich war er am Leben. Jeder andere wäre bei einem Sturz aus dieser Höhe gestorben, aber nicht dann, wenn man so langsam zu Boden stürzte wie der kleine Junge. So langsam fiel gerade einmal eine Feder – oder aber jemand, der Magie anwandte.

In diesem Augenblick schlug Rishkan die Augen auf und blickte ihn verwirrt an.

„Hast du Schmerzen?"

Rishkan schüttelte seinen Kopf und setzte sich auf, bevor Shajrabatan ihn davon abhalten konnte.

„Was hast du da oben auf dem Baum zu suchen?" schimpfte der Priester. „Du hättest tot sein können."

„Ich wollte nur…"

„Ja, ja, ich weiß, den dummen Drachen herunterholen. Anscheinend ist dir ein Spielzeug wichtiger als dein eigenes Leben. Gerade dich habe ich für klüger gehalten. Du kannst von Glück sagen, dass du dir bei dem Sturz nicht alle Knochen gebrochen hast."

„Der Wind hat mich erfass. Mir ist nichts passiert."

Shajrabatan starrte Rishkan an. Er sagte die Wahrheit, das konnte er sehen, zumindest glaubte er, die Wahrheit zu sagen. Woher sollte ein Kind auch wissen, was soeben geschehen war, was es getan hatte.

„Dann darf ich wahrscheinlich nicht in die Stadt, um…" Die Stimme des Jungen brach ab, und der Priester konnte seine Enttäuschung fast körperlich spüren. Sharjabatan hätte es sich nun leicht machen können und Rishkan trotz allem in irgendeine Schule schicken können. Er wäre ein begnadeter Schüler gewesen, egal wo, und sehr wahrscheinlich wäre sein magischer Fluch – oder Gabe – nie wieder so deutlich ausgebrochen. Doch Sharjabatan hatte auch gehört, dass magisch begabte Personen irgendwann seelisch zu leiden begannen, wenn sie nicht entsprechend ausgebildet wurden. Und es waren weniger richtige Magier, die für Chaos sorgten, sondern solche Dilettanten. Shajrabatan mochte Rishkan einfach zu sehr, um ihn unglücklich zu machen oder gar zu einem Verbrecher werden zu lassen.

„Nun, wegen einer Dummheit, werde ich nicht gleich mein Angebot zurücknehmen", knurrte Shajrabatan. „Aber wenn wieder so etwas vorkommt, werde ich mir die Sache noch einmal überlegen müssen." Er stand auf und klopfte sich den Staub von seiner Kutte. „Und ihr", rief er den gaffenden Kindern zu, „ab nach Hause, oder ihr werdet nächste Woche eine Stunde länger bleiben müssen!"

Die Kinder starrten ihn noch einen Augenblick herausfordern an, doch dann siegte der Respekt vor seinem Amt über ihre Neugier und sie zerstreuten sich widerwillig. Nur Palipan blieb wie selbstverständlich da, und Shajrabatan hätte sich sehr gewundert, wenn er sich von seinem kleinen Bruder getrennt hätte.

„Kannst du aufstehen?" wollte der Priester besorgt wissen.

Rishkan nickte bestätigend, wäre aber bei seinem Versuch auf die Beine zu kommen beinahe wieder umgefallen, wenn ihn Shajrabatan und Palipan nicht rechtzeitig gestützt hätten. „Keine Sorge, dein Bruder ist nur ein wenig vom Klettern erschöpft", versuchte er den besorgten Palipan zu beruhigen. ‚Und von dem Zauber, mit dem er sich gerettet hat', fügte er im Gedanken dazu. „Und jetzt gehen wir gleich zu euren Eltern. Ich weiß schon ganz genau, welche Schule für dich die beste ist."

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„Und, was sagen sie?" wollte Rishkan wissen.

„Ich weiß nicht", stammelte Palipan. „Sie sagen, sie wollen dich nach Angarbat in eine Schule schicken."

„Aber da gibt es doch nur die Zauberschule", stellte Rishkan irritiert fest.

„Lahshagt sagt, das ist das Beste, weil sie so nah ist."

„Und kannst du auch hören, auf welche Schule?"

Palipan presste sein Ohr noch fester an die Holztür und biss sich auf die Lippen, ein Zeichen, das er angestrengt hörte. Schließlich schüttelte er den Kopf. „Kein Wort mehr. Ich glaube, die haben die Tür zum Gang zu gemacht."

Rishkan seufzte. Am liebsten hätte er selbst gelauscht, doch seit ihm sein Vater für seine Kletterpartie zwei saftige Ohrfeigen gegeben hatte, dröhnte sein Kopf so sehr, dass es ihm schon Mühe bereitete Palipan zuzuhören.

„Aber es gibt nur die Zauberschule in Angarbat", protestierte er und legte sein Kinn auf die Knie. „Sie können mich ja doch nicht in eine Zauberschule schicken!"

„Warum nicht?" wollte Palipan wissen und setzte sich zu ihm.

„Weil… weil man eine magische Begabung haben muss, um Zaubern lernen zu können."

„Und wie weiß man das?"

Darauf wusste Rishkan auch keine Antwort. Er schlang nur die Arme um seine Beine, beobachtete den taumelnden Flug einer altersschwachen Eintagsfliege und dachte daran, was er alles machen könnte, wenn er Zauberer wäre. Er könnte viele alte und interessante Bücher lesen, sicherlich über interessante Zauber, er könnte einen roten Ball in eine weiße Taube verwandeln, wie der Zauberer beim Markttag vor einem Jahr und die anderen Kinder würden ihn dann auch in Ruhe lassen, auch wenn Palipan nicht dabei war. Schließlich könnte er sie als Magier in Kröten verwandeln.

„Wie weiß man, dass man Magie lernen kann?" bohrte Palipan weiter.

„Ich weiß nicht, da müssen schon komische Sachen um einen herum geschehen." Wie etwa vom Wipfel einer uralten Eiche fallen und ganz langsam zu Bodens schweben. Nein, das war unmöglich! Er war nicht langsam zu Boden geschwebt. Seiner Meinung nach war er schnell genug gefallen. Doch da war noch dieser Brunnen, aus dem er geschöpft hatte, und dann war er leichter geworden. Und er war unverletzt geblieben.

„Ich glaube, die Tür geht wieder auf!" rief Palipan, laut genug, dass es sicherlich im Gang zu hören war.

Wenige Augenblicke später öffnete sein Vater die Tür. Rishkan erschauderte und senkte nervös den Blick. Sein Vater war nicht mehr so zornig wie noch vor einer halben Stunde, als er ihm seinen Kletterausflug beichten musste, doch nun hatte etwas anderes diesen Zorn ersetzt – Angst und Unsicherheit.

„Komm mit!" brummt er nur und Rishkan folgte ihm besorgt.

„Du bleibst hier!" knurrte sein Vater, als Palipan ihm wie selbstverständlich folgen wollte, und der endgültige Ton in seiner Stimme beunruhigte Rishkan noch mehr.

Unter schwachen Protesten ließen sie Palipan zurück und gingen in die Wohnstube. Rishkan drehte sich überrascht um, als sein Vater entgegen seiner Gewohnheit die Tür sorgfältig verschloss, sogar noch einen besorgten Blick aus dem Fenster wagte, als ob sie jemand belauschen würde, und dann auf einen freien Stuhl deutete.

Rishkan blickte fragend in die Runde. Der Priester saß mit ernster Miene vor einem Tee, der schon längst kalt sein musste, und die Augen seiner Mutter waren gerötet, als ob sie geweint hatte. Es sah fast so aus, als ob er einen Mord begannen hätte, und Shajrabatan san Lahshagt dies seinen Eltern gerade erzählt hatte.

„Setzt dich, Rishkan!" forderte ihn Lahshagt auf.

Rishkan gehorchte nun endlich, doch mit einem unangenehmen Gefühl im Bauch.

„Ich habe deinen Eltern gerade davon erzählt, dass ich dich in eine Schule schicken will", fuhr der Priester fort. „Du bist einfach zu klug, um hier als einfacher Bauer weiter zu leben. Das hab ich dir bereits gesagt."

Rishkan nickte. Aber das war doch kein Grund für den Schmerz und das Entsetzen seiner Eltern. Sein Vater hatte ein paar Mal davon gesprochen, dass er ihn gerne an eine Schule schicken würde, doch das Geld dafür fehle ihnen. Nun war dieses Geld nicht mehr von Nöten. Warum dann die Trauer?

„Ich war mir nur nicht sicher, was für dich das Beste wäre", setzte Lahshagt fort. „Medizin wäre eine Sache. Die gute Naghavandi hat davon erzählt, dass du dich geschickt anstellst und ihr oft zur Hand gehst."

Rishkan spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Seine Eltern hatten ihm mehrere Male verboten, zu der rotäugigen Frau zu gehen.

„Doch heute hast du selbst gezeigt, wo du hingehörst."

Seine Mutter schluchzte und wischte sich eine Träne aus den Augen, sein Vater starrte ihn mit unverhohlenem Zorn an.

„Ich verstehe nicht ganz, Herr."

Lahshagt Gesicht wurde eine Spur ernster. „Heute, auf dem Baum. Was ist da geschehen?"

„Ich bin raufgeklettert, um den Drachen runter zu holen, und dann ist der Ast abgebrochen."

„Findest du es nicht seltsam, dass dir bei dem Sturz nichts geschehen ist?"

Rishkan schwieg und senkte den Blick. Mit seinem Bruder hätte er leicht über Magie und Zauberei reden können. Aber Lahshagt war ein Priester des Shumars und diese hielten Magier und Zauberer für böse, die meisten zumindest. Außerdem musste es eine normale Erklärung geben.

„Ich werde dich auf die Magierschule in Angarbat schicken", fuhr der Priester fort, ohne auf eine Antwort zu warten, „wenn es dir und deinen Eltern recht ist." Lahshagt warf bei diesen Worten einen scharfen Blick auf seine Eltern, woraufhin seine Mutter erneut zu weinen anfing.

„Magie ist eine schlimme Sache", setzte Lahshagt ernst fort. „Doch Magier müssen nicht zwangsläufig schlecht sein. Im Gegenteil, es gibt genug Magier, die sehr viel Gutes bewirkt haben. Ich glaube, dass ich dich mittlerweile gut genug kenne, um zu wissen, dass du einer jener Magier werden wirst."

Sein ernster Blick wurde plötzlich weich und mild und Rishkan spürte, dass der alte Priester in ihm so etwas wie einen Sohn sah, noch mehr als seine eigentlichen Eltern. Er wollte nur das Beste für ihn, obwohl es gegen seinen Glauben ging.

„Deine Eltern haben mir bereits gesagt, dass sie diese Entscheidung dir überlassen werden, so schwer es ihnen auch fällt", fuhr Lahshagt fort. „Es ist dein Leben. Du kannst natürlich so lange darüber nachdenken wie du willst."

„Das muss ich nicht", sprach Rishkan ruhig. „Wenn Ihr sagt, dass es das Beste für mich ist, werde ich es natürlich tun."

„Ich weiß nicht, ob es das Beste ist. Ich kann nur hoffen, dass ich keinen schwerwiegenden Fehler mache", warf der Priester ein. „Aber wenn es dein Wunsch ist, wird ich dich mit nach Angarbat zum Einschreiben nehmen, wenn ich die notwendige Zusage von meinem Freund bekommen habe. Und bis dahin werde ich dein Allgemeinwissen ein wenig aufpolieren."

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TPC

Glossar

Personen
Barjasan: ein Junge in Rishkans Alter
Lahshagt, Shajrabatan san: Shumarjünger in
Maiavand, Artharan: Rishkans Vater
Maiavand, Dashmakari: Rishkans Mutter
Maiavand, Jasumchandan (Jasan): Rishkans Vetter
Maiavand, Palipuran (Palipan): Rishkans Bruder
Maiavand, Rishkdvaidan (Rishkan): Findelkind, von den Maiavand aufgenommen
Maivand, Vattayani (Vetti): Rishkans Schwester
Naghavandi: Dorfheilerin in Shabagaaon, Albino

Geographische
Angarbat: kleinere Stadt in Lakshan
Lakshan: Land in Nordmeseleth
Shabagaaon: Dorf in Lakshan; in der Nähe von Angarbat

Sonstige Begriffe
Baumfuchs: als schlau geltende Fuchsart; gute Kletterer; Männchen mit roten Kinnbart
Imuva-Fest: Volksfest, bei dem Drachen gebaut und vorgeführt werden; angeblich wurde einst ein richtiger Drache durch die künstlichen Drachen vertrieben