Rishkan ist der Hauptcharakter meines anderen Fantasygeschreibsels „Tanz der Heuschrecken", ein sehr intelligenter und talentierte Magier, der Probleme mit der örtlichen Priesterschaft (wegen einer Prophezeiung) und Magiern (schlicht und einfach Neid und Angst) hat. Als er jünger war, arbeitete er als ein Heiler, und das ist eine Geschichte aus jener Zeit – obwohl sie sich eigentlich nie so zugetragen hat. ;-)
Ich bin sehr dankbar für Verbesserungsvorschläge, Kommentare oder auch ganz einfach dafür, dass irgendjemand diese Geschichte liest. Und sie ist auch gar nicht lang, versprochen. Also – bittebittebitte – ein kleines Review.

Der silberne Heiler und die dicke Amiri

Einst galt die Amiri Orpadhari als die schönste Frau von ganz Uttrasimg und ihre unvergleichliche Schönheit wurde im ganzen Land und noch weit darüber hinaus in Gedichten beschrieben und in Liedern besungen. Ihre Augen waren so grün wie die unergründlichen Wälder von Mur, ihr wallendes Haar ließ die prächtigsten Kornfelder rund um Uttrasimg vor Neid erblassen und ihre Gestalt war so lieblich, dass sie mehr einem himmlischen Wesen glich, dass sich nur ganz zufällig auf der Erde verirrt hatte, als einer Person aus Fleisch und Blut.
Die Jahre vergingen und die Amiri, die wohl eine der reichsten von ganz Lakshan war, lernte die höfische Küche zu lieben, Gänse- und Schwanenbraten, Forellen mit Mandelkruste, Neunaugenpastete, mit Dattel gefüllte Pfaue, Cremetorten in allen Variationen und noch viel mehr Speisen, die sich niemand außer die Amire und Raashas vorstellen konnten. Schon nach wenigen Jahren war von dem einstigen himmlischen Wesen nicht mehr viel übrig. Orpadhari glich nun eher einem großen Ball mit grünen Augen und blondem Haar, der mehr rollen als gehen konnte. Da traf sie eines Tages einen wunderschönen Amir, verliebte sich in ihn und wollte ihn heiraten. Doch der stolze Amir wollte nichts mit ihr zu tun haben, denn sie war ihm viel zu dick.
Da rief die Amiri jeden Arzt zu sich auf den Hof, doch keiner dieser gelehrten Mediziner konnte sie von ihrer Beleibtheit heilen. Da erzählte ihr eines Tages ihre Kammerzofe von einem seltsamen Heiler in der kleinen Stadt Angarbat, der einst ihre blinde Großmutter nur mit einer einzigen Nadel wieder sehend gemacht hatte. „Sie kann zwar kaum ihre Hand vor den Augen erkennen", erzählte sie ihr, „aber sie kann sehen."
„Das ist genau der Mann, den ich brauche", stellte die Amiri fest. „Dieser Heiler aus Angarbat soll so schnell wie möglich zu mir kommen."
„Das könnte aber gefährlich werden", warfen ihre Berater ein. „Man erzählt sich, dass dieser Heiler eigentlich ein böser Zauberer sei. Sogar die Magier von Bonbat wollen mit ihm nichts zu tun haben. Er könnte Euer Leiden womöglich noch schlimmer machen."
„Seht mich an!" rief Orpadhari verzweifelt aus. „Sehr viel schlimmer kann es nicht mehr werden. Er ist meine letzte Hoffnung auf Heilung."

So kam es, dass am nächsten Tag die Leibgarde der Amiri am Tor des nicht lizenzierten Magier Rishkdvaidan Maiavand klopften, als dieser gerade das gebrochene Bein eines Bauern schiente. Rishkan spürte bei dem ungeduldigen Donnern an der Tür seinen Ärger wachsen – er hasste es bei seiner Arbeit unterbrochen zu werden – und öffnete das Tor. Sofort schluckte er eine bissige Bemerkung hinunter, als er die Soldaten in ihren strahlenden Uniformen erblickte. Er hatte keine Ahnung, welches Verbrechen er begangen haben sollte, und einen anderen Grund, warum gerade vor seinem Haus Soldaten standen, konnte er sich nicht vorstellen.
„Seid ihr der berühmte Heiler Rishkdvaidan Maiavand", frage ihn der Kommandant, finster dreinblickender älterer Herr mit buschigem Schnauzbart.
Rishkan konnte nur mit dem Kopf nicken, denn er brachte keinen Ton heraus. Doch irgendwie fragte er sich, warum und seit wann er eigentlich berühmt war.
„Die Amiri Orpadhari wünscht Euch zu sehen", fuhr der Soldat fort. „Ihr sollt mit uns kommen."
„Natürlich", antwortete Rishkan, dessen Angst bei diesen Worten sofort verflog. „Ich muss nur noch dieses Bein fertig schienen."
„Ihr müsst sofort mit uns kommen", erklärte der Kommandant mir einer Spur von Ungeduld in seiner Stimme.
„Dieser Bauer war mit seinem Bruch zuerst hier. Die hohe Dame muss sich eben so lange gedulden, bis ich damit fertig bin." Und mit diesen Worten ging zurück zu dem entsetzten Bauern und fuhr seelenruhig fort, dessen Bein zu verarzten.
Der Kommandant war durch die respektlosen Worte des Heilers so vor den Kopf gestoßen, dass er gar nicht auf eine andere Idee kam, als geduldig zu warten, bis dieser seltsam Heiler mit seiner Aufgabe fertig war und den Bauern entließ. Zwei Minuten später saß Rishkan, der Magier und Heiler, auf dem Pferd, das ihm die Soldaten mitgebrachten hatten, und machte sich auf den Weg nach Uttrasimg zur Amiri.

Orpadhari wartete in dem riesigen Stuhl in ihrer Empfangshalle. Man hatte ihr soeben mitgeteilt, dass der Heiler endlich eingetroffen sein, und Orpadhari verspürte wieder einen kleinen Hoffnungsschimmer.
Plötzlich öffnete sich das gewaltige Tor der Empfangshalle und die Wachen führten einen dünnen Mann in grauen Roben herein. Er verbarg sein Gesicht im Schatten einer Kapuze und Trug einen silbrig schimmernden Holzstab in der Hand.
„Seid Ihr der berühmte Heiler Rishkdavaidan Maiavand", fragte die Amiri, obwohl sie eigentlich die Antwort bereits kannte.
„Das bin ich", antwortete der Mann und nahm seine Kapuze ab.
Orpadhari starrte auf den hageren Mann, in sein knochiges Gesicht, auf sein silbernes Haar und in seine schrecklichen Augen. Diese Augen schienen aus reinem Silber zu bestehen und – zumindest aus der Entfernung gesehen – keine Pupillen zu haben. Trotzdem spürte sie instinktiv, dass diese Augen sehr wohl sehen konnten, vielleicht sogar mehr als andere Augen.
„Ich hoffe, mein Aussehen macht Euch keine Angst", sagte der Heiler mit sanfter Stimme. „Es ist ein Geschenk von den Magiern aus Bonbat."
„Natürlich nicht", antwortete die Amiri, ein wenig zu schnell um ehrlich zu klingen. Der Heiler bemerkte es und lächelte wissend.
„Weswegen habt Ihr mich gerufen", erkundigte er sich.
„Man hat mir erzählt, dass Ihr ein sehr erfolgreicher Heiler seid, der sogar Blinden das Augenlicht zurückgeben kann", antwortete sie. „Und ich hab Euch gerufen, weil es in ganz Lakshan keinen Arzt gibt, der mich von meinem Leiden erlösen kann."
„Eurem Leiden, Herrin?"
„Könnt Ihr mich nicht sehen? Einst war ich schlank wie ein Schilfrohr. Ich möchte wieder so aussehen wie in diesen Tagen."
Rishkan runzelte seine Stirn und Orpadhari hatte den Eindruck, als ob er plötzlich ganz schnell nachdenken würde. Doch dann schlich sich plötzlich ein Lächeln auf seine Lippen und er sprach. „Das ist eine schwierige Aufgabe. Ich werde die Orakel befragen müssen, um eine passende Therapie zu finde. Ich komme morgen wieder mit einer Antwort."
Daraufhin verließ er die Halle.

Am nächsten Tag kam Rishkan zurück. „Meine Herrin", sagte er mit trauriger Stimme. „Es tut mir so schrecklich Leid!"
„Ihr habt keine Antwort gefunden", vermutete die Amiri enttäuscht.
„Das ist nicht der Grund, für meine unendliche Trauer und mein aufrichtiges Mitleid", antwortete der Heiler. „Ich habe meine Karten befragt, die Vögel im Himmel, die Sterne in der Nacht und noch viele andere, aber sie gaben mir alle die gleiche Antwort." Er ließ seinen Kopf hängen.
„Und was haben sie Euch gesagt", wollte die Amiri wissen.
„Oh, das ist so schrecklich. Ihr sollte es lieber nicht erfahren, das ist viel besser für Euch."
Doch damit war die Neugier der Amiri erst recht entfacht. „Ihr müsst mir antworten! Ich bin eine Amiri und das ist ein Befehl."
Der Magier schien hin und her gerissen zu sein. „Meine Herrin, Ihr werdet mich töten, wenn ich es Euch sage."
„Nein, das werde ich natürlich nicht."
Rishkan seufzte. „Also gut, sie haben mir gesagt – und da gibt es keine Zweifel – dass Ihr in vierzehn Tagen an einer schleichenden Krankheit sterben werdet. Es gibt keine Arznei oder Therapie, die Euch noch helfen kann."
Diese Nachricht traf die Amiri sehr. Am liebsten hätte sie den Heiler dafür töten lassen oder irgendwie anders bestrafen wollen. Doch sie erinnerte sich an ihr Versprechen und schickte ihn fort, allerdings ohne Bezahlung, was diesen aber nicht zu stören schien.

Die nächsten Tage waren die schrecklichsten ihres Lebens. All ihre Gedanken drehten sich nur noch um ihren bevorstehenden Tod, der mit jedem vergangenen Tag in riesigen Schritten näher rückte. Ihre wachsende Verzweiflung trieb sie täglich hinaus, um bei ausgedehnten Spaziergängen ihr Herz zumindest ein wenig zu beruhigen, doch alles ohne den geringsten Erfolg.
Auch ihr Appetit litt unter ihrer Todesangst. Nicht die köstlichste Cremetorte, kein erlesenes Wildbret oder irgendeine andere Speise hatte mehr einen Geschmack und alles, was man ihr servierte, wurden unangerührt zurück in die Küche geschickt, zur Verzweiflung all jener vielen Köche, die dort um ihre Arbeit bangten.
Am vierzehnten Tag wartete die Amiri noch immer auf ihren Tod, doch der kam nicht. Und als sie am fünfzehnten und sechzehnten Tag noch immer am Leben war, schickte sie wieder nach dem Zauberheiler.

Rishkan betrat die Halle mit einem zufriedenen Lächeln auf seinem Gesicht, aber die Amiri war sehr verärgert.
„Ihr habt mir gesagt, dass ich in vierzehn Tagen sterben werde."
„Natürlich, ich kann mich noch sehr gut daran erinnern."
„Aber ich bin noch immer am Leben", kreischte Orpadhari.
„Ihr habt mich gebeten, ein Mittel gegen Eure Fettleibigkeit zu finden", bemerkte der Magier zufrieden. „Und ich schätze, mit meiner Therapie hab ich Erfolg gehabt."
„Ihr sollt erfolgreich gewesen sein?" schrie die Amiri. „Mit welcher Therapie denn? Ihr habt mich ja nur zu Tode erschreckt! Ich konnte nicht schlafen, ich konnte nicht essen und…" Da begriff die Amiri und ihre Augen weiteten sich vor Überraschung. Jetzt konnte sie sich wieder an die Person erinnern, die ihr in den letzten Tagen aus dem Spiegel entgegenblickt hatte. Sie glich immer mehr jener schlanken Frau, die sie einst gewesen war. In ihrer ewigen Angst hatte sie das überhaupt nicht bemerkt. „Ihr seid ein sehr schlauer Heiler. Diese Todesangst war meine Arznei", stammelte sie.
Rishkan schien sehr stolz auf sich zu sein und deutete eine Verneigung an.
„Und vielleicht seid ihr ja auch ein guter Ratgeber", sagte die Amiri. „Was könnt Ihr mir über meine bevorstehende Hochzeit sagten? Ich bin jetzt schlank und der Amir wird mich nun sicherlich heiraten."
„Wollt ihr einen guten Ratschlag von mir oder einfach nur das hören, was ihr hören wollt?"
„Natürlich einen guten Ratschlag", antwortete die Orpadhari verwirrt.
„Dann ist es das Beste, wenn ihr diesen Amir überhaupt nicht heiratet, egal wie er aussehen mag. Er liebt Euch nicht, denn er hat nur Interesse für Euer Äußeres, nicht für Eure Seele."
Die Amiri bemerkte, dass er Recht hatte, dankte ihm für seine Hilfe und seinen Rat, belohnte ihn großzügig und entließ ihn, nicht ohne Bedauern, denn der seltsame Heiler hätte einen guten Hofmedikus abgegeben.

Sie nahm sich seinen Rat zu Herzen und schlug das plötzliche Heiratsangebot des stolzen Amirs ab, sehr zu seinem Ärger, denn Orpadhari war jetzt nicht nur reich sondern sah auch fast wieder so schön aus wie in ihrer Jugend. Orpadhari fand und heiratete einen anderen Amir, der zwar nicht so gut aussehend war wie der ersten, dafür aber um einiges liebenswürdiger. Gemeinsam lebten sie Glücklich bis an ihr Ende.
Rishkan hatte nicht so viel Glück. Er kaufte sich um das Geld zwei Pferde, eines für sich und eines für seinen Bruder Palipuran, einen tapferen Krieger, und beide schlossen sich einem Söldnerheer an, töteten Drachen und besiegten ein Heer der grässlichen Elfen. Zu guter letzt endete er in der Wüstenstadt Ianth'ien, verschluckt von einem zornigen Gott. Aber das ist eine andere Geschichte…

E N D E