Mir ist gerade – oder besser gesagt, vor wenigen Stunden – erst wieder richtig bewusst geworden, dass ein neues Kapitel längst überfällig ist – das letzte Update war Anfang April! – und das, obwohl dieses und auch fast das nächste so gut wie fertig sind. Aber da wartet man auf Korrekturen, denkt irgendwie nicht daran… Na gut, hier ist also das nächste Kapitel. Es spielt einige Jahre nach dem letzten, aber das merkt man (hoffentlich) eh schnell. Leider tut sich in dem Kapitel nicht besonders viel und bis auf zwei kommen auch nicht besonders viele Personen vor. Aber man erfährt einige Brocken aus der ganz frühen Geschichte von Itayan und ich hoffe, die Informationen sind nicht zu langweilig geworden.
Und jetzt ein riesengroßes Dankeschön an meine beiden fleißigen Reviewschreiber Frozen Queen und AngelFilia. Ihr wisst gar nicht, wie motivierend eure Reviews sind. Daher widme ich euch beiden auch dieses Kapitel, oder das nächste (kommt Ende dieser Woche), das dürft ihr euch aussuchen.
Ach ja, die anderen Kapitel sind jetzt überarbeitet, also Tippfehler beseitigt, eine Person, die nicht hierher gehört auf ihren Platz zurückgeschickt und Brotofrimpirs nur Brotofrimpirs sein lassen. Bei einer bis jetzt nur erwähnten Person erkennt man jetzt auch aus dem Namen, dass sie aus Ungarn kommt, aber sonst ist alles gleich geblieben. Außerdem findet sich in der Einleitung jetzt ein Gesamtlexikon zum Nachschaun.

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Von Drachen ohne Schuppen und Vögeln mit drei Gesichtern

Nadarja betrachtete den toten Fisch in ihrer Hand nur ganz kurz, dann steckte sie ihn sich in den Mund und schluckte ihn in einem Stück hinunter. Es war nur ein kleiner Fisch, nicht länger als ein Finger ihrer Hand, aber doch groß genug, um das Rumoren in ihrem Bauch ein wenig zu besänftigen. Trotzdem sah sie sich ein wenig enttäuscht um. Ein weiterer Fisch hätte durchaus noch Platz in ihrem Magen gehabt, oder vielleicht ein paar Beeren, eine schmackhafte Wurzel. Doch die anderen Fische waren alle verschwunden, als sie sich ihr Frühstück gefangen hatte, und die Pflanzen um sie herum trugen nur grüne Blätter und Drachen fraßen keine Blätter, das taten nicht einmal die dummen Tatzelwürmer.

Sie gähnte und sah wieder nach Osten, dort wo vor einer Stunde die Sonne über den Horizont gekrochen war. Nun badete ganz Telraas unter dem warmen Licht des strahlenden Himmelkörpers und tauchte den sonst so sattgrünen Wald in ein Meer aus Gold. Diese Farbe hatte Telraas nur am Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, und sie war wie immer von diesem Anblick ganz gefangen. Manchmal glaubte sie dann, das Meer im Osten erkennen zu können, obwohl dieses viel zu weit entfernt war.

Nadarja lächelte bei diesem Gedanken, so wie es die alten Männer in ihrem Steinbau zuweilen taten. Das Meer hatte sie schon oft gesehen und sie liebte es, genauso wie sie alles liebte, was mit Wasser zu tun hatte. Aber sie liebte auch die Berge und sie liebte auch Onyx.

Der Gedanke an den Feuer-, nein an den Zitterdrachen mit den nachtschwarzen Schuppen, riss sie aus ihren Gedanken. Sie wollte unbedingt zu ihm, bevor er wieder zu seinem Herrn verschwand. Dass Onyx einen Herrn hatte, war überall bekannt. Deshalb mochten ihn ja auch nicht die anderen Drachen, denn ein Drachen war nur sein eigener Herr. Doch Onyx hatte ihr einmal erzählt, dass sein so genannter Herr kein Herr, sondern ein Freund sei, dem er gerne hie und da helfe. Egal was nun jetzt stimmte, Nadarja mochte den alten Zitterdrachen mit seinem verrückten Gesprächen und Selbstgesprächen, und irgendwie hatte auch dieser einen Narren an ihr gefressen.

Sie schlüpfte in dieses sonderbare Fell, das ihr die alten Männer gegeben hatten. Auch die alten Männer trugen solche Felle, eigentlich immer, wenn sie sie traf, und lange hatte Nadarja über den Sinn dieser Felle, die nicht einmal aussahen wie Felle, nachdenken müssen. Inzwischen glaubte sie zu wissen, dass sie ihren Träger schön warm hielten. Seitdem trug sie ihr Fell immer dann, wenn ihr kalt wurde und hier oben in den Bergen konnte es zuweilen sehr kalt werden.

Die Felle waren nicht die einzigen sonderbaren Sachen, die zuweilen die alten Männer traten. So verbrannten sie ihr Essen, was Nadarja ganz schrecklich gefunden hatte, bis sie einen dieser verbrannten Essensbrocken gekostet hatte. Er war warm gewesen und hatte ganz fremd, aber sehr gut geschmeckt. Und sogar das Kauen fiel ihr beim verbrannten Essen viel leichter.

Ihr Magen gab bei dem Gedanken ein sehnsüchtiges Knurren von sich. Es half nichts, sie musste sich noch etwas zum Essen suchen. Geschickt kletterte sie vom Bachufer wieder zurück auf den schmalen, kaum zu erkennenden Pfad, der zu Onyx Höhle führte. Wenn der schwarze Drache zurückgekehrt war, dann hatte er sich ganz sicherlich dorthin verkrochen.

Wie lange sie die kaum noch zu erkennenden Stufen hinauf und hinunter sprang, bemerkte sie nicht, doch die Sonne stand bereit hoch am Himmel, als sie das Geräusch hörte. Nadarja erstarrte und suchte den Weg vor und hinter ihr ab. Irgendwo weit im Osten segelte ein majestätischer Lindwurm, doch der war eine gute Flugstunde entfernt und konnte nicht der Grund für das Scharren gewesen sein.

Da war es wieder, direkt auf dem großen Felsvorsprung über ihr. Nadarja duckte sich und kletterte vorsichtig an der Seite hoch, lugte über den Felsen und wäre vor Schrecken fast wieder hinuntergefallen. Direkt vor ihr pendelte ein Schwanz hin und her, der an den einer großen Katze erinnert. Allerdings waren die Schwänze der Katzen, die Nadarja bisher gesehen hatte, alle behaart gewesen und nicht glitschig nackt wie dieser. Und an der Schanzspitze saß auch normalerweise kein großes, senkrecht geschlitztes Auge, das sie überrascht anstarrte.

Dann wirbelte das Wesen herum, zu dem der Schwanz gehörte und plötzlich starrte sie nicht ein, sondern gleich zehn Augen an. Ganz vage erinnerte es an einen großen Vogel mit öligem, schwefelgelben Gefieder, und genauso wie es aussah stank es auch, nach den heißen Teichen, die man zuweilen in Telraas, vor allem in der Nähe der Drachenzähne finden konnte. Die geschuppten Beine wirkten äußerst kräftig und waren mit gefährlichen Dornen bewehr, doch das Besondere an dem Wesen war der Kopf. Es besaß zwar nur einen Kopf, doch auf diesem befanden sich gleich drei Gesichter, eines mit einem scharfen Schnabel und Vogelaugen, das nach vorne gerichtet war, das mit dem Mund und den fingerlangen Reißzähnen befand sich dort, wo bei den meisten Lebewesen die Kehle lag, und ein dritte Gesicht mit riesigem – wenn auch zahnlosen – Maul und riesigen Augen war nach hinten gerichtet. Und dann waren noch einige Augen, die anscheinend zu gar keinem dieser Gesichter gehörten.

Nadarja zog sich nun ganz hoch und stand schließlich direkt vor dem seltsamen Wesen, das sie noch immer ganz verwirrt anglotzte. Vielleicht hätte sie Angst vor dem Wese gehabt, wenn sie kein Drache gewesen wäre. Aber ein Drache hatte vor nichts und niemandem Angst, nicht einmal vor so grässlichen Kreaturen wie dieser hier.‚Du bist ein Vogel', sprach Nadarja in der stummen Sprache der Drachen. ‚Ein Vogel mit vielen Gesichtern und noch mehr Augen.'

Das Vogelwesen musterte sie überrascht, gab einen unartikulierbaren Schrei von sich und grub mit seinen scharfen Krallen tiefe Rillen in den Fels. Dann plusterte es sein schwefelgelbes Gefieder auf und fletschte die Zähne des Raubtiermauls und klapperte gleichzeitig mit dem Schnabel des Vogelgesichts, während der Augenschwanz hin und herpeitschte. Es wäre ein unheimlicher Anblick gewesen, wenn Nadarja so etwas nicht von dem ein oder anderen Drachen kannte – obwohl Drachen eigentlich nicht so viele Gesichter und Augen hatten.

‚Ich hab keine Angst vor dir', antworte sie stumm und kam erst langsam auf die Idee, dass das Ungeheuer die Gedankensprache vielleicht nicht verstehen könnte. Sie sollte wohl besser die laute, unangenehm klingende Sprache benutzen, die mit dem Mund gesprochen wurde und die ihr die alten Männer beigebracht hatten.

„Warum hast du denn keine Angst vor mir, kleiner Menschenwurm?" wollte plötzlich das Wesen wissen – wie befürchtet in der Sprache, die ihr die alten Männer beigebracht hatten.

„Warum sollte ich Angst haben?" antwortete sie und zwang sich jede einzelne Silbe über die Lippen. Für sie war das Sprechen mit dem Mund ungewohnt und vor allem anstrengend. Der Mund war ja nur dazu da, um zu essen, zu trinken und vielleicht irgendetwas zu singen, denn Singen funktionierte nicht richtig nur mit dem Kopf.

„Nun, ich könnte dich vielleicht in winzigkleine Stücke reißen?" schlug ein zahnlose Mund des Vogelwesens vor. „Und dann, dann könnte ich dich fressen. Ein, zwei Bisse und du bist weg", fügte der Schnabel hinzu.

Nadarja lachte, etwas nur ganz wenige Drachen konnten, aber interessanterweise auch die alten Männer, alle, auch wenn sie es nicht besonders oft taten.

„Was gibt es denn da zu lachen?" schnaubte der Vogel.

„Du bist ein sehr dummer Vogel", antworte sie noch immer grinsend. „Kein Vogel, nicht einmal einer mit drei Gesichtern, kann einen Drachen fressen. Wir sind nämlich alle giftig."

„Nur zu dumm, dass ich keinen einzigen Drachen hier sehen kann. Also, wenn keiner da ist, der dich beschützen kann…"

Ich bin ein Drache", erklärte Nadarja geduldig. „Und wenn du mich frisst, wirst du sterben."

Der Vogel glotzte sie wieder an, diesmal deutlich unsicherer. Vorsichtig näherte er sich ihr und schnupperte, ständig bereit, zurück zu weichen. „Nein", grummelte das Wesen schließlich, „du riechst nur nach Mensch, aber wenn ein Drache ein Auge auf dich geworfen hat, noch dazu einer, dem man lieber nicht in die Quere kommen soll… Nun, ich hab schon genug Probleme, da kann ich auf einen rachsüchtigen Drachen gerne verzichten."

Nadarja hörte zu, hielt diesen Vogel aber mit jedem Augenblick für dümmer, als er ihr schon vom ersten Augenblick vorgekommen war.

„Außerdem hat es keine Angst", setzte der Vogel sein Selbstgespräch fort, „und ich kann Essen, das keine Angst hat, einfach nicht ausstehen."

„Ich hab dir doch schon gesagt, dass du mich nicht fressen kannst, ich bin ein…"

Der Kopf des Vogels schoss so weit zu ihr vor, dass der Schnabel ihre Stirn berührte, aber Nadarja dachte noch immer nicht daran zurückzuweichen. „Du dummer kleiner Möchtegern-Drache. Was glaubst du denn, was ich bin. Ich bin ein leibhaftiger Zha und zwar ein ganz mächtiger. Ich könnte dich fressen, selbst wenn du ein Drache wärst, und ich würde nicht daran sterben."

Nun machte Nadarja doch einen Schritt zurück. Von Zhas hatte sie irgendwann einmal gehört und Drachen schienen diese Wesen nicht sonderlich zu mögen. Vielleicht stimmte ja sogar das, was dieses Wesen da sagte.

„Na, jetzt bekommst du doch Angst, mein kleiner, vorsichtiger Drache", schnarrte der Vogel zufrieden. „Ich will dir noch ein Geheimnis verraten: Ihr Drachen seid nicht so unverwundbar, wie ihr immer tut. Denke nur an die Geschichte mit den Erdgeistern! Ohne unsere Hilfe wärt ihr nicht einmal mehr am Leben – gut, auch die Langzähne haben ein wenig geholfen."

„Was sind Erdgeister?" wollte sie stammelnd wissen.

Der Vogel klapperte überrascht mit seinem Schnabel, was aber den zahnlosen Mund nicht davon abhielt etwas zu antworten. „Das weißt du gar nicht und willst ein Drache sein? Sie haben versucht euch umzubringen, kurz nachdem ihr nach Itayan gekommen seid. Hast du dich denn noch nie gefragt, warum die meisten von euch hier in diesem verfluchten Tal leben?"

Sie schüttelte langsam den Kopf.

„Ihr habt euch versteckt vor ihnen, denn sie waren sehr gut darin, euch umzubringen, einige sind es noch immer."

„Das stimmt nicht! Drachen fürchten sich vor gar nichts!" protestierte Nadarja.

„Damals sah das aber anderes aus. Ist schon recht lange her, aber ich bin alt und kann mich trotzdem ganz gut daran erinnern. Und die Alten von euch können sich auch sehr gut daran erinnern, denn noch immer meidet ihr die Orte, wo Erdgeister leben, als ob dort schreckliche Seuchen wüten würden. Dabei sind so gut wie alle Erdgeister heute harmlos sind, zumindest für Drachen."

„Ich fürchte mich nicht!", widersprach Nadarja.

„Das kann jeder sagen", schnappte der Vogel zurück. „Aber du wirst trotzdem hier bleiben, egal ob du nun ein Drache bis oder nicht."

„Werde ich nicht! Wo muss ich hingehen, um solche Erdgeister zu finden?"

Der Vogel lachte – diesmal mit zwei Münden, während der Schnabel spöttisch klapperte. „Zu Fuß, oder kannst du dir Flügel wachsen lassen?"

„Ich kann sehr gut laufen und ich bin sehr schnell."

„Und wärst trotzdem monatelang unterwegs, vorausgesetzt du schaffst es über die Drachenzähne – zu Fuß."

Nadarjas anfänglicher Begeisterung bekam einen kleinen Dämpfer. Die Drachenzähne waren hoch und noch nie war sie auf den Gedanken gekommen, dieses riesige Gebirge zu durchqueren.

„Ich kann dir einen Vorschlag machen, furchtloser aber leider auch flügelloser Drache, nur weil ich zu gerne wissen will, wie du dich bei den Erdgeistern anstellst. Ich hab einen kleinen Auftrag zu erfüllen und muss nach Jhar, das liegt im Westen. Hab nur einen Abstecher über die Zähne gemacht, weil ich einmal euer Tal nach dem Feuer sehen wollte. Also ich fliege den Stiteri entlang, bis nach Egodbagh, um dann nach Süden zu drehen um den Iteilaren auszuweichen. Ich könnte dich ein wenig tiefer nach Egodbagh tragen, vielleicht bis nach Mishkaha, dorthin wo die meisten Erdgeister heute leben. Es wäre nur ein kleiner Umweg, nicht mehr als ein paar Stunden."

Nadarja brummte der Kopf von den vielen neuen Namen. Bis jetzt hatte sie Telraas für riesig gehalten, aber wenn sie dem Vogel zuhörte, so schien Telraas nur ein winziger Flecken Land zu sein, wie der riesige Kristallsee, der doch winzig im Vergleich zum unendlichen Meer war.

„Wir könnten uns aber hier auch trennen, kleiner unentschlossener Drache."

„Ich will zu diesem Egod… irgendwas."

Der Vogel grinste mit seinem Raubtiermaul, was ihn nun tatsächlich gefährlich aussehen ließ. „Dann musst du auf meinen Rücken klettern, wenn du dich traust."

Davor hatte Nadarja überhaupt keine Angst. Ohne zu zögern griff sie in das Gefieder des Vogels und zog sie sofort angewidert wieder zurück. Die schwefelgelben Federn waren alle von einer öligen Substanz bedeckt, von der ein kranker Gestank ausging, der ihr – nun auf ihren Fingern – beinahe den Atem raubte.

„Ich hab nicht gesagt, dass es so angenehm ist wie auf einen Drachen zu sitzen", krächzte der Vogel – mit seinem Schnabel. „Es kann sogar sein, dass dir meine Federn nicht bekommen, ja sogar, dass du an ihnen stirbst, denn sie sind giftig. Wenn du ein Drache bist, dürfte das kein Problem sein, aber als Mensch…"

Nadarja war ein Drache und daher kämpfte sie jegliches Ekelgefühl nieder und zog sich auf den Rücken des Vogels, dorthin, wo sie auch bei einem Drachen gesessen wäre, unmittelbar vor den Schultern, zwischen Flügel und Hals.

Der Vogel schüttelte sich, doch Nadarja hielt sich ohne Mühe fest. Dann entfaltete er seine riesigen, hässlichen Schwingen und katapultierte sich mit einem gewaltigen Satz in die Luft, der Nadarja nun doch fast hinuntergeworfen hätte. Drei Flügelschläge später lag der Boden weit unter ihnen und sie konnte – wenn auch nicht zum ersten Mal – ein Meer aus spitzen, schroffen Bergen unter ihr erkennen, ähnlich den Zähnen eines Raubtieres, die Drachenzähne. Doch noch immer schraubte sich der Vogel in die Höhe, ohne irgendwie seine Flügel einzusetzen, außer vielleicht zum Segeln. Der eisige Flugwind stach wie mit kleinen aber äußerst schmerzhaften Nadeln auf ihren Körper ein und daher vergrub sie sich tiefer in das stinkende, ölige aber doch angenehm warme Gefieder. Jetzt war sie noch viel dankbarer über ihr künstliches Fell, das sie zusätzlich warm hielt. Unter ihr rasten die Drachenzähne dahin, ein schneebedeckter Gipfel nach dem anderen und sie begriff mit einem etwas unguten Gefühl, dass sie noch nie so schnell und auch nie so hoch geflogen war. Irgendwann langweilte sie der ewige Wechsel von Berg und Tal, denn von dort oben ließ sich nicht mehr erkennen, und sie versuchte sich tiefer in das Federkleid zu graben, um dort noch mehr Schutz vor der Kälte zu.

‚Du bist noch am Leben?' wollte der Vogel überrascht in ihrem Kopf wissen und riss sie damit wieder ganz in die Wirklichkeit. Offenbar musste sie kurz eingeschlafen sein.

„Du kannst ja normal reden!" entfuhr es ihr, laut, obwohl der Wind das meiste gleich wieder verschluckte.

‚Ich bin ein Zha', erinnerte sie der Vogel, ‚und Zhas und Drachen sind nahe miteinander verwandt, auch wenn es nicht so aussieht.' Der Vogel – nein der Zha – schwieg einige Flügelschläge lang, eine recht lange Zeit, da er mehr segelte als tatsächlich flog, genau so wie geflügelte Drachen. ‚Anscheinende ist ein Teil von dir tatsächlich ein Drache, sonst könntest du das nicht, zumindest nicht so leicht. Oder vielleicht bist du gar einer von uns, wer weiß das schon so genau.'

‚Ich bin ein Drache', beharrte Nadarja und war erleichtert darüber, nicht gegen den Wind schreien zu müssen.

Der Zhavogel legte seinen rechten Flügel ein wenig an und machte eine weitläufige Rechtskurve, während er gleichzeitig an Höhe verlor. Nun hatten sie die Sonne im Rücken und bewegten sich rasend Richtung Norden fort.

Nadarja wagte wieder ein Blick auf den Boden unter ihr. Noch immer flog der Zhavogel in solch großer Höhe, dass sogar ihr vom Hinuntersehen ein wenig schwindelig wurde. Das Gebirge war weit hinter ihnen geblieben und nun folgten sie einem schmutzigbrauenen, grüngesäumten Band, das sich durch eine braungrüne Ebene schlängelte. Drachen flogen nicht so hoch, zumindest nicht dann, wenn sie auf deren Rücken saß. Um dort oben nicht zu erfrieren, musste man ständig in Bewegung bleiben, das hatte ihr einmal Onyx erzählt, und ein Reiter konnte das schlecht.

‚Du kannst nicht erfrieren, auch wenn dir sicherlich kalt ist', flüsterte der Dämonenvogel in ihrem Kopf. ‚Ich bin durchaus ein mächtiger Zha, ich kann mit meiner Magie dafür sorgen, dass du am Leben bleibst.'

Sie spürte irgendwie, dass so etwas für einen Zha nicht selbstverständlich war, und empfand plötzlich Dankbarkeit.

Der Vogel stieß mit seinem Schnabel einen Schrei aus und ließ sich von der Thermik wieder einige Meter in die Höhe tragen.

‚Wo sind die Drachenzähne?', wollte sie wissen.

‚Die Zähne sind das Gebirge hinter uns. Wir haben sie vor einer Viertelstunde endgültig überflogen. Jetzt folgen wir dem Randadall nach Norden.'

Nadarja sah wieder zurück. Sie wirkten von hier oben so klein und waren bis jetzt doch das Größte gewesen, das sie kannte. Plötzlich spürte sie, dass ihr etwas salzig-feuchtes das Gesicht hinunterlief.

‚Wenn du nicht mehr zu den Erdgeistern willst, kann ich dich ganz leicht zurückbringen', schlug der Vogel vor. ‚Oder dich natürlich fressen, was mir eigentlich viel lieber wäre.'

‚Nein, ich möchte diese Wesen sehen, die den Drachen früher einmal solche Angst eingejagt haben und es noch immer tun.'

Ein Auge des ihr zugewandten Gesichts blinzelte. ‚Heute haben die Drachen vor gar nichts mehr Angst, nicht einmal vor uns. Du bist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, vorausgesetzt du bist tatsächlich ein Drache.'

Nadarja verzichtete darauf zu antworten und sah wieder hinunter. Das schmutzigbraune Band war noch immer unter ihnen, doch nun konnte sich auch anderes erkennen. Zuweile waren da auch graubraune oder auch rote Flecken, die wie Geschwüre entlang des Randadall wucherten.

‚Hier leben die Drachenkinder. Das sind ihre Städte.'

‚Menschen wie jene, die in Telraas leben?'

Der Vogelkopf des Zhas schrie wieder. ‚Die in Telraas sind ihre Priester. Sie sind so leicht zu beeindrucken, dass sie euch Drachen wie Götter verehren! Darum nennt man sie ja Drachenkinder.' Wieder stieß er Vogelkopf einen grässlichen Schrei aus. ‚Aber was will man von Menschen denn erwarten. Die beten schließlich alles an, zuweilen sogar welche von uns.'

Nadarja hatte keine Ahnung, was Götter eigentlich sein sollten – das war nichts für Drachen – und betrachtete weiterhin das trotz der Städte ziemlich eintönige Grasmeer unter ihr. Zuweilen konnte sie Herden von Huftieren erkennen, großen Huftieren, doch um was für Tiere es sich dabei handelte, konnte sie aus dieser Höhe nicht ausmachen. Wahrscheinlich hätte sie die Tiere gar nicht gekannt.

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In den nächsten Stunden änderte sich kaum etwas an dem Bild unter ihnen, nur Ebenen aus grünbraunem Gras, durch die das Band des Flusses schnitt, nur gelegentlich aufgelockert durch die ein oder andere Stadt.

Der Zhavogel sprach kaum, nur hie und da erklärte er ihr, über welche Stadt sie gerade zogen. Namen wie Pendula und Kleinnermak, drangen in ihren Kopf ein – und verließen ihn meist schon im nächsten Augenblick. Mit der Zeit bereute sie ihren Entschluss, mit dem Zhavogel fortgeflogen zu sein, denn mittlerweile brannten nicht nur Hunger und Durst in ihren Eingeweiden, sie sehnte sich auch nach zu Hause und manchmal war der Schmerz so groß, dass ihr wieder salziges Wasser aus den Augen floss. Doch egal wie oft der Zhavogel sie auch fragte, ob sie nicht vielleicht doch zurück wollte, verneinte sie. Es war mittlerweile nicht die Neugier auf diese Erdgeister, die sie vorantrieb, sondern Scham. Sie wäre ein Feigling, wenn sie ihre Reise jetzt so kurz vor ihrem Ziel, wie sie annahm, abbrach und das war eines Drachen unwürdig.

Der Zhavogel – der sich anscheinen über diese Bezeichnung zu ärgern schien und ihr immer wieder erklärte, dass er ein leibhaftiger, wenn auch kein besonders mächtiger Kleiner Rakshasa sei – erzählte ihr, wenn ihm selbst auch langweilig zu werden schien, Geschichten über die Landschaften und ihnen, aber schließlich auch über den Konflikt zwischen den Drachen und Erdgeistern. „Sie sind aus bunten Steinen geschlüpft, die Erdgeister, zumindest die ersten von ihnen", plauderte er in ihrem Kopf. „Manche waren nur so groß wie… wie eine Kralle von dir – falls man bei den winzigen Dingern an deinen Fingern überhaupt von Krallen sprechen kann. Aber es soll auch Steine gegeben haben, die waren so groß wie ganze Berge, und das was aus ihnen geschlüpft ist, war sogar noch größer. Einige Drachen haben sie gesammelt und in ihre Höhlen getragen, die Steine, um sie ungestört anschauen zu können, was ihr Drachen ja so gerne macht, denn die Steine waren sehr hübsch, schöner als alle Edelsteine, die du jemals gesehen hast."

„Ich hab schon viele Edelsteine gesehen", entgegnete Nadarja.

„Das glaube ich dir auch, schließlich bist du ein… ähm… kleiner Drache. Aber diese waren schöner, das weiß ich, weil ich einige mit eigenen Augen gesehen habe. Auf alle Fälle sind plötzlich aus all diesen Steinen kleine Kreaturen geschlüpft, auch die großen, und sie haben aus einem ganz unverständlichen Grund angefangen euch Drachen die Schädel einzuschlagen. Und sie waren sehr gut darin, vor allem die ganz großen."

„Warum sollten sie das gemacht haben?"

Der Zhavogel zuckte mit den Schultern und verlor dadurch etwas an Höhe. „Das weiß niemand, nicht einmal die Erdgeister habe heute eine Ahnung davon, warum sie das getan haben. Aber um die gleiche Zeit tauchten die ersten Einhörner auf, um uns das Leben schwer zu machen, und einige Elfen und Menschen – nein nur Elfen, Menschen gab es damals noch nicht in Itayan – lernten, sich in Tiere zu verwandeln und gingen den Brotofrimpirs auf die Nerven. Aber am schlimmsten hat es euch Drachen erwischt. Einige von den Erdgeistern waren so groß, dass sie selbst die größeren von euch wie Fliegen erschlagen oder die Flügel ausreißen konnten, und das haben sie auch gemacht, sogar das mit den Flügeln."

Nadarja schauderte. Drachen konnten groß werden, sogar sehr groß, und sich ein Wesen vorzustellen, dass nach solch großen Drachen schlug, überstieg ihrer Vorstellungskraft. Und erst das mit den Flügeln! Hätte ein solches Wesen einen kleinen Drachen wie sie überhaupt gesehen?

„Sogar euer Atei'dhah ist ganz schön nervös geworden, das erste und einzige Mal übrigens, dass ich ihn vor Angst fast gelähmt gesehen habe. Aber wir und auch ein wenig die Brotofrimpirs haben euch aus der Patsche geholfen. Heute sind nur noch die kleinen, harmlosen übrig, zumindest soweit ich weiß."

„Du kanntest Atei'dhah?"

„Hab ihn ein paar Mal getroffen, damals noch, aber von kennen kann keine Rede sein. Ich kann mich nicht einmal genau an ihn erinnern."

„Das konnte niemand, nicht einmal sein Bruder Tsin'lath."

Der Zhavogel schnatterte. „Dieses Vergessen galt sicherlich nicht für alle. Unser Herr konnte es, angeblich sogar dieser verlogene Bartflim."

„Wer ist dieser Bartflim?"

„Du weißt ja gar nichts, kleiner ungebildeter Drache! Bartflim ist oder genauer gesagt war das Oberhaupt der Brotofrimpirs. Heute haben sie einen anderen, aber den kenn ich nicht."

Nadarja wollte nicht nachfragen, warum sie das als Drache eigentlich wissen sollte. Für Drachen waren andere Dinge wichtiger, vor allem für einen so kleinen wie sie.

Die Sonne ging gerade unter, als der Randadall in einen weiteren Fluss mündete, einem Fluss, der fast so groß wie ein Meeresarm wirkte. Der Stiteri, wie ihm der Zhavogel verriet. Die Städte, über die sie nun flogen, wirkten anders, kleiner, aber dafür irgendwie auch verspielter. Hier lebten angeblich die Djajels, wie ihr der Vogel beiläufig verriet, aber sonst schien er nicht viel über die Städte und ihre Personen zu wissen, denn er sonst erzählte er nichts. Doch bald wurde es ohnehin zu dunkel, um etwas anderes als die Sterne und gelegentlich eine Lichteransammlung am Boden zu erkennen.

Der gleichmäßige Flug, der so gut wie ohne Flügelschläge auskam, die Dunkelheit und nicht zuletzt die vielen Eindrücke des ganzen Tages forderten langsam ihren Tribut. So stellte sie sich vor, dass der Zhavogel niemand anderer als Salha Dyrinaha oder ein anderer freundlicher Artgenosse sei und schlief mit dem Gedanken sofort ein.

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‚Wir sind da!' krächzte der Zhavogel in ihrem Kopf.

Nadarja schreckte hoch und sah sich verwirrt um. Das Vogelwesen flog nicht mehr durch die Luft, sondern war auf einer sonderbaren, streng viereckigen Wiese gelandet, wo nur eine einzige Pflanzeart wuchs, wenn man von den paar bunten Blume, die sich ganz schüchtern hie und da herauswagten, absah. Eine ähnliche Wiese grenzte an dieser an, nur wuchsen da ganz andere Pflanzen, eine Art Gras. Irgendwie fühlte sie sich an die vielen Städte erinnert, die sie überflogen hatten.

Sie reckte ihre eingeschlafenen Glieder, es gab praktisch keine Körperstelle, die nicht eingeschlafen war, und gähnte. Nur langsam und mit ordentlichen Schmerzen begann ihr Blut wieder zu zirkulieren.

‚Diese Wiesen werden Felder genannt', erklärte der Zha und schüttelte sich, dass Nadarja sich festklammern musste, um nicht hinunter zu rutschten. ‚Darauf wachsen Pflanzen, die gut schmecken. Auch wir haben solche Felder, nur die Pflanzen, die uns schmecken, schmecken sonst niemandem.' Das nach hinten gewandte Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. ‚Ist auch gut so, dann isst uns niemand etwas weg.'

Nadarja fand eine solche Wiese recht praktisch, dann musste man nicht so lange nach etwas Essbarem suchen, aber sie sahen nicht schön aus, zumindest nicht so schön wie eine richtige Wiese. Außerdem hatte sie keine Ahnung, wie man andere Pflanzen am Wachsen hindern konnte.

Mit einem geschickten Sprung landete sie auf dem Boden. ‚Wo sind denn jetzt diese Erdgeister?'

‚Sieh einmal dort rüber!' schnurrte der Zhavogel.

Nadarja sah in die Richtung und erblickte eine Gruppe von Wesen, die den alten Männern zu Hause sehr ähnlich sahen, nur waren sie nicht größer als sie. Sie hatten alle seltsam geformte, lange Stöcke in der Hand und blickten zu ihnen herüber – irgendwie feindselig wie Nadarja fand. Vielleicht hatte der Zhavogel doch Recht gehabt und diese Erdgeister waren wirklich so gefährliche Kreaturen, die den Drachen früher einmal wirklich die Flügel ausgerissen und erschlagen hatten. Mittlerweile bereute sie ihren Entschluss hierher gekommen zu sein.

‚Das sind Gnome', erklärte der Zhavogel amüsiert, der ihre Angst sicherlich genauso lesen konnte wie ihre Gedanken. ‚Und mach dir keine Sorgen! Ich hab drei Mäuler, ich kann in einem Augenblick drei von ihnen verschlingen und gleichzeitig zwei mit meinen Klauen in Stücke reißen.'

Das waren nur fünf aber hier standen mindestens zwanzig, stellte Nadarja mit einem unguten Gefühl fest und bemerkte wie die Gnome aufgeregt miteinander in einer unverständlichen Sprache diskutierten und ihre Stöcke immer fester in den Händen hielten.

‚Werden sie angreifen?' wollte Nadarja wissen.

‚Mich vielleicht, aber ganz sicherlich nicht dich', antwortete der Vogel mit den drei Gesichtern. ‚So wie es aussieht, überlegen sie gerade, wie sie dich retten können, ohne dass der ein oder andere von ihnen stirbt.'

‚Retten? Mich? Vor wem denn?'

‚Also ich bin der grässliche Zha und du das kleine, hilflose Menschenmädchen – Verzeihung Drache. Und sonst sind da nur noch diese widerlichen Gnome.' Er schüttelte sich. ‚Hab irgendwie keine Lust, mich mit denen anzulegen. Sie schmecken nicht einmal besonders gut.'

Die Erdgeister setzten sich plötzlich alle zusammen in Bewegung und fuchtelten mit ihren Stöcken wild herum. Nadarja stieß einen Schreckensschrei aus und wollte wieder auf den Zhavogel klettern. Der zischte sie nur mit allen drei Gesichtern an. ‚Sie tun dir nichts', krächzte er. ‚Du wolltest zu den Erdgeistern und ich hab dich zu ihnen gebracht, sogar direkt in ihr Herz, denn das dort drüben ist Mishkaha, der Hauptstadt von Egodbagh.'

Die Gnome liefen nun schneller und der Zha stieß sich mit einem kräftigen Satz vom Boden ab. ‚Pass auf dich auf, kleiner ängstlicher Drache!' rief er ihr noch stumm nach und segelte wieder mit unheimlich hoher Geschwindigkeit Richtung Süden.

Die Gnome hatten einen Kreis um sie gebildet und redeten ununterbrochen in einer unverständlichen, lauten Sprache auf sie ein.

Nadarja hielt diese vielen Stimmen, die sie an das Geschnatter von Enten erinnerte, nicht lange aus. Die Wesen erwarteten offensichtlich, dass sie irgendetwas sagte, aber sie hatte keine Ahnung was. In Panik hielt sie sich die Ohren zu und sah sich nach einem Fluchtweg um. Zumindest hatte sie ihre Stäbe wieder runter genommen.

Einer der Gnome rief plötzlich etwas dazwischen, woraufhin die anderen alle verstummte. „Verstehst du uns jetzt, kleines Mädchen?" wandte er sich an sie. Er sprach genauso wie die alten Männer in Telraas.

Nadarja blinzelte eine Träne weg und nickte vorsichtig.

Der Gnom lächelte. „Du bist jetzt in Sicherheit, kleines Menschenmädchen", erklärte er freundlich. „Dieser Dämon wird dir nichts mehr tun. Woher kommst du?"

„Aus Telraas", antwortete Nadarja stockend, „und ich bin kein Mensch, sondern ein Drache."

Irgendwie überraschte es sie überhaupt nicht mehr, dass die Gnome nur verwundert Blicke tauschten.

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TBC

Nur um sich zu verdeutliche, von welchen Zeitdimensionen der Zhavogel spricht: Die Bedrohung durch die Erdgeister war vor ungefähr 50.000 Jahren zu Ende. Und wenn der vogelähnliche Dämon diese Eier wirklich gesehen haben sollte, müsste er ein paar tausend Jahre älter sein.
Wie gesagt, wenn es irgendwelche Fragen gibt, nur her damit!

Glossar

Personen
Bartiflim: ehemaliges Oberhaupt der Brotofrimpirs
Onyx: ein schwarzer Zitterdrache

Geographisches
Drachenzähne: mächtiges Gebirge, das großteils Telraas umschließt
Kleiner Rakshasa: Zhaart
Itilaren: große Gebirge im Westen von Itayan; liegt nördlich des Stiteri
Jhar: Insel im Westen von Itayan, auf der Dämonen hausen sollen
Kleinnermak: Stadt der Drachenkinder
Pendula: Stadt der Drachenkinder
Randadall: Fluss

Sonstiges
Feuerdrachen: große Drachen, die gegen Hitze und Feuer immun sind
Gnome: eher größere Erdgeister (obwohl sie nur so groß wie ein Kind werden)
Tatzelwurm: kleine, tierhafte und sehr gefräßige Drachenart
Zitterdrache: kleinwüchsige Feuerdrachen