Prolog



A
llein in den unterirdischen Gewölben des Steinkolosses bahnte sich eine abstrakte Gestalt ihren einsamen Weg hinab in die Tiefe. Fernab vom Tageslicht hütete sein Herr eines der größten Mysterien dieser sagenumwobenen Welt. Den Schlüssel zu seiner Macht.
Das schwache, magisch aufflackernde Licht seiner Lampe benötigte der kleine Mann eigentlich nicht mehr. Wie oft war er diesen elendigen Weg schon hinab- und wieder hinaufmarschiert? Wie oft, in vierunddreißig Jahren? Er konnte es anhand der Seelen der Verzweifelten abschätzen, die ihn in seinen Albträumen besuchen kamen ...
Doch heute würde das alles ein Ende finden! Heute würde dieser alte, gebrochene Mann zum letzten Mal die Schwelle übertreten, und etwas mit sich bringen, das die Fundamente der Geschichte dieser Welt ins Wanken geraten lassen wird! Davon war er überzeugt, und fest entschlossen, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Nachdem er auch die letzten, dem winzigen alten Mann riesig erscheinenden Stufen überwand, reflektierte er ein letztes Mal seine Pläne vor dem geistigen Auge, bevor er das Tor zum Portal unter großen Anstrengungen öffnete und das Licht seiner Lampe auslöschte. Hier hätte es ihn nur gestört. Und ein weiteres Mal schritt er zum Zentrum des Doms, zu der dämonischen Vorrichtung, die, so dachte er an jenem Tag und all den Tagen zuvor, nur Unheil und Verderben über diese Welt brachte. In fast völliger Dunkelheit, streckte er seine rechte Hand aus und betätigte mit der peniblen Genauigkeit eines Uhrmachers einen steinernen Mechanismus, der daraufhin in gleißendem Licht erstrahlte und die teuflische Maschinerie in Gang setzte.
Schon bald erhellten winzige, weiße Lichtpunkte das Zentrum des Raumes. Erst einige wenige, die sich jedoch von Sekunde zu Sekunde vermehrten und wie Sterne am Nachthimmel funkelten. Dem alten Mann, dem der selbe Vergleich in diesem Moment durch den Kopf ging, war jedoch bewusst, dass diese Lichter in seiner Welt jedweden Schein verlieren würden. Womöglich waren sie alle Sterne an dem Ort, den sie Heimat nannten. Doch hier ...
Das Echo blecherner Schritte riss den Zwerg aus seinen Gedanken. Es waren höchst ungewohnte Laute, die im Inneren dieser gigantischen Kuppel aus Gestein in alle Richtungen geworfen wurden. Noch nie wurde er hier unten bei seiner höchst zweifelhaften Arbeit gestört. Ausgerechnet heute, an diesem besonderen Tag, entschloss sich jemand ihm zu folgen? Die Vorzeichen konnten nach dieser völlig unerwarteten Wendung nicht schlechter stehen. Dann erklang die Stimme des Eindringlings. Eine weibliche, ehrfurchterweckende Stimme.

„Mein Gefühl führt mich an diesen Ort, Neil, ich hoffe, ich störe nicht?"

Ihr Gefühl war es vorallem, das dem kleinwüchsigen Mann Sorgen bereitete. Das Gefühl einer so mächtigen Magierin, könnte seinen Plan hier und jetzt scheitern lassen ...

„Lady Uriah (Ju-Rie-a), wie könnte mich die so seltene Ehre ihrer Präsenz stören?", antwortete Neil in angemessenem Tonfall, und ließ so vorerst keine Zweifel an seinen loyalen Intentionen aufkeimen.

„Dennoch, will ich dich nicht lange von der Arbeit ablenken. Siehe meinen unerwarteten Besuch einfach in der kindlichen Vorfreude begründet, die sich in den tiefen dieses angestaubten Bewusstseins über die vielen Jahre erhielt."

Neil wandte sich zu keiner Zeit ab von der Magie, die vor ihm immer weiter expandierte. Doch seine gesamte Aufmerksamkeit galt längst der Person im Dunkel des Raumes, die keine Anstalten machte, in das spärliche, sich jedoch stetig weiter ausbreitende Licht zu treten.

„Wenn sie gestatten, meine Herrin, dann nehmen sie diesen Rat von einem wirklich alten, gebrechlichen Mann entgegen: Bewahren sie sich alle kindlichen Züge so lange wie nur irgend möglich, schon der Nostalgie halber, he he."

„Ich werde es mir zu Herzen nehmen, Neil.", entgegnete die Schattengestalt, die noch immer vollends in Dunkelheit gehüllt war, ihrem Untertan. „Wie dem auch sei, bemühe dich bei diesem Exemplar ganz besonders. Ich bin überzeugt von seinen Fähigkeiten."

Neil wurde schlagartig hellhörig.

„Milady, glauben sie dieser könnte ..."

„Wer weiß? Ich werde nicht den Fehler machen die Feierlichkeiten zu früh anzustimmen. Jetzt, wo ich dem Portal so nahe bin, kann ich jedoch sagen, dass meine Zweifel schwinden.", erklang es ein letztes Mal aus dem Dunkel im Rücken des klein gewachsenen Mannes, der einen Moment lang glaubte, einen Anflug von Euphorie in der Stimme der Frau ausgemacht zu haben.

Sie verabschiedete sich wortlos.
Neil hatte das Schlimmste befürchtet, und war dementsprechend erleichtert über ihr Verschwinden. Glücklicherweise würde er weit weg von alledem sein, wenn Uriah herausfinden wird, dass die Beute seiner bevorstehenden Mission nicht ihren Vorstellungen entsprach ...
Seine Augen fixierten einen bestimmten Punkt des künstlichen Sternenhimmels. Ein einziger, kleiner Fleck, der strahlend der Dunkelheit trotzte. Mit dem bloßen Auge konnte man die tausenden Lichter nicht voneinander unterscheiden, doch Neil wusste trotzdem ganz genau, dass er sein Ziel erreicht hatte.
Er atmete schwer. Ein paar kühle Schweißperlen bahnten sich ihren Weg über sein faltiges Gesicht. Früher oder später, so war ihm klar, würde diese Tat vergolten werden.

Neil unterschrieb sein Todesurteil ohne zu zögern.