Kapitel 6 – Eine Neue Welt

Ein märchenhaftes Ambiente eröffnete sich Peter am Ziel seines Spazierganges. Neben ihm seine Wegweiserin. Eva, die blonde Kriegerin. Sie führte den Jungen an diesen Ort, dieses abgelegene Stückchen Natur. Die Bäume hier waren noch jung, viel jünger als die gigantischen Pflanzen, die in der Elfenstadt gen Himmel ragten; womöglich aber auch einfach von einer anderen Gattung abstammend, was Peter auf den ersten Blick jedoch nur schwerlich einzuschätzen vermochte.
Durch die weniger kräftigen Strukturen im zarten Laub der Bäume drang weit mehr Sonnenlicht bis zum saftig grünen Erdboden hindurch, und ließ die feuchten Gräser und Gewächse aufblitzen und funkeln, wie an einem frostigen Dezembermorgen. Dabei war die Temperatur alles andere als winterlich. Nicht zu warm, nicht zu kalt; nicht schwül nicht trocken; schlichtweg angenehm. Der junge Franzose fühlte sich wohl, er fühlte sich so, wie man sich in diesem Ölgemälde eines Waldstückes ganz einfach fühlen musste.

„Willst du dich nicht setzen?", fragte die junge Dame in längst gewohnt trockener Art.

Für einen Augenblick vergaß Peter sogar, dass er in Gesellschaft angereist war. Gute dreißig Minuten Fußmarsch im Schritttempo hatten die beiden hinter sich gebracht, um an diesen Ort zu gelangen. Es war die Mühen alle Mal wert.

„R-richtig. Ja ..."

Eva nahm in vornehmer Manier auf einem flachen Findling, nahe dem seichten Gewässer, dass dieses Kleinod Natur vom tieferen Gehölz trennte, Platz, die Beine übereinander geschlagen. Sie sah Peter nicht an, ihr Blick war fest auf den Flußlauf gerichtet. Auch die junge Frau schien angetan von der Szenerie, wenngleich sie diesen Anblick auch schon früher hatte genießen können. Den Jungen zog es in ihre Nähe, zu einem weiteren Steinoval.

„Tja ... da wären wir dann wohl ..."

Irgendetwas trieb in Peter die Überzeugung voran, er müsse das Gespräch ins Rollen bringen. Seine Begleitung konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen, was bei ihr einer Art Gefühlsausbruch gleichkam.

„Richtig! Wir sind angekommen."

Der Weg an diesen Ort war eine eher unangenehm schweigsame Angelegenheit. Der blassen Schönheit in ihrer bedrohlich wirkenden Aufmachung, schien das nicht wirklich zu missfallen. Peter hingegen war überhaupt kein Freund derer Art Stille.

„Ich dachte mir, dies wäre ein geeigneter Ort ein wenig zu ... plaudern. Es gibt einiges aufzuarbeiten, wie du dir sicher denken kannst."

Zum ersten Mal schenkte Eva ihrem Begleiter einen flüchtigen Blick in die dunklen Augen, der diesen ohne große Gefühlsregungen erwiderte.

„Einiges, in der Tat!" Wahrscheinlich waren es ihre Geschosse, die Alicia töteten, auch wenn Peter insgeheim noch immer die Hoffnung hatte, dass das Mädchen die Angriffe doch heil überstanden hatte. Sie wäre fortan ganz allein in Vyers ... wo er ihr doch geschworen hatte, sie zu beschützen. Der Gedanke daran ließ den Jungen schnell alle Dankbarkeit vergessen, die Eva für ihre Taten wohl verdient hätte. „... es war purer Zufall, dass ich dir begegnet bin, nicht wahr?"

Überrascht baute sich Eva eine passende Antwort zusammen.

„... ja, ein glücklicher, möchte ich wohl hinzufügen."

„Was war also eure Absicht? Wieso habt ihr die Festung überhaupt angegriffen?"

Noch glaubte der Junge, seine Lebensretterin würde dem schlechten Bild, das sich mittlerweile abzeichnete, entspringen können. Doch es sollten noch weitere, tiefschwarze Pinselstriche folgen.

„Was glaubst du denn? Auf Gardifs Kopf hatten wir es abgesehen. Wir wollten ihn ausschalten ... nach all den Jahren." Nun begann auch die mysteriöse Vergangenheit der jungen Frau, sie zornig zu machen. Ihr Hass auf den Herren der Dunkelelfenfestung saß tief. „Leider haben wir dieses Ziel wohl nicht erreicht. Ich bin zumindest wenig zuver..."

Deswegen habt ihr den Turm bombardiert? Sein Untergang ist so bedeutsam für euch? So wichtig, dass ihr es in Kauf nehmt, unschuldige Menschen zu töten?"

Peter redete sich in Rage, behielt aber die Fassung.

„Wir retten Menschen, Peter!"

„Wie bitte?" Sein Zynismus war an den Worten des Franzosen abzulesen. „Was denkt ihr, wer in seinem Turm gefangen gehalten wurde? In dem Turm, den ihr in Schutt und Asche gelegt habt!?"

Die Tatsache, dass Eva genau zu wissen schien, wovon Peter sprach, machte ihn nur noch zorniger.

„Du verstehst das nicht, noch nicht. Es bedarf weit mehr Wissen, das zu begreifen, also ...",

Wieder unterbrach der Junge Evas Erklärungen.

„Nein, das kann ich gar nicht verstehen! Niemals!"

Die Ritterin schoss vor Zorn und Ungeduld sichtbar errötet in die Höhe. Das idealistische Verhalten ihres Gegenübers versetzte sie nun vollends in Rage. Sie fühlte sich direkt angegriffen von den Vorwürfen die Peter aussprach. Was wusste dieser Junge schon?

„SEI STILL!", entfuhr es ihr. „Du bist am Leben, also worüber beschwerst du dich? Du kennst mich nicht, du kennst keinen einzigen von uns! Und Gardif? Ihn schon gar nicht! Er ist ein Tyrann, ein Diktator ohne Herz, du Dummkopf! Wenn es ihn nicht geben würde, wären du und alle anderen Menschen gar nicht hier, du wärst immer noch zu Hause ... auf der Erde, von wo du dort auch stammen magst. Du wärest niemals aus deinem Leben gerissen, niemals hierher verschleppt worden, wenn Gardif nicht existieren würde!" Einige Sekunden lang gab sie Peter die Chance zu reagieren, doch er schwieg in Unsicherheit. „... ja, vielleicht starben Unschuldige bei unserem Angriff, sehr wahrscheinlich sogar! Ich bin nicht stolz darauf ... keineswegs, denn weil wir keinen Erfolg hatten, sind sie ganz umsonst gestorben."

Es war ein Rüffel aller erster Güteklasse, und führte man den Denkanstoß der Frau weiter, musste sich der Neunzehnjährige wohl oder übel geschlagen geben.
Nicht Eva war dafür verantwortlich, dass Alicia diesem Krieg Welt zum Opfer fiel. Auch war sie nicht diejenige, die den alten Mann vor ihren Augen hinrichtete, und so wie es aussah, würde in Zukunft noch viele andere Menschen ein ähnliches Schicksal ereilen.

„Verstehst du es jetzt langsam? Was immer du auch erlebt haben magst, glaube mir, du wirst hier Leuten begegnen, vor denen du dich für jedwedes Selbstmitleid schämen würdest!" Immer noch tobte die junge Frau, auch wenn der Sandsack auf den sie einprügelte, längst Risse bekommen hatte, und seine Kraft verlor. „Es tut mir Leid, falls du jemanden verloren hast, der dir nahe stand, aber solange Gardif lebt, wird so etwas wieder passieren!"

Stille ...

„Da war ein Mädchen. Alicia. An dem Abend vor eurem Angriff haben die Elfen sie neben mir in die Zelle gesteckt. Ich hab' ihr versprochen ... geschworen, das zusammen mit ihr durchzustehen." Den Mut Eva in diesem Moment in die Augen zu schauen, brachte Peter nicht auf. Es erschien ihm auch nicht angemessen. „Sie war vielleicht gerade mal vierzehn Jahre alt und völlig verängstigt ...
Dann kamt ihr ..." Der letzte Satz war in keinster Weise vorwurfsvoll gemeint, und auch nicht so vorgetragen. Peter versuchte vielmehr all den Zorn und das Unverständnis zu erklären, welche die junge Frau so sehr verärgerten. Zu seinem Erschüttern konnte die sonst so stark und gefasst wirkende Kriegerin einige Tränen nun nicht mehr zurückhalten. War sie sich doch einer gewissen Schuld bewusst? Es wäre Unfug gewesen, denn sie hatte es zuvor selbst auf den Punkt gebracht, sie war im Recht! „Tut mir leid ... wirklich. Es ist nicht deine Schuld! Das wollte ich damit nicht sagen."

„Nein, hör auf, bitte. Darum geht es mir nicht.", beruhigte Eva den Jungen, der sich nun auch noch Vorwürfe zu machen schien. „Belassen wir es einfach dabei, für's Erste."

...
... ...
... ... ...

Ballybofey. Vor 6 Tagen (Minewood-Zeit)

„Du kommst nicht mit, Ende der Diskussion!"

So wie die Worte einschlugen, so tat es auch die Holztür der Taverne in ihren Rahmen.
Es war späte Nacht und die meisten Menschen hier lagen längst im Tiefschlaf. Die zierliche Waldelfe Lily überraschte Eva zu dieser späten Uhrzeit mit ihrem seltsamen Anliegen scheinbar mehr als ihr lieb war. Die geschlossene Tür jedenfalls, beeindruckte das Elfenmädchen nicht im geringsten. So bahnte sich das gertenschlanke Mädchen eben ihren Weg durch ein offenes Fenster. Gelenk und wendig flatterte sie hindurch und konfrontierte die Menschenfrau erneut.

„Ich habe ein Recht darauf, mitzumachen! Und das weißt du!"

Eva konnte nur müde lächeln. Auch wenn die Elfe mit ihren zotteligen Haaren vor Wut raste.

Mitmachen? Das ist kein Spiel, Lily, das ist blutiger Ernst! Wie könntest du uns denn weiterhelfen?"

Wie sie es aussprach ... du ... Es traf das junge Elfenmädchen schwer. Schwerer, als beabsichtigt.

„Huh ... du Miststück! So wie Mama euch nicht helfen konnte? Wolltest du das sagen?! Ich hoffe du kommst nicht mehr zurück, und leistest deiner verdammten Mutter Gesellschaft im Jenseits!" Diese Äußerung brachte das Fass endgültig zum Überlaufen. Eva zückte ihr Kurzschwert und hielt es der Elfe drohend an die Kehle. „Nur zu, töte mich! Wie die Mutter, so die Tochter, nicht wahr?"

Kein Wort ertönte mehr aus Richtung der jungen Ritterin. Nur ein wütender Blick vermochte auszudrücken, was sie dachte. Lily nahm all das aus ihren großen Mandelaugen heraus wahr. Ein kurzes, verachtendes Mienenspiel später, flog sie ruckartig davon. Eva ließ ihr Schwert zu Boden sinken. Wieder einmal endete eine Begegnung mit der aufbrausenden Elfe im Streit, und diesmal war dieser so heftig wie nie zuvor. Innerlich bedauerte sie das Geschehene, nur zeigen könnte sie das wohl nie ... nicht ihr gegenüber.
... ... ...
... ...
...

Die Moral der Dunkelelfen in Vyers Faste war merklich getrübt. Niemand ging in diesen Stunden noch seiner Arbeit nach, der gewohnte Trott wurde von Ungeduld, Unsicherheit und Hass auf die Angreifer außer Kraft gesetzt. In den dunklen Gassen der Stadt am Grunde, in den Kasernen vor den Toren der Festung und auch im höchsten Turm, dem nun arg mitgenommenen Stolz des Diktators Gardif, wurden Pläne geschmiedet die frevelhaften Taten der Menschen zu vergelten. Im Thronsaal war sie versammelt, die gesamte Prominenz der Insel Caims.
Ortoroz, der stolze, bullige Stellvertreter des Lords, dem er ewige Treue schwor, und für den er ohne zu Zögern in den Krieg ziehen würde. Uriah, die Geliebte des ersten Offiziers, selbst die unausgesprochene Nummer zwei in der Hierarchie, jedoch erst kürzlich beim großen Führer in Ungnade gefallen. Anwesend war auch Vash, der aufstrebende, erst vor kurzem ernannte General, dem als solcher die Ehre zuteil wird, an dieser Art von bedeutungsschwangeren Treffen teilzunehmen und an den wirklich bedeutsamen Entscheidungen mitzuwirken. Gardif saß, der Situation trotzend, völlig entspannt in seinem Thron. Jeder wusste, dass auch Prana nicht weit war. Die legendäre „schlafende Hexe", wie man sie in weniger privilegierten Kreisen titulierte. Und zu seinem eigenen Bedauern war auch Jesz, der Aufseher anwesend, demütig im Rücken des Adels versteckt, den Blick ob der Prominenz ehrfürchtig gen Boden gerichtet.
Schließlich brach Ortoroz mit seiner wuchtigen, tiefen Stimme das Schweigen.

„Was hier geschehen ist, ist eine Schandtat, die gesühnt werden muss! Es ist zwar eine lange Reise nach Tapion Tey-Pi-Jen, doch wir könnten die Menschen ohne Probleme überrennen! Sie sind weder ..."

„Ruhig Blut, mein Freund!" Gardif unterband die rachsüchtigen Vorschläge seines ersten Offiziers mit erhobener Hand. „Das hat Zeit. Zumal die Menschen so ein Himmelfahrtskommando ganz sicher kein zweites Mal starten werden. Ja, in der Tat, sie haben uns mit einfachsten Mitteln überraschen können und schweren Schaden zugefügt. Eine Schande, wahrlich ... doch der Fehler lehrt uns, auch jede noch so kleine Bedrohung in Zukunft nicht mehr zu unterschätzen. Ein Vergeltungsschlag wäre zu diesem Zeitpunkt verfrüht, denn damit rechnen sie wahrscheinlich."

„Auf dem Kontinent haben sie uns gegenüber zudem einen Feldvorteil."

„Korrekt!"

Uriah warf diese Äußerung in die Runde, und zu ihrer Erleichterung teilte Gardif ihre Bedenken.
Einerseits war ein enges Verhältnis zum ergrauten Herren der Festung essentiell für ihre Zielsetzung, eines Tages in dessen Gunst Prana zu übertreffen und sie womöglich sogar zu ersetzen, andererseits beunruhigte sein launisches Wesen die stolze Dunkelelfe stark. Vor kurzem noch, hätte er sie fast umgebracht ... „Was tun wir stattdessen?"

Ortoroz klang alles andere als begeistert..

„Zunächst all das wieder aufbauen, was bei dem Anschlag zerstört wurde. Wir werden ihre gefangenen Artgenossen schuften lassen, sodass die geschundenen Seelen des Volkes zumindest ein wenig Genugtuung erfahren können."

Ohne mit der Wimper zu zucken unterbreitete der Tyrann seinem Gefolge das Vorhaben. Allem Anschein nach war Gardif wenig daran interessiert den Angreifern eine Lektion zu erteilen, was vorallem Ortoroz auf sein flammendes Gemüt schlug. In Reih' und Glied mit seiner Geliebten und dem Elf, der aller Voraussicht nach seine Nachfolge antreten würde, wäre seine Zeit eines Tages gekommen, stand er vor dem König. Sie alle hüteten ihre charakteristischen Helme wie ihr eigen Fleisch und Blut in den Armen. Das Naturell eines jeden der drei so speziellen Dunkelelfen war auf den ersten Blick ersichtlich, und strotzten sie alle auch vor Selbstbewusstsein, so würde es nur dem ältesten, Ortoroz, einfallen seinem Herren zu widersprechen, würde ihn das Gefühl beschleichen, dieser läge mit seinem Urteil nicht richtig. Die Widerworte lagen ihm auf der Zunge, doch vertraute Ortoroz auch dieses Mal auf die Weitsicht seines Herrschers.

„Lord Gardif, unglücklicherweise konnten einige der gefangenen Menschen bei den Angriffen fliehen. Wir verloren zwei Männer, und ein junges Mädchen ..."

„Ich weiß Bescheid, Vash! Ihr, so scheint mir, allerdings nur zur Hälfte ... Tatsächlich gibt es noch weitere schlechte Nachrichten." Gardif erhob sich aus seinem prunklosen Throns. „Sicherlich habt ihr euch längst schon gefragt, warum unser Freund Jesz dieser Audienz beiwohnt." Kaum erwähnte Gardif seinen Namen, zuckte der geradezu winzig wirkende Dunkelelf hinter seinen Artgenossen vor Schreck zusammen. Klein war er zwar nicht, auch nicht schwächlich gebaut, doch die gewaltigen Plattenrüstungen, die den Körpern der Generäle ganz neue Dimensionen verliehen, strahlten eine geradezu angsteinflößende Imposanz aus.

„Willst du uns nicht erzählen, was geschehen ist, oder soll dir etwa der Lord diese Bürde abnehmen?"

Vash richtete sich fordernd an den verängstigten Aufseher. Zumindest durfte er sich noch erklären.

„...N-nein! Natürlich nicht! Verzeiht, mein Herr, und habt Dank!" Jesz, dem Erschöpfung und Tortur des vergangenen Tages deutlich ins Gesicht geschrieben standen, versuchte sich nun mit aller Mühe zu erklären. „Es geschah nur wenige Minuten, nachdem wir das Territorium um Berra betreten haben. D-die M-menschen zettelten eine Revolte an, lehnten sich gegen uns auf und versuchten zu fliehen! Wir ... wir wurden völlig überrascht ... sonst sind sie stets gehorsam ge..."

„Sie versuchten zu fliehen, Jesz?"

Wieder war es Vash, der den niedrigsten Rang inne hatte und sich somit dieser Aufgabe wohl verpflichtet fühlte, der das Verhör übernahm."

„W-w-wir konnten die meisten aufhalten, ja! Nur zwei entkamen, und zwar verletzt! Alle anderen konnten wir letztlich bezwingen! ... überlebt haben sie nicht ... nein."

„Also sprichst du von sechs verlorene Sklaven!? Und das zum ungünstigsten aller Zeitpunkte! Zu allem Überfluss starb auch eine Wache in Folge des Angriffs, richtig?"

Ausflüchte würden ihm nicht weiterhelfen, soviel war dem zittrigen Dunkelelf klar. So entschloss sich Jesz mutig zumindest seine Würde zu erhalten.

„...J-ja, mein Herr. Es tut mir Leid! Ich war verantwortlich für die Karawane, und habe versagt."

Vash näherte sich dem Untergebenen auf wenige Schritte. Nun stand Jesz vollends im Schatten des hoch aufgeschossenen Generals. Er war recht jung, für solch einen hohen Rang und erhielt sich bisher sein makelloses Gesicht - ganz anders, als man das von einem Kriegsherrn erwartete. Vash schien allergrößten Wert auf sein äußeres Erscheinungsbild zu legen. Der dunkelblaue Stahl seiner Rüstung glänzte, als wäre er erst vor Minuten geschmiedet, geschliffen und veredelt worden. Elegante, dünne Muster aus goldenen Linien verzierten die Ränder der Platten. Eine wahrhaft adelige Gestalt, dessen kurzes, schwarzes Haar eigentlich nur noch die Krone vermissen ließ, die die königliche Ausstrahlung abgerundet hätte.
Er legte seine Hand, eingehüllt in einen Panzerhandschuh, auf die Schulter seines Artgenossen, und führte ihn so einige Schritte durch den Raum. Zunächst nahm Jesz dies überhaupt nicht wahr, zu viele Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Falsche Gedanken ...

„Richtig! Einsicht war ja stets eine deiner Stärken. Allerdings, so fürchte ich, wird das kaum ausreichen, um Lord Gardif, Kommandant Ortoroz oder gar Lady Uriah zufrieden zu stellen. Ich persönlich bin ein Verfechter des Gnade vor Recht-Prinzips ... aber in diesem Falle fürchte ich ..."

Mit seiner sanften Stimme hatte er die Aufmerksamkeit Jesz' zu jeder Zeit sicher. Dieser wusste gar nicht, wie ihm geschah, als ihn Vash mit einem gewaltigen Ruck von den Füßen riss, und mit Leichtigkeit durch das karge Oval beförderte, dass sich Fenster schimpfen ließ. Brutal, und ohne jede Gefühlsregung.
Der Turm war so hoch, dass man den Aufprall unmöglich hätte wahrnehmen können; das langsame Verstummen des schrillen, verzweifelten Schreiens den der bemitleidenswerte Elf ausstieß, vernahmen sie jedoch alle..

„War das nötig?"

Mit scharfem Blick verurteilte Uriah die Aktion des Kriegers. Gardif nahm ihm die Antwort ab.

„Wieso? Ich habe mich lange nicht mehr so köstlich amüsiert ... muha ha ha!"

Ortoroz hatte für diese Art Bestrafung nichts übrig, vorallem gegen die eigene Spezies. Dem Getöteten wurde seine Würde genommen. Ein Unrecht, welches den Kommandanten seinen prädestinierten Nachfolger verachteten ließ. Erneut jedoch hielt sich der bullige Offizier im Zaum.

„Wie dem auch sei. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass wir es dem Volk schuldig sind, die Verfolgung aufzunehmen, alles andere würde der Moral nur noch mehr schaden."

„Ja ja, von mir aus. Aber nicht im großen Stile, in keinem Falle. Ich erlaube Uriah, ihre Jäger auszusenden. Sie sollen sich bedeckt halten und herausfinden, welche Pläne die Menschen schmieden. Ich kann und will nicht riskieren die Armee in einem überflüssigen Geplänkel mit den verdammten Erdenbewohnern zu dezimieren. Es stehen große Prüfungen bevor, die weit wichtiger sind, als solche überflüssigen Fehden. Veranlasst alles Nötige und stellt sicher, dass der Unmut unter den Bewohnern nicht noch weiter zunimmt!"

„Jawohl, mein Lord..." - „Jawohl!" - „Jawohl!"

Alle drei verließen mehr oder minder zufrieden gestellt den Thronsaal. Uriah spielte der Vorschlag Gardifs perfekt in die Karten, dennoch war sie heilfroh, Gardifs Gemäuer endlich verlassen zu können. Pausenlos machte sie sich Gedanken, ob Prana in ihrem Kopf herumspukte, und ob sie, als die noch deutlich unterlegene Magierin, dies überhaupt bemerken würde? Die Hexe stellte eine große Gefahr für sie dar; würde sie die Zweifel in ihr erst bemerken, hätte Uriah schon sehr bald ausgespielt.


Geschlagene zwei Stunden verbrachten die beiden so unterschiedlichen Menschen nun schon zusammen an diesem verträumten Ort und tauschten ihre Geschichten aus. Die junge Frau saß immer noch in fast unveränderter Pose nachdenklich auf dem kühlen Gestein, Peter dagegen vertrat sich unlängst die Beine und musterte ehrfürchtig das meisterlich geschmiedete Kurzschwert, dass ihm seine Wohltäterin, zu seiner freudigen Überraschung, für einen Augenblick überlassen hatte.
Eva erzählte dem wissbegierigen Neuankömmling vieles über die verschiedenen Stämme der Elfen, über die fantastische Artenvielfalt dieser Welt und atemberaubenden Landschaften, die man einfach mit eigenen Augen gesehen haben musste. Nur die in diesen Momenten wirklich bedeutsamen Themen, wagte der Junge seit dem Gefühlsausbruch der jungen Dame nicht mehr anzuschneiden, auch wenn viele Fragen geradezu darauf brannten, gestellt zu werden. Über Umwege versuchte Peter sich einen Weg zurück zum Ursprung zu bahnen.

„Und du? Kamst du auch durch das Portal an diesen Ort?"

„Huh? Nein nein, ich bin hier geboren." Die Antwort überraschte den Jungen nicht. „Ich weiß weniger über Erde, als du über Minewood, eben nur das, was mir meine Freunde erzählt haben, die dein Schicksal teilen."

„Verstehe."

Geschickt führte der Franzose das Schwert in seiner rechten Hand, vollführte sogar einige beeindruckende Kunststückchen mit dem rasiermesserscharfen Stahl, sehr zur Verwunderung der jungen Dame.

„Kennst du dich damit etwa aus?"

Erst jetzt realisierte Peter, wie seltsam sein Posieren mit dem Schwert auf Eva wirken musste.

„Ähem, oh ... Nein, nicht wirklich. Ich habs mal für ein paar Monate mit Kendo versucht. Fechten auch. Tja ... ja ... Hab in den letzten fünf Jahren allen möglichen Quatsch ausprobiert, bin aber bei keiner Sache wirklich hängen geblieben, außer ..."

Peter setzte ab, es war ihm unangenehm, weiter auf seine Lebensgeschichte einzugehen. Unglücklicherweise übernahm Eva einfach das Ruder.

„... Krafttraining?"

„Wie bitte?"

„Ob du trainierst? Es sieht jedenfalls so aus."

Es ließ sich nicht leugnen, dass Peter der aufmerksame Blick der jungen Dame schmeichelte.

„... erwischt."

„Hab ich's doch gleich gewusst!", lobte Eva ihren eigenen Scharfsinn. „Ernsthaft, du würdest einen guten Ritter abgeben!"

Der Kommentar schmeichelte dem Jungen zwar noch mehr, doch die Vorstellung in den Krieg zu ziehen, obendrein nach all den barbarischen Bildern, die er hatte mit ansehen müssen, ließ seine Stimmung rasch abebben.

„Nein danke, kein Interesse."

„Jammerschade, das wäre wirklich die reinste Verschwendung deines Talents. Vielleicht ..." Eva sprang auf, näherte sich dem Jungen und irritierte ihn mit einem gewollt eindringlichen Blick. Nur Augenblicke später, entriss sie Peter das Schwert in eleganter Manier und hielt ihm die Waffe bedrohlich unters Kinn. Sicher war es nicht ernst, geschweige denn böse gemeint, was die Sache für Peter jedoch nicht angenehmer machte. „... änderst du deine Meinung ja noch, wenn du erst etwas mehr Zeit hier verbracht hast."

„Ich will hier wieder weg, Eva, und zwar so schnell wie möglich!"

Sie senkte ihre Waffe wieder und so auch ihren Blick.

„Das sagtest du schon.", erinnerte sie den Jungen an an seine eigenen Worte. „Wenn es nur so einfach wäre ..."

„Wieso ist es das nicht? Wieso? Wenn es ein magisches Portal gibt, das die Menschen hier herbringt, dann muss es auch einen Weg zurück geben, nicht wahr?"

Eva hatte sich längst wieder von dem Jungen abgewandt, ihm den Rücken gekehrt. Nachdem sie ihm eine Zeit lang eine lebhaftere, unbeschwertere Seite ihrer Persönlichkeit offenbarte, zog sie es nun wieder vor, ihre souveräne und wenig umgängliche Art an den Tag zu legen; wohl auch um sich gewisse, unangenehme Einzelheiten zu bewahren. Noch war er nicht bereit, alles zu erfahren, soviel war sicher.

„Ja! Es gibt ihn, den Weg zurück in deine Welt! Aber was glaubst du, wer die Kontrolle darüber hat, und wie gedenkst du, das zu ändern? ... kämpfen willst du ja nicht."

Dummerweise machte all das Sinn. Natürlich waren die Dunkelelfen, allen voran Gardif, Herren über das Portal, soviel hätte er sich auch selbst denken können. Die Hoffnungen, sein zu Hause allzu bald wiedersehen zu können, schwanden.

„U-und was habt ihr die ganze Zeit über getan? Du sagtest, du wärest hier geboren, wie alt bist du, zwanzig Jahre vielleicht? In all dieser Zeit habt ihr nichts unternommen? Nicht versucht, Gardif zu stürzen, oder ..."

„Wir haben es versucht, unser Leben riskiert, vor kurzem erst, du erinnerst dich?"

„Pff ... aber ..."

„Aber? Du weißt doch gar nicht, wovon du redest!" Eine erneute Brandrede lag in der Luft. „Es ist wie es ist! Gardif hat die Macht und die nötigen Mittel sich sein Monopol auf Caims zu erhalten. Denkst du, das gefällt mir? So viele unsägliche Gräueltaten hat dieses Monster verübt. An unserer Art, Peter! Du ... bist doch noch glimpflich davon gekommen!"
Es schien, als wollte sie den Neunzehnjährigen sein Glück zum Vorwurf machen. „Über die Jahre haben viele Frauen und Männer versucht Lord Gardif zu stürzen. Den alten Mann, hoch oben in seinem Turm ... doch sie scheiterten ... starben ..." Das undankbare Schicksal der Menschen, von denen sie sprach, ging Eva sichtbar nahe. „Auch ich wäre in den Tod gegangen, gern in den Tod gegangen, für den Erfolg unserer Mission, doch es sollte einfach sein ..."

Eine Zeit lang, schwiegen sich die beiden erneut an.

„Achtzehn. Ich bin achtzehn."

„So ist das also. In solch jungen Jahren schon vom Sterben zu reden, das ist das eigentliche Drama."

„Schon möglich, liegt wohl in der Familie."

Wieder stockte die Konversation. Immer wenn das für Peter bedeutsamste aller Themen angeschnitten wurde, drohte ein Pulverfass zu explodieren.

„Deine Eltern, sind sie auch hier geboren und aufgewachsen?"

Diesmal ohne Umschweife, antwortete Eva dem Jungen, der sie schon zu oft zu unangenehmen Gefühlsausbrüchen zwang.

„Meine Mutter war sehr jung, als sie hier ankam. Durch das Portal, versteht sich. Meinen Vater habe ich nie kennen gelernt, und das ist wohl auch besser so." Abgründe taten sich auf. Es war nicht am Franzosen, weiter darauf einzugehen, dafür war es noch viel zu früh. Trotzdem stimmte Evas Geschichte den Jungen bedenklich, und das konnte er nicht verbergen. „Mach dir nichts draus, das ist Vergangenheit, und ich habe damit abgeschlossen, schon vor langer Zeit. Vergessen wir das einfach. Im Prinzip kann ich deine Aufregung ja verstehen, ich denke, ich schulde dir noch ein paar Antworten, immerhin musst du dich hier ziemlich verloren fühlen."

„Es könnte schlimmer sein, ich könnte noch immer in dem Verließ festsitzen, oben im Turm, oder für die Spitzohren den Sklaven machen ..." Der Ritterin gefiel diese positivere Sicht der Dinge viel besser, als das ansonsten eher frustrierte Naturell, welches sie von den meisten Menschen gewöhnt war. „Tja dann ... Sag, was habt ihr jetzt vor? Du scheinst dir ja sehr sicher, dass Gardif den Angriff überlebt hat. Fürchtest du nicht, dass die Dunkelelfen vielleicht reagieren werden?"

„Das könnte passieren, ja. Ein Racheakt wäre allerdings sogar wahrscheinlicher, wenn es Gardif erwischt hätte. So oder so werden wir Morgen den Rückzug nach Tapion antreten."

Peter wurde hellhörig.

„Ja, du erwähntest das vorhin schon einmal. Ist das sowas wie eure Hauptstadt?"

„Es ist der einzige Ort, an dem ausschließlich Menschen leben, Frauen, Kinder, ganze Familien. Unsere Zuflucht, die es nun zu beschützen gilt. Wir werden dich natürlich nicht zwingen, mit uns zu kommen, allerdings würde ich es sehr begrüßen. Einige Männer starben beim Angriff auf Vyers."

„Ja, die Elfe erzählte davon. Es muss euch schwer erwischt haben."

Die blonde, junge Frau lächelte verhalten.

„Ach, Lily ... du solltest sie nicht zu ernst nehmen, sie wird gern melodramatisch. Die meisten schafften es zurück, glücklicherweise."

„Schön das zu hören."

Peter hatte die versteckte Frage von zuvor nicht bemerkt, oder auch nur unbewusst verdrängt, doch dauerte es nicht lange, bis Eva ihn erneut damit konfrontierte.

„Also, wirst du nun mit uns kommen, oder nicht?"

„Alles andere wäre im Moment wohl die schlechtere Lösung, nicht wahr?"

„Wenn du mich fragst, ja!"

„Dann ist es beschlossene Sache, denke ich."

Eva reichte ihm freundschaftlich die Hand und schenkte dem Jungen ein unwiderstehliches Lächeln, dass ihn herzlich einlud, diese Geste zu erwidern. Gerade als Peter einschlagen, und somit den nächsten Schritt einleiten wollte, unterbrach eine beunruhigende Geräuschkulisse den Moment.
Zunächst drang nur ein lautes Rascheln aus den tiefen des Waldes hinter dem Flußverlauf bis zu ihnen vor. Nur Sekunden später, knickten die jungen Bäume vor den Augen des Duos so als wären es Streichhölzer zur Seite, während sich ein dickhäutiges, zweieinhalb Meter hohes, groteskes Fabelwesen wuchtig seinen Weg zu ihnen hindurch bahnte.

„Was???"

Die Frau hatte ihr Schwert längst gezückt und sich schützend vor dem größeren und auch kräftigeren Jungen postiert. Schließlich war ihm überhaupt nicht bewusst, welche Gefahr sich ihm mit gewaltigen Schritten näherte

„Verdammter Gamm! Wie kommst es bloß an diesen Ort?"

Eva war auf den Punkt konzentriert und bereit dem Monstrum entgegenzutreten. Auch Peter war dieser Art Fabelwesen in Vyers schon begegnet, dort allerdings hielten die Dunkelelfen die riesigen Monster jedoch wie ihre Schoßhunde. Hier, in freier Wildbahn, offenbarte sich erstmals die raue und brutale Natur dieser Wesen vor den Augen des Franzosen.

„Du solltest verschwinden, Peter!"

„WIR sollten verschwinden, und zwar schleunigst!"

„Nein, sieh genau hin! Es ist verwundet, schwer sogar! Es fehlt nur noch der Gnadenstoß und dann ..."

Kaum hatte sie es ausgesprochen, ereilte das Untier just dieses Schicksal. Ein Speer durchbohrte die dickhäutige Brust des Biests und ließ es in ohrenbetäubender Lautstärke aufschreien. Der schrille Ton verstärkte den Eindruck Peters, es handle sich bei diesen Gamdschas um eine abstrakte Form von Schweinen. Der Aufprall des massigen Fleischbrocken ließ den Erdboden erzittern.
Die Gefahr schien verflogen, und so suchte Peter die Umgebung neugierig nach dem Speerwerfer ab. Eva hingegen wandte sich dem Wesen zu, das in seinen letzten Zügen lag. Sie bemerkte zunächst nicht, wie sich eine Dunkelelfe hinter ihrem Rücken heranpirschte, einen Dolch in der rechten Hand und mit dem unbändigen Willen ausgestattet, ihn ins Fleisch der jungen Menschenfrau zu stoßen.
Ohne Peter auch nur anzusehen, stolzierte sie in aller Seelenruhe auf die abgelenkte Ritterin zu. Dem Franzosen war sofort klar, was zu tun war, und so stürzte er sich auf die Elfe - bereit sie zu töten, sollte das nötig sein. Seines fatalen Fehlers konnte er sich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht bewusst sein.
Ohne Schwierigkeiten rang er die hochgeschossene Frau zu Boden, die erstaunlich wenig Gegenwehr zeigte. Seine Hände schlossen sich fest um ihren Hals und all die noch so frischen Erinnerungen an die erbarmungslosen Gewalttaten, die er miterleben musste, schossen ihm dabei durch den Kopf. Er ließ sich nicht von ihrem hübschen Gesicht, auch nicht von ihrem ängstlichen Blick irritieren, er musste Eva beschützen.

„PETER! -
PETER, NEIN!!!"

Der Junge nahm ihre verzweifelten Schreie zunächst nicht wahr, wohl aber den schmerzhaften Hieb, der seine rechte Schläfe traf, und dessen Wucht ihn glatt von seinem Opfer riss.
Gerade, als Peter seine fünf Sinne wieder ordnen konnte, stemmte ihn ein schwer gepanzerter Ritter mit auffällig grünem Haar in die Höhe, und nagelte ihn gewaltsam fest. Er drückte den völlig perplexen Jungen gegen einen Baum, hielt ihn mit nur einer Hand in der Luft und schlug erneut mit voller Wucht zu, dieses Mal in den Magen. Der Schlag wurde durch den massiven Plattenhandschuh des Mannes noch verstärkt. Peter spuckte Blut und fiel anschließend unsanft auf die Knie. Den Gnadenstoß, hätte nun der Unglücksrabe nötig gehabt, und es wäre um ihn geschehen gewesen.

„Aufhören, verdammt nochmal! Er gehört zu mir!"

Evas Worte veranlassten den Ritter von Peter abzulassen. Falscher hätte dieses erste Aufeinandertreffen wohl kaum ablaufen können, auch wenn er dieses Mal zumindest bei Bewusstsein blieb. Mit schmerzverzerrtem Gesicht krümmte sich der Franzose am Boden. Den Überblick hatte er erneut völlig verloren. Das Ziel seines überhasteten und offensichtlich völlig überflüssigen Angriffes, erholte sich schnell von den Attacken des Jungen. Wer waren die beiden bloß?, schoss es dem Neunzehnjährigen unentwegt durch den hämmernden Schädel.

...
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Ballybofey. Vor Vier Tagen (Minewood-Zeit)

Stets im Dunkel der Nacht ...
Nur Nachts trieb es die stolze Kriegerin Eva an diesen Ort. Es war ein Garten, umhüllt von undurchdringlichem Dickicht und natürlich dem Wald, dem Schutzwall der Lichtelfen und ihrer Gäste. Es blühten hier allerdings kaum farbenprächtigen Pflanzen, auf diesem Friedhof trugen die Menschen Minewoods ihre Liebsten zu Grabe und ehrten sie nach ihren ganz eigenen Vorstellungen. Durch die Aufgabe persönlichen Besitzes etwa.
Ein Ring hier, ein Schwert dort ... jeder, der eine Freundin, einen Freund, einen Mann, eine Frau, Mutter, Vater, Sohn oder Tochter an diesem Ort die letzte Ehre erwies, ehrte jenen Menschen auf diese Weise.

Es war die erste Nacht, in der Eva ihrer Mutter ein Geschenk machte. Eine magische Nacht. Bis zu diesem Zeitpunkt blieb das Grab im Zentrum des Gartens unberührt, über vier Jahre lang.
Eva legte zaghaft ein Hufeisen vor den Marmorstein und überschaute wehmütig den gesamten Friedhof. Es lagen schon zu viele Menschen hier, und fast alle starben lange bevor ihre Zeit gekommen war.

„Hallo Mama ..." Unbehagen ließ das blasse Mädchen absetzen. Sie war nicht gut in solch sentimentalen Dingen, aber diesmal, würde sie ihre inneren Dämonen besiegen und endlich mit sich ins Reine kommen, das hatte sie sich für diese besondere Nacht fest vorgenommen.

„Ich hab's gefunden ...", berichtete die junge Frau verlegen. „... du würdest nie drauf kommen wo ..." Ihr Blick wanderte auf den matt schimmernde Glücksbringer. „Lily hatte es eingesteckt, und es all die Jahre über aufgehoben. Ich glaube nicht, das sie mich ärgern wollte, nein, ich denke, sie war einfach zu stolz, um es mir auszuhändigen. Verübeln, kann ich der Kleinen das nicht ..." Ihre Mimik wurde wieder ernster. „Momo kam damals nicht zurück, Mama ... wie sollte er auch? Ich frage mich, ob wenigstens er noch lebt und ich ihn wiedersehen werde, wenn ich ..."

Wie ihre Mutter auf das Kommende wohl reagiert würde, wäre sie noch am Leben?

„Richtig, das weißt du ja noch gar nicht. Mein Entschluss steht fest, wir werden Vyers angreifen und Gardif töten. Der alte Mann ist längst überfällig, und diesmal wird es funktionieren, nicht wie damals! Endlich bringen wir zu Ende, was du angefangen hast!" Tränen zwangen sich allmählich an die Oberfläche. „Würdest du mich aufhalten? Würdest du mir die Sache ausreden wollen? Wahrscheinlich ... aber es würde nichts nützen, schließlich bist du damals auch aufgebrochen, obwohl ich es nicht wollte." Zu keiner Zeit klang Eva vorwurfsvoll. Das hatte sie spätestens seit dieser Nacht hinter sich gelassen. „Sollte ich es dir gleich tun, und auf Caims mein Ende finden, so wird zu Hause wenigstens niemand Trauern ... so wie ich damals ... ---
Lily hasst mich, die Soldaten zweifeln an mir ... jeder ist nur noch mit sich selbst beschäftigt. Die meisten würden es wohl vorziehen, nach Tapion zurückzukehren, ein für alle Mal. Sie wollen dort ein beruhigtes Leben führen und einfach die Augen vor Gardifs Verbrechen verschließen." Zornig ballte das blonde Mädchen in ihrem Schoß die Fäuste. Ihre Fingernägel bohrten sich regelrecht in ihre Handflächen. „Nicht solange es mich gibt ... Auf keinen Fall!"

Mit jeder Sekunde, die verstrich, bröckelte ihre Gefühlsblockade vor sich hin, so war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die junge Frau zusammenbrach.

„Warum wolltest du zurück? Die ganze Zeit, die du hier verbracht hast ... waren das alles verschwendete Jahre? Du hast mich großgezogen, hier in Minewood, und trotzdem war dein Herz immer bei den Menschen auf deiner Erde ... was ist nur so faszinierend an diesem Ort? ---
Ich verfluche ihn! Dafür, dass er mir meine Mutter wegnahm! Dafür, dass ich niemals verstehen werde, was er dir bedeutete! Dafür, dass ich ihn niemals ... n-niemals ..."

„... niemals sehen werde." Aus dem Nichts tauchte das Elfenmädchen Lily auf. Sie flog nicht, wie üblich, sondern tappte geschickt und lautlos durch das feuchte Gras. „Niemals sehen, niemals riechen, niemals schmecken, niemals ... fühlen."

„L-Lily??? Was tust du hier? Bist du mir etwa gefolgt?"

„Ich habe das alles schon einmal gehört. Vor vier Jahren ..."

Eva wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, und konfrontierte ihre Freundin aus unbeschwerteren Zeiten erneut.

„Wieso folgst du mir?"

Peinlich berührt neigte Lily ihren Kopf. Sie wollte Eva nicht in diesem Zustand in die Augen sehen, aus noch immer vorhandenem Respekt. Die kleine Elfe wusste genau, wieviel Wert Eva auf ihre Fassade als starke, selbstsichere Anführerin legte, auch wenn sie leichter zu durchschauen war, als sie das vielleicht dachte.

„Ich habe dich beobachtet, wie du in meinem Zimmer meine Truhe durchwühlt hast. Es war mein gutes Recht, dich zur Rede zu stellen! Konnte ja nicht ahnen, dass du ausgerechnet hierher unterwegs bist."

„Es tut mir Leid."

„Das?" Sie zeigte auf das Hufeisen auf der Grabfläche. „Das muss dir nicht leid tun, wirklich nicht. Es gehört dir, du hättest es längst von mir bekommen müssen. Mir tut es leid, dass ich es nicht geschafft habe, auch nur einen einzigen Tag all die Verachtung zu verdrängen, die ich für dich empfinde."

Gerade als sie dachte, Lily würde Einsicht zeigen, und diese Nacht womöglich die Wende in der zerrütteten Beziehung zwischen den beiden darstellen, musste Eva diesen erneuten Tiefschlag einstecken.

„Wieso ist das so, Lily? Ich wollte doch selbst nicht, dass es so endet, und das weißt du!"

„Deine Mutter ist Schuld! Und du bist schon ganz genau so wie sie es einst war! Das selbe Blut, der selbe Mensch."

„Ist das der Grund???", entfuhr es Eva fast schon hysterisch. „Das kann doch unmöglich sein, Lily! Ich würde mein Leben geben, wenn ich sie wieder lebendig machen könnte. Habe ich diesen Hass wirklich verdient? Wie kann ich es wiedergutmachen, was ich ... was sie getan hat? Was muss geschehen, bis du mir verzeihst?"

Lily fühlte sich bedrängt. Sie kannte die Antwort auf alle Fragen, die das Mädchen, mit dem sie aufgewachsen war, stellte, doch sie war zu stolz, zu dickköpfig und vorallem zu jung sie ihr zu geben.

„Was hilft mir das? Du würdest dich opfern ... pff, aber es bringt nunmal nichts! Alles dummes Geschwätz. Mama wird nie wieder lebendig, und was am Schlimmsten ist, sie ist umsonst gestorben, weil sie Lara blind gefolgt ist! Eine Waldelfe, die auszieht, zu töten!? Soweit hat deine Mutter sie gebracht!"

Niedergeschlagen gab Eva es auf, sich weiter zu erklären. Es hatte ja doch keinen Sinn.

„... bitte verzeih mir, Lily."

Die Elfe versuchte sich zu beruhigen und verabschiedete sich mit flüsternder, aber eindringlicher Stimme.

„Und du wirst auch sterben, denn das ist es ja, was du willst."

Es waren die letzten Worte, die in dieser Nacht gesprochen wurden. Beide wussten, das es die letzten überhaupt sein konnten. Unendlich viele Gedanken an Lily und den wahren Ursprung für all den Hass im Innern der zierlichen Gestalt würden Eva in dieser Nacht einen ruhigen Schlaf verwehren. Ob der richtige ihr Erleuchtung schenken würde?
Sie hoffte es.
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