– Prolog

Vorsichtig schlich er durch die verlassenen Gänge. Die Zeit hatte an den Wänden und Decken des Gebäudes genagt und er wunderte sich sehr, warum es noch nicht eingestürzt war. Alle möglichen Sicherheitsmechanismen und Fallen waren nach so langer Zeit garantiert nicht mehr funktionstüchtig, vor allem, wenn er den ganzen Sand betrachtete, der inzwischen in das Gebäude eingedrungen war.

Dennoch warnten ihn seine Sinne vor Gefahren. Er wusste, dass er dem friedlichen Anschein der Anlage nicht trauen durfte.

Er blickte kurz auf sein Navigationsgerät, auf dem er selbst als grün blinkender Punkt zu erkennen war. Der Weg war nicht mehr sehr weit…

Schritt für Schritt folgte er dem Gang, der aus kaltem Stahl bestand und weiter ins Innere der Ruine führte.

Er befand sich auf einem Wüstenplanet, der merkwürdigerweise den Namen „Lost Cradle" – also „Verlorene Wiege" trug. Möglicherweise war der Planet vor langer Zeit ein grünes Paradies gewesen, aber inzwischen herrschte hier nur noch Sand und Wüste. Insofern war es eigentlich schon ein Wunder, das man diese Ruine entdeckt hatte.

Allerdings stellte sich ihm die Frage, was wohl so wichtiges in den Ruinen versteckt sein könnte. Andererseits konnte es ihm egal sein – er wurde dafür bezahlt, jegliche interessanten Dinge und nach Möglichkeit ein Backup des Hauptcomputers zurück zu bringen.

Die ‚RedStar Enterprises' zahlten für diesen doch recht einfachen Auftrag sehr gut, weshalb er beschlossen hatte, ihr Interesse nicht zu hinterfragen.

Er war am Ende des Ganges angekommen und blickte auf sein Navigationsgerät. Links von ihm waren Teile des Gangs eingestürzt und unpassierbar, vor ihm lag ein Aufzugsschacht und rechts von ihm verschwand ein Gang in der Dunkelheit.

Sein Zielpunkt lag im Moment genau dort wo er war – nur einige Etagen tiefer.

Er steckte das Navigationsgerät wieder weg und machte sich daran, die schweren Türen vor ihm zu öffnen, die schließlich knirschend Nachgaben. Vor ihm führte der Schacht in die Tiefe, an der Seite war eine Leiter angebracht.

Er musste hinabsteigen, wenn er seinen Auftrag erledigen wollte und da er wahrscheinlich nie wieder so einfach an Geld kommen würde, biss er in den sauren Apfel und begab sich auf die Leiter.

Er stieg tiefer in die Dunkelheit hinab, weshalb seine Augen bald auf Infrarotsicht schalteten und ihn so noch Teile der Umgebung erkennen ließen.

Mehrere Stockwerke tiefer konnte er schließlich von der Leiter abspringen und sich auf den Aufzug stellen, der vor einiger Zeit zu Boden gestürzt war. Das Stahlseil, das den Aufzug bewegt hatte, war durchgerostet und hatte sich wie eine lange Schlange auf dem Dach der Kabine niedergelassen.

Dadurch, dass der Aufzug ein halbes Stockwerk zu tiefer gestürzt war, bevor der Schacht schließlich endete, konnte er direkt die Türen öffnen, ohne zuerst kompliziert in die Kabine steigen zu müssen.

Er brauchte einige Momente, um die – einen Spalt breit offene Tür – ganz zu öffnen.

Geschmeidig ließ er sich durch den Spalt auf den Gang dahinter hinab und blickte sich im Dunkeln um.

Der Raum, in dem er stand war eine einzige Ruine. Dicke Kabel hingen von der Decke, die Wand- und Deckenverkleidung war an einigen Stellen herunter gefallen. An anderen Stellen waren Monitore und Tastaturen zu sehen…

Er hatte anscheinend wirklich den Hauptkontrollraum gefunden, aber er bezweifelte, dass er noch irgendwelche Informationen von hier bekommen könnte.

Er stieg über einige Kabel zu einer Konsole im hinteren Teil des Raumes. Er fand mehrere Anschlüsse vor, die tatsächlich zu der Ausrüstung zu passen schienen, die er von seinem Auftraggeber erhalten hatte.

Skeptisch machte er die nötigen Verbindungen, öffnete an einer Seite den Rest der Verkleidung und schloss einen mobilen Generator an, der den Computer mit Strom versorgen sollte.

Skeptisch drückte er den Knopf an dem kleinen Gerät und wartete, während das leise Summen den Raum zu erfüllen begann.

Kurze Zeit später erwachte ein Bildschirm zum Leben, eine fremde Schrift auf den halb zerstörten Monitoren. Als nächstes begannen die Geräte zu Arbeiten, die er mitgebracht hatte. Nach und nach änderte sich die Schrift, zeigte ihm bekannte Zeichen in einer ihm bekannten Sprache.

Er konnte Dinge ausmachen die „Blue Star Project" angaben, mit einigen Texten, bevor er immer wieder rote Hinweis-Schilder mit „Error" erkannte.

Anscheinend lief der Datentransfer nicht so gut ab, wie es sich sein Arbeitgeber vorgestellt hatte.

Er wartete einige Zeit, in der die Geräte in Ruhe arbeiteten, bevor er zum ersten Mal einen neuen Datenchip in das externe Laufwerk setzen musste.

Die Zeit zog sich länger als ein Kaugummi und er musste sich immer wieder vor Augen führen, wofür er das alles tat.

Eine plötzliche Explosion ließ ihn aufschrecken. War etwa noch jemand hinter den Daten her?

Leise schlich er zum Aufzugschacht zurück und lauschte. Er hörte tatsächlich Stimmen, Stimmen die näher kamen. Anscheinend hatte er Glück gehabt, da sie nun ins Flüstern verfallen waren und anscheinend nicht gehört werden wollten. Nervös blickte er zurück auf den Bildschirm, auf dem eine weitere Meldung erschienen war.

Er konnte zwar nur die Hälfte erkennen, aber er wusste, dass er dazu aufgefordert wurde, den zweiten Datenchip zu entnehmen.

Er schlich leise zurück zu dem Gerät und drückte den Auswurfknopf, steckte den zweiten Chip zu dem ersten in eine kleine Handgroße Box und verstaute diese in seiner Jacke.

Er wollte gerade die Ausrüstung einsammeln, als er auf dem Bildschirm eine neue Nachricht ausmachte.

Er konnte nur Wortfetzen sehen, die von „sofort Verlassen" und „zerstören" sprachen. In ihm stieg ein mulmiges Gefühl hoch, das sich bestätigte, als er wieder auf die Geräte sah, die noch immer liefen.

Es wurde eine Uhr angezeigt, die langsam von dreihundert bis 0 zählte.

Er hatte also weniger als fünf Minuten, um die Ruine zu verlassen, bevor diese Bombe hochging.

Jetzt wurde ihm klar, warum sein Arbeitgeber nicht selbst hinabgestiegen ist, warum er so gut bezahlt wurde… Er hätte das Kleingedruckte im Arbeitsvertrag genauer lesen sollen.

Er fluchte lauthals, als er zum Schacht rannte und so schnell er konnte die Leiter hochkletterte. In seinen Gedanken zählte er die Sekunden mit, während er Sprosse um Sprosse zurück nach oben kletterte.

183… 182… Über sich konnte er Licht ausmachen. Jemand war mit Taschenlampen in die Ruine eingedrungen und inzwischen beim Aufzug angekommen.

So schnell er konnte nahm er die letzten Stufen und sprang zurück auf den Korridor, durch den er zuvor gekommen war.

Zwei Fremde standen vor ihm und richteten Blitzschnell eine Pistole auf ihn.

Er hatte keine Zeit, um mit ihnen zu reden und da sie augenscheinlich feindlich waren, reagierte er so schnell er konnte. Er sprang vorwärts, rollte sich über den Boden ab und kam zwischen den beiden Männern zu stehen, die er mit einem Kräftigen Faustschlag links und rechts ins Reich der Träume beförderte, bevor er weiter rannte.

158… 157… Der Korridor kam ihm plötzlich viel länger vor, als auf dem Hinweg. Er bog um eine Ecke, gerade noch bevor hinter ihm rote Strahlen auf das kalte Metall fielen und es zum Schmelzen brachten.

Die Männer hatten sich schneller erholt, als ihm lieb war. So schnell er konnte, sprintete er die Treppen empor und stand in der prallen Sonne des Planeten, die gnadenlos auf ihn herab schien.

102… 101… Er rannte zu seinem Raumschiff, das neben einem fremden Schiff auf dem Platz vor dem Gebäude stand. Ein großes gelbes Symbol war auf den Platz gezeichnet worden. Wahrscheinlich befand er sich im Moment sogar auf dem Dach eines riesigen Komplexes – der jeden Augenblick zu explodieren drohte.

Er holte eine kleine Fernbedienung aus seiner Jacke und drückte einen Knopf, woraufhin die Rampe des Raumschiffs langsam hinunterfuhr.

Panisch drehte er sich immer wieder um. Er war sich sicher, dass seine Verfolger jeden Augenblick hinter ihm auftauchen würden.

87… 86… Er schwang sich auf die Rampe, noch bevor sie ganz herunter gefahren war und drückte erneut den Knopf – woraufhin sich die Rampe wieder zu schließen begann.

Dann hörte er einige Schüsse, von denen welche durch die Rampe in den Innenraum fielen und Teile der Decke zum Glühen brachten.

„Ivie… Generatoren starten, Antriebe starten und so schnell wie Möglich abheben!" Er ignorierte das Glühen, sondern begab sich auf dem schnellsten Weg ins Cockpit, im Kopf immer noch zählend. Er konnte noch hören, wie weitere Kugeln von der Hülle seines Schiffes abprallten.

„Generatoren und Antriebe werden gestartet…" Eine angenehme, weibliche Stimme bestätigte seinen Befehl und er vernahm mit ruhigem Gewissen das Aufheulen der Generatoren.

76… 75… Er rannte weiter, kletterte über eine Leiter eine Etage höher und begab sich in den Pilotensitz. Über einen kleinen Monitor überwachte er den Status der Generatoren und Antriebe.

Er fluchte erneut. Die Generatoren waren inzwischen zu kalt und brauchten länger, um die nötige Energie zu produzieren, die er zum Abheben brauchte.

44… 43… Ein weiteres Aufheulen ließ ihn erneut aufschrecken. Die Fremden hatten ihr eigenes Raumschiff bestiegen und starteten ihre eigenen Maschinen.

30… 29… Endlich zeigten seine Systeme grün an und langsam erhob sich sein Schiff vom Boden. Schwerfällig bewegte sich sein Schiff und gewann immer mehr an Höhe.

„Das Fremde Schiff versucht uns zu kontaktieren."

„Ignorieren, Ivie!"

Er konnte sich gut vorstellen, was die Fremden wollten, aber das würde er ihnen garantiert nicht geben. Er war zuerst hier gewesen und würde diesen Job garantiert zu Ende führen…

10… 9… Sein Schiff beschleunigte langsam, sehr langsam, als es dazu ansetzte, die Atmosphäre des Planeten zu verlassen. Die Fremden hinter ihm waren nun ebenfalls in der Luft und hatten die Verfolgung aufgenommen.

Mehrere Schüsse flogen knapp an seinem Schiff vorbei, während einige andere trafen.

„Wir haben mehrere Hüllenschäden erlitten, ein Generator wurde Beschädigt, Lebenserhaltung nur noch bei 80..." Die freundliche Stimme des Computers begann nach und nach Schäden aufzuzählen, die die Fremden an seinem Schiff anrichteten.

Er musste nur noch kurz durchhalten, ein kleines Stück… 3… 2…

„Ivie, Manuelle Steuerung aktivieren."

„Manuelle Steuerung aktiviert."

Er griff den Steuerknüppel vor sich und versuchte sein Schiff ruhig zu halten, während die Zeit in seinem Kopf ablief. 1… 0…

„Thermonukleare Explosion auf der Oberfläche des Planten festgestellt. EMP-Welle imminent."

Im nächsten Augenblick fielen sämtliche Instrumente aus. Er nutzte den Augenblick, um vor seinen Verfolgern auszuweichen. Mit einem Kräftigen Ruck machte sein Schiff eine Rolle rückwärts und er stürzte, an seinen Verfolgern vorbei, zurück auf den Planeten.

Mit der Schwerkraft des Planten und voller Antriebskraft, startete er durch, um die Atmosphäre von „Lost Cradle" schließlich zu verlassen. Nach wenigen Sekunden erwachte der Computer zu neuem Leben.

Er hatte, dank seiner teilhydraulischen Steuerung, etwas Zeit gewonnen, jedoch musste er nun den Planeten weit genug verlassen, bevor er endgültig fliehen konnte.

Unter sich konnte er die Reste der Explosion erkennen, die sich wie ein Pilz in die Höhe erhoben. Der Anblick ließ ihn kurz erschauern.

„Unsere Verfolger haben gedreht und feuern erneut auf uns."

Wenigstens treffen nicht mehr so viele Schüsse. Der Himmel vor ihm färbte sich langsam Schwarz, er hatte die Atmosphäre verlassen.

„Wie lange, bis wir den Sprungpunkt erreichen?"

„Bei Voller Geschwindigkeit in ungefähr vierzig Sekunden."

Nun hieß es für ihn erneut zu hoffen. Diese Probleme würde er RedStar garantiert in Rechnung stellen. Wären die nicht auf die Idee gekommen, den Komplex da unten zu sprengen, hätte er vielleicht einen Weg gefunden, die Fremden zu umgehen.

„Warnung! Hüllenbruch im Wasserstofftank A, Ausfall eines Generators steht bevor."

Bei nächster Gelegenheit baue ich Waffen in mein Schiff ein! Besorgt blickte er auf den Entfernungsmesser, er brauchte noch weitere fünfzehn Sekunden, bevor er verschwinden konnte. „Halte durch!"

„Wärme suchende Rakete im Anflug!"

Er fluchte… er war nur noch neun Sekunden vom Sprungpunkt entfernt.

„Aufschlag in sieben… sechs… fünf…"

„Köder abwerfen…" Endlich hatte das Raketenabwehrsystem, das er sich vor einiger Zeit aufschwatzen ließ, einen guten Nutzen bekommen.

„Köder abgeworfen… drei… zwei…"

Er schloss die Augen, als die Stimme bei null ankam.

„Die Rakete ist in einen nahen Köder eingeschlagen. Die Explosion hat mehrere Systeme beschädigt."

Er ignorierte die Aufstellung der beschädigten Systeme sondern blickte nur noch auf den Entfernungsmesser, der bei 0 angekommen war.

„Starte den Sprungantrieb. Bring uns weg von hier!"

Die Warnung, die der Computer ausgab ignorierte er, während er erleichtert zusah, wie die Sternenlandschaft um ihn herum verschwamm und verblasste…