– Kiboshi

Mia warf sich aufs Bett, als sei es das natürlichste der Welt. Dass sie eigentlich mit einem wildfremden alleine in einem Hotelzimmer war, schien das Mädchen nicht wirklich zu stören.

Ihn hingegen störte noch viel mehr das merkwürdige Verhalten der Tenari. Er war zur Rezeption des Hotels gekommen, um dem Mädchen nach Möglichkeit ein eigenes Zimmer zu geben. Doch anstatt seinem Wunsch nachzukommen, wurde der Wunsch des Mädchens respektiert, lieber nur ein Doppelzimmer zu nehmen. Sie hatten dadurch zwar ein besseres Zimmer – sogar im Erdgeschoss – bekommen und er wurde plötzlich viel besser behandelt, aber immer noch argwöhnisch angesehen, beinahe so, als ob sich alle wundern würden, warum gerade er mit diesem Mädchen zusammen ist.

Seufzend blickte er auf Mia und fragte sich, was an ihr wohl so besonders sein könnte. Auf ihn wirkte sie eher normal, auch wenn sie wahrscheinlich eine Halbtenari war – aber das änderte nichts an ihrem Wesen. Jedenfalls wirkte sie im Moment so, wie ein junges verträumtes Mädchen, zumal sie mit einem runden blauen Anhänger spielte, der aus Kristall zu sein schien und von zwei goldenen Bändern eingeschlossen wurde. Wahrscheinlich war dieses Stück ein kleines Vermögen wert – aber trotzdem noch lange kein Grund, vom Militär gesucht zu werden.

„Weißt du…" Mia sprach ihn leise an, während sie noch immer auf den Anhänger starrte.

„Der hat meinem Opa gehört… Es ist das einzige, was er mir vermacht hat und diese komischen Leute wollten ihn stehlen…"

So leicht konnte man sich irren – das erkannte Tom gerade schon wieder.

„Aber warum erzählst du mir das?" Er blickte sie fragend an.

„Ganz einfach…" Sie erwiderte ein kleines Lächeln. „Ich habe das Gefühl, dass ich dir vertrauen kann und dass ich in deiner Nähe absolut sicher bin, egal was passiert…"

Sie nahm den Anhänger fest in die Hand und stand auf. Sie schlich über das Bett zu ihm – durch die Höhe des Bettes war sie etwas größer als er – und blickte freundlich auf ihn herab. Vorsichtig legte sie ihm den Kristall um den Hals und verstaute ihn unter seinem Hemd.

„Pass bitte für mich auf ihn auf, bis wir in Sicherheit sind…" Dann lächelte sie noch einmal und verschwand ohne weitere Worte im Badezimmer.

Verwirrt setzte sich Tom auf die Bettkannte und starrte in die Leere.

Durch seinen Kopf rasten die unterschiedlichsten Gedanken, die sich um sein Schiff, die beiden Soldaten und Mia drehten… Je mehr er nachdachte, desto mehr Fragen gesellten sich zu denen, die er schon hatte und schließlich schlief er ein, ohne der Beantwortung seiner Fragen näher gekommen zu sein…

Schwer atmend blickte er sich um und drückte das Mädchen näher an sich. Hektisch blickte er von links nach rechts und erlaubte sich, tief Luft zu holen… Der Geruch des Mädchens betörte ihn… er war fremdartig, bezaubernd, exotisch und er genoss ihn.

Aber er konnte nicht länger warten… sie mussten weiter… Aber wohin sollten sie fliehen? Sie hatten die besten Chancen, wenn sie den Planeten verließen, aber dafür musste er erst zu einem Raumschiff kommen, mit dem sie fliehen konnten.

Thomas…" Die Stimme des Mädchens schreckte ihn auf. Er sah in die blauen Augen der schwarzhaarigen Tenari in seinen Armen und genoss erneut ihren Duft.

Sie kommen, Thomas… ihr müsst weiter…"

Verdutzt blickte er das Gesicht an, das undeutlicher wurde und im Nebel verschwand. Er versuchte nochmal nach dem Mädchen zu greifen, doch seine Hand griff ins Leere.

Wach auf, Thomas… du musst weiter…" Die flehende Stimme verblasste mit dem Rest des Traums…

Sein Puls raste, als er die Augen aufschlug. Er wusste nicht mehr, wie er ins Bett gekommen war, noch wie Mia sich an ihn gekuschelt hatte, aber das störte ihn gerade nicht.

Stattdessen spürte er die Anwesenheit von etwas unangenehmen, fremden, das langsam immer näher kam.

Vorsichtig stand er auf und blickte aus dem Fenster in die Dunkelheit vor dem Motel. Was er sah, beunruhigte ihn: Mehrere militärische Transporter hielten auf dem Hof. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Soldaten von den Ladeflächen sprangen und sich verteilten.

Vorsichtig schlich er durch die Dunkelheit zurück, um Mia zu wecken, doch diese sah ihn bereits traurig an.

„Sie sind hier, nicht wahr?"

Er nickte und suchte seine Sachen zusammen, während sie sich so schnell sie konnte, ankleidete.

Zur Hofseite hinaus konnten sie das Motel nicht verlassen – sie würden sofort bemerkt werden. So leise er konnte, öffnete er das Fenster zur Rückseite des Motels und half Mia beim durchklettern.

Er spürte, dass seine Zeit immer knapper wurde. Die Soldaten hatten sicherlich bereits begonnen, die Zimmer im Erdgeschoss zu durchsuchen und auch, wenn sie sich bemühten, leise zu sein, so wusste er, dass sie jeden Augenblick im Zimmer stehen würden.

Als Mia durchs Fenster war, hob er sich mit einem kräftigen Ruck durchs Fenster und schloss es von außen wieder so gut er konnte, dann nahm er Mia an die Hand und rannte.

„Da ist er!" Die Worte ließen Tom zusammenzucken, doch er blieb nicht stehen, er rannte weiter. Er riskierte nur kurz einen Blick hinter sich und sah, wie sie Soldaten hinter jemandem her rannten.

Suchten sie ihn gar nicht? War seine Panik vergebens?

Mit Mia im Schlepptau versteckte er sich hinter einer Straßenecke und blickte verstohlen auf das Geschehen. Die Soldaten verfolgten einen Mann… ihn.

Er erkannte dieses Gesicht – es blickte immer aus dem Spiegel an und es gehörte im Moment einem völlig Fremden, der die Soldaten in eine falsche Richtung lenkte.

Der Mann zwinkerte ihm kurz zu und verschwand dann in einer anderen Seitengasse und wurde von fast allen Soldaten verfolgt.

Tom zog sich in die Gasse zurück und versuchte seine Gedanken zu sammeln. Wer auch immer der Fremde war, war jetzt nicht wichtig. Er musste seine nächsten Schritte planen… sie mussten den Planeten verlassen, aber wie?

Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken – er hatte eine solche Situation schon einmal erlebt und damals war er verzweifelt und dieses Mal sah es nicht anders aus.

Er ließ Mia los und lies sich zu Boden gleiten. Er schlug die Hände auf den Kopf und versuchte nachzudenken.

„Was ist los?" Mia setzte sich neben ihn und wartete ab.

„Mein Raumschiff ist Schrott, ich sitze hier zwei Wochen fest – genug Zeit für die, um mein Schiff aufzuspüren und zu konfiszieren… wenn wir hier bleiben finden sie uns garantiert… und…"

„…und?"

„Ich weiß nicht, was ich tun soll…"

„Wir könnten mein Raumschiff nehmen…"

„Wie bitte?"

Ungläubig blickte er in das Gesicht des Mädchens.

„Es ist ein Geschenk meines Opas… er hat es gebaut und mir zu meinem letzten Geburtstag geschenkt… kurz bevor er starb…" Mia wirkte plötzlich wieder traurig.

„Tut mir leid…" Tom legte ihr kurz eine Hand auf die Schulter.

„Wo finden wir das Schiff?"

„Im hiesigen Raumhafen… ich habe leider keinen Pilotenschein, sonst wäre ich längst von hier geflohen… aber ohne einen solchen Schein lassen die mich nicht in die Nähe des Schiffs, auch wenn ich laut Opa keinen solchen Schein brauche, um mit ihm zu fliegen…"

„Dann sollten wir so schnell wie möglich zum Raumhafen…" Ohne lange zu fackeln blickte er sich um und nahm das nächstbeste Hovercar, das in der Straße geparkt war.

„Ich hoffe, der Besitzer wird mir das verzeihen, aber es ist ein Notfall…"

Tom legte seine Hand aufs Auto und konzentrierte sich. Schnell hatte er eine Verbindung zum Computer des Autos hergestellt und löste alle Sicherheitsmechanismen. Schließlich öffneten sich die Türen automatisch.

Unsicher lächelnd stieg Mia in das Auto ein und Tom setzte sich auf die Fahrerseite.

Mit etwas mehr Konzentration sprang der Wagen an und Tom fuhr los. Erst jetzt fiel ihm auf, dass der Fremde die Soldaten sogar vom Raumhafen weggelockt hatte. Tom konnte sein Glück kaum fassen, als er mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Straßen raste…

Der Raumhafen wurde taghell erleuchtet, was dem abgerundeten Gebilde eine gewisse Schönheit gab. Eine Schönheit, um die sich Tom nicht kümmerte, als er mit einer halben Drehung zwischen zwei Autos vor dem Eingang einparkte und das Hovercar verließ.

Er folgte Mia in das Gebäude bis zu einem Schalter, hinter dem eine Frau gerade einen Kunden abfertigte. Die Zeit, die sie warten mussten, schlug Tom stark aufs Gemüt und er musste sich beherrschen, die Leute vor ihm anzufahren, ob es nicht etwas schneller gehen würde.

Nach endlosen Minuten standen sie schließlich selber vor der Frau, die sie mit einem abschätzigen Blick bedachte. Sie spitze Brille von vor zwei Jahrhunderten tat ihr übriges dazu, dass Tom diese Frau nicht ausstehen konnte.

„Was kann ich für sie tun?" Die Stimme der Frau klang hochnäsig, aber alles andere als nervös – womöglich hatte das Militär noch keine Suchmeldung an die öffentlichen Stellen herausgegeben, diese Frau hatte sie einfach ignoriert oder sie war ein Profi darin, sich nichts anmerken zu lassen.

„Wir möchten zu Kiboshi und mit ihr in einer halben Stunde starten…" Mia wirkte völlig natürlich.

„Dann brauche ich immer noch einen Pilotenschein, junges Fräulein…"

Ohne etwas zu sagen holte Tom eine kleine Karte aus seiner Tasche und reichte sie der Frau. Sie blickte ihn einige Momente verdutzt an, klemmte sie dann in den Computer und machte einige Eingaben.

Tom verdrehte die Augen, als er merkte, dass sie sich sichtlich viel Zeit ließ.

„Scheint alles in Ordnung zu sein…"

Natürlich ist alles in Ordnung, schoss Tom durch den Kopf, aber er hütete sich davor, die Frau anzufahren.

„Gut, ihr findet das Schiff in Hangar 18, der Schein dient als Schlüssel… Ob die Startfreigabe in dreißig Minuten jedoch klappt müsst ihr mit der Flugkontrolle ausmachen… Schönen Tag noch…"

„Schönen Tag auch…" Tom knirschte den Satz zwischen den Zähnen hindurch, als er seine Karte zurücknahm und Mia durch den Raumhafen folgte.

Hangar 18 war am anderen Ende des Raumhafens, in der Nähe einer Schiffswerft und seit mehreren Jahren nicht betreten worden, was eine dünne Staubschicht auf dem Boden bewies – die sich trotz Luftfilterung abgesetzt hatte.

Das Schiff, von dem Mia gesprochen hatte war riesig. Es war größer als sein Starfalcon, überall abgerundet und erinnerte ihn an einen Adler, der die Flügel angelegt hatte. Er staunte, als er neben Mia herging und den Namen des Schiffes ‚Kiboshi' las, welcher in dunkelroten Lettern auf den silbrig-matten Rumpf aufgedruckt war.

„Merkwürdiger Name für ein Schiff…" Tom strich vorsichtig über die Hülle des Rumpfes und spürte nirgendwo eine Unebenheit oder eine Lötstelle – wie wurde dieses Schiff gefertigt?

„Findest du? Mein Opa hat es nach dem blauen Stern benannt… er heißt bei den Tenari Kiboshi, was soviel heißt wie ‚Stern der Hoffnung'… Den Anhänger hat er übrigens auch so getauft…"

Mia blieb plötzlich ohne ersichtlichen Grund stehen. Dann legte sie ihre Hand auf den Rumpf des Schiffes, woraufhin sich – mitten in der glatten Textur des Rumpfes – eine Tür öffnete.

Staunend folgte Tom dem Mädchen ins Innere, und wurde von einem sanften Licht begrüßt, das langsam an Helligkeit gewann.

„Guten Morgen, Mia…" Eine fremde Gestalt stand im Nachthemd vor Mia und rieb sich die Augen. Sie hatte langes schwarzes Haar und war genau so groß wie Mia – schien aber etwas jünger zu sein.

Ohne richtig hinzusehen rannte sie auf Tom zu und umarmte ihn. „Morgen Tom, lange nicht gesehen!"

„Angenehm… und wer bist du?"

Verdutzt ließ das Mädchen von ihm ab und sah ihn von oben bis unten genau an.

„Du bist nicht Tom!" Die Fremde blickte auf Tom und wartete auf eine Antwort.

„Doch, ich bin Tom!" Er antwortete bestimmt und wartete die Reaktion des Mädchens ab, das ihn nochmal von oben bis unten musterte.

„Du kannst nicht Tom sein… Tom hat eine andere Statur und hat wesentlich mehr Grips… Mia, ist Tom nicht mit dir gekommen?"

Die angesprochene schüttelte traurig ihren Kopf.

„Nein, Opa ist vor einiger Zeit verstorben, Nia…"

Die Fremde war schlagartig traurig und blickte zu Boden. Im nächsten Moment ging ein Zittern durch ihre Figur und sie verblasste.

„Wer war das?" Tom wirkte noch immer etwas verwirrt, als er auf die Stelle starrte, an der das Mädchen verschwunden war.

„Das ist Nia, die künstliche Intelligenz des Schiffes…" Mia lächelte traurig und wandte sich von ihm ab.

„Nia, ich weiß, wie du dich jetzt fühlst, aber könntest du bitte um eine Starterlaubnis bitten und uns von diesem Planeten bringen…"

Es kam keine Antwort.

„Nia, bitte… wir sind in Gefahr… jemand will mir das letzte Teil wegnehmen, dass ich noch von meinem Großvater habe… bitte…"

Es kam noch immer keine Antwort, aber die Tür schloss sich hinter ihnen.

Einige stille Minuten vergingen, bis Nia wieder neben Mia materialisierte und sich weinend an sie hängte.

Zwischen zwei Schluchzern brachte sie schließlich einen Satz hervor: „Ich bekomme keine Starterlaubnis…"

Mia klopfte der KI auf den Rücken und sah fragend zu Tom.

„Anscheinend hat das Militär doch einige Vorkehrungen getroffen… Wir müssen hier weg, oder sie stehen in spätestens einer halbe Stunde vor dem Schiff. Wenn sie und nicht freiwillig raus lassen, müssen wir uns nur ihn ihren Computer hacken und uns die Starterlaubnis selbst geben… Wo kriege ich Zugriff auf ein Terminal?"

Nia hatte aufgehört zu schluchzen und sah Tom verwundert an.

„Er ist zwar nicht Tom, aber seine Ideen mag ich…"

„Ich bin Tom!"

Nia antwortete nicht, sondern schien sich auf etwas zu konzentrieren, dann lächelte sie. „Startfreigabe erteilt, dann können wir ja abheben…"

„Wo ist das Cockpit?" Tom begann, sich im Inneren des Schiffs umzusehen.

„Was willst du da? Ich lasse mich doch nicht von einem wildfremden steuern!"

„Wie kommen wir dann aus dem Hangar raus?"

„Traust du meinen Fähigkeiten etwa nicht?" Nia stand prompt neben Tom und zog ihn am Ohr durch mehrere Gänge zu einer Brücke. Er konnte sehen, wie das Schiff gerade die Hangar-Tore passierte und zum Steigflug ansetzte.

„Aber wann… wie?" Er hatte nicht einmal gemerkt, dass sie gestartet waren.

Nia ignorierte ihn völlig und wandte sich stattdessen an Mia.

„Ich habe hier eine Nachricht vom Raumhafen… Sie verlangen, dass wir wieder landen und in den Hangar zurückkehren.

Mia schüttelte bedächtig ihren Kopf, woraufhin Nia grinste und durchstartete.

Dieses Mal spürte Tom einen schwachen Ruck, anscheinend konnte das Schiff so starke Beschleunigungen nicht direkt abfangen.

„Mia… wer war dein Großvater eigentlich?" Der Mann hatte ihn in den letzten zehn Minuten so häufig in Erstaunen versetzt, dass Tom neugierig wurde.

„Mein Großvater? Das war Tom Cidas… Ich weiß nicht, ob du schon einmal von ihm gehört hast…"

Tom hatte diesen Namen schon gehört, schon oft genug… Tom Cidas war einer der Erfinder der ‚Waffenzelle', die das Militär schon seit längerem erfolgreich einsetzte… Eine Zelle, von der auch er eine trug, seit er sich vor fünf Jahren freiwillig für dieses Programm gemeldet hatte…