Sonntag, 2. März 2008

Auf dem Grund zu ihren Füßen liegt ein gefallener Engel.

Bald wird er frei sein.

Es ist nicht leicht in der verhärmten, zusammengekrümmten Gestalt seine wahre Natur zu erkennen.

Da ist nichts rein oder unversehrt, wunderschön oder romantisch.

Es sind keine Wunden an seinen Handgelenken die den umliegenden Schnee tragisch rot färben.

Die tödliche Verletzung ist nicht ersichtlich, sie liegt im inneren. Ein gebrochenes, erfrorenes, erschöpftes Herz, das keine Kraft mehr hat, um zu kämpfen.

Der abgemagerte Körper ist auch nicht in weichen Schnee gebettet, sondern liegt einfach Im Schlamm des Feldes, Schmutzspritzer in dem bläulichen, eingefallenen Gesicht, die zerfetzten Kleider aus Sackleinen dreckverschmiert.

Der Körper liegt auch nicht in einer anmutigen oder bewegenden Geste da, um schweigend den Tod zu erwarten. Er ist verkrümmt, die Glieder zu unmöglichen Winkeln verdreht zeugen von gebrochenen Knochen.

Die zottigen Haare sind so sehr mit Schlamm verklebt, dass man Farbe und Länge nicht mehr erahnen kann.

Er windet sich, der Körper bäumt sich auf, krampft, bringt gelegentlich ein schwaches Wimmern hervor. Obwohl so sehr vom Leben vernichtet kämpft er immer noch darum

Nein, es ist keineswegs ein rührender, dramatischer Anblick.

Es löst Ekel aus, Abscheu, ihn da so liegen zu sehen.

Sie hegt den Wunsch, sich einfach wegdrehen und weitergehen zu können. Das Elend stößt sie ab, sie will es nicht sehen müssen. Will nicht ihre Vorstellungen und Ideale so elendig zerschmettert sehen an der Realität.

Doch etwas hält sie.

Seine faszinierenden Augen.

Sie sind rot geschwollen und verklebt, doch etwas steht in ihnen geschrieben.

Eine Geschichte.

Seine Geschichte.

Durch all das Leid und die Einsamkeit, trotz des Schmerzes kann sie in ihnen sehen, wie er einst war.

Wie er hätte sein können, in einer besseren Welt. In einer Welt, in der man ihm nicht die Schwingen gebrochen hätte.

Und diese Augen sind es, die sie trotz des hässlichen, desillusionierenden Bildes weinen lassen.

Sie weint für ihn, alles was er niemals in Tränen fassen konnte.

Und damit schließen sich diese einzigartigen Augen mit der Gewissheit, dass ihre Geschichte gesehen wurde.

Es bleibt nichts außer einer heruntergekommenen Leiche im Dreck. Nichts mehr weist auf den Engel hin, auf die traurige Geschichte, die hier ihr Ende fand.

Nur sie, sie die weitergeht, die weiterlebt als wäre nichts geschehen, sie trägt die Geschichte heimlich tief in ihrem Herzen. Und so viele Tränen sie in ihrem Leben auch weint, niemals waren es genug, um sein Leid abzugelten.