Die Fee auf dem Spielplatz

Die Fee auf dem Spielplatz

Teil 1: Zusammen

Der verzauberte Spielplatz von Baie d'Urfé liegt ganz am Ende der Straße, gleich hinter einigen jungen Bäumen, die sich über jeden Besuch freuen und sanft mit den Blättern rascheln, wenn du an ihnen vorbeiläufst. Der Weg zwischendurch ist schmal und es riecht nach Erde und frischem Grün. Nur ein paar Schritte, und schon bist du angekommen – dort, wo es weder Trauer noch Wut geben kann, wo jeden Tag die Sonne scheint und wo die Fee Vitanya wohnt.

„Komm!" ruft sie. „Spiel mit mir!"

Sie hat langes dunkelgrünes Haar, das ihr bis zu den Füßen fällt und goldene Augen, die wie die Sonne strahlen. Sie singt und lacht im Schatten der Bäume, schwingt sich auf der Schaukel höher als das Gerüst selber und dreht das Karussell so schnell, dass dir schon vom Anschauen schwindelig wird. Sie fliegt mit ihren zarten Libellenflügeln so hoch, dass du sie kaum noch sehen kannst, und landet so plötzlich hinter dir, dass du vor Schreck umfällst und ihr beide laut lachen müsst.

Wenn sie deine Schaukel anschiebt, kannst du dich hoch oben in die Wolken schwingen und bist kein kleines Mädchen mehr, sondern der wilde Nordwind persönlich. Sie klettert mit dir das Klettergestell hoch und es verwandelt sich auf magische Weise in den Mount Everest, mit seinen schneidend kalten Schneestürmen, tiefen Schluchten und gefährlichen Felswänden. Und du schaffst es trotzdem, auf die Spitze und zurück zu steigen, und du und Vitanya, ihr werdet als Helden gefeiert.

Manchmal reitet ihr zusammen auf eurem Freund dem Einhorn, oder eine kleine schläfrige Eule kommt angeflogen und erzählt euch wunderbare Märchen. Manchmal rutscht ihr auf der langen gewundenen Rutsche tief unter die Erde, besucht die Zwerge und lasst euch prächtig glitzernden Schmuck schenken. Und am Ende des Tages, wenn die Sonne den Spielplatz in rotgoldenes Licht taucht, dann sitzt ihr beide zusammen, ganz oben auf dem Klettergestell, und du erzählst deiner Freundin aus deinem Leben – das Gute, das Schlechte, und alles, was du niemandem sonst sagen willst.

Zum Beispiel, dass es einen Jungen in deiner Klasse gibt, den du abgrundtief hasst, an den du aber trotzdem viel zu oft denken musst. Dass du vielleicht zum nächsten Geburtstag ein Fahrrad bekommst, knallrosa mit glitzernden Bändern und ganz ohne Stützräder. Dass du geweint hast, als dich die anderen wegen deiner dicken Brille ausgelacht haben. Dass du dem Pfarrer Unrecht gibst, wenn er behauptet, Tiere hätten keine Seele. Und dass du Angst davor hast, erwachsen zu werden und wie deine Eltern in einem Büro eingesperrt zu sein.

Vitanya hört zu, tröstet dich und streichelt dein Haar, sanft wie der Abendwind. Sie ist die beste Freundin, die du jemals hattest, nur manchmal wünschst du dir, dass sie etwas wirklicher wäre, etwas mehr als nur ein Schatten und ein Traum. Denn sobald die Sonne hinter den Bäumen verschwindet, nimmt sie traurig von dir Abschied und löst sich vor deinen Augen in Nichts auf. Du frierst im Schatten und es fällt dir ein, dass du schon längst zu Hause bei deinen Schulaufgaben sein solltest.

Du drehst dich um, flüsterst leise Abshiedsworte und, weil deine große Schwester bestimmt schon ungeduldig wartet, läufst du schnellstens nach Hause.

Teil 2: Verloren

Du hast schon lange keinen Besuch mehr bei Vitanya abgestattet und schämst dich deshalb ein bisschen, wenn du durch das Wäldchen schlüpfst und den verzauberten Spielplatz betrittst. Du willst ihr erklären, dass du in den letzten Wochen einfach keine Zeit hattest, zwischen Schule, Tennisklub, Klavierunterricht, Familienausflügen und Treffen mit deinen anderen Freunden, denen aus Fleisch und Blut. Trotzdem willst du ihr versichern, dass ihr beiden immer noch die besten Freundinnen seid und es auf ewig bleiben werdet – aber schon während du das denkst, wirst du ganz rot im Gesicht und kommst dir zum ersten Mal albern vor. Du bist dir nicht mehr sicher, ob es die kleine Fee überhaupt gibt oder ob sie nur an Ende ein Produkt deiner kindischen Fantasie ist.

Du siehst den Spielplatz und traust deinen Augen nicht: die Geräte sind klein und grellbunt bemalt, mit abblätterndem Lack und überall Rostspuren. Schwere Regenwolken siehen auf; der letzte Schnee liegt dreckig und abgenutzt auf dem Boden. Die Schaukeln quietschen erbärmlich und irgendein Idiot hat Graffitti auf die Rutsche gesprüht. Das Zauberreich deiner Fantasie ist nicht mehr zu sehen, und von Vitanya keine Spur.

Du ruftst ihren Namen, und deine Stimme klingt so dünn und einsam, dass es dir selber Angst macht. Du schließt die Augen und versuchst mir aller Kraft, den Wunderort deiner Erinnerungen zurückzurufen, aber ein graues Auto dröhnt vorbei und zerstört deine Konzentration.

Vitanya kommt und kommt nicht, du stehst ganz allein im taufeuchten Gras und langsam wird dir klar, dass du mit einem Nichts gespielt und geredet hast, dass deine geliebte Freundin ein Hirngespinst war und dass es dir genauso wehtut, als wäre sie gestorben. Du weißt nicht, ob du lachen oder weinen sollst – du bist genau in das Klischee des „einsamen Kindes mit imaginärem Freund" gefallen.

Du weißt inzwischen aus dem Deutschunterricht, was Klischees sind. Du weißt überhaupt sehr viel über Geschichte, Erdkunde und andere Wissenschaften, und unter anderem weißt du genau, dass man in deinem Alter nicht mehr an Feen glauben sollte. Deine Eltern nennen es Vernunft; du fühlst dich aber einfach nur verloren.

Zum letzten Mal drehst du dich um, weichst der dicken Schlammpfütze auf dem Weg aus und gehst langsam nach Hause. Unterwegs schaust du abwesend auf dein Handy, um nachzusehen, ob einer deiner Freunde dich angerufen oder getextet hat. Du wolltest es unbedingt Vitanya zeigen, aber das ist eben leider nicht mehr möglich. Mit einem ironischen Lächeln wirfst du dir wie ein Model eine Haarsträhne über die Schulter und kommst dir viel älter und weiser vor, als du es wirklich bist.

Teil 3: Gefunden

Jahre sind vergangen und du hast dich sehr verändert, hast tausendmal dein Aussehen, deine Sprache und deine Meinungen gewechselt, bevor du dich für einen festen Charakter entschieden hast. Du hast fremde Länder und fremde Sitten gesehen und bist für alles Neue offen geblieben. Du hast viel gelernt, in der Schule, aber noch mehr im Leben. Du hast die Liebe in all ihren Formen kennengelernt, aber im Grunde deines Herzens hast du die Fee Vitanya nie vergessen und deshalb bist du heute hier, zu Besuch in deiner alten Heimatstadt.

Neben dir läuft deine kleine Tochter, bleibt alle paar Schritte stehen, um eine Blume, ein Käferchen oder einen Sonnenstrahl zu bestaunen, und hat lauter Fragen: „Mama, warum behält der Baum sein Grün und der andere nicht? Wird die fette Raupe da echt mal ein Schmetterling? Wo gehen wir hin?"

„Zum Spielplatz, falls er noch da ist. Da habe ich früher immer gespielt, als ich so alt war wie du. Es gefällt dir bestimmt, du wirst schon sehen. Komm schon, gleich sind wir da."

Die Bäume strahlen in ihren neuen Früuhlingsblättern, genau wie früher. Du bleibst stehen und streichst mit einer Hand über die Rinde einer Birke.

„Mama," sagt die Kleine strahlend, „Hör mal, die Bäume singen uns vor!"

Du hörst ganz genau hin und es stimmt wirklich – mit deiner Tochter hörst du das Lied der Natur.

Die Pfütze hat sich wieder mitten auf dem Pfad gebildet; die Kleine nimmt Anlauf und springt mit ihren gelben Gummistiefeln mitten hinein, sodass ihr Schlamm auf den neuen Rock spritzt und dir selber auf die Jacke. Du ärgerst dich wie immer, aber am liebsten würdest du lachen, weil du damals so oft genau dasselbe getan hast.

Der Spielplatz selbst hat sich schon wieder geändert – es ist so, als ob sich deine beiden Bilder vom Zauberreich und vom verlassenen Ort wie zwei Glasscheiben übereinander schieben würden, sodass du eine Mischung von beiden siehst. Außerdem spuken Erinnerungen überall – du siehst ein kleines Mädchen auf der Schaukel, dass genauso aussieht wie du, und erschrickst wie vor einem Gespenst; dann merkst du, dass es deine Tochter ist, schüttelst den Kopf und stellst dich hinter sie zum Anschieben. Warum dir auf einmal die Augen brennen und du dich wieder sieben Jahre alt fühlst, kannst du dir nicht erklären.

Mit einem Mal bleibt die Schaukel abrupt stehen; das Kind hält sie an, springt ab und zeigt voller Staunen mit dem Finger auf das neue Klettergerüst aus Plastik.

„Mama, guck mal," flüstert sie. „Da oben sitzt jemand!"

Du mit deinen erwachsenen Augen kannst niemanden sehen, doch du ahnst schon, wen das Kind gesehen hat. „Wie... sieht denn dieser Jemand aus?" fragst du langsam.

„So alt wie ich! Mit kurzen Haaren...ganz knallrot, so wie Arielle...und sie hat ein langes schwarzes Kleid an und einen Hexenhut! Und sie hat einen Besen zum Reiten."

Du lächelst und erkennst trotz des neuen Aussehens die Fee Vitanya auf den ersten Blick wieder.

Willkommen," flüstert sie mit der Stimme des Windes. „Ich freue mich so, dass du wieder da bist und deine Tochter auch.

Bei mir wird sie das Fliegen lernen, genau wie du."

- Laura Schiller -