Käfige:

Sie wusste nicht mehr, wie lange sie schon in diesem Käfig steckte. Sie hatte sich nie die Mühe gemacht die Tage zu zählen. Am Anfang hatte sie ihre Gedanken auf andere Dinge gerichtet und inzwischen hielt sie es nicht mehr für relevant.

Zuerst hatte sie ihre Zeit damit verbracht den Käfig auf Schwachstellen zu untersuchen und die Wächter so gut sie es von ihrer Position vermochte auszukundschaften.

Sie wusste, dass der Käfig zweiundsechzig Gitterstäbe besaß, einschließlich der, die das Dach bildeten. Dreiundzwanzig waren rostig. Zwei waren mit Moos bewachsen. Einer hatte eine scharfe Kante, an der sie sich am ersten Tag eine blutige Wunde zugezogen hatte. Elf waren ein wenig wackelig, erweckten aber nur ihre Frustration, wenn sie an ihnen rüttelte, ohne dass etwas geschah. Drei Stäbe waren wacklig genug gewesen um durchzubrechen. Doch jeder einzelne Versuch war gescheitert.

Beim ersten Mal, war ihre Flucht beendet gewesen, bevor sie begonnen hatte. Man hatte sie bemerkt und angegriffen. Sie hatte sich gewehrt, so gut sie konnte. Doch es war vergebens.

Beim zweiten Mal war ihr die Flucht gelungen. Doch das Gebiet war ungastlich und sie war in schlechter Verfassung, barfuss und ohne Orientierung. Nach ein paar Tagen hatte man sie wieder aufgegriffen. Doch man schlug sie nicht. Kürzte ihre nicht die Mahlzeiten. Kümmerte sich um ihre Wunden.

Sie war zu viel wert, hörte sie die Männer sagen. Zu schön. Man würde gut für sie zahlen und man duldete ihren ungebrochenen Widerstand. Sie hörte sie sagen, das würde sie vielleicht noch reicher machen. Dann hatte man sie zurück in den Käfig gesteckt.

Betrübt hatte sie feststellen müssen, dass die Männer die Stäbe ausgebessert hatten.

Die anderen hielten sich von ihr fern. Sie hatten sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Sie würden Sklaven werden und betrübt hatte sie festgestellt, dass sie das in ihrem Herzen längst waren. Manchmal betrachtete sie sie und fragte sich, wie man sie gebrochen hatte.

Acht Frauen.

Die Männer waren auf dem anderen Wagen.

Seit drei Tagen hatte man ihnen mehr zu essen gegeben. Nicht viel, aber genug, um die Lebensgeister anzuregen. Genug um in kürze gesund und lebendig zu wirken.

Sie wusste warum.

In ein paar Tagen würden sie einen Umschlagsplatz erreichen. Dort würde man sie wie Vieh verkaufen. Sie vielleicht nicht. Sie war schon an drei Umschlagsplätzen gewesen, aber nie waren ihre Wächter mit dem Preis zufrieden gewesen. Doch die Strapazen der Reise gingen nicht ungestraft an ihr vorbei. Sie wusste, dass sie bald auf ein Angebot eingehen würden. Denn so sehr sie sich auch bemühten die Qualität ihrer Ware beizubehalten, wurde es doch immer schwerer.

Zudem hatte sie nicht aufgegeben. Die Männer wussten das. Sie mieden sie. Sie blickten sie nicht mehr an. Zwei hatten sogar Angst vor ihr. Das Gefühl als Gefangene diese Macht zu besitzen verhinderte, dass sie resignierte.

Sie war kein Sklave. Würde es nie sein.

Der ein oder andere dachte, er könnte sie brechen, dürfte er wie er wollte. Sie hatte es ihren Augen angesehen. Ihren abschätzigen Blicken. Doch das hätte die Ware beschädigt und Rasul verbot es. Sie dankte ihren Ahnen jeden Tag für diesen Umstand, den sie wusste nicht ob sie dieselbe Zeit unter Folter hätte standhaft bleiben können.

Rasul war der Anführer.

Er war gefährlich. Er schaute ihr unbeirrt in die Augen. Musterte ihren Körper.

Wenn sie sich waschen durfte, war er es, der sie bewachte.

Er war es gewesen, der sie gefasst hatte.

Drei hatte sie getötet, aber an Rasul war sie gescheitert. Bei ihrer Gefangennahme und bei ihrer Flucht.

Rasul war nicht dumm. Das machte ihn so gefährlich.

Er war stark, geschickt, höflich und kultiviert.

Manchmal unterhielt er sich auch mit ihr. Es schien ihn nicht zu stören, dass sie nicht antwortete. Er ritt neben dem Käfig in dem sie saß und erzählte ihr alltägliche Belanglosigkeiten.

Manchmal sagte er ihr auch wie schön sie sei. Und manchmal erzählte er ihr von seinen Träumen, in denen er ein glücklicher Mann war, weil er nicht nur reich war sondern auch sie besaß.

Niemand besaß sie. Wenn er die Worte in ihren Augen las, lachte er und schien sie beruhigen zu wollen.

Es waren nur Träume und er schließlich Geschäftsmann. Persönliche Wünsche hatten im Geschäft nichts zu suchen.

Sie hasste diesen Mann.

Am meisten hasste sie ihn für den Hund den er ihr gegeben hatte. Natürlich hatte er ihn ihr nicht direkt gegeben. Doch er hatte sie gut genug gekannt um zu wissen, dass sie sich des Welpen annehmen würde.

Ihm Wasser reichen würde.

Das Essen mit ihm teilen.

Ihn halten und beschützen würde.

Und ihr damit jegliche Flucht unmöglich machte.

Das war einen Monat her und sie starrte frustriert auf die Stange am Dach des Käfigs, von der sie seit langem wusste, dass sie noch immer locker war.

Locker genug um zu fliehen.

Doch Lasher, so hatte sie das Tier getauft, könnte sie nicht mitnehmen. Sie wusste nicht wie sie ihn darauf schaffen sollte. Sie würde ihn nicht zurück lassen.

Sie verfluchte Razul

Er hatte es gewusst.

Bald würden sie die Stadt erreichen und sie würde in einem neuen Käfig landen.


Kapitel 1:

„Fraya! Lass ihn sofort los!", brüllte Kaylen sie erneut an und versuchte sie von Barsha fortzuziehen, erneut ohne Erfolg. Ihr Opfer gab japsende Geräusche von sich und nahm langsam aber stetig eine bläuliche Färbung an, während Fraya ununterbrochen schluchzte und kreischte. Wenn er sich nicht beeilte, würde er sich nicht mehr die Mühe machen müssen, ihre stählerne Umklammerung zu lösen.

Dayrin und Kel hatten sich, nachdem sie sich aus ihrer Starre befreit hatten, zu ihm auf den Boden geschmissen und versuchten Frayas Beine zu lösen, die sie um Barshas Bauch geschlungen hatte. Fest verkreuzt und mit mehr Kraft als man dieser Frau auf den ersten Blick zugetraut hätte. Den rechten Arm hatte sie um Barshas Hals geschlungen und sie schien gar nicht daran zu denken ihn aus ihren Fängen zu lassen, so sehr Barsha auch versuchte den Arm zu lösen.

„Ich werde dich umbringen!" Ihre Stimme war so schrill, dass sie kaum zu verstehen war.

„Fraya, lass ihn los!" Mit einem Ruck gelang es ihm ihren Arm zu lösen. Barsha schnappte keuchend nach Luft. „Schafft das Miststück von mir!" röchelte er.

„Ich werde dir die Eingeweide rausreißen!" kreischte Fraya und versuchte rasend vor Wut ihre Hände aus seinem Griff zu befreien.

Mit einem weiteren Ruck zog Kaylen sie nach hinten unter Barshas Körper hervor und benötigte anschließend all seine Kraft um sie zu bändigen.

„Fraya hör auf!" Doch sie war so in Rage über was auch immer Barsha getan hatte, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als denselben Griff bei ihr anzuwenden, den sie zuvor bei Barsha benutzt hatte.

Er schlang seine Beine um ihre Mitte, um ihre zappelnden Beine unter Kontrolle zu bekommen und hielt sie so fest er konnte.

„Fraya, beruhige dich", bat er sie eindringlich.

Barsha war inzwischen aufgestanden und hielt sich keuchend den Hals, während er Fraya wütend betrachtete. „Sie wollte mich umbringen!" geiferte er.

Wie eine Furie kreischend und kämpfend schaffte sie es sich zu befreien, bevor er sie richtig zu packen bekommen hatte. Ohne einen Augenblick zu zögern, stürzte sie sich erneut auf Barsha. Dieser kippte rückwärts und sie nutzte ihre Hände wie Krallen und versuchte ihm ernsthaft die Augen auszukratzen.

„Ich werde dich töten!" Ihre Stimme war wie das Heulen eines Tieres.

„Kel, Dayrin!" donnerte Kaylen. Inzwischen hatte er sich wieder aufgerappelt.

„Fraya!" Zusammen mit den anderen beiden schaffte er es sie von Barsha zu zerren. Doch sie schien gar nicht daran zu denken sich zu beruhigen. Kel bekam einen unkontrollierten Tritt gegen die Brust und schnappte japsend nach Luft, doch er ließ sie nicht los.

„Meine Augen!" heulte Barsha. „Die Schlampe hat mir meine Augen ausgekratzt!" heulte er und bedeckte sein linkes Auge mit seinen Händen.

„Er hat Lasher umgebracht!" Sie kreischte und trat um sich und zappelte wie wild, doch Kel und Dayrin hielten sie eisern fest. „Er hat ihn umgebracht!" Nun war es ein Schluchzen.

„Das Biest hat mich gebissen!" brüllte Barsha.

„Du hast mich angefasst!" Frayas Stimme war wieder schrill genug, um seine Ohren zum klingeln zu bringen. „Er hat mich nur beschützt!"

„Haltet sie fest!" Kaylens Stimme war nun ruhig und fest. Ohne zu zögern ließ er Fraya los und trat auf Barsha zu. Doch Fraya sah ihre Chance gekommen und versuchte erneut mit aller Kraft sich loszureißen. Doch Kel und Dayrin waren darauf vorbereitet und schafften es irgendwie sie nicht loszulassen.

„Ist das wahr?" fragte er Barsha wütend. Er konnte nicht glauben, dass er sich ein weiteres Mal über seine Anweisungen hinweg gesetzt hatte.

Barsha schien erst jetzt klar zu sein, dass er einen Fehler begangen hatte. Der Schmerz schien für einen Moment vergessen und er blickte ihn aschblass an.

„Kaylen, du bist doch auch ein Mann...es...es war doch nur Spaß! Sie wollte..." Bevor Barsha den Satz beenden konnte, hatte er ihm die Kehle durchgeschnitten.

In dem Moment wo sein Körper tot zu Boden glitt hörte sie auf zu zappeln. Ihre grünen Augen blickten ihn für einen Moment fassungslos an, dann spülte eine Flut von Tränen über ihr Gesicht. Sie schluchzte so sehr, dass ihr ganzer Körper durchgeschüttelt wurde.

„Lasst sie runter." Seine Stimme war ruhig, doch Kel und Dayrin schienen noch immer viel zu entsetzt über das was er getan hatte um ihn zu hören.

„Lasst sie."

Dieses Mal taten sie, was er sagte.

Ohne den Toten noch eines weitern Blickes zu würdigen, rannte sie zu dem Waldstück. Erst jetzt bemerkte er Shalimar und Vish. Sie standen an einer Stelle auf die Fraya nun zurannte. Wahrscheinlich die Stelle, an der Lasher lag.

„Schafft ihn fort!" Kaylen nickte flüchtig zu der Stelle, wo Barshas Leiche lag.

„Kaylen..." Kel schluckte.

„Ich kann niemanden in meiner Nähe gebrauchen, der immer nur nach eigenem Ermessen handelt und alle Anweisungen ignoriert. Ich habe ihn oft genug gewarnt. Beim letzten Mal mehr als deutlich!"

„Komm schon Kel!" brummte Dayrin. „Kaylen hat Recht. Die Nacht hätte er sowieso nicht überlebt", fügte er mit einem flüchtigen Blick in Frayas Richtung hinzu.

Während die beiden damit beschäftigt waren die Überreste des Mannes zu beseitigen, blieb er wo er war und starrte in Frayas Richtung. Die Abenddämmerung war weit genug fortgeschritten, so dass er sie nur schemenhaft erkennen konnte, doch es reichte um zu erkennen, dass sie wie in Trance vor und zurück wippte.

Einen Moment überlegte er, ob er zu ihr gehen sollte, doch das würde nichts ändern. Vielleicht würde sie ihn auch nicht in der Nähe dulden. Es gab nur eins was er für sie tun konnte.

„Was tut er da?"

„Er gräbt!"

„Das sehe ich auch Shalimar!" brummte Dayrin.

„Warum fragst du dann?"

„Weil...", setzte er zu einer patzigen Antwort an, doch Vish unterbrach ihn.

„Er gräbt ein Grab für Lasher." Und beantworte seine eigentliche Frage damit.

„Barsha wird unter ein paar Steinen verbuddelt und dem Köter gräbt er ein Grab?" Kopfschüttelnd blickte er von Kaylen zu Fraya. Nach wie vor schaukelte sie völlig apathisch hin und her. Lasher lag auf ihrem Schoss während sie ihm zuflüsterte wie leid es ihr tat und sie ihn liebte.

„Halt die Klappe, Dayrin!" knurrte Kel, dessen Augen ebenfalls auf Fraya ruhten.

„Es ist schon beinahe zwei Stunden her und sie hat immer noch nicht damit aufgehört", flüsterte Shalimar mitfühlend.

„Sie kann nicht ewig so weiter machen", brummte er mürrisch, während er in Wirklichkeit tief betroffen war. Er hatte sie noch nie weinen sehen.

„Ich weiß nicht, ich hab sie noch nie so gesehen." Vish schien völlig aufgelöst.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich sie mal weinen sehe!" Shalimar warf Kel einen bösen Blick zu, zuckte aber schließlich mit den Schultern als würde sie einsehen, dass es ein berechtigter Einwurf war.

„Und nun?" fragte Vish und reichte eine Flasche Wein herum.

„Ich habe keine Ahnung!"

Er betrachtete weiterhin Frayas schaukelnden Körper. Auch wenn er es vor den anderen nicht zugeben wollte, sie tat ihm leid. Am liebsten wäre er zu ihr gegangen und hätte sie in den Arm genommen. Wie man es eben tat, wenn jemanden trösten wollte. Doch bei Fraya wäre das eine äußerst dumme Idee. Ein unangebrachtes Gefühl der Eifersucht durchfuhr ihn als ihm bewusst wurde, dass Kaylen den einzigen Weg gefunden hatte ihr Trost zu spenden.

Als er angefangen hatte Steine zu sammeln hatte er es nicht verstanden, erst als er mit dem Sparten unter dem Baum begonnen hatte zu graben. Wenn er die Bewegung des Schattens richtig deutete war er fertig.

Wie die anderen drei verfolgte er gebannt was als nächstes passierte. Er konnte nicht bestreiten dass er ebenso die Luft anhielt wie sie, als Kaylen sich zu ihr kniete. Doch nichts von dem was sie alle erwartet hatten trat ein. Im Gegenteil das erste Mal seit Stunden hob sie den Kopf und schien ihre Umgebung wahrzunehmen. Einen Augenblick später war sie aufgestanden. Der große Hund hing schlaff in ihren Armen während sie neben Kaylen zu der großen Eiche ging.

Erneut zog sich sein Magen vor Eifersucht zusammen und wieder schämte er sich tief in seinem Inneren. Noch mehr als er sie schluchzen hörte.

Keiner von ihnen sagte mehr etwas. Still reichten sie die Flasche Wein herum während sie die beiden Schatten betrachteten. Der eine kniend und wippend, der andere packte vorsichtig Steine auf die Erde mit der er zuvor das Grab zugeschüttet hatte, bis er sich neben den ersten Schatten kniete.

Er glaubte ein leises Gebet zu hören. Doch es war nicht Fraya, die es sprach, sondern Kaylen.


A/N: Was soll ich sagen...diese Geschichte ist schon ein wenig älter und wie das so oft mit alten Geschichten ist, man hat das Gefühl es hätte wesentlich besser sein können. Trotzdem würde ich zu dieser hier gerne Kritik bekommen. Vorschläge wie man das ein oder andere verbessern könnte, sind mir sehr willkommen.

Und natürlich hoffe ich das es euch Spass macht sie zu lesen.