Kalter Kaffee

Kalter Kaffee

Sie sitzt in einem kleinen Café an einem Tisch für zwei und liest in einem bunten Taschenbuch. Die Wände sind rot angestrichen, es riecht nach Kaffee und Kuchen, und ein verträumtes Landschaftsbild hängt an der Wand. Sie wartet.

Eine Kellnerin kommt, lächelt und sagt: „Guten Tag! Was wünschen Sie?"

„Zwei Tassen Kaffee, bitte. Schwarzen Kaffee. Mein Freund kommt nämlich bald."

Die Kellnerin schreibt es auf und rauscht davon.

Das Mädchen schaut auf die Uhr. Es ist halb vier.

Sie liest weiter. In ihrem Roman geht es um einen schottischen Lord aus dem Mittelalter, Jamie MacDougal, und Elizabeth, seine moderne Geliebte, die durch die Zeit zurückreist, um ihn zu finden.

Das Bild, das ihr gegenüber hängt, zeigt eine Frau im weißen Kleid, die auf einer Schaukel in einem großen, alten Baum sitzt. Um sie herum ist ein grünes Feld.

Warum hat die Frau auf der Schaukel so große, traurige Augen inmitten dieses schönen Sommertages?

Die Kellnerin bringt zwei Kaffeetassen und lächelt.

„Dankeschön. Der Jamie – also mein Freund – mag schwarzen Kaffee, genau wie ich. Ist das nicht ein toller Zufall? An unserem ersten Date haben wir's bemerkt."

„Das ist ja nett. Hätten Sie gern noch etwas? Ein Stück Kuchen vielleicht?"

„Oh, nein danke. Ich bin auf Diät."

Die Diät scheint zu wirken, denn das Mädchen ist dünn und blass und so zierlich wie eine Porzellanfigur. Die Kellnerin geht.

Sie trinkt Kaffee und vertieft sich in ihr Buch. Die zweite Tasse steht ihr gegenüber, dampft und duftet und wartet. Sie schaut auf die Uhr. Es ist viertel vor vier.

Jamie und Elizabeth küssen sich zum ersten Mal. Die Frau auf der Schaukel wirft ihr langes Haar zurück und fängt an, mit brennend schwarzen Augen hin und her zu schaukeln.

Die Tasse ist leer.

„Soll ich Ihnen nachfüllen?" fragt die Kellnerin.

„Ja, ja bitte." Das Mädchen hat glänzende, weite Augen und klingt hektisch und nervös. „Er hat sich wieder mal verspätet. Das macht er immer. Eine Vierterlstunde mehr oder weniger macht doch nichts aus, oder? Er kommt bestimmt. Er hat's mir doch versprochen!"

„Ja, sicher," meint die Kellnerin beruhigend. „Er kommt bestimmt."

Sie trinkt Kaffee, liest und schaut auf die Uhr. Die Zeiger drehen sich gnadenlos weiter und weiter. Es ist vier Uhr. Vier Uhr siebzehn. Vier Uhr dreiunzwanzig. Vier Uhr dreißig.

Die Wände des Cafés, rot wie Blut, verengen sich Stück für Stück. Die Frau auf der Schaukel leuchtet gespenstisch und schaukelt immer weiter, hin und zurück, hin und zurück. Ihre Augen sind schwarz wie Kohle, wie der schwärzeste Kaffee.

Elizabeth wird von Jamies Erzfeind Fergusson gefangengenommen. Einsam sitzt sie im dunklen, schleimigen Verlies und wartet.

„Er kommt nicht," flüstert Elizabeth.

„Er kommt nicht," sagt die Frau auf der Schaukel.

„Er kommt nicht," seufzt der Sturmwind draußen vor der Tür.

Das Mädchen bricht in Tränen aus.

„Er kommt doch!" ruft sie laut. „Ihr werdet's noch sehen! Jeden Moment wird er kommen und dann wird alles gut!"

Die Buchseiten sind schwarzweiß und leblos. Jamie bleibt im schottischen Mittelalter, sucht nach seiner Elizabeth und denkt mit keinem Gedanken daran, das kleine Café im einundzwanzigsten Jahrhundert aufzusuchen.

Der Kaffee in seiner Tasse wird kalt.