die Liebe zum Kind

- ein Krampf -

Ich habe es gesehen ... Habe ... Aber es kann nicht wahr sein. Unmöglich! Ich kenne ihn. Weiß, wer er ist.

Kann's nicht denken, nicht formulieren, bin wie gelähmt - und weiß doch, daß ich es muß. Es drängt mich. Es baut sich in mir immer wieder auf, wie eine Welle und schlägt von innen her an meine Stirn, um sie zu zertrümmern, um ... Es verlangt danach, in Worte gefaßt zu werden.

Aber ich kann es nicht. Er ist mein ... - Und muß es doch, weil ich es ... schuldig bin. Diese drei Punkte -, ein Name. Ich sollte ihn aussprechen. Ihn ganz bewußt laut aussprechen. Denn es handelt sich um einen Menschen. Um einen Menschen. Und kein Objekt. Keinen leblosen Gegenstand. Doch wie kann ich das, wenn ich ihn nicht einmal kenne? Diesen Namen.

Ein Schwarzweißbild in einem Fachbuch, das sich mit der Gynäkologie von Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Der Unterleib eines Mädchens. Zwischen den gespreizten Schenkeln - die Vagina, ein ausgefranstes Loch. Blutverschmiert. Ins Leere starrend. Wie ein blindes Auge.

Mein Freund zeigte mir dieses Bild.

"Furchtbar, was dem Mädchen geschehen ist ... Schrecklich."

Ich nickte. Die Bildunterschrift lautete ganz knapp 'Sexualdelikt (8 Jahre)'.

"Ich liebe Kinder so sehr", fuhr er fort und rieb sich die Nase.

Fast meinte ich, er habe Tränen in den Augen. So mitfühlend.

"Kinder sind so rein. Sie sind dazu da, geliebt zu werden. Nur so kann man sie davor schützen."

Er deutete auf das Buch. Ich nickte.

"Ich liebe lachende, fröhliche Kinder ... Kinder muß man doch lieben. Ich würde meine Kinder lieben. Immer lieben. Hier guck mal ... Man darf ihnen nicht wehtun ... Man darf es nicht ... Nur das tun, was sie wollen ... Hier guck mal."

Ein anderes Photo ...

"Von ner deutschen Seite aus dem Internet. Glückliche Familie. Schön nicht?"

Er lächelte.

... ein kleines Mädchen, vielleicht 8 Jahre alt. Vielleicht auch jünger.

"So sieht ein glückliches Kind aus. Das ist Mathilde. Wie findest du den Namen? Mathilde. Das ist französisch. Ich würde mein kleines Mädchen auch so nennen. Ist es nicht schön, wie Mathilde von ihrem Vater geliebt wird? Wie er ihr seine Liebe zeigt? Sie genießt es."

Nackt sie beide. Von der Seite aufgenommen. In einem Bett. Er auf dem Rücken liegend, sie mit gespreizten Beinen auf ihm hockend. Ihre Hände hält er gepackt. Und lächelt. Sie ... sie starrt ihn nur an. 'Vater?' Ihre Augen ...

"Wie er mit ihr spielt. Ist das nicht schön, dieses 'Hoppe, hoppe Reiter' auf seinem Bauch? Mathilde mag es, findest du nicht?"

Das blutverschmierte Loch zwischen den Kinderschenkeln. Im Buch, dicht neben mir. Und seine Schreie in den Augen dieses kleinen Mädchens.

" ... nur das tun ... Was hast du denn plötzlich? ... was Kinder wollen ... Nur das. Ich sag's dir doch. Nichts weiter ... Kinder haben auch sexuelle Träume. Das ist erwiesene Sache. Schon mal das Buch 'Nackte Männer' gelesen? Oder 'Lolita'? ... Und neulich ... Läßt du mich jetzt vielleicht mal ausreden, ja? ... habe ich an der Bushaltestelle ein Mädchen gesehen. Die war vielleicht zehn und ... hör mir doch endlich mal zu. Weißt du, wie unfair du dich verhältst, wenn du mich ständig unterbrichst? ... sie lüftete ihren Rock, spreizte ihre Beine. Berührte sich und sah mich dabei verlangend an. Kinder wollen doch auch ..., nur wird dieses Verlangen von der Gesellschaft tabuisiert. Ihnen wird die Stimme geraubt. Kinder haben asexuelle Wesen zu sein. Gegenstände, die man beliebig herumschieben kann. Ebenso ... ebenso wie alte Menschen. Weißt du, was mit alten Menschen passiert, die in einem Heim leben und plötzlich Lust verspüren ...? In unserer Gesellschaft wird knallhart festgelegt, wer Sex mit wem haben darf. Was sagst du dazu?", drang's an mein Ohr und das Buch wurde geräuschvoll zugeklappt.

Ich schüttelte den Kopf.

"Hey ... hey, was soll das denn? Warum das Handy? Wen ... wen rufst du an?"

"Kinderpornographie ..."

"Pornographie? Sag mal spinnst du jetzt vollkommen? ... Das ist ... keine Kinderpornographie. Das ist sexuelle Aufklärung. Und dem Mädchen macht es ebenso Spaß, wie ihrem Vater. Guck doch richtig hin. Du tickst doch nicht richtig. Ich hab' dir doch gesagt, daß ich das Bild von einer Seite aus Deutschland habe."

" ... und Pädophilie. Verdacht auf Kindsmißbrauch. Name? ..."

Mein bester Freund. Ich kenne ihn schon seit der Schulzeit. Seit 20 Jahren. Er hatte damals Tauben und Kaninchen und eine Modelleisenbahn, an der wir beide herumbastelten. Und an den Wochenenden strichen wir durch die Hinterhöfe, immer auf der Suche nach Geheimnissen. Wir dachten uns Geschichten aus, träumten. Manchmal klaute ich ihm die Schuhe. Er lachte, ließ es mit sich geschehen.

"Pädophil? Mißbrauch? Ich? Spinnst du jetzt vollkommen? Mit wem sprichst du da? Etwa mit der Polizei? Polizei? Leg sofort auf. Ich ... ich ... Das ist doch ein ganz harmloses Bild. Aus Deutschland. Von einer deutschen Seite. Ein Vater klärt seine Tochter auf. Hab' ich doch gesagt. Sexuelle Aufklärung ist das ..."

"Adresse?"

Das Haus, in dem ich stets als Familienmitglied aufgenommen wurde, in dem ich Liebe erfuhr. Seine Oma nahm mich in den Arm, als ich mir das Knie aufgeschlagen hatte.

"Das ist doch keine Pornogra ... Du ... du ... so engstirnig, wie die Gesellschaft ... prüde, verklemmt. Emanze ... gefrustet, weil du frigide bist ... Deshalb kannst du nicht selbständig denken, käust alles wieder, was man dir vorgibt. Läßt dich manipulieren. Hätte ich nicht von dir gedacht ... Erziehung zur freien Liebe ist das hier, da ... damit wird doch gerade verhindert, daß ... Ich meine, diese Perversion, der Kindsmißbrauch entsteht doch erst durch die Tabuisierung der Sexualität ... Leg endlich auf, du hast doch gar nicht angerufen. Ich kenn dich und deine Scherze doch."

"... Herbert Stransky ... Biedermeierstraße 34 B ..."

Hatte dieses kleine Mädchen - Mathilde - je das Glück gehabt, einen eigenen Namen besitzen zu dürfen?