In deinen Augen

Eine Buchseite raschelte leise, während eine schmale weiße Hand sie umdrehte. Die Leserin wendete den Blick von ihrem Buch nicht ab; voller Konzentration glitten ihre Augen über die schwarzen Buchstaben, als ob sie vergessen hätte, dass es den Rest der Welt überhaupt gab. Um sie herum toste ein Sturm von Stimmen, Schritten, rasselnden Münzen und brummenden Küchengeräten – die Mensa war wieder einmal rappelvoll.

Der Junge, der ihr gegenüber saß, hieß Jake und langweilte sich. Gegessen hatte er schon, wichtige Arbeiten hatte er so spät im Semester (es war Juni) noch nicht zu tun, und bevor seine nächste Vorlesung begann, hatte er noch dreiundvierzig Minuten totzuschlagen. Anders als sein Gegenüber hatte er keine Freude am Lesen, sein iPod war zu Hause, und seine Freunde konnte er nirgendwo entdecken. Neidisch musterte er das Mädchen mit dem Buch und fragte sich, wie es kam, dass sie das Chaos um sie herum so gut ausblocken konnte. Vielleicht war das Buch besonders spannend.

Langsam wurde er neugierig und schaute sie genauer an. Sie war klein und zierlich, mit kurzen schwarzen Haaren und so blasser Haut, dass sie beinahe durchsichtig wirkte. Sie trug eine dicke Brille mit dunkelrotem Rahmen, hinter der man ihre Augenfarbe kaum erkennen konnte. Sie war nicht das, was er auf den ersten Blick schön nennen würde, aber ihr Gesicht gefiel ihm und er schaute sich satt, während sie – übrigens mit erstaunlicher Geschwindigkeit– weiterlas.

Plötzlich sah sie abrupt auf und schaute ihm direkt in die Augen.

„Was guckst du?" fragte sie unfreundlich. Er wurde rot.

„Eh, naja," stotterte er, „Hab' mich nur gewundert, was du da liest."

Sie hielt das Buch hoch, sodass er das Titelbild sehen konnte: Harry Potter und der Halbblutprinz. Wie es aussah, war sie beinahe durch damit. Die Harry-Potter-Bücher waren sozusagen seine Favoriten: es waren die einzigen, bei dessen Lektüre er nicht vor Langeweile gähnen musste. Harry Potter also; das war schon mal ein gutes Thema, um ein Gespräch anzufangen.

„Hast du's schon mal gelesen?"

„Nein."

„Bist du schon bei der Stelle, wo Dumbledore..."

„Ssch!" zischte sie und funkelte ihn hinter der Brille an. „Ich will nicht wissen, was passiert. Sonst ist da gar keine Spannung mehr dabei."

Da musste er lachen. „Ey, bleib mal cool," sagte er beschwichtigend. „Ist ja nur ‚ne Geschichte."

Sie zuckte mit den Schultern und senkte demonstrativ ihren Blick auf das Buch; es war, als ob sie zwischen ihnen einen Vorhang gezogen hätte. Beleidigt stand er auf und nahm sein leeres Tablett mit. Wenn sie keine Lust zum Reden hatte, bitteschön, er würde sie in Ruhe lassen.

Trotzdem drehte er sich noch einmal nach ihr um. In der ganzen Mensa saßen an jedem Tisch die Studenten zusammen: Sportmannschafts- oder Klassenkameraden, Cliquen, verliebte Pärchen. Sie war die einzige, die allein saß. Bei ihrer Unfreundlichkeit war das kein Wunder, aber trotzdem tat sie ihm irgendwie leid.

Morgan war zu aufgewühlt, um sich ganz auf den Horcrux in der Grotte zu konzentrieren, was einiges heißen wollte. Einerseits war sie wütend auf den Jungen, der das Werk der großen J. K. Rowling lässig als „nur ‚ne Geschichte" abtat und sie mit seinen starrenden Augen bei dessen Genuss störte. Andererseits gingen ihr eben diese Augen nicht aus dem Kopf: in ihrem goldgefleckten Grün erinnerten sie an einen sonnigen Wald. Und wie sein hellbraunes Haar ihm über die Stirn fiel, als er lachte...

Nein! Sie hielt den Gedanken zurück und sperrte ihn ein wie ein wildes Tier. Sie konnte es sich nicht leisten, wie normale Menschen ihren Hormonen freien Lauf zu lassen. Wenn die Menschen ihr zu nahe kamen, bereuten sie es immer früher oder später. Und sie hatte keine Lust, wieder in den Zeitungen zu stehen, umziehen und Namen und Aussehen ändern zu müssen wie so oft.

Sie fühlte sich wohl in diesem großen, rotbeziegelten Gebäudekomplex mit seinen grünen Kupferdächern und weiten Rasen und seiner sicheren Anonymität. Hier gab es viele, die von außen her etwas exzentrisch wirkten; daher fiel sie überhaupt nicht auf. Und sie würde so lange wie möglich dafür sorgen, dass es so blieb.

()

Am nächsten Tag war Morgan spät dran. Sie hatte verschlafen und ihren Bus verpasst, wie so oft, und hastete mit einer Kaffeetasse in der einen und einem Donut in der anderen Hand den Bürgersteig entlang. Es war halb neun – ihrer Meinung nach zu früh, um sich aus dem Bett schälen zu müssen. Sie achtete kaum auf die Autos, die an ihr vorbeidonnerten, oder den Schwarm von Studenten, die ihren Weg teilten. Das College kam in Sichtweite; noch fünf Minuten bis zum Beginn von Dr. Brauns Stunde. Organische Chemie. Vielleicht würde sie es noch schaffen. Sie lief an der Bushaltestelle vorbei...

...und drehte sich um, vor Angst gelähmt.

Von der anderen Straßenseite her schoss ein junger Mann auf einem Skateboard über die Straße, ohne vorher links und rechts zu schauen. Zur gleichen Zeit kam ein dickes schwarzes Auto von links angebraust. Gleich würden sie zusammenstoßen.

Vor Morgans Augen schien sich alles zu verlangsamen; Kaffee und Donut fielen ihr aus den Händen, ohne dass sie es bemerkte. Es rauschte ihr in den Ohren. Instinktiv warf sie ihre Hand nach vorne, als ob sie so das Auto aufhalten könne.

Ein prickelndes Gefühl stieg in ihr hoch, wie Cola auf der Zunge, und strömte durch ihren Arm in die Luft. Der Skateboardfahrer wurde wie von Geisterhand auf den Gehsteig zurückgestoßen, sodass er das Gleichgewicht verlor und vom Board fiel. Der Autofahrer bremste scharf - die Bremsen kreischten – schnell fuhr er weiter, ohne sich umzusehen.

Morgan schwirrte der Kopf; am liebsten hätte sie sich irgendwo hingesetzt. Mit klopfendem Herzen wartete sie darauf, dass irgendjemand mit dem Finger auf sie zeigen würde: „Die war's! Sie kann zaubern!" Und dann ginge der ganze Zirkus wieder los: Zeitungs – und Fernsehinterviews, überall Leute, die ihr nachgafften. Eine Mischung aus Bewunderung, Angst und Abscheu. Sie war nicht normal. Eine genetische Anomalie. Ein Freak.

Aber niemand zeigte auf sie. Vier oder fünf Leute scharten sich stattdessen um den Skateboardfahrer, der langsam und vorsichtig wieder auf die Füße kam. Einer hob sein Board für ihn auf; ein anderer bot ihm eine Wasserflasche an. „Danke," sagte er und hob die Hände. „Mir geht's gut, ja, alles okay."

Er überquerte ein zweites Mal die Straße, diesmal langsam und vorsichtig. Morgan stand immer noch verwirrt am selben Platz und ehe sie sich's versah, stand der Junge ihr gegenüber.

Es war der von Gestern, der mit den Sommerwaldaugen. Und er schaute sie an, als ob er genau wüsste, was sie eben für ihn getan hatte.

„Aha," sagte er. „Blau."

„W-wie?"

„Deine Augenfarbe," sagte er mit abwesendem Gesicht. „Gestern konnte ich sie nicht genau erkennen, weißt du...aber heute hast du Kontaktlinsen an."

Aus lauter Verlegenheit entriss sich ihr ein schrilles Kichern. Er grinste zurück.

„Kann es sein, dass du unter Schock stehst?" fragte sie atemlos.

„Vielleicht."

„Das ist nämlich total der falsche Zeitpunkt, um sich in die Augen zu schauen. Du bist beinahe umgefahren worden und ich muss zum Unterricht."

„Jaja, stimmt. Aber, du – wie heißt du?"

„Morgan Rollins."

„Jake Cleary. Komm mal nach der ersten Stunde ins Oval, Morgan. Ich schulde dir ein Frühstück - " er wies auf den verdreckten Donut und die Kaffeepfütze auf dem Boden, „ - und du mir eine Erklärung."

Er sah sie noch einmal durchdringend an und rauschte auf seinen vier Rädern davon.

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Das Oval war eine Art Café, das im Keller des Hauptgebäudes lag und sich zwar in der Größe, aber nicht im Geräuschpegel von der Mensa unterschied. Die Tische und Stühle waren aus grauem oder rotem Plastik, das Licht immer etwas schummerig, und an einer Wand stand ein altes geblümtes Sofa, in das man hineinsank und von dem man nur schwer aufstehen konnte. Dort saß Morgan, restlos vertieft in Gloria Fieros Humanistic Tradition, sodass sie aufschreckte, als Jake sich neben sie setzte und sich räusperte.

„Also," sagte er und musterte sie über den Rand einer schwarzen Thermostasse. „Was soll's sein? Ein Muffin? Frischkäsebagel – nein, die sind ja alle. Tee oder Kaffee? Die Rechnung geht an mich. Schließlich hast du ja meinetwegen dein Frühstück fallen lassen."

„Danke," hörte sie sich nervös sagen. „Das ist nett von dir...also...ein Blaubeermuffin und ein kleiner Kaffee? Bitte?"

„Geht klar."

Er erhob sich, ging zum Tresen und bestellte beides, außerdem für sich einen Marsriegel. Morgan wartete angespannt, bis der Kaffee fertig war; gleich würde er eine Erklärung von ihr fordern. Obwohl sie eigentlich schrecklichen Hunger haben sollte, verging ihr bei diesem Gedanken jeglicher Appetit. Sie wollte nicht, dass er Angst vor ihr bekam. Nicht, nachdem er so freundlich zu ihr gewesen war. Sie machte sich Vorwürfe, sein Angebot angenommen zu haben. Wann würde sie endlich lernen, sich von menschlicher Nähe und dem damit verbundenen Schmerz fernzuhalten?

„Bitte sehr, junge Dame," sagte Jake im Kellnerton und hielt ihr den Kaffee und den Muffin hin. Er grinste, vielleicht um sie etwas aufzulockern, weil er merkte, wie steif sie auf ihrem Platz saß. Sie konnte nicht anders, als sich zu entspannen; er benahm sich nicht wie jemand, der sie ins Kreuzverhör nehmen wollte. Und der Muffin roch und sah so appetitlich aus, das er fürs Erste ihre ganze Aufmerksamkeit beanspruchte. Währenddessen knabberte er an seinem Marsriegel und wartete, als ob er alle Zeit der Welt hätte.

Als schließlich vom Muffin nur noch Krümel und eine verschrumpelte Blaubeere übrig waren, lehnte Morgan sich vor und nahm den Kaffeebecher in beide Hände.

„Also," begann sie tapfer. „Was willst du wissen?"

Vielleicht konnte sie ihn ja überreden, dass er sich getäuscht hatte. Den meisten Menschen fiel es leichter, zu glauben, sie hätten geträumt oder halluziniert oder sonst etwas, anstatt an Unerklärliches zu glauben.

„Naja, also...es mag vielleicht seltsam klingen, aber..." Er räusperte sich, atmete tief ein und ließ seine Erklärung wie einen Wasserfall hervorsprudeln: „Vorhin hat mich jemand zurückgeschoben, gerade als das Auto ankam. Obwohl niemand da war. Und da hab' ich hochgeschaut und du warst da und ich weiß, dass das total albern klingt, aber kann es sein, dass du irgendwie...übernatürliche Kräfte hast?"

Er wies während des Redens keine Spur von Angst auf, nur Aufregung, Verwirrung und Neugier. Seine Augen blickten so offen und vertrauenswürdig, dass ihr die so oft benutzte Lüge im Hals stecken blieb.

„Ja," sagte sie und senkte den Kopf. „Es stimmt. Ich bin nicht normal."

Um sie herum ging das fröhliche Lachen und Schnattern weiter, als sei überhaupt nichts passiert, doch zwischen ihnen spannte sich das Schweigen wie ein aufgeblasener Ballon. Jeden Moment würde er platzen.

„Wie meinst du das?" fragte Jake leicht irritiert und lehnte sich vor. „Was heißt überhaupt normal und nicht normal? Kann irgendjemand sagen, wo die Grenze liegt? Ich zum Beispiel, ich bin der einzige Typ in meinem Alter, den ich kenne, der noch keine Fahrstunden nimmt. Ist das normal oder nicht? Und ich kenne einen, der hat eine Schlange als Haustier. Entweder jeder ist normal, oder jeder ist auf seine Art verrückt. Was ist denn an dir so schrecklich unnormal?" Sein Mund verzog sich zu einem neckenden Grinsen, als ob er eine Kleinigkeit wie die aus seinem eigenen Leben erwartete.

„Es ist so," erwiderte sie scharf. „Wenn ich besonders wütend bin oder wenn ich Angst habe, passieren Dinge, die man einfach nicht erklären kann. Zum Beispiel eben gerade. Oder als ich klein war, hat mir ein anderes Mädchen meinen Teddy zerrissen und ich – etwas hat sie zu Boden geschlagen, ohne sie anzufassen. Sie hat zwar überlebt, aber trotzdem ist es besser, wenn du nicht zu viel Zeit mit mir verbringst. Es könnte sonst ein Unglück geben."

Ihre Stimme klang kalt und verbittert; fortwährend starrte sie in den leeren Teebecher, ohne ihren Blick auf Jakes Gesicht zu heben. Den Ausdruck des Abscheus, den er sicher trug, hatte sie schon so oft gesehen.

Er sprach kein Wort. Der dicke, pralle Ballon schwoll erneut zwischen ihnen an.

Abrupt stand sie auf und schnappte ihren Rucksack. Sie hielt es keine Minute länger hier aus.

„Hey, Morgan, was - " Mehr brachte Jake nicht heraus. Er streckte die Hand in einer nutzlosen Geste aus, doch sie sah es nicht einmal, während sie mit gesenktem Kopf und flatternder Jacke zur Tür stürzte.

Sekunden später war sie verschwunden.

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Es war kurz vor siebzehn Uhr und Morgan saß gerade mit einem geliehenen Laptop in der Bibliothek, als die MIO antraf. Hoffentlich ist sie kurz, dachte sie, denn es blieben nur noch wenige Minuten, bis die Bibliothekarin sie hinauswarf.

MIO war die geläufige Kurzform für Message in Omnivox; Omnivox war die Webseite des College. Meistens benutzten Lehrer die Funktion, um an Termine oder Ausflüge zu erinnern, Lesematerial zu verteilen oder Hausarbeiten zu geben. Dann und wann bekam Morgan panische Fragen mit, die von einer Person an die ganze Klasse geschickt wurden („sorry ich war gestern krank! was kommt morgen in der Prüfungdran?! XOXO! Danke!"), aber dies war die erste MIO, die nur an sie allein gerichtet war.

Sobald sie den Namen des Absenders sah, blieb ihr fast das Herz stehen.

Von: Cleary, Jacob

An: Rollins, Morgan

Gesendet: 21/05/08, 13:28:09

Hey Morgan, warum bist du weggelaufen? Ich wollte doch noch mit dir reden. Keine Sorge, ich hab keine Angst vor deinem...was auch immer du hast. Ich sehe, dass du ein guter Mensch bist, schließlich hast du mir das Leben gerettet.

Und ich finde immer noch, dass du normal bist. Telekinese oder ESP oder so soll ja manchmal vorkommen. Ich hab sogar einen Dokumentarfilm im Fernsehen darüber gesehen.

Da fällt mir ein: Denk an Harry Potter! Erinnerst du dich nicht an die ersten Bücher? Wo er seine Zauberkräfte noch nicht unter Kontrolle hatte und aus Versehen die Riesenschlange freigelassen hat?

Okay, der Stil ist anders – du scheinst keinen Zauberstab oder Küchenlatein zu brauchen – aber das Prinzip ist vielleicht das Gleiche. Wenn du deine Macht absichtlich einsetzt und mehr über sie lernst, müsstest du sie unter Kontrolle bringen können. Und dann gäbe es keine Unfälle mehr.

Ciao und viel Erfolg!

Jake

P.S.: Hättest du Lust, dich bei Zweig mit mir zu treffen? Samstag um halb fünf?

Wie eine Schlafwandlerin schaltete Morgan den Computer ab und gab ihn der Bibliothekarin wieder. Sie verließ die Bibliothek und strich langsam durch die stillen Korridore des verlassenen Gebäudes. Mit ihrem leisen Tritt und den blassen, angespannten Zügen hätte man sie für ein Gespenst halten können. In ihrem Kopf drehte sich alles.

Während sie das Wohnheim betrat, das durch einen langen Korridor mit dem Hauptgebäude verbunden war, drehten sich ihre Gedanken immer wieder um Jake und seine Worte. Es war kaum zu glauben. Nicht nur, dass er behauptete, keine Angst vor ihr zu haben, sondern er wollte sie wiedersehen!

Kann es sein, dass... Worte wie Date und Rendezvous begannen plötzlich, in ihrem Hirn herumzuspuken. Doch sobald ihr eigenes Spiegelbild ihr in der Fensterscheibe auffiel – klein, blass, knochig und mit Jungenfrisur – schüttelte sie energisch den Kopf. Nein, bei seinem guten Aussehen und seiner offenen, freundlichen Art konnte Jake bestimmt jedes Mädchen haben, dass er wollte. Eines, das zu ihm passte, jemand schönes und lustiges.

Will er mich erpressen? Jetzt, wo er alles weiß? Aber warum hat er mir diesen Rat gegeben?

Mit geschlossenen Augen sah sie die Buchstaben der Botschaft vor sich flimmern: „Wenn du deine Macht absichtlich einsetzt und mehr über sie lernst, müsstest du sie unter Kontrolle bringen können."

Ob sie das schaffte?

In Gedanken verpasste sie beinahe ihre eigene Tür, fand sie aber dann doch. Ihre Zimmergenossin Valerie war wieder einmal ausgeflogen, bestimmt auf irgendeiner Party, und würde dann wohl gegen fünf Uhr morgens beschwipst an die Tür donnern. Dabei war es erst Donnerstag.

Die Wohnung bestand aus einem Zimmer mit zwei Betten, zwei eingebauten Kleiderschränken und einer Küchenwand mit winzigem Kühlschrank, Mikrowelle, Abwaschbecken und Herd. Alles bestand entweder aus weißem Plastik, hellem Holz oder Stahl und die Wände waren weiß gestrichen. Insgesamt war der Eindruck eher steril und unpersönlich, abgesehen von Morgans Weihnachtskaktus und Valeries Promi-Postern, ganz zu Schweigen von den bunten, billigen Kleidungs- und Schmuckstücken, die überall herumlagen. Valerie hatte sich wieder einmal nicht entscheiden können, was sie anziehen sollte. Morgan ließ den Kram einfach liegen; in letzter Zeit bemerkte sie ihn kaum. In diesem Wohnheim, dachte sie pessimistisch, kam ihr bestimmt bald jeglicher Ordnungssinn und Wunsch nach einer Privatsphäre abhanden.

Die Spaghetti von gestern waren noch im Kühlschrank, also holte Morgan den Plastikbehälter heraus und begann ihn in der Mikrowelle aufzuwärmen. In diesem winzigen Ort für zwei zu kochen war keine leichte Aufgabe, aber man konnte ja nicht immer von teuren Fertiggerichten oder Fast Food leben.

Kann es sein, hatte er sie geradeheraus und ohne Furcht gefragt, dass du übernatürliche Kräfte hast?

Es ist eher so, dass sie mich haben, dachte sie trocken. Sie erinnerte sich an das erste Mal, so scharf und klar, als sei es gestern geschehen...

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Sie war fünf Jahre alt, schüchtern und wortkarg, schon damals die Kleinste in der Klasse. Sie spielte im Sandkasten auf dem Hof des Kindergartens – ohne die anderen Kinder, doch nicht ganz allein. Bruno, ihr alter schwarzer Teddybär mit den glänzenden Glasaugen, leistete ihr Gesellschaft und sie war restlos zufrieden.

Oh, wie süß!" Rief plötzlich eine schrille Stimme. Ein hübsches Mädchen mit blonden Locken hob Bruno an einem Beinhoch und trug ihn kopfüber davon.

Das ist meiner!" rief Morgan empört, stand auf und lief der anderen nach. „Gib ihn zurück!"

Die Blonde lachte und warf Bruno in die Luft, sodass er sich überkugelte. Seine Augen schienen vor Angst geweitet. Schluchzend versuchte Morgan, ihn aufzufangen, doch die andere war größer und hielt ihn so hoch, dass Morgan nicht an ihn herankam.

Der Bär gehört jetzt mir. Ich kann mit ihm machen, was ich will. Ich kann ihm sogar den Kopf abreißen, wenn ich will."

Mach das nicht! Bitte nicht! Bruno ist mein Freund!"

Du hast keine Freunde. Dich mag niemand. Er ist nur ein Stofftier, also wird ihm das - " Die Blonde riss Brunos linken Arm aus. „ – nicht wehtun."

Morgan schrie auf, sodass alle anderen Kinder angerannt kamen und neugierig zusahen. Sie war außer sich vor Wut und Verzweiflung, fast erstickt an ihren eigenen Tränen. Halb blind stürzte sie sich auf die Blonde, doch zwei von deren Freundinnen hielten sie zurück, während Brunos Folter systematisch vor sich ging. Seine Gliedmaßen und sein Kopf wurden langsam, genüsslich, eins nach dem anderen abgetrennt, während die Blonde laut und hell lachte.

Ich hasse dich!" schrie Morgan und versuchte mit aller Kraft, sich loszuwinden. „Ich bring' ich um!"

In diesem Moment fiel die Blonde nach hinten um, als ob ihr jemand kräftig ins Gesicht geschlagen hätte. Brunos Einzelteile flogen in alle Richtungen.

Stille.

Dann brach die Panik aus, die Aufsichtsperson erschien mit wehenden Haaren und bleichem Gesicht, die Blonde wurde von allen Seiten sorgenvoll umringt und lauter anklagende Finger zeigten auf Morgan.

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Doch gegen die Stimmen in ihrer Erinnerung sprach eine neue Stimme an, männlich und warm und voller Zuversicht: Was heißt überhaupt normal oder nicht normal? Kann irgendjemand sagen, wo die Grenze liegt?

Die Mikrowelle fiepte leise. Morgan stand auf und holte die Spaghetti heraus, die schon appetitlich dampften. Sie holte sich eine Gabel und ein Glas Sprite, setzte sich an ihren Schreibtisch und begann das Abendessen.

Es waren nicht nur die Nudeln, die sie innerlich wärmten.

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Die Familie Cleary wohnte in einem grauen Steinhäuschen, das sich zwischen zwei große Ahornbäume kuschelte wie ein Kind zwischen seinen Eltern. Im Garten standen Rosen, Nelken, Dahlien, Lavendel und andere süß duftende Pflanzen, die Jake nie unterscheiden konnte. Die Tür war dunkelgrün gestrichen und eine hell glänzende Hausnummer aus Messing hing in ihrer Mitte. Eine kleine Treppe und ein schmaler, gewundener Weg aus weißen Steinen führte von der Tür bis zur Garageneinfahrt. Das Garagentor war ebenfalls grün.

Die Küche war klein und mit dunklem Holz getäfelt und ging ohne Tür in das Esszimmer über. Der Kühlschrank war mit Klebezetteln, Werbemagneten, alten Kinderzeichnungen und Jakes Stundenplan übersät. Der Tisch war mit einer blütenweißen Decke überzogen und von einem dreiteiligen Bogenfenster strömte das letzte goldene Sonnenlicht des Tages in den Raum.

Alle drei Clearys waren um den Abendbrotstisch versammelt und ließen es sich gut schmecken.

„Wir müssen unbedingt die Hecke schneiden," meinte Jakes Mutter Rosie gutgelaunt. „Findet ihr nicht? Sie sieht schon so verfranst aus wie ein alter Schal. A propos Schal, neulich war ich im Fairbanks um mir einen neuen zu kaufen und ratet mal, wen ich da getroffen habe! Meine alte Freundin Gloria – ihr wisst schon, die Friseuse...Ja, die Arme sah ganz verwahrlost aus, ihr neuer Freund hat nämlich..."

Jake hörte dieses Geplapper meistens gar nicht mehr. Im Grunde genommen war es ihm völlig egal, in was für Skandale Rosies Freundinnen sich verwickelten. Er schwebte in Gedanken aus dem Esszimmer davon und wartete, wo er landen würde.

Weite, ernst blickende, dunkelblaue Augen hinter dicken Brillengläsern. Dieses Mädchen – Morgan Rollins. Sie hatte ihm noch nicht zurückgeschrieben. Ob sie kam? Vielleicht hatte er sie mit der MIO verärgert oder beleidigt, ohne es zu wissen. Frauen waren ja bekanntlich rätselhaft. Beinahe tat es ihm Leid, sie so voreilig zum Café Zweig eingeladen zu haben. Nur...Er wollte sie einfach wiedersehen.

„Jake?...Hallo, ich rede mit dir! Jake, wach auf!"

Rosies schrill ansteigende Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Er schreckte auf, sodass ihm die Gabel auf den Teller klapperte. Andrew, Jakes Vater, grinste.

„Oh, äh, 'Tschuldigung. Was wolltest du sagen?"

„Ich wollte nur fragen," wiederholte sie, „Was du denn heute gemacht hast."

Er zuckte mit den Schultern. „Naja, die üblichen Sachen halt...College, Hausaufgaben, mit Alex und Mike rumhängen...am Computer spielen...essen...schlafen...nichts Besonderes."

Die Sache mit dem knapp vermiedenen Autounfall verschwieg er. Seine Mutter sollte sich keine unnötigen Sorgen machen, sonst kam sie noch auf die Idee, ihn wie ein Kleinkind in ihrem grauen Volvo hin und zurück vom College zu chauffieren. Seine Freunde würden sich totlachen.

Und von Morgan wollte er lieber auch nichts erzählen. Jedesmal, wenn er besonders viel über ein bestimmtes Mädchen redete, zogen seine Eltern ihn maßlos damit auf, besonders sein Vater. Er wollte nicht, dass Morgan zum Thema dummer Witze im Hause Cleary wurde. Und ihre geheimnisvollen Fähigkeiten sollten erst recht geheim bleiben.

„Alex und Mike? Und wie geht es ihnen? Was habt ihr denn so gemacht?" Rosie gab es nicht auf, ihn zu löchern. Es war ihre Art, am Leben ihres Sohnes teilzuhaben. Großzügig wie er war, fing er an zu erzählen und seufzte innerlich.

Später, allein in seinem Zimmer, schaltete er seinen Computer an und wartete ungeduldig auf Verbindung zum Netz. Es war Freitag, soviel sagte ihm der Star Wars-Kalender über seinem Schreibtisch.

Das Zimmer war sauber, aber nicht zu sauber. Auf der Stuhllehne und dem kleinen roten Sofa hingen einige alte Kleidungsstücke. Ein Bücherregal war mit Schulbüchern, CDs, DVDs, Videospielen und alten Actionfiguren gefüllt. Der Bettüberzug war grau und immer etwas zerknittert, und was die Unordnung im Kleiderschrank anging, so wollte er lieber nicht daran denken.

Er erinnerte sich, wie diese unbekannte Kraft ihn einfach so aus dem Weg des Autos geschoben hatte, wie eine Hand gegen seine Brust.

Auf dem Kalender sah der alte Yoda mit entschlossenem Blick und ausgestreckter Hand auf ihn herunter. Es fiel ihm auf, wie sehr dies Morgans Geste ähnelte.

Möge die Macht mit dir sein. Unwillkürlich musste er vor Freude und Verwunderung lachen.

Ich wusste es! hätte er am liebsten in die Nacht geschrieen. Ich wusste, dass man nicht alles im Leben logisch erklären kann! Ich wusste, dass so viele Geschichten einen wahren Kern haben müssen. Was immer ‚die Macht' auch sein mag, es gibt sie wirklich!

Seine Mailbox war voll. Das meiste war natürlich Spam, aber...er klickte mit einer Hand auf den Absender ‚Omnivox' und kreuzte die Finger der anderen. Die Botschaft öffnete sich und er las folgendes:

Von: Rollins, Morgan

An: Cleary, Jacob

Gesendet: 22/05/08, 16:31:35

Ich komme. Vielen Dank für deine Einladung und deinen Rat.

Jake konnte nicht anders. Er machte einen Luftsprung, dass das Regal wackelte.

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Eine Glocke klingelte vergnügt, als Morgan das kleine Café betrat. Die Wände waren bunt bemalt, teilweise in Rot, teilweise in einem hellen, freundlichen Gelb. Die Stühle und Tische waren schwarz und sahen schlank und elegant aus, doch auf den Sitzen waren bunte Kissen. An einem der Fenster stand ein Gummibaum neben einem Stapel Zeitungen; an den Wänden standen Regale, wo Dinge wie handgemachte Seife, Konserven, Postkarten oder Schmuck zum Verkauf standen.

Halbwegs zwischen der Tür und der hinteren Wand stand der Tresen. Hinter einer Glasvitrine standen verschiedene Kuchen und Schnitten, neben der Kasse lag eine Schachtel voller Teebeutel, hinten stand eine Kaffeemaschine und auf den Tafeln über Morgans Kopf stand die gesamte Auswahl samt Preisen.

Auf den ersten Blick fühlte sich Morgan wohl. Schade, dass ich nicht früher hierhergekommen bin...dabei ist es so nahe am College.

„Guten Tag," zwitscherte die Frau an der Kasse. Sie war kaum älter als Morgan, aber einen ganzen Kopf größer, rund und rotbackig wie ein Apfel. „Warten Sie auf jemanden?"

„Ja." Ist es wirklich so offensichtlich?

„Möchten Sie schon vorbestellen? Ich bring's Ihnen dann an den Tisch."

„Nein, nein danke." Morgan setzte sich an den Tisch, der am nächsten zum Fenster stand – nicht, dass Jake sie womöglich übersah und glaubte, sie habe die Verabredung nicht eingehalten.

Jetzt, wo es beinahe soweit war, hatte sie Schmetterlinge im Bauch – riesige Viecher mit Flügeln, so groß wie ihre Hand. Was, wenn er es sich anders überlegt hatte? Was, wenn er Reporter herbestellt hatte, um die Kuriosität Morgan zu interviewen? Was, wenn er sie erpressen wollte? Als Studentin hatte sie kaum Geld, außer dem, was sie bei ihrem Teilzeitjob als Kellnerin verdiente!

Hör auf damit, Morgan. Deine Fantasie geht mit dir durch. Bestimmt ist es etwas ganz Harmloses. Man kann es ihm ja kaum verwehren, neugierig zu sein. Er will eben mehr über mich wissen...ich bin ja das geheimnisvolle Wesen mit den magischen Kräften.

Die Tür sprang auf, das Glockenspiel läutete Sturm und Jake fegte atemlos herein. Eine der beiden alten Damen auf dem Sofa drehte sich um und sah ihn missbilligend an, doch er bemerkte sie nicht und ließ sich Morgan gegenüber in einen Stuhl fallen.

„Tut mir Leid – dass ich – so spät bin! Hast du lange – gewartet?" Sein kastanienbraunes Haar war vom Rennen ganz zerzaust und Schweiß glänzte auf seiner Stirn. Er strahlte, als gäbe es nichts Schöneres, als durch die Stadt zu rennen, um sich mit Morgan zu treffen.

Sie verneinte und stand auf, um sich am Tresen etwas zu bestellen. Er folgte ihr.

„Ah, die Qual der Wahl..." murmelte er selig. „Apfelkuchen, Zitronenbaisers, Brownies, Schokotorte, Erdbeer-Käsekuchen...hmm...und das hier?" Er wandte sich an die Kassiererin und zeigte auf etwas mit einer dicken weißen Gussschicht.

„Das ist Karottenkuchen," erwiderte sie lächelnd.

„Aha. Dann nehm' ich den...und 'ne Tasse Kaffee. Schwarz, bitte. Morgan?"

„Pfefferminztee, bitte."

„Okay." Geschickte Finger flogen über die Tastatur der Kasse. „Getrennte Rechnungen oder..."

„Alles zusammen," unterbrach Jake mit fester Stimme.

„Das musst du nicht - " Er winkte Morgans Protest mit einer Hand ab und bezahlte.

Beim nächsten Mal lade ich ihn ein, versprach sie sich. Das heißt, falls es überhaupt ein nächstes Mal gibt.

Sie nahmen Platz und warteten, bis die Bestellung ankam und bis der bzw. die andere etwas sagte. Langsam spannte sich die Stille an, bis Jake sie plötzlich unterbrach.

„Ich finde es cool, was du hast," meinte er. „Bücher sind zwar nicht so mein Fall, aber ich stehe total auf Videospiele und Fil1me und alles, was mit Fantasie oder Science Fiction zu tun hat. Ich hab' schon immer gewusst, dass da etwas Wahres dran sein muss."

„Auch wenn es gefährlich ist?" fragte Morgan.

„Besonders dann. Stell dir vor, wenn du nachts allein durch die Stadt läufst, brauchst du nie Angst zu haben. Das ist besser als ein Judokurs!"

Morgan musste lachen. „Für dich ist das Glas immer halbvoll, nicht?"

„Genau."

„Und wo wir gerade beim Thema sind..." Vorsichtig spähte sie nach allen Seiten. Die beiden alten Damen waren in ein Gespräch vertieft und die Kassiererin hatte ihnen den Rücken gekehrt, während sie auf das Kaffeewasser wartete.

„Ich möchte dir etwas zeigen," flüsterte sie.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Was, wenn es diesmal nicht funktionierte, obwohl sie in ihrem Zimmer geübt hatte? Was, wenn er doch noch Angst bekam? Du machst dir eindeutig zu viele Sorgen...sieh es einfach nur aus seiner Sicht. Sei optimistisch.

Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Das Wichtigste war, alles um sie herum zu vergessen und sich mit ganzem Willen nur auf eines zu konzentrieren, auf das, was sie erreichen wollte. In Gedanken beschwor sie das Bild eines der Gegenstände auf dem Tisch herauf. Es war eine Zuckerdose aus einfachem weißen Porzellan. Sie richtete ihr ganzes Denken auf diese Dose.

Du sollst dich anheben und schweben. Schweben.

Ihre Kraft stieg in ihr hoch wie eine mächtige Meereswelle. Ihre Augen brannten, als ob Funken aus ihnen sprühten. Die Luft knisterte wie vor einem Gewitter.

Ihre Augen öffneten sich.

Die Zuckerdose schwebte, etwas unsicher und wackelig, etwa zwei Zentimeter über dem Tisch.

Jake konnte seinen Blick nicht losreißen. Langsam, ganz langsam, fasste er mit den Fingern zwischen die Tischplatte und die Dose.

„Wow," meinte er leise. Der Blick, mit dem er Morgan ansah, glühte vor Bewunderung. Oder war es mehr als das...?

Dieser Blick brachte sie jedoch so aus der Fassung, dass sie die Konzentration verlor und die Dose klappernd in seiner Hand landete. Das Gefühl der unsichtbaren Macht um sie herum verschwand; völlig erschöpft und ausgeleert lehnte sie sich in die Stuhllehne.

„Geht's dir gut?" fragte Jake besorgt. „Du siehst auf einmal so blass aus."

„Es ist viel schwerer so," erklärte sie. „Es ist ziemlich anstrengend, selber zu bestimmen, was passiert, aber es wird schon leichter."

„Du schaffst es bestimmt. Ah, da kommt mein Kuchen! Dankeschön! Guck mal, Morgan, sieht das nicht lecker aus?"

Eine Weile lang sagte keiner von beiden etwas – Jake, weil er seine gesamte Aufmerksamkeit dem Kuchen schenkte, und Morgan, weil sie Energie sparte. Doch es war ein angenehmes Schweigen, wie zwischen alten Freunden. Außer Sicht in der Küche klapperte jemand mit Geschirr; aus einem Lautsprecher klang leise Country-Musik.

Morgan wusste nicht genau, wie viele Zeit sie und Jake dort verbrachten; es hätten ein paar Minuten sein können oder der ganze Nachmittag. Nachdem das Kuchenstück eine schöne Erinnerung geworden war, fing Jake an zu erzählen und es war, als ob er eine neue Welt für sie öffnete. Er erzählte von Videospielen, in denen man gegen Drachen und Trolle kämpfen und Prinzessinnen befreien konnte, so lebhaft und anschaulich, als habe er das alles wirklich erlebt. Er sprach von seinen Freunden Alex und Mike; von Alex' Schlange Zelda, für die er im Tiergeschäft Mäuse kaufte und die ihm gerne auf die Schultern kroch; von seinen Lieblingsfilmen und seinen Ansichten über Politik und die Umwelt. Es war nicht so, dass er sie nicht zu Wort kommen ließ, doch da sie von Natur aus schweigsam war, ließ sie ihn munter drauflos schwadronieren und hätte stundenlang zuhören können. Er brachte sie zum Lachen und zum Nachdenken.

Es tat so wohl, einfach nur mit einem Mitmenschen zu reden, ohne Misstrauen und ohne Furcht auf beiden Seiten. Zuerst erkannte sie das Gefühl nicht, das wie ein kleines Feuer in ihr flackerte – doch als auf einmal ihr eigenes helles Lachen an ihr Ohr drang, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.

Ich bin...glücklich.

„Ich hab' eine Idee!" Jake setzte seine leere Kaffeetasse ab und schob den Stuhl zurück. „Wie wär's, wenn wir mal kurz am Fluss entlang gehen? Bei diesem schönen Wetter einfach drinnen zu bleiben wär echt schade."

„Okay." Morgan zuckte mit den Schultern und stand auf.

Draußen schien die Sonne und ein erfrischend kühler Wind fuhr durch die Straße. Um das Café herum standen lauter kleine Geschäfte: eine Kleiderboutique, eine Drogerie, ein Videoverleih und etliche andere. Hinter der Häuserreihe, die dem Café Zweig gegenüber stand, war das Flussufer.

Jake lehnte sich an das Geländer und sah nach unten, wo einige Boote an einer Mole festgebunden waren. Das Wasser funkelte und glitzerte in der Sonne, sodass es beinahe den Augen wehtat, direkt hinzuschauen.

„Hier bin ich oft mit meinen Eltern lang gegangen," meinte er abwesend. „Und ich hab' so lange gequengelt, bis sie mir ein Eis kauften. Minzeis mit Schokostückchen musste es sein und nichts anderes. Tja..." Er grinste. „Sie haben's schon schwer mit mir."

Morgan biss sich auf die Zunge und sah weg, um sich nicht anmerken zu lassen, wie schrecklich sie ihn beneidete. Ihre eigene traurige Familiengeschichte ging ihn schließlich nichts an.

„Ich rede hier immer nur über mich," sagte Jake etwas verschämt. „Sorry. Wie ist es denn mit dir? Wo kommst du her? Wie ist deine Familie? Ich will alles wissen."

Vielleicht konnte sie es so erzählen, dass ihm nichts Verdächtiges auffiel. Mit betont ruhigem und beiläufigem Ton nannte sie ihre Geburtsstadt und die Berufe ihrer Eltern.

„Das ist aber voll weit weg," staunte er. „Warum bist du nicht dort geblieben?"

„Weil ich diese Stadt interessant finde. Und weil das College einen so guten Ruf hat."

„Ach so. Ja, so machen's ja viele Studenten heutzutage. Aber in den Semesterferien fährst du doch heim, oder?"

„Ja, klar," log sie.

Jake blickte sie scharf von der Seite an, als ob er sie genau durchschaut hätte. Unwillkürlich lief sie rot an.

„Eigentlich nicht," gab sie zu.

„Und wieso nicht?"

Ein dicker Kloß saß in ihrem Hals fest und sie brachte kein Wort heraus. Sie drehte den Kopf weg und umklammerte das Geländer mit den Fingern, als sei es ihr einziger Halt. Nicht weinen, nur jetzt nicht weinen. Vergiss nicht, Tränen sind ein Anzeichen der Schwäche. Sie zeigen den anderen, wo man verwundbar ist.

„Morgan?" Mit sanften Fingern unter ihrem Kinn drehte er ihren Kopf in seine Richtung. Ein kurzer Blick auf sein Gesicht, das Mitleid und die Wärme in seinen Augen, war zuviel für sie.

„Meine Eltern...wollen mich nie wieder sehen," sagte sie mit zitternder Stimme. Es war das erste Mal, dass sie einem anderen Menschen davon erzählte. „Wegen meiner Kraft. Sie wünschen sich...es hätte mich nie gegeben!"

Mit diesen Worten brachen all die Tränen, die sie jahrelang zurückgehalten hatte, an die Oberfläche. Sie weinte, bis ihre Ponyfransen nass waren und ihre Nase knallrot. Sie schluchzte sich heiser. Es war wie eine Naturgewalt – trotz aller Scham konnte sie es nicht zurückhalten.

Jake wich erschrocken zurück. Noch nie hatte er jemanden so weinen sehen, außer in Filmen. Er wusste nicht genau, was er tun sollte, und verfluchte sich dafür, kein Taschentuch dabeizuhaben.

Zögernd nahm er sie in den Arm, streichelte ihr den Rücken und flüsterte ihr ins Ohr:. „Schh...ganz ruhig...tief durchatmen...ich bin hier, halt dich fest, ich bleibe bei dir. Alles wird okay, du wirst schon sehen."

Langsam ließ das Brennen in ihren Augen und ihrem Hals nach. Der Schluchzanfall, der ihren Körper durchgeschüttelt hatte, ebbte ab. Mit geschlossenen Augen hielt sie sich an Jake fest und vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter. Sie konnte sogar seinen Herzschlag spüren...ihr war so, als könne sie ewig in dieser Umarmung bleiben.

Die Mauer um ihr Herz war verschwunden; sie war noch nie in ihrem Leben so nackt und verwundbar gewesen – und noch nie so glücklich. Sie brauchte sich nicht mehr zu verteidigen, denn sie wusste, dass sie diesem Menschen bedingungslos vertraute. Er hatte sie akzeptiert, so wie sie war.

„Danke, Jake," sagte sie heiser. „Ich bin so froh, das du hier bist. Ich kann gar nicht sagen, was..das mir bedeutet."

„Morgan, du...ich möchte bei dir bleiben. Solange du willst. Du bist einfach... unglaublich, weißt du das? Schön und zerbrechlich und doch... stärker als jeder andere, den ich kenne. Das...das ist vielleicht nicht die richtige Zeit um das zu sagen, aber..." Er räusperte sich und sah ihr tief in die Augen. „Morgan?"

„Ja?"

Es kann sein, dass ich...in dich verliebt bin. Ja. Morgan, ich liebe ich."

Sein Geständnis kam für Morgan aus heiterem Himmel – und doch war es so, als ob sie schon seit ihrem ersten Treffen darauf gehofft hatte. Deshalb fühlte sie sich so glücklich in seiner Nähe. Deshalb hatte sie ihm all ihren geheimen Schmerz anvertraut.

„Ich dich auch," flüsterte sie ihm ins Ohr.

Hinter ihnen schimmerte das Wasser wie tausend dunkelblaue Saphire und die Nachmittagssonne schien freundlich und golden auf Jakes und Morgans ersten Kuss. Wie alle Liebenden waren sie das glücklichste Paar der Welt.

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