Prolog

„Erhöre uns, Sidian, Gott der Magie und allen Lebens, der Du uns erwählt hast um Dir zu dienen und Deiner Herrlichkeit zu singen, und gib uns Macht und Mana, auf dass wir Dich auch weiterhin würdig vertreten können in Deinem Reich hier und weit darüber hinaus!"

Während der Oberste Priester das geheiligte Wasser in die blankpolierte Schale zu Füßen der großen Sidian-Statue goss, wiederholten die anderen Magier und Priester das Mantra.

Heute war ein besonders guter Tag für die Anrufung Sidians und die dreimonatlichen Gebete. Das Wetter war klar und keine einzige Wolke stand am Himmel, die das göttliche Auge hätte verdecken können, das bisher immer mit Wohlwollen auf sie herabgeschaut hatte. Zudem war letzte Nacht, wie im Voraus berechnet, Vollmond gewesen, und in diesen Zeiten war die Macht der Magier besonders stark.

Das leise Plätschern des Wassers hallte durch den Innenhof der Tempelanlage im Herzen der Stadt als der Gesang der Magier endete, und ehrfürchtige Blicke erhoben sich zum Himmel . Sie waren auf die Gnade ihres Gottes angewiesen, gerade beim Ritual der Erneuerung, und niemand wollte sich vorstellen was geschah, wenn er ihnen seine Hilfe je versagte.

Doch sie atmeten innerlich auf, als sie das Mana auch weiterhin fließen spürten. Ihr Gott meinte es gut mit ihnen, und er gab ihnen auch weiterhin die Kraft, die sie für ihre Zauber benötigten.

„Gepriesen seist Du, Sidian, Herr und Meister über unsere Mächte. In Deinem Namen bringen wir die Magie nach Rygien, vertreten dich mit all unserem Talent und Tun und werden Dir stets zu Diensten sein, wenn Du uns rufst! Mögen wir Dich nie enttäuschen!"

Ein kurzer Gesang folgte, bei dem die elf höchsten Magier der Insel das Mana um sich herum aufnahmen. Dann, in dem Augenblick, in dem die Litanei endete, klatschten alle in die Hände und eine magische Fontäne aus geheiligtem Wasser sprudelte aus der Schale empor. Auf alle Gesichter ringsum legte sich ein Ausdruck tiefster Freude, während sie die Fontäne an- und abschwellen ließen, bis sowohl die Statue als auch sie selbst vom heiligen Wasser benetzt waren.

Das Ritual war geglückt und es versprach ihnen den Erhalt ihrer Magie zumindest für die nächsten drei Monate.

Die Magier und Magierinnen ließen die Fontäne schließlich versiegen und gingen wieder andächtig ihrer Tagesarbeit nach. Als Vertreter Sidians auf der Insel hatten sie viele Pflichten, und diesen mussten sie nachkommen um den großen Gott nicht zu verstimmen.

Nur Layenne blieb, denn sie hatte heute die Aufgabe, sich um die Pflege des Hofes und vor allem des heiligen Artefakts zu kümmern. Sie liebte diese Arbeit, denn sie hielt sich gerne in der Nähe Sidians auf. Hier, nahe bei der Statue, fühlte sie sich noch viel verbundener mit ihm als sonst. Er hatte ihr die Macht gegeben, die sie in den Kreis der elf mächtigsten Magier der Insel gebracht hatte, und sie würde ihm stets dafür danken.

Die Magie war für sie ein Geschenk, auf das sie um nichts auf der Welt verzichten wollte. Sie gab ihrem Leben einen Sinn, und im Gegenzug diente sie dem Gott der Magie mit all ihrer Kraft. Liebevoll sah sie zu der Statue auf. Der muskulöse, in edle Gewänder gehüllte Mann stellte die irdische Gestalt Sidians dar, doch das Gesicht unter der Kapuze des steinernen Mantels war eine leere Fläche.

Niemand durfte das Antlitz des Gottes sehen, es wäre ein Frevel gewesen, der mit dem Tode bestraft wurde, aber in Layennes Augen machte das den Gott nur noch wundervoller. Er hatte etwas Mystisches, das ihn wahrhaftig zu einem Gott machte.

Im ganzen Innenhof floss ein sanfter Manastrom, und sie fühlte die Magie auch durch sich selbst hindurchströmen. Spielerisch bildete sie in ihrem Kopf verschiedene Sprüche. Natürlich würde sie nicht unnötig Magie anwenden, denn das war eine Sünde. Niemandem stand es zu die geschenkte Macht zu verschwenden, denn das konnte das gesamte magische Gleichgewicht durcheinanderbringen. Trotzdem liebte sie es, sich in ihren Fähigkeiten zu üben und immer für den Notfall gerüstet zu sein.

Sie nahm einen mit gewöhnlichem Wasser gefüllten Krug vom Sims und begann, die Tulpen zu gießen, welche die Statue umgaben und den Innenhof zu etwas Lebendigem machten. Da auf Rygien allgemein ein trockenes Klima herrschte und die Stadt nahe der nördlichen Savannen lag, regnete es nur selten und es bedurfte jemandem, der sich der Blumen annahm, wenn man sie gewissenhaft pflegen wollte.

„Das hier ist also die Stätte der Verehrung Sidians. Der geheime Ort des Reiches, das Herz der Magie."

Layenne schrak auf und hätte beinahe den Krug fallen lassen. Sie fuhr zu dem Sprecher herum und starrte in das lächelnde Gesicht eines Mannes, den sie nicht kannte. Er war keiner der anderen Magier, und das wiederum bedeutete, dass er nicht hier sein sollte.

Zornig, zum einen über ihre eigene erschrockene Reaktion und zum anderen über diese Dreistigkeit im Angesicht des Gottes, stellte sie den Krug beiseite und stemmte die Hände in die Hüften als sie ihn ansprach: „Wer seid Ihr, dass Ihr wagt den heiligen Ort Sidians zu betreten ohne ihm auch nur im Mindesten den Respekt zu zeigen, der ihm gebührt? Ich sollte Euch sofort von hier entfernen lassen."

Seine hellen Augen blitzten amüsiert. „Ihr seid wahrlich eine treue Dienerin Sidians. Aber Ihr seid verblendet von der Macht dieses Steins, zu dem Ihr hier betet. Das ist nicht Sidian, Ihr wisst es genau, und Sidian heißt es nicht gut, wenn man nur sein Bildnis, aber nicht ihn selbst anbetet!"

„Wie könnt Ihr es wagen...?"

Er hob beschwichtigend eine Hand. „Lasst mich aussprechen bevor Ihr mich zu Asche verbrennt. Ich bin nicht der, der ich zu sein scheine…"

Sie unterbrach ihn barsch: „Ihr habt nicht das Recht so zu sprechen! Ihr seid nicht mehr als ein Herumtreiber, der die heiligen Stätten entweiht und den Namen des Gottes schändet!"

„Aber ich bin Euer Gott. Ich bin Sidian."

Einen Moment wusste sie nichts auf diese Worte zu erwidern, sondern konnte ihn nur mit offenem Mund anstarren. Der schäbige, aber kräftige Mann mit dem dunklen Haar, der wettergegerbten Haut und dem ungepflegten Bart behauptete wirklich, Sidian zu sein. Er behauptete, ein Gott zu sein.

Die Verwirrung verflog so schnell wie sie gekommen war und mit vor Hass sprühenden Augen erklärte Layenne: „Ihr haltet mich wohl für eine Närrin. Sidian ist ein Gott, und Ihr seid es ganz gewiss nicht. Ihr werdet diese Gotteslästerung bitter bereuen."

„Ich glaube nicht, denn schließlich habe ich Euch erwählt, Priesterin."

Sie antwortete nichts auf seine Worte, stattdessen schleuderte sie ihm eine Feuerwelle entgegen, deren Hitze die Luft um sie herum flimmern und ihn vollkommen in den Flammen verschwinden ließ. Als die magischen Flammen sich lichteten war ihre Wut noch nicht verraucht, aber eine kalte Zufriedenheit erfüllte sie darüber, dass der Mann seine Strafe erhalten hatte.

Da verflog ihre Wut und machte purer Angst Platz. Der Fremde war zwar unter dem Aufprall der Feuerwelle zwei Schritte zurückgetreten und die Spitzen seiner Kleider schwelten ein wenig, doch er selbst war unversehrt und das Lächeln auf seinem Gesicht war nur noch breiter geworden. Ungläubig sah sie auf die Spuren, die ihr Zauber hinterlassen hatte, um sich zu vergewissern, dass sie es sich nicht nur eingebildet hatte. Doch die sonst so makellosen Steinplatten waren verrußt, ein paar der Pflanzen angesengt und im Manastrom konnte sie ebenfalls fühlen, dass etwas davon verbraucht worden war.

Voller Furcht fiel sie auf die Knie. „Vergib mir, Sidian, Makelloser, ich hatte nicht geahnt, dass Du eine so einfache Dienerin wie mich aufsuchen würdest. Ich schäme mich für meine Zweifel an Deiner Wahrheit."

Sidian trat mit einem Lächeln näher und sah auf sie herab. „Wie gesagt, ich habe dich unter allen meinen Dienerinnen erwählt. So mag deine Unwissenheit dir vergeben sein. Steh auf!"

Augenblicklich kam sie der Aufforderung nach. Sidians menschliche Gestalt sah jetzt sogar noch kräftiger aus, als habe ihm der auf ihn geschleuderte Zauber noch mehr Kraft gegeben. Layenne konnte kaum glauben, wie ihr geschah. Sie stand leibhaftig vor ihrem Gott, und er sprach sogar zu ihr. In ihren kühnsten Träumen hatte sie nicht gewagt sich etwas Derartiges vorzustellen.

Behutsam fasste Sidian sie am Arm und ein magisches Prickeln durchlief ihren ganzen Körper. Er hatte eine ganz besondere magische Aura, und sie spürte das Mana, das von ihm ausging. Dann zog er sie zur Seite des Innenhofes und sagte: „Ich will nicht, dass ihr immer nur dieses Bild von mir anbetet. Ich will, dass ihr meinen Geist verehrt, denn er ist es, der stets über euch und die Magie wacht. Aber nur du sollst mich je in meiner Gestalt sehen, denn du bist etwas ganz Besonderes, Layenne. Ich will, dass du über unsere Begegnung schweigst, aber ich vertraue dir, dass du sie nie vergessen wirst, und dass du die anderen Magier auf den rechten Weg bringen kannst. Ansonsten wird die gesamte magische Gemeinde meinen Zorn zu spüren bekommen."

Er sah ihr tief in die Augen und sie nickte. Ihre Kehle war vor Staunen wie zugeschnürt und sie konnte nur krächzend antworten: „Ich werde alles tun, was Du von mir verlangst, Sidian. Ich bin Dein."

„O ja, das bist du."