Kapitel 23: Zerstören und Schaffen

„Ich konnte mir niemals vorstellen, dass es je so weit kommen würde. Ich habe stets gehofft, es irgendwie verhindern zu können. Aber der Rat hat wieder einmal den Blick abgewandt." Sie ließ ihren Blick traurig über die Menschenmenge schweifen, die sich auf dem Schlossplatz versammelt hatte und leise Parolen kundtat.

Zumindest hatte sich die Menge beruhigt, denn auf ihrem Weg hierher hatten die empörten Rufe nach einer deutlich größeren Aufregung geklungen. Rufe, die sie zudem sehr beunruhigt hatten.

„Das mit Euren Händen tut mir übrigens Leid. Meine Absicht war nie jemandem Schaden zuzufügen, um mein Ziel zu erreichen."

Maroun winkte ab. Er hatte dieses Gespräch schon zu oft geführt und würde jetzt keine Energie mehr darauf verschwenden. Angesichts des Tumults, welcher in der Stadt ausgebrochen war, hatten sie auch keine Zeit für unnötige Unterhaltungen.

Die Aufständischen, von denen vermutlich nur ein Teil tatsächlich Rebellen und der Rest nur Mitläufer waren, hatten sich über das gesamte Oval des Platzes verteilt. Dabei hatte sich vor dem Tempel und dem Schloss jeweils eine Traube von Menschen gebildet. Während man am Tempel jedoch keine Skrupel hatte, zur Einschüchterung mit den Waffen auf das stabile Tor einzuschlagen, blieb man auf der anderen Seite mit Bedacht außerhalb der Bogenschussweite.

„Im Augenblick scheint ihr mir nicht in der Position zu sein, Drohungen auszusprechen. Eure Verfolgungen waren genial organisiert, aber trotzdem nicht gut genug."

Ihre Aufmerksamkeit wanderte sofort zu dem Streit vor der Burg. Sie konnten den Rebellenanführer durch die vielen Leute nicht sehen, aber es fiel nicht schwer seine Stimme wieder zu erkennen. Riva schnaubte verächtlich: „Es sieht so aus, als hätte Jesco seinen Weg hierher gefunden."

„Und hat den einen Magier gefunden, der sich nicht von ihm einschüchtern lässt", stellte er mit einem Blick auf die Schlossmauer fest. Dort standen Arian und die oberste königliche Magierin, beide gefasst und unnachgiebig. Doch mittlerweile führte Arian eindeutig allein das Wort, denn im Gegensatz zu ihr war er bis an die Brüstung vorgetreten und stütze sich selbstbewusst mit den Händen darauf ab. Sie hingegen wirkte ein wenig eingeschüchtert und sichtlich überfordert. Einem Fremden, der die Magier weniger oft sah, wäre dieses Verhalten wohl nicht aufgefallen, er ließ sich aber von der vorgespiegelten Sicherheit nicht täuschen.

„Das ist hier schon viel zu weit vorangeschritten. Ich kümmere mich um Jesco", verkündete Riva finster und schlängelte sich durch die Reihen der wie gebannt zuschauenden Leute in Jescos Richtung.

„Sie wird ihn nicht umstimmen können", flüsterte Priesterin Layenne sanft, starrte dabei aber unnachgiebig zu Arian hinauf. Sie hatte nicht einen Moment gezögert sie zu begleiten, als Maroun ihr die Situation knapp dargelegt hatte. Wahrscheinlich sah sie in dieser Aktion die Möglichkeit, sich aus Arians Kontrolle zu befreien.

Zumindest diesen Vorteil hatte der Überfall auf die Stadtwache gehabt, der kurz nach ihrem Besuch im Hafenviertel begonnen hatte, gehabt. Niemand hatte sie dieses Mal behelligt, als sie die Priesterin aufgesucht hatten. Alle Wachen und auch Arian selbst waren zu beschäftigt, um sich um Layenne zu kümmern.

Nach dem Misserfolg bei Jesco war sie die einzige Alternative gewesen, die Maroun eingefallen war und seine Annahme, dass der Rebellenführer sie kannte, war richtig gewesen. Seine Erwähnung der „rebellenfreundlichen Magierin" hatte wirklich auf Layenne hingedeutet. Wenn also jemand zu ihm durchdringen konnte, dann die Frau die ihn vor der totalen Kontrolle durch Arian ermutigt hatte und die vor allem sowohl die Rebellen als auch die Magier gut kannte.

„Kommt, Ehrwürdige. Riva kann diesen Streit nicht dauerhaft aufhalten", drängte er höflich und war froh, dass sie alle Reisekleidung trugen, beziehungsweise Layenne nicht länger erlaubt war, eine Robe zu tragen. In dieser Menge war es das Beste, nicht als Magier erkannt zu werden.

Layenne nickte und folgte ihm behutsam durch die Menschenmasse in die Richtung, in welcher Riva verschwunden war. Die Priesterin war stiller und ausgeglichener im Vergleich zu seinem ersten Treffen mit ihr, und je näher sie der Konfrontation mit Arian kam, desto klarer schien sie zu sein. Um ersten Mal sah er in der alten Frau die Priesterin des Rates der Elf, die sie einst gewesen war.

Inzwischen waren die königlichen Magier und auch die Rebellen verstummt und verfolgten mir großen Augen, was sich bei Jesco tat. Riva hatte offensichtlich Aufsehen erregt, doch sprach sie nicht laut genug, dass alle auf dem Platz es hätten hören können.

Aber als sie näher kamen konnten sie ihre erregte Stimme deutlich ausmachen: „Ich werde mich nicht noch einmal wiederholen, Jesco! Was Ihr hier tut ist Wahnsinn. Erwartet Ihr wirklich, dass sich die Magier kampflos ergeben? Nicht alle hier sind immun, Ihr wisst welche Opfer ein Kampf fordern würde! Gleichzeitig wissen sie, dass Ihr nicht ewig hier aushalten könnt. Selbst wenn sie sich ergeben, was habt Ihr vor? Das Reich zu Ruhm und Wohlstand führen? Macht Euch nicht zum Narren, Ihr versteht davon genauso wenig wie ich! Sosehr Ihr sie hassen mögt, wir brauchen die Magier. Nicht die Verfolgungen der eingebildeten Dummköpfe dort oben, doch eine Führung braucht auch Ihr. Wie lange glaubt Ihr, wird das Volk hinter den Rebellen stehen wenn Ihr nichts rasch ändern könnt?"

„Natürlich wird es dauern, bis wir die alten Fehler der Magier ausgemerzt haben, doch alle hier wissen, dass die Insel so wenigstens eine Zukunft hat! Mit ihnen nicht, dank ihrer Sturheit wird sich nämlich nie etwas ändern!", spie Jesco wütend und seine Begleiter wollten Riva gewaltsam entfernen.

Hörbar enttäuscht mischte Layenne sich ein: „Auch nur so stur wie Ihr, Jesco. Hier geht es nicht darum, dass eine den anderen unterjocht. Die Magier haben diese Insel und sich selbst fast zerstört. Ihr hingegen schlagt blind um Euch und es kümmert Euch nicht, wenn Ihr dabei trefft. Riva hat Recht. Das Wort Zusammenarbeit ist sowohl Euch als auch ihnen fremd."

„Mit den Magiern zusammenarbeiten?"

„Jetzt erwatet Ihr also nicht nur, dass wir uns auf das Niveau der gemeinen Rebellen herablassen, sondern auch noch mit einer bekannten Irren verhandeln!", bemerkte Arian und verschränkte abwehrend die Arme. Offenbar waren sie laut genug, um auf der Mauer gehört zu werden.

Layenne spannte sich erkennbar und wandte dem Rebellenanführer den Rücken zu, um zu den Magiern hinaufzublicken: „Ich habe jahrzehntelang geschwiegen, und auf der einen Seite bereue ich es nun, auf der anderen würde ich es wieder tun. Ich mag in deinen Augen verrückt sein, doch hier scheine ich deutlicher zu sehen als du."

Sie schüttelte mitleidsvoll den Kopf: „Deine verbalen Angriffe hier sind nur deine Verzweiflung, weil dir die Kontrolle entgleitet. Du weißt um die Magieschaffer. Der Rat, wenn er die Augen endlich öffnet, ebenfalls. Und du hast panische Angst deswegen."

„Mit diesem Unsinn beweist du nur noch mehr, wie unglaubwürdig und darüber hinaus eifersüchtig auf alle anderen Magier du bist!", erwiderte Arian schwer atmend. Die Magierin neben ihm wirkte nun vollkommen verwirrt, und auch die Rebellen wussten nicht, was sie tun sollten.

Maroun sah sich um und überlegte fieberhaft, wie sie die Situation besser unter Kontrolle bringen konnten. Layenne hatte versprochen, Arians Geheimnis und die Magieschaffer so deutlich zu machen, dass den Anwesenden keine Wahl blieb als deren Existenz ernsthaft zu erwägen. Zu Verhandlungen zwischen den Magiern und den Rebellen reichte das jedoch keinesfalls aus.

Für derartige Verhandlungen benötigten sie die Anwesenheit der beiden höchsten Magier der Insel, und sie hatten keine Ahnung, wo sich der Ratsvorsitzende Liam aufhielt.

Deshalb trat er entschlossen auf Jesco zu und erklärte leise um Layenne nicht versehentlich zu übertönen: „Ich weiß Ihr seid nicht glücklich uns zu sehen und mich als Magier erst recht nicht, aber wenn wir das hier zu einem guten Ende für alle bringen wollen müsst Ihr mich in en Tempel lassen, um den obersten Priester von Verhandlungen zu überzeugen. Wenn Ihr mir nicht vertraut, was ich Euch nicht verüble, dann zumindest Riva und Layenne."

Der Rebell knirschte mit dem Kiefer und zischte: „Ich würde den Priester gerne hier sehen. Aus anderem Grund, aber das ist zweitrangig, ich weiß nämlich nicht so er ist. Die feigen Magier im Tempel haben uns auf unser Spektakel an ihrem Tor nur geantwortet, dass der Priester zu Arian wollte. Deshalb haben wir den Tempel bisher ziemlich unbehelligt gelassen. Alle unsere Probleme befinden sich im Inneren dieser Mauern dort!"

Überrascht hob Maroun die Augenbrauen. Damit hatte er nicht gerechnet, vor allem weil von Priester Liam nichts zu sehen war, und der Ratsvorsitzende würde dieser Konfrontation mit den verhassten Rebellen nicht freiwillig fern bleiben.

Auch Riva hatte diese Neuigkeit mitbekommen und fragte laut genug in Arians Richtung gewand: „Was habt Ihr mit dem Priester gemacht?"

Arian schluckte und sagte nichts, was seine Begleiterin endlich aus ihrer Starre riss: „Was hat das zu bedeuten, Arian? Wie viel von dem, was diese Frau gerade erzählt hat, stimmt? Wir haben Priester Liam zu Euch geschickt, weil er Euch sehen wollte." Sie wartete gar nicht erst, bis er die Chance hatte zu antworten, sondern setzte das Puzzle selbst zusammen. Mit ungläubigem Gesicht starrte sie ihn an und wiederholte vermutlich unbewusst Rivas Frage: „Was habt Ihr mit dem Priester gemacht? Ich glaube einfach nicht, dass Ihr…"

Sie verstummt als Arian außer sich vor Wut eine blau glühende Flamme in seiner Handfläche aufflackern ließ. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück und formte ihrerseits den Zauber. Maroun kam nicht umhin die Leichtigkeit zu bewundern, mit der die hohen Magier mit den Elementen spielten. Gleichzeitig war ihm jedoch klar, dass Arian davon nicht im Geringsten beeindruckt sein konnte.

Aber es war Layenne, welche sie mit scheinbar endloser Geduld und nun wieder freundlichen Stimme darauf hinwies: „Ihr könnt das Mana sparen, Meisterin. Er ist ebenso resistent wie die Rebellen."

Entsetzt ließ die Magierin die Hand sinken und die Flamme erlosch. „Das würdet Ihr nicht tun, Arian", sagte sie zögerlich, nach den Offenbarungen des Tages war sie sich ihrer Sache jedoch eindeutig nicht länger sicher.

Offensichtlich war Arian allerdings noch nicht so tief gesunken einen anderen Magier grundlos anzugreifen. Stattdessen wirbelte er herum und verschwand hektisch von der Mauer. Einen Moment stand die Magierin regungslos da, dann reagierte sie mit kaum unterdrückter Anspannung: „Wachen, haltet ihn auf! Und seht nach, was mit Priester Liam geschehen ist!"

„Wie? Arian ist nicht grundlos ein hoher Magier", flüsterte Maroun bei sich. Riva nickte zustimmend und fragte daraufhin: „Hat das Schloss einen Fluchtweg, durch den er entkommen könnte?"

Sie nickte: „Aber der Ausgang ist geheim…"

„Wollt Ihr diesen Aufstand bereinigen oder das Feuer noch mehr schüren, indem Ihr den Verantwortlichen entkommen lasst?", erhob er nun selbst die Stimme. Die Sturheit der Oberen war unglaublich. „Die Rebellen können ihn vielleicht aufhalten. Und ich glaube, dass sich hier niemand die Chance entgehen lassen möchte seine Flucht zu verhindern."

„Den Mann entkommen lassen, dessen Ideen so viele von uns das Leben gekostet haben? Ihr scherzt hoffentlich", bemerkte Jesco ernst und sah zu der Magierin auf: „Vielleicht ist das ja ein erster Schritt. Hört endlich auf, uns zu behandeln als seien wir wertlos. Es ist an der Zeit, dass Ihr zeigt, wie ernst es Euch wirklich mit dem Frieden ist."

Überraschenderweise zögerte sie nicht länger: „Der Ausgang Fluchttunnel ist ein kleines Stück vom Nordtor der Stadt in Richtung Meer entfernt. Die Tür liegt direkt hinter den Büschen dort versteckt." Sie machte keinen glücklichen Eindruck, aber sie hatte den Ernst der Situation erkannt.

Jesco verlor keine Zeit. Er versicherte sich, dass er sein Schwert dabeihatte und hastete mit seinen engsten Begleitern davon.

Maroun und Riva sahen sich an und er zuckte mit den Schultern. Sie dachten beide dasselbe, denn nach allem, was sie getan hatten, würden sie jetzt nicht tatenlos hier abwarten und den restlichen Verlauf anderen überlassen. Daher eilten sie den Rebellen nach.

Der Weg die menschenleere Hauptstraße hinunter und durch das Stadttor hindurch war länger als der Weg, den Arian im Inneren des Schlosses zurücklegen musste, sodass unklar war ob sie früh genug dort sein würden. Sie konnten lediglich darauf hoffen, dass die Wachen ihn lange genug aufhalten konnten, um ihnen einen kleinen Vorsprung zu verschaffen.

Die Stelle selbst war anhand der Beschreibung gut zu finden, und sie kamen gerade an als Arian sich durch das dichte Gebüsch kämpfte.

Natürlich blieb ihm ihre Ankunft nicht verborgen, und die weiterhin brennende Flamme ließ darauf schließen, dass er mit Widerstand gerechnet hatte. In dem Augenblick, indem er die Rebellen jedoch erkannte, biss er die Zähne zusammen und stoppte kaum, dass er seine Robe hektisch aus dem Geäst befreit hatte.

Geistesgegenwärtig ergriff Maroun Rivas Oberarm und zog sie aus der direkten Schusslinie, worauf seine lädierten Hände umgehend mit dem üblichen Pochen protestierten. Diese Tatsache bestärkte ihn nur noch mehr, sich hinter den Rebellen aufzuhalten. Seine letzte Begegnung mit einem auf ihn gerichteten Zauber hatte sich wortwörtlich in sein Gedächtnis eingebrannt.

„Ihr wisst, dass Euch dieses Flämmchen nichts nutzt. Zwingt mich also nicht dazu, Euch sofort den Kopf von den Schultern zu schlagen, so gern ich das auch tun würde."

Arian lachte humorlos: „Das werdet Ihr sowieso tun. Ob jetzt oder öffentlich, welchen Unterschied macht es?"

„Ihr seid trotz allem ein Magieschaffer, und anscheinend brauchen die Magier uns ja. Vielleicht werden sie Euch noch einmal verschonen. Nicht mein Wunsch, aber dank Eurer Flucht liegen die Entscheidungen nicht mehr allein in unseren Händen."

Mit großen Augen sah Arian ihn an und nach einer kleinen Bewegung löste sich der Zauber auf. „Das glaubt Ihr wirklich?" Ein hoffnungsvoller Unterton schwang in seinen Worten mit.

Seine Kapitulation amüsierte die Rebellen sichtlich und der Anführer trat mit einem selbstzufriedenen Grinsen vor den wehrlosen Magier, hielt dann aber inne. Erst als er das Schwert fallen ließ wurde ihnen klar, dass etwas nicht stimmte.

Arian ließ ihnen jedoch keine Zeit zum Nachdenken, sondern packte den Rebell grob an der Schulter und legte ihm das Messer an die Kehle, welches er zuvor in seiner Robe versteckt hatte. Augenblicklich erstarrten die anderen Rebellen, und Maroun und Riva tauschten besorgte Blicke. Sie hatten den Magier in ihrer Naivität vollkommen unterschätzt.

„Legt die Waffen auf den Boden und tretet zehn Schritte zurück. Das, oder ihr bestimmt schon einmal einen neuen Anführer."

Er hatte die Loyalität der Rebellen richtig eingeschätzt, denn sofort fielen auch die Schwerter der anderen zwei Rebellen zu Boden und sie kamen seiner Aufforderung nach. Mit zusammengekniffenen Augen sah er zu ihm und Riva: „Das gilt auch für euch zwei. Wie es aussieht solltest mindestens du, Magier, wissen wie unangenehm mein Zauber werden kann."

Auch sie traten langsam zurück. Die Hand mit dem Messer wich nicht von der Stelle, doch mit der anderen bildete er wieder die Flamme, und prompt wichen sie ein wenig schneller zurück.

„Gut. Jetzt könnt weder ihr noch eine dieser Wachen oder Magier mir gefährlich werden. Habt ihr wirklich geglaubt, ich würde mich der Gnade des Rates der Elf ausliefern? Eine ziemlich törichte Annahme. Aber ich sollte besser aufbrechen."

Drei Schritte waren die ganze Distanz, die er überwinden konnte, bevor seine Hand mit dem Messer von hintern gepackt und zur Seite gerissen wurde. Jesco, aus seinem Griff befreit, stolperte ein paar Schritte nach vorne, derweil fuhr Arian zu dem überraschenden Angreifer herum und ein blendendes Licht ging von dem Feuer in seiner Hand aus – ehe es erlosch und ihm das Messer mit geübten Griffen aus der Hand gerungen wurde.

„Spart Euch die Magie", keuchte Tariel und presste das Messer nun seinerseits gegen Arians Hals. Der Magier öffnete verwirrt den Mund, ließ ihn aber wortlos wieder zuschnappen. Tariel sah von seinen Tagen im Gefängnis ein wenig mitgenommen aus, hatte aber offensichtlich trotzdem nicht gezögert, Arian durch den Fluchttunnel nachzulaufen.

Maroun war jedenfalls beruhigt zu sehen, dass er in Ordnung war, und Rivas überschwängliche Freude stand ihr ins Gesicht geschrieben. Auch warf Tariel ihr ein schiefes Lächeln zu bevor er sich wieder zu Arian wandte: „Ihr hättet Euch wirklich überlegen sollen, wo Ihr den Priester einsperrt. Aber ich glaube nicht, dass Ihr jemals die Möglichkeit haben werdet, etwas dergleichen zu tun."

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Die Vorhänge in dem kleinen Zimmer waren zurückgezogen und die Morgensonne erhellte die vertraute Umgebung. Vier Tage nach Meister Arians Festnahme war zumindest in der Stadt wieder ein Zustand eingekehrt, welcher der Normalität ähnelte. Maroun wusste, dass unter der Oberfläche noch immer Aufregung herrschte, man erkannte es an den gewisperten, eiligen Gesprächen der Leute auf dem Markt und den weiterhin sehr leeren Straßen, abgesehen davon ging das Leben jedoch wieder seinen Gang.

Das hieß, für das einfache Volk ging alles seinen gewohnten Gang. Im Tempel und allem voran im Schloss war nichts mehr, wie es einmal gewesen war, und er bezweifelte, dass der alte Zustand jemals wieder aufleben würde. Die Rebellen hatten deutlich gemacht, wie ernst sie ihren Aufstand meinten, und schon seit den vergangenen vier Tagen waren die obersten Magier und die Rebellenführer, die sich nun alle zu erkennen gegeben hatten, in Diskussionen verstrickt.

Es würde vermutlich Wochen dauern, bis sie zu einer endgültigen Einigung kamen, und dann noch weitere Monate, ehe sich die Insel an die Veränderungen gewöhnte. Aber er sah positiv in die Zukunft, etwas, das er eine Woche zuvor nicht gewagt hatte.

Entspannt setzte er sich auf sein Bett im Kloster und sah eine Weile einfach nur aus dem Fenster. Nach den aufreibenden letzten Wochen genoss er die Stille und den ruhigen Tagesablauf im Kloster. Ebenso wie er genossen hatte, dass man endlich nicht mehr auf seine Studien herabblickte, sondern ihm in den letzten Tagen ernsthaft zugehört hatte. Der Pfad des Geistes würde endlich wieder die Aufmerksamkeit von der Gemeinschaft bekommen, die er verdiente.

Im Stillen dankte er Sidian für seine, wenn auch undurchsichtige, Führung und hoffte, dass sich sein Zorn gelegt hatte und die Magie sich erholen würde. Eine Entwicklung, die vermutlich wider Jahrzehnte dauern würde, aber entgegen ihrer aller Erwartungen konnte sie nun endlich stattfinden.

Erst ein Klopfen an der Zimmertür riss ihn aus seinen Gedanken und erwartungsvoll riss er sich vom Ausblick aus dem Fenster los: „Tretet ein."

Schon an der schwungvollen Art wie die Tür geöffnet wurde war klar, dass es sich um keinen der anderen Magier handelte. Das schloss die meisten Personen aus, die ihn besuchen würden. Seine Vermutung bestätigte sich, als Tariel und Riva eintraten, die ihn ein kleines bisschen ärgerlich ansahen.

Tariel sah auf den Rucksack am Fuß des Bettes und musterte ihn eindringlich: „Hattest du vor, ohne ein Wort zu verschwinden?"

Er schüttelte den Kopf: „Nein. Einerseits war ich mir sicher, dass ihr sowieso davon erfahren würdet, andererseits hätte ich mich selbstverständlich verabschiedet."

„Warum?", fragte Riva schließlich etwas hilflos. „Die Magier erkennen deine Mühen endlich an, und du beschließt, die Stadt wieder zu verlassen? Wenige Tage, nachdem du zurückgekommen bist? Wir verstehen es einfach nicht!"

Damit hatte er gerechnet und er hatte sich seine Worte bereits zurechtgelegt. Die beiden waren nicht die Einzigen, die seinen Entschluss nicht nachvollziehen konnten, und sie waren auch nicht die ersten, denen er seine Gedanken erklären musste. Aber er hatte die Entscheidung wohl durchdacht, und nichts würde ihn davon abbringen, die Hauptstadt zu verlassen.

So erklärte er gelassen: „Wie ihr festgestellt habt habe ich das, was ich mir gewünscht habe: Die Anerkennung des Rates. Das ist der Grund, aus dem ich den Tempel verlassen kann ohne das Gefühl zu haben, meine Aufgabe nicht zu Ende gebracht zu haben. Aber mir ist eines klar geworden: So ignorant der Priester auch gewesen sein mochte, in einem hatte er stets Recht. Ich bin nicht für diesen Ort geschaffen."

„Wie das? Du bist ein Magier, und Magier gehören nun einmal in den Tempel!", beharrte Tariel und er musste lachen.

„Nicht alle. Ich habe die Zeit vor der Rebellion und die Rebellion selbst überstanden, ohne den Verstand zu verlieren, und es gab Augenblicke, in denen ich genau daran gezweifelt habe. Ich bin stolz darauf, ein Magier zu sein, aber der Tempel – das hier ist kein Ort für Studien, das hier ist Politik. Und das wird niemals meine Welt sein. Genauso wenig wie es die Eure ist."

Sie nickten, nicht ganz überzeugt, aber die respektierten seinen Entschluss. Auch sie hatten keinen Hehl daraus gemacht, Kelaven so bald wie möglich verlassen zu wollen. Allerdings waren sie an die Stadt gebunden, bis die ersten Verhandlungen abgeschlossen waren. Soreka lag weit entfernt im Süden, und wusste man noch nicht von den Magieschaffern. Erst wenn die Kunde über die Insel verbreitet wurde konnten sie wagen, nach Hause zurückzukehren. Denn erst dann wäre Tariel in den Augen der Bewohner kein Rebell mehr.

Nachdenklich wollte Tariel wissen: „Warst du deshalb nicht bei Arians Hinrichtung anwesend?"

„Das Urteil war eine Entscheidung der neuen Oberen, und deshalb werde ich mich heraushalten. Arian war bis zum Ende uneinsichtig, daher musste etwas geschehen, und ich beneide niemanden darum, diese Entscheidung treffen zu müssen. Ich weiß nich, ob ich es gekonnt hätte, denn ganz glücklich bin ich nicht. Natürlich, die meisten waren sich einig, dass ein Magieschaffer mehr oder weniger keinen Unterschied mehr macht - im Augenblick fühle ich mich bei jedem toten Chaleqa einfach unwohl. Wie ich gehört habe wart ihr auch nicht dort, und du hast ihn vor vier Tagen nicht aus Mitleid am Leben gelassen, richtig?"

Tariel nickte und lehnte sich gegen den Türrahmen. Dann hob er in einer vagen Geste der Ratlosigkeit die Hände: „Ich mag Soldat sein, aber zu meiner Aufgabe gehört nicht darüber zu bestimmen, was mit solchen Leuten geschieht. Ich mag beschlossen haben ab jetzt meine eigenen Entscheidungen zu treffen, doch ich glaube es gab sehr viele Leute, die Arian mehr vorzuwerfen haben als ich. Wenn das neuerliche Blutvergießen eine Genugtuung für sie ist, dann sollen sie das unter sich ausmachen. Mir ging es nur darum, meine und Rivas Absolution zu erreichen, und das ist uns schließlich gelungen."

Stille senkte sich über den Raum, doch es war ein angenehmes, freundschaftliches Schweigen. Am Ende fragte Riva neugierig: „Wo willst du eigentlich hin? Ich meine, wir haben bekommen was wir wollten, wir werden in absehbarer Zeit zurück nach Hause können. Aber dein Ziel war es doch, hier aufgenommen zu werden! Willst du etwa weiter durch Rygien reisen?"

„Um der Götter Willen, nein. Das hier wird hoffentlich für die nächsten Jahre meine letzte Reise. Ich werde nämlich dasselbe tun wie ihr: Heimkehren. Mein Besuch in Jiel hat mir erst gezeigt, wie sehr ich die Menschen dort vermisst habe. Ehrlich gesagt: Ich werde sowieso nie ein großer Magier, egal wie viel ich studiere. Meinen Händen geht es zwar besser, aber es kann Monate dauern, bis ich wieder so zaubern kann wie vor der Verletzung. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich nicht alles haben kann. Auf den Ruhm werde ich daher verzichten müssen. Aber irgendjemand wird auch einmal die Nachfolge meines Meisters antreten müssen. Es gibt Schlimmeres als Dorfmagier zu sein."

Er lächelte ehrlich und die beiden gaben sich keine Mühe, ihre Überraschung zu verbergen. Sie kannten seinen Ehrgeiz, und dieser war auch noch immer da, doch er war optimistisch, diesen zügeln zu können. Im Moment waren die aufreibenden Vorfälle noch so präsent, dass er nicht den Drang nach Anerkennung verspürte. In Zukunft würde hoffentlich seine Familie ihn davon abhalten, sich wieder in die Politik zu verstricken, anstatt wie nach seiner Ausbildung ihn dazu zu ermutigen.

Da Tariel und Riva ganz offenbar keine Erwiderung auf seine Verkündung einfiel fügte er gutgelaunt hinzu: „Falls ihr allerdings jemals wieder den Drang verspürt, eure Stadt hinter euch zu lassen: Ihr seid jederzeit willkommen."

Auch sie mussten lächeln: „Nur damit du es weißt, das Angebot beruht auf Gegenseitigkeit."