Ich steige aus, und sehe ihn. Meinen Ex. Sehe, wie er in seinem üblichen Trott dahinschlappt, eine Zigarette in der Hand.

Er schaut in die Straße hinein, als er sie passiert, und mittlerweile stehe ich vor ihm. Als er wieder geradeaus schaut fällt sein Blick auf mich, und für einen Moment bleiben wir still stehen, weil keiner weiß was wir sagen sollen.

Ich frage ihn, wie es ihm geht. Mir brennt auf der Zunge ob er eine neue Freundin hat (wenn er eine hätte würde er es im nächsten Satz eh sagen), aber ich lasse es brennen. Genauso gerne würde ich ihm auf die Nase binden, dass ich schon wieder fast eine neue Beziehung hatte. Aber das tue ich auch nicht.

Es geht ihm gut, sagt er, erkundigt sich wie es bei mir aussieht. Ich erzähle von meiner 6-Tage Woche, und den Wochenendseminaren. Dass mir der Job aber sehr gut tut, und ich viele neue Leute kenne gelernt hab. IN seinen Augen lese ich es, die Frage nach meinem Liebesleben. Aber den Gefallen tue ich ihm nicht, nicht nachdem die letzten Infos zu einem solchen Fiasko geführt haben.

In meinem Kopf formt sich ein Film. Nein, frag ihn jetzt nicht nach seinem Urlaub. Er hat bestimmt Urlaub über Weihnachten, warum auch nicht.

Er verdient jetzt mehr, teilt er mir mit. Schön, denke ich, und versuche nicht auf die Szenen in meinem Kopf zu achten. Dort sehe ich mich mit meinem Besuch einkaufen gehen, es ist Weihnachten, und mein Ex läuft mir schon wieder über den Weg. Er sieht mich in Begleitung.

Bevor er nah genug ist kann ich meinem Besuch noch zu raunen „Da kommt mein Ex. Du weißt schon, der die NPD gewählt hat."

Sofort ist mein Begleiter – ausdrücklicher Antifaschist – hellwach, und mein Ex kann einem fast Leid tun, weil er völlig ahnungslos einem überzeugten Gegner seiner eigenen Ansichten entgegen tritt.

Ich habe nicht vor, ein großes Gespräch anzufangen. Es würde ihn sowieso entweder nur verwirren oder gar nicht interessieren. Ich interessiere ihn doch eigentlich nicht mehr. Hoffe ich zumindest.

Der Film in meinem Kopf sollte sich lieber gar nicht erst breit machen können. Es würde nichts Gutes dabei herauskommen. Noch während ich diesen Gedanken formuliere blitzt schon das Bild einer Prügelei auf, worüber ich wirklich nicht grübeln möchte. Ich konzentriere mich wieder auf das Gespräch, es soll bald zu Ende sein. Ich will nach Hause, und er bestimmt auch.

Meine Stimme fragt ihn, ob er jetzt eine neue Nummer hat und die Sachen mit dem Internet funktioniert haben. Meine Ohren wollen es aber eigentlich gar nicht wissen.

Ich bin durcheinander, müde, überfordert und schon wieder hingerissen von ihm. Dabei sollte ich ihn doch hassen, sollte jetzt einfach gehen.

Mich an seine starke männliche Brust lehnen, und von seinen Armen gehalten werden.

Ich gehe die Straße hinunter, kneife immer wieder für einen kurzen Moment die Augen zu. Sowas darf ich nicht denken, nicht mehr. Nie mehr.


Nein, dieser Ex war nicht der Musiker. Der Musiker war einer davor.