Genre: Fantasy, Drama, Mystery, Action/Adventure, Romance

Rating: T

Zum Inhalt:

Kundschafter bringen ein Mädchen ins Dorf, das sie am Rand der Steppe aufgelesen haben. Sie erfahren nicht viel mehr als ihren Namen – Sinjuah - und dass ihre Familie getötet wurde. Die Dorfbewohner nehmen sie in ihre Gemeinschaft auf, obwohl einige, allen voran Asghrar, der Ziehsohn des Häuptlings, dagegen sind. Doch ausgerechnet Asghrar ist es, dessen Nähe Sinjuah sucht. Während die feindlichen Tauländer immer weiter in das Land eindringen, spinnt sie ihr Netz um den Mann mit den „Zauberaugen", um endlich sein Schicksal zu vollenden, das in den Tiefen der Schattenschlucht besiegelt wurde. Doch Menschen sind unberechenbar, wie Sinjuah zu ihrer eigenen Verwirrung feststellen muss. So verfängt sie sich mehr und mehr in ihrem eigenen Netz, bis schließlich Licht und Schatten ineinander fließen. Als der Stamm der Kjebellen Sühne für eine verloren geglaubte Kriegerin einfordert, wird sie mit ihren ursprünglichen Absichten konfrontiert. Doch die Geschehnisse lassen sich nicht mehr aufhalten.

Gute Unterhaltung und Kritik wäre wunderbar!

Jerronja


1. Die Fremde

Es dämmerte. Noch fühlte sie den letzten Hauch der Nacht in ihrem Nacken, doch am Horizont graute bereits der Morgen. Die Fliehende Stunde, die Zeit des Sonnenaufgangs, war unberechenbar. Nicht mehr lange, dann würde sich zeigen, ob sie der Kraft der Helligkeit widerstand.

Sie schloss die Augen und ergab sich dem vertrauten Warten, während die Geschöpfe des Tages erwachten und mit ihrem Gesang die nächtliche Ruhe vertrieben. Der rosige Streifen im Osten schwoll zu einem feurigen Rot, das Rot verflüssigte sich zu Gold.

Sie spürte eine Empfindung auf der Haut, als wenn etwas darüber streiche. Es war nicht unangenehm und sie öffnete die Augen, zögernd erst, dann entschlossen. Ein früher Sonnenstrahl hüllte ihren Körper in ein Kleid aus Licht. Die Helligkeit war allumfassend. Doch sie brannte nicht, wie sie befürchtet hatte. Sie schenkte Wärme. Einen tiefen Atemzug lang badete sie einem beinahe überschwänglichen Triumphgefühl. Das Unmögliche war möglich geworden.

Sie lebte.

Versuchsweise bewegte sie Arme, Finger und Beine, fühlte spitze Felskanten und harte Erde unter den Füßen, legte den Kopf zur Seite und tauchte ein in die Farben des Tages.

Das war sie also – die Welt des Lichts. Die Welt der Menschen.

Ungewollt gestand sie sich ihr Staunen ein. Ja, sie staunte, obwohl sie lange genug auf diesen Moment gewartet hatte. Doch hatte sie nicht mit dieser Vielfalt gerechnet ... Die Sonne malte ein Bild, das ihre Vorstellungskraft so nicht hatte erschaffen können: gold und braun, weiß und gelb, Tupfer von Rot und Violett und ein unendliches, strahlendes Blau.

Aber sie würde sich nicht vom Zauber des Tages gefangen nehmen lassen ... Sie hatte eine Aufgabe. Sie würde auf der Hut sein!

Sie setzte ein Bein vor das andere. Das Gehen war mühsam geworden in den Stunden, in denen sie schon unterwegs war, und je länger sie ging, desto mühsamer wurde es. Sehnsüchtig legte sie den Kopf in den Nacken und betrachtete den Flug eines Vogels am Morgenhimmel.

Irgendwann sprühte das Blau schwarze Punkte, die immer wilder umeinander tanzten und sie schloss die Augen und legte schützend eine Hand darüber. Schon flackerten bunte Kreise unter ihren Lidern und alles in ihr schien sich zu drehen.

Die Sonne treibt zuweilen ihre Spiele mit den Menschen. Obwohl sie das Licht kennen, werden sie es niemals wirklich begreifen, hatte Haschanan einmal gesagt.

Die Helligkeit spielte also mit ihr ... Daran musste sie sich gewöhnen ....

Sie zwang sich, ruhig zu atmen und als die bunten Farbkreise verblassten und ihre rasenden Wirbel verlangsamten, öffnete sie wieder die Augen.

Alles war gut.

Sie ging weiter, vermied aber einen zweiten Blick in den strahlenden Himmel und heftete ihn stattdessen auf die Felsen, die sich vor ihr in die Landschaft reckten.

Südlich der Weißen Felsen gibt es eine Menschensiedlung. Dort haben wir den gesehen, den du suchst, hatten die Wölfe berichtet.

Entschlossen hielt sie auf die Felsen zu. Der Weg war länger, als die Augen ihr weismachen wollten. Bald fühlte sie, wie Hitze ihren Körper erfüllte und fürchtete schon, dass der Triumph verfrüht gewesen wäre. Feuchtigkeit sammelte sich auf ihrer Stirn, rann in feinen Strömen über das Gesicht. Doch sie erreichte das anvisierte Ziel, ohne dass etwas Ungewöhnliches geschah. Das Klettern war nicht schwierig, ihr Körper war wendig und solche Übungen offenbar gewohnt. Als sie die erste Anhöhe bezwungen hatte, ließ sie sich auf dem steinigen Boden nieder und versenkte ihren Blick in das Grün der Ebene. Ein Grün in unzähligen verschiedenen Tönungen. Haschanan hatte ihr nie gesagt, dass es so viele Schattierungen einer einzigen Farbe gab! Sie sog den Anblick in sich auf und wartete. Die Menschen wagten sich nur selten in das Niemandsland nördlich der Weißen Felsen. Und sie taten gut daran.

Wenn du dein Vorhaben wahr machst, gibt es kein Zurück mehr, hatten die Anderen gewarnt.

Ich weiß das, hatte sie geantwortet, ich tue es für uns alle.

Nein, die wahren Gründe kennst nur du selbst ...

Natürlich hatten sie Recht. Doch welche Absichten auch immer sie hierher geführt hatten, eine Umkehr war nicht mehr möglich.

Unterhalb der Felskuppe bewegte sich etwas. Die Wartende spürte das Herz in ihrer Brust schneller schlagen, auch der Atem ging schneller, stoßweise.

Da kamen sie.

Sie dachte an die Faszination in der Stimme Haschanans, wenn er sie an seinen Studien hatte teilhaben lassen. Mit ihren Händen können die Menschen außergewöhnliche Dinge vollbringen, sie bauen Werkzeuge damit und Schmuck, filigran wie die Flügel eines Nachtfalters, aber auch scharfschneidige, grausame Waffen. In einem Moment haben ihre Hände heilende Wirkung, doch schon im nächsten bringen sie den Tod ...

Sie bohrte die Nägel in die Handflächen. Die Haut war sehr empfindsam und der zunehmende Schmerz drängte ihre Furcht in den Hintergrund. Sie erhob sich und schloss erneut die Augen, die Dunkelheit war beruhigend.

Ein leises Murmeln erreichte ihre Ohren, dann folgte ein lauter, kehliger Ton. Der Ton wiederholte sich. Schließlich riefen sie.

„Wer bist du?"

Sie waren ganz nah. Man konnte sie riechen. Die Menschen hatten ein ausgesprochen gutes Geruchsorgan und ihre Nasenflügel bebten, als eine Vielzahl unbekannter Wahrnehmungen auf sie einstürzte.

„Hey!" Etwas Spitzes stach in ihre Haut, doch sie blieb starr, äußerlich ungerührt.

„Wie heißt du?"

Sie fragten nach ihrem Namen, so viel verstand sie, denn Haschanan hatte sie alle ihm bekannten Worte gelehrt. Obwohl die Menschen mit unterschiedlichen Zungen redeten, ähnelten diese einander. Laut waren sie alle. Laut wie der Tag.

Eine Hand umfasste ihren Arm. Die Berührung war fest und hart. Vor allem aber war sie unbekannt und ihre mühsam erzwungene Starre löste sich. Sie schrie. Es klang fremd, so fremd, dass sie den Mund sofort wieder schloss.

„Du machst ihr Angst.", sagte eine andere, hellere Stimme.

Der Griff lockerte sich nicht, stattdessen wurde auch ihr rechter Arm von einer Hand umschlossen. Jemand schüttelte sie.

„Woher kommst du? Bist du allein?"

Sie presste die Lippen zusammen, um nicht noch einmal das eigene Schreien hören zu müssen.

Der Mensch schüttelte sie wieder.

„Öffne deine Augen! Wir tun dir nichts."

Der Ton war diesmal beruhigend, fast sanft. Noch einmal entsann sie sich der Entschlossenheit, die sie seit Haschanans Fortgang erfüllt hatte. Langsam hob sie die Lider. Es war ein ganzes Rudel von ihnen. Langes Haar hing von ihren Köpfen herab, aus den Gesichtern leuchteten Augen in unterschiedlichen Farben, ihre Körper waren teilweise mit Häuten anderer Wesen verhüllt – ein Beweis für die Grausamkeit dieses Volkes – aber ihre kräftigen Arme waren unbedeckt und in ihren Händen hielten sie die todbringenden Waffen, die alle auf sie gerichtet waren.

„Lass sie los, Enyon, siehst du nicht wie sie zittert?"

Der Mensch, der sie gepackt hatte, ließ endlich von ihr ab. Er hatte Augen von der Farbe grauen Steins und war etwas größer als die anderen, auch war sein Haar heller, beinahe wie Mondschein.

Die Wartende ließ ihren Blick von seinem Gesicht zum nächsten huschen. Schließlich blieb er an den braunen Augen des Menschen mit der hellen Stimme hängen. Seine Gestalt unterschied sich von denen der anderen, war weicher geformt. Eine Frau.

„Wie heißt du?" wiederholte die Frau und da in ihren nachtdunklen Augen winzige Sterne tanzten, entschloss sich die Wartende, den Namen zu nennen, den die Schatten für sie geflüstert hatten. Fremd klang er in der Sprache der Menschen und fremd klang ihre Stimme.

„Sinjuah", wiederholte die Frau. „Das ist ein ungewöhnlicher Name. Woher kommst du, Sinjuah?"

Als Sinjuah schwieg, drängte sie weiter: „Gehörst du zum wandernden Volk?"

„Hör auf, Alathir", sagte der mit den Steinaugen. „Sie versteht dich doch nicht."

Sinjuah schwieg. Es war klüger, abzuwarten.

Die Frau gab nicht auf. „Wart ihr in die Kämpfe verwickelt? Die Kämpfe an der Grenze?"

„Ja ...", antwortete Sinjuah und beobachtete gebannt die Wirkung des Wortes.

Die Frau wechselte den Gesichtsausdruck, ihre Augen weiteten sich und die Lichtpunkte darin schienen zu zerfließen. Sinjuah fühlte, dass von ihr keine Gefahr mehr ausging.

„Wo ist deine Familie?"

Familie, so wusste Sinjuah, nannte sich eine enge Gemeinschaft der Menschen. Wenn man es so betrachtete, dann war Haschanan ihre Familie gewesen.

„Tot ..."

Es war ein hartes Wort, hart wie die Bedeutung. Sinjuah hatte es immer wieder geflüstert in der endlos scheinenden Zeit des Wartens. Stunde um Stunde, Nacht um Nacht ....

Bewegung kam in die Gruppe. Einige hoben die Arme und gestikulierten in westlicher Richtung. In Sinjuahs Ohren vermischten sich die Stimmen zu einem lärmenden Sturm.

„Seid ruhig!" sagte der Mann mit dem Mondhaar, griff zu seinem Obergewand und zog es von den Schultern. Unter der braunen Haut malten sich die Muskeln ab.

Sie sind stark, die Menschen. Stark und grausam.

Er legte das Gewand um Sinjuahs Schultern und wickelte sie so gut es ging darin ein. Es fühlte sich weich an auf ihrer Haut und sorgte für zusätzliche Wärme.

„Wir nehmen sie mit!"

Die anderen Menschen waren mit der Entscheidung offenbar einverstanden. Die Frau mit den Bernsteinaugen legte die Hand auf Sinjuahs Schultern.

„ Hab keine Angst.", murmelte sie. „ Ich passe auf dich auf. Ich bin Alathir und das sind Enyon", sie deutete auf den Mann, dessen Obergewand Sinjuah nun trug „ ... Chewnak und Kerin." Die beiden anderen Menschen nickten kurz. Sie trugen wie der Mondhaarige auch Haar im Gesicht.

„Wir bringen dich in unser Dorf. Vertrau mir!" sagte Alathir jetzt und nahm ihre Hand. Der Griff war sanft. Sinjuah folgte dem leichten Druck und setzte sich in Bewegung, durch die Helligkeit, die Farben, die Wärme des Tages. Von Zeit zu Zeit warfen die Menschen einander kurze Bemerkungen zu. Sinjuah lauschte konzentriert und versuchte, sich jedes Wort einzuprägen. Sie ließen die Felsen zurück und durchquerten das angrenzende Grasland, erreichten die Ausläufer eines Waldgebietes, an dessen Saum sich schließlich die Palisaden einer Menschensiedlung zeigten. Dahinter schmiegten sich strohgedeckte Hütten dicht aneinander. Als sie sich näherten, konnte Sinjuah vereinzelte Gestalten ausmachen. Sie spürte ihr Herz wieder schneller schlagen. Wie würden sich die anderen Menschen verhalten?

Sie passierten einen Turm, von dem ein Mann neugierige Blicke herunter warf. Ihr Erscheinen erregte das erwartete Aufsehen. Im Nu war eine ganze Horde um sie versammelt, Menschen jeder Größe, Männer, Frauen und ihre Jungen. So viele Gerüche, so viele glitzernde Augen, so viel Haar.

„Keine Angst", wiederholte Alathir und legte den Arm um Sinjuahs Schultern. Sie befanden sich auf einem geräumigen Platz, in dessen Mitte sich die starken Äste einer Eiche verzweigten.

Ein einzelner Mann trat aus der Menge auf sie zu. Sein Gesicht zeigte Furchen wie die Graue Wüste, sein Gewand war braun und von Goldfäden durchzogen, das lange Haar grau. Um seinen Hals schmiegte sich ein massiver Reif mit glänzenden Steinen.

Enyon begann zu sprechen. „Wir haben dieses Mädchen bei den Weißen Felsen gefunden, sie war allein und verängstigt. Ihrer Kleidung nach scheint sie eine Nomadin zu sein. Offenbar ist ihre Familie in einem der Grenzkonflikte getötet worden."

Aufgeregtes Murmeln folgte der Mitteilung. Der Grauhaarige hob die Hände und sofort wurde es ruhig.

„Sprichst du unsere Sprache?", fragte er und sah Sinjuah zum ersten Mal direkt in die Augen. Sie starrte zurück.

„Sie ist verwirrt", antwortete Alathir rasch und drückte Sinjuahs Schultern. „Etwas Schreckliches muss geschehen sein. Sie sagt nicht viel, aber ich glaube, sie versteht uns ... Sinjuah, das ist Otton, unser Häuptling. Er ist ein weiser Mann, du brauchst ihn nicht zu fürchten!"

Ohne den prüfenden Blick von Sinjuah zu nehmen, sagte der Alte:

„Ich werde den Rat einberufen. Alathir, meine Tochter, du sorgst für sie, bis wir entschieden haben, was weiter mit ihr geschehen soll. Bringt sie in meine Hütte!"

Plötzlich erklangen Rufe vom Rand des Dorfes her, Bewegung kam in die Umstehenden, sie rückten auseinander und gaben den Blick frei auf eine Staubwolke, die sich vom Grasland aus rasch näherte. Umrisse schälten sich aus dem dichten Wirbel, formten sich zu einem galoppierenden Pferd und seinem Reiter.

„Asghrar", rief Alathir, nahm die Hand von Sinjuahs Schulter und beschattete damit ihre Augen. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen. „Er ist zurück."

Der Reiter zügelte das Pferd, sprang ab und durchquerte die Menge mit schnellen Schritten. Er wandte Sinjuah den Rücken zu, während er mit dem Grauhaarigen sprach.

„Die Tauländer haben die Grenze überschritten."

Die Mitteilung sorgte für zusätzliche Unruhe. Satzfetzen wirbelten wie Blätter über die Köpfe der Menschen hinweg. Sinjuah verstand nicht viel, aber sie fühlte die Anspannung in den Körpern der Anwesenden.

Der Alte hob erneut die Hände. Alle Augen waren auf ihn gerichtet.

„Wann war das?"

„Vor zwei Tagen. Bei Tau-Donagh haben sie ein Lager aufgeschlagen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie gen Süden ziehen."

„Zuerst müssen sie sich mit den Kjebellen anlegen", rief eine Stimme aus einer der hinteren Reihen."

„Es ist gut möglich, dass die sich mit den Eindringlingen verbünden. Es wäre nicht das erste Mal, dass Bernaough zum Verräter wird", antwortete eine andere Stimme.

„Ich habe ein paar von Bernaoughs Spähern am Rand der Grauen Wüste entdeckt", sagte der Reiter.

Sinjuah fühlte, wie Alathir an ihrer Seite sich versteifte. Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie diese ihren Blick auf den dunklen Hinterkopf des Mannes richtete, als wären seine Gedanken dort sichtbar. Sinjuahs Anspannung wuchs.

„Im Niemandsland?"

„Ja", antwortete der Reiter, „Ich habe sie bis nach Tau-Donagh verfolgt, wo ich vom Sieg der Tauländer überrascht wurde."

„Darum warst du so lange fort", rief Alathir.

Der Angesprochene wandte sich um. Jetzt erst bemerkte er Sinjuah. Mit einer schnellen Kopfbewegung warf er das Haar über die Schulter und betrachtete sie unter halb geschlossenen Lidern. Durch den schmalen Schlitz schien gefrorenes Licht zu fließen und Sinjuah spürte, wie sich die Haut in ihrem Nacken zusammenzog.

„Wer ist das?" hörte sie ihn fragen.

Sie senkte den Kopf, während Alathir die Erklärungen von eben wiederholte.

„Bei den Felsen habt ihr sie gefunden?" Die Stimme des Reiters war eine Spur leiser geworden. Beinahe wie die Stimmen der Nacht. Sinjuah war aufs Äußerste gespannt, während eine Erinnerung in ihren Gedanken zu einer Ahnung schwoll. „Was führte euch dorthin?"

"Wir suchten dich!"

„Das war unnötig"

„Du sagtest selbst, dass sich kjebellische Späher in unser Gebiet gewagt haben und ...".

„Mit denen wäre ich noch fertig geworden."

Die Stimme Enyons mischte sich ein. „Du musst deiner Schwester keine Vorwürfe machen, Asghrar. Ich habe sie begleitet. Außerdem war es ein Glück für dieses Mädchen hier. Vielleicht waren es sogar Kjebellen, die ihre Familie überfallen haben! Jeder von uns kennt ihr räuberisches Blut ...."

„Sie sieht nicht aus wie eine Nomadin, ihre Haut ist zu hell. " Mit allen Sinnen, deren ein Mensch fähig war, nahm Sinjuah die Strömungen des Misstrauens wahr, die der Neuankömmling aussandte. „Vielleicht hat Bernaough sie geschickt, um uns auszukundschaften ...."

Sinjuah atmete so flach wie möglich. War das bereits das Ende?

„Das halte ich für unwahrscheinlich, Asghrar, sieh sie dir doch an. Die Furcht hat sich in ihre Augen gebrannt ...", erwiderte Enyon schließlich.

Sinjuah grub ihre Füße tiefer in die Erde, um einen sicheren Stand zu haben. Dann hob sie den Kopf und sah dem Misstrauischen direkt ins Gesicht.

Der Blick seiner Augen, nicht mehr von den Lidern geschützt, traf sie voll und sie schnappte nach Luft, presste eine Hand auf die Brust, weil sich darin das heftige Klopfen zu einem Trommeln gesteigert hatte.

Nie würde sie den Moment vergessen, in dem sie solche Augen das erste Mal gesehen hatte ... Feuer und Eis ... wie das Licht der Fliehenden Stunde ... ein Leuchten, das Haschanan verzaubert hatte ...

Sie taumelte. Der Mann mit den Zauberaugen legte die Stirn in Falten, schüttelte wortlos den Kopf und wandte sich wieder dem Grauhaarigen zu.

Sinjuah aber starrte auf seinen Rücken, unbeweglich. Die Geschöpfe der Nacht hatten sie an den richtigen Ort geführt.

Die Zeit der Rache war gekommen.