5. Heimlichkeiten

Sinjuah hatte das Zaudern Asghrars bemerkt, nachdem er sie unter den Dorfbewohnern erblickt hatte. Sie versuchte zu verstehen, was vor sich ging, und beobachtete die Männer unter der Eiche mit stummer Erwartung. Beide hatten das Haar im Nacken zusammen gebunden und so war die Anspannung in ihren Gesichtern deutlich erkennbar. Sie glichen Raubkatzen kurz vor dem Sprung. Als der Mann in dem langen, weißen Gewand erneut seinen Stab in die Erde stieß, begannen sie, sich langsam zu umkreisen, wie Jäger, die einander die Beute streitig machen wollten.

„Asghrar ist der Bessere", hörte Sinjuah die Stimme des kleinen Múrainn, der nicht weit entfernt neben seiner Mutter stand. Er hielt das Messer Asghrars wie etwas sehr Kostbares in den Händen. Seine Mutter hob den Kopf und blickte zu Sinjuah herüber. Niemand – außer Asghrar – hatte sie bisher mit soviel Abneigung betrachtet ....

„Enyon ist stärker!" Ein Junge hatte sich durch die Leiber der Umstehenden gezwängt und mit verschränkten Armen vor Múrainn aufgebaut. Es war derselbe Junge, der ihn am Tag zuvor in einen Streit verwickelt hatte. Sinjuah konnte sehen, wie Múrainn die Wangen aufblies.

„Aber Asghrar ist schnell!"

„Warum hältst du nicht zu Enyon?" fragte der andere. Sein Ton war herausfordernd. „Er ist schließlich dein Bruder!"

„Asghrar auch!"

„Vater sagt, er trägt das Zeichen des Unheils im Gesicht ..."

„Du lügst!"

Múrainn hatte das Messer erhoben und es schien, als wolle er sich im nächsten Moment auf sein Gegenüber stürzen, doch Fenia zerrte ihn an der Schulter zurück. Ihre Augen funkelten nun den großen Jungen ebenso an, wie zuvor Sinjuah.

„Dein Vater ist ein Schwätzer, Aelfric!" stieß sie aus und Sinjuah wunderte sich über den Zorn in ihrer Stimme.

Ein kehliger Schrei lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die beiden Männer in der Mitte: plötzlich waren sie aufeinander gestoßen, umklammerten den jeweils anderen mit ihren kräftigen Armen und drängten ihn mal zu der einen, mal zu der anderen Seite. Sie schoben und stießen, rissen und zerrten; dann wieder fuhren sie auseinander, als hätten sie Feuer berührt, belauerten sich kurz, nur um einen Moment später erneut miteinander zu ringen.

„Asghrar! Asghrar!" Laut gellten die Rufe hauptsächlich junger Männer quer über den Platz.

„Enyon! Zeig´s ihm!" antwortete eine andere Gruppe von der gegenüberliegenden Seite her.

Während die Anhänger beider Kämpfer versuchten, sich in der Lautstärke ihrer Anfeuerungen zu überbieten, wurde Asghrar an der Schulter gepackt und mit einer kraftvollen Hebelung von den Füßen gerissen. Er landete im Staub und blieb einen Augenblick lang wie betäubt liegen. Er schüttelte sich unwillig, rollte zur Seite und war mit einem katzenhaften Sprung wieder auf den Beinen. Dann holte er aus und seine rechte Faust traf Enyons Kinn mit voller Wucht. Enyon ächzte hörbar und schwankte, stürzte aber nicht.

Beklemmung fesselte Sinjuahs Brust. Die Situation wirkte alles andere als harmlos. Alathir hatte zuvor etwas von einer Prüfung gesagt. War das eine Prüfung? Warum taten die Männer einander so etwas an? Gehörten sie nicht zu einer Familie, einem Clan, wie sie es nannten. ...? Was, wenn der Kampf tödlich endete? Was, wenn Asghrar derjenige war, der nicht überlebte ....? Schon vor ein paar Stunden hatte sie sich am Ende ihres Weges geglaubt, als sie im Sumpf gefangen war. Und ausgerechnet der Mann mit den Eislichtaugen hatte sie befreit ...

Ohne es zu merken, ballte sie die Hände zu Fäusten. Unruhig verfolgten ihre Augen das Geschehen. Der Kampf hatte eine deutliche Wendung zugunsten Enyons genommen. Immer öfter ging Asghrar zu Boden, immer mühevoller erhob er sich.

„Irgendetwas stimmt nicht mit ihm ....." wisperte Alathir an Sinjuahs Seite. „Er bewegt sich ganz anders als sonst ..."

Sinjuah dachte an die vergangene Nacht. Als Asghrar nach einer weiteren Attacke seines Gegners zur Seite taumelte und die linke Schulter unbeweglich herab hing, begegneten sich ihre Blicke durch den aufgewirbelten Staub.

„Steh auf ..." drängte Alathir flüsternd.

Doch ein Geräusch direkt über ihnen ließ ihren Kopf hochfahren. Sinjuah, die ebenfalls das dumpfe Grollen vernommen hatte, tat es ihr nach. Der Himmel, eben noch in den frischen Farben des anbrechenden Tages bemalt, hatte eine fahlgelbe Tönung angenommen. Bizarr geformte Wolkengebilde drängten sich gegeneinander wie die Kämpfenden darunter. Es donnerte erneut, dann riss der Himmel auf und schleuderte einen Blitzspeer durch die angespannte Atmosphäre. Begleitet von einem vielstimmigen Aufschrei, entlud er seine Energie in die Eiche direkt neben den Kämpfern und spaltete sie mit einem knirschenden Hieb.

Nach einem Moment des Entsetzens brach der Tumult los. Menschen kreischten, manche liefen davon, andere stürmten zu Asghrar und Enyon, die wie erstarrt vor dem Baum knieten, aus dessen verwundetem Stamm schwelender Rauch aufstieg.

„Ein Zeichen! Das ist ein Zeichen!" rief der Mann im weißen Gewand. Die Hände zum Himmel gereckt, fiel er ebenfalls auf die Knie und wiegte seinen Oberkörper rhythmisch hin und her.

Sinjuah stand, die Hände noch immer zu Fäusten geballt, reglos auf der Stelle und sah zu, wie die neugeborenen Flammen versuchten, ihren Hunger am Laub der Eiche zu stillen. Als der Regen einsetzte und schwere, kalte Tropfen in ihr Gesicht klatschten, löste sich ihre Spannung. Sie versuchte durch die Umstehenden einen Blick auf Asghrar zu erhaschen, doch die Menschentraube war zu dicht.

Der Regen wurde stärker, prasselte mit der Wucht von Schlägen auf sie nieder. Binnen Kurzem war der Boden durchweicht. Kleine Tümpel bildeten sich in den Vertiefungen. Die Dorfbewohner liefen wie ein aufgeschreckter Insektenschwarm umher, offenbar unschlüssig, ob sie ein schützendes Dach dem Anblick der brennenden Eiche vorziehen sollten.

Jemand griff nach Sinjuahs Hand. Es war eine der Frauen aus Ottons Hütte, die ihr im Morgengrauen geholfen hatte, die sumpfigen Überreste von ihrem Körper zu waschen. Alathir hatte sie Merle genannt. Sie war sehr alt, ihr Haar weiß wie die Wolken am gestrigen Tag. „Komm!" sagte die Alte. Nach einem letzten Blick über die Schulter sah Sinjuah Asghrar und Enyon Seite an Seite neben dem noch immer knienden Druiden stehen. Für den Moment zumindest schien ihr Kampf beendet.

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Der Regen hielt den ganzen Tag über an. Die Menschen kauerten um das Feuer und verließen Ottons Hütte nicht ohne zwingenden Grund. Kehrten sie zurück, waren sie bis auf die Haut durchnässt und hatten Mühe, Haare und Kleider zu trocknen. Während sie ihre Arbeiten verrichteten, sprachen sie leise miteinander. Sinjuah, die sich im Hintergrund hielt, konnte nur einzelne Satzfetzen verstehen. „Böses Omen ..." hörte sie und immer wieder fiel der Name „Asghrar." Manchmal streiften ihre Blicke Sinjuah, ansonsten beachtete man sie nicht. Nur die alte Merle war ungewöhnlich häufig in ihrer Nähe.

Múrainn, der mehr unter dem Regen zu leiden schien als die Großen, vertrieb sich die Zeit mit der gelbfelligen Katze, bis in ihrem ungestümen Spiel eine der Schüsseln zerbrach und sowohl Katze als auch Kind vor dem Gezeter Fenias das Weite suchten. Múrainns Flucht führte direkt in die Ecke, in der Sinjuah Blätter von einem Kräuterzweig zupfte.

„Willst du Erdbeeren?" fragte er und hielt ihr eine Handvoll der roten Beeren entgegen, die sie schon am Abend zuvor gekostet hatte.

Sinjuah nickte und nahm eine Frucht. Sie war warm und schon ein wenig zerdrückt, schmeckte aber noch immer herrlich süß. Der Junge hockte sich neben sie, stützte das Kinn auf die angezogenen Knie und betrachtete sie eine Weile schweigend. Nachdem der Rest der Erdbeeren von ihm selbst vertilgt worden war, fragte er schließlich:

„Stimmt es, was Vater sagt?"

Sinjuah zuckte die Achseln, eine Geste der Verständnislosigkeit, die sie bis jetzt aus beinahe jeder Unannehmlichkeit gerettet hatte.

„Warst du in den Aschebergen?"

Seine Augen waren rund wie Kugeln, doch als Sinjuah wieder nur die Schultern hob und ihm ein zaghaftes Lächeln schenkte, wandte er den Blick ab und kraulte stattdessen die Katze, die seine Nähe offenbar vermisste und unter seine Beine gekrochen war. In seinem Gesicht arbeiteten die Muskeln, jede seiner Empfindungen malte sich darin ab. Schließlich gewann die Neugier. Er vergewisserte sich mit einem schnellen Seitenblick, dass kein Zuhörer in der Nähe war, und fuhr dann mit gesenkter Stimme fort:

„Wenn ... wenn du dort warst .... hast du sie gesehen?"

Sinjuah legte das Krautbüschel beiseite und kam nicht umhin, zu fragen: „Wen?"

Múrainns Stimme wurde noch leiser. „Sie – die Dämonen ... !"

„Dä-monen?" wiederholte Sinjuah, bemüht, den Klang des Wortes nachzuahmen.

„Pssst! Ja .... Dämonen." Der Junge riss die Augen noch weiter auf und verzerrte die Lippen unter Zuhilfenahme seiner Finger auf eine derart groteske Weise, dass Sinjuah Mühe hatte, ihre unbewegliche Miene beizubehalten. „Weißt du, was ich meine?"

Sinjuah nickte ernsthaft und Múrainn schien zufrieden. „Gut. Dann hast du sie also gesehen?"

Sinjuah schüttelte den Kopf und zerrieb eines der Blättchen, die sie in einer Schale gesammelt hatte, zwischen den Fingern. Ein starker Duft verbreitete sich.

„Hm ... vielleicht hat Vater sich geirrt .... Oder du kannst nicht darüber sprechen – so wie ...." Er brach ab, um sie noch eingehender zu mustern. „Du weißt doch, was man sich über die Aschberge erzählt?" fragte er nach einer ganzen Weile.

Ein weiteres Schulterzucken. „Nein..."

„Willst du es wissen?"

Sinjuah krauste die Nase, ein Ausdruck, der ein breites Lächeln auf das Gesicht des Jungen zauberte. „Ja. Ich will wissen!"

Múrainns Miene erhellte sich noch mehr. Er nahm eine bequemere Position ein, packte die Katze, die ihm abwartend zugesehen hatte, und platzierte sie in seinem Schoß.

„Ich rede langsam, damit du mich auch verstehst ..." sagte er und blickte sich noch einmal um. Als er zu sprechen begann, war seine Stimme nicht mehr als ein Flüstern und Sinjuah musste sich nach vorn beugen, um ihn zu verstehen. „Also hör zu: In den Aschebergen gibt es eine Schlucht, deren Felswände sind scharfer als die Krallen der Raubtiere, die Finsternis dort ist schwärzer als eine Nacht ohne Sterne ... Sie ist das Reich grausamer Dämonen - der ..." Er machte eine kurze Pause, um einmal tief durchzuatmen. „ .... Schattenwandler!" Er unterbrach sich erneut, um Sinjuahs Reaktion abzuwarten. Als diese ausblieb, sprach er schnell weiter.

„Die Alten sagen, sie einem bei lebendigem Leib das Herz heraus, doch vorher quälen sie dich mit der schlimmsten Folter, die du dir vorstellen kannst" Er rollte die Augen zur Decke, als nähmen dort die imaginären Schreckensbilder Gestalt an. Und er schien in der Tat etwas gesehen zu haben, denn mit fast ersterbender Stimme, fuhr er fort: „Sie füttern dich mit Schlangen und Käfern, bis es nur so krabbelt in deinem Bauch und .... und .... dann singen sie dir schreckliche Lieder vor, bis dir die Ohren abfallen .... und .... und .... sie hüllen dich in schwarze Tücher, bis du keine Luft mehr bekommst! Niemand ist ihnen jemals lebend entkommen ... Niemand ..." Die Katze auf seinem Schoß miaute ärgerlich, als er seine Finger in ihr Fell grub. „ ... - außer Asghrar!"

Die Katze fauchte, fuhr die Krallen aus und zog sie über seinen Handrücken. Múrainn schien es nicht einmal zu merken. Er behielt sie weiterhin in festem Griff. „Ich weiß es von Edain und die weiß es von Damona und die weiß es von ihrer Großmutter und die ist eine Heilkundige ... hier spricht man nämlich nicht darüber, weißt du ... Es ist schon lange her, Asghrar war ungefähr so alt wie ich ... Er war mit seiner Mutter dorthin aufgebrochen. Keine Ahnung, warum sie allein unterwegs waren. Als sie nicht wiederkamen, hat das ganze Dorf nach ihnen gesucht. Tagelang. Schließlich hielt man sie für tot – doch dann .... ganz unerwartet .... war Asghrar wieder da .... Einfach so!" Er hob eine Hand und schnippste mit den Fingern. Dann legte er den Kopf zur Seite und fragte. „Verstehst du mich überhaupt?"

Sinjuah nickte, doch das Lächeln war aus ihrem Gesicht verschwunden.

„Alle sagen, die Dämonen hätten ihn gefangen. Wenn man Asghrar danach fragt, ist seine Zunge wie gelähmt. Ich habe es so oft probiert, alle anderen auch, doch er schweigt nur und guckt ganz böse. Alles was er sagt, ist, dass seine Mutter in die Schlucht gestürzt sei und dann erinnere er sich an nichts mehr. ..!"

Múrainn ging vollkommen in seiner Erzählung auf, das Feuer hatte seine Wangen rosig gefärbt und goldene Lichter auf seine Locken gesetzt.

„Aber du sagst ..... niemand ... überlebt ...", warf Sinjuah ihre Zweifel ein.

„Das ist wirklich seltsam, nicht? Er war unversehrt, als sie ihn schließlich fanden. Naja, bis auf sein Gesicht, da hatte er einen ziemlich üblen Schnitt. Man sieht noch immer die Narbe. Hier, ganz nah bei den Augen ...." Er zog mit dem Finger eine Linie von seinem linken Auge bis zum Haaransatz.

„Warum glaubt ihr, dass .... wie sagst du ... die Schattenwandler ... ihn .... fingen?"

„Wer sonst? Er war stumm, als man ihn fand, und hat viele Monde lang nicht gesprochen. Aelfric – das ist der Junge, dem ich eins auf die Nase gegeben habe, gestern – also Aelfric behauptet, Asghrar sei besessen. Aber Aelfric ist ein Blödmann und ein Angeber obendrein. Ich glaube, die Dämonen haben Asghrar in ihre schwarzen Tücher gewickelt, aber er hat gegen sie gekämpft und sie besiegt! ... Mutter sagt, das ganze Gerede von Dämonen in der Schattenschlucht sei nichts als eine Erfindung der Druiden! Sie meint, Asghrar habe sich verletzt, als er seiner Mutter helfen wollte. Dann habe er sich verlaufen und weil er noch so klein war, habe ihm die Angst die Kehle zugeschnürt. Aber ich glaube das nicht. Asghrar ist der mutigste Krieger unseres Stammes und außerdem war er schon so groß wie ich – ich hätte keine Angst gehabt!"

„Davon bin ich überzeugt, Múrainn. Willst du nicht mal nachsehen, ob die Versammlung beendet ist?" Alathir stand hinter ihnen und sah auf Múrainn herab. Im Nu war der verschwörerische Ausdruck auf seinem Gesicht dem des Widerstandes gewichen.

„Aber es regnet noch!"

„Vielleicht hat es mittlerweile aufgehört? Bei der Gelegenheit kannst du Damona um eine ihrer Bordüren bitten. Ich möchte das Muster in den Stoff weben. Hier ..." Sie nahm den Deckel von einem der Krüge und nahm ein rundliches Stück Backwerk heraus. „ ... das kannst du Edaín schenken!"

Der Junge erhob sich schnell, nahm das Gebäck, wobei seine Augen strahlten, und zog ohne weitere Widerrede ab. Alathir schenkte Sinjuah ein flüchtiges Lächeln, dann ließ sie sich vor dem Holzgestell nieder, von dem Sinjuah nun wusste, dass es ein „Webstuhl" war – ein Gerät, an dem die junge Frau Fäden in unterschiedlichen Mustern zu einem großen Stück Tuch verarbeitete.

„Múrainn scheint dich zu mögen. Es gibt nur wenige, mit denen er seine Erdbeeren teilt!"

Sinjuah erwiderte nichts. Alathir hatte sie also schon eine ganze Weile beobachtet. Obwohl ihr Verhalten ausgesprochen freundlich war, schien sie ebenso wie ihr Bruder an der Geschichte vom heimtückischen Überfall zu zweifeln.

„Ich hoffe, er hat dich nicht erschreckt mit seinen Geschichten ," meinte sie, während ihre Hände flink ihre Arbeit verrichteten.

„Er – schreckt ....?"

„Ja, ich meine damit: Ich hoffe, er hat keine bösen .... Erinnerungen in dir geweckt?"

„Erinnerungen?"

„An etwas, das du vielleicht selbst .... erlebt hast ....?"

„Nein ... ich sah nie .... Dämonen. Es waren .... Menschen .... Menschen haben .... meine ... Familie .... getötet ...."

„Es ist schon gut .... du solltest dich nicht aufregen ... weißt du – wenn die Tage grau sind, dann sind die Träume bunt .....Das sagten schon unsere Ahnen ...."

Sie arbeitete schweigend weiter und überließ Sinjuah ihren Grübeleien. Erst als Enyon die Hütte betrat, sah sie wieder auf. Auch Sinjuah blickte ihm entgegen. Er war allein. Seit dem Unwetter am Morgen hatte sie Asghrar nicht mehr gesehen. Enyon bewegte sich in ihre Richtung, nachdem er Alathir am Webstuhl entdeckt hatte.

„Laut Ratsbeschluss hat Asghrar die Prüfung bestanden."

Alathir unterbrach ihre Arbeit und erhob sich. Da sie sich offenbar der Aufmerksamkeit aller bewusst war, sprach sie laut und deutlich. „Er hätte den Kampf verloren - wir alle haben es gesehen."

„Er hätte gar nicht antreten dürfen. Er war verletzt. Doch dein Bruder ist störrisch wie ein alter Esel! Statt froh zu sein, dass die Götter mit ihrem Zeichen den Kampf beendet haben, probt er den Widerstand ..."

Alathir schwieg und ließ ihren Blick über die Gesichter der anderen Männer und Frauen gleiten, die sich zu den beiden gesellt hatten. Auch Sinjuah war aufgestanden.

„So siehst du es also?" fragte Alathir schließlich. "Die Götter spalteten Abakurs Eiche, um die Prüfung zu beenden?" Unglaube sprach aus jedem ihrer Worte.

„So hat es Lavomar gedeutet. Die Götter wollen, dass Asghrar dem Rat angehört und das so schnell wie möglich ...."

„Hat der Rat ihn also aufgenommen?"

„Nein. Schließlich muss das Ritual eingehalten und die letzte Prüfung bestanden werden ...."

„Aber – widerspricht das nicht dem Willen der Götter?"

„Alathir, wir sollten nicht so vermessen sein, Lavomars Deutungen anzuzweifeln. Er ist der Druide. Abakur selbst hat ihn erwählt, wie du weißt ...."

Das folgende Schweigen war beredter als alle Worte. Sinjuah las Zweifel und Misstrauen in den Gesichtern der Anwesenden. Als Fenia das Schweigen brach, schien es für niemanden unwillkommen.

„Wo ist Murainn?" fragte sie.

Alathir schien Mühe zu haben, ihre Gedanken zu ordnen, aber nach einer fahrigen Geste wandte sie sich schließlich an die blonde Frau. „Ich habe ihn zu Damona geschickt. Ich benötige eine ihrer Bordüren ..."

„Warum schickst du meinen Sohn in den Regen? Ich brauche ihn jetzt. Er soll mir bei der Zubereitung des Duftwassers helfen ...."

„Er wird sicherlich bald zurück sein ...."

„Ich brauche ihn jetzt! Du weißt, wie lange es dauern kann, bis er sich von dieser kleinen rothaarigen Göre trennt!"

Sinjuah trat neben Alathir. „Ich .... hole ihn."

Fenia zuckte die Achseln und Sinjuah wandte sich ab. Sie spürte die Blicke der anderen in ihrem Rücken und ganz deutlich hörte sie wie jemand sagte: „Ich traue ihr nicht ...."

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Graue Regenschleier verdunkelten das Licht und nahmen dem Tag die Farbe. Ihre nackten Füße sanken in den schlammigen Boden und einen kurzen Moment lang fürchtete sie, der Morast habe seinen Weg in die Siedlung gefunden, doch der Untergrund blieb fest und sie ging erleichtert weiter. Sie wusste nicht, welche der Hütten die des Schmieds war, darum schlug sie zuerst den Weg zu der Eiche ein. Der Regen hatte die Flammen gelöscht, doch der Baum war gespalten wie nach einem Schwerthieb. Sie berührte die Rinde mit den Fingern. Die Wunde war tief – vielleicht würde der Baum sterben. Schalen mit Früchten, zahlreiche Krüge und Körbe waren wie Wächter in einem Kreis darum angeordnet. Auch eine junge Ziege war angepflockt und meckerte in höchster Not. Sinjuah beugte sich zu ihr herab und strich über das raue Fell. Sofort beruhigte sich das Tier. Mit sanften Fingern löste sie den Strick. Die Ziege schleckte ihr dankbar die Hand, dann sprang sie in Windeseile davon. Sinjuah folgte ihr langsam. Als sie das Versammlungshaus passierte, mischte sich ein Flüstern unter das Geräusch des Regens. Sie hielt inne und näherte sich der Hütte; zwei Männer sprachen drinnen leise miteinander. Einem Instinkt folgend drückte sie ihr Gesicht gegen das feuchtkalte Flechtwerk der Wand.

„Nicht wenige glauben, dass die Götter uns zürnen ..."

„Folglich hast du dich getäuscht?"

„Nein! Nein - meine Visionen haben mich nie betrogen!"

„Aber du hast nicht gesehen, dass er der Schattenschlucht entkam ..."

„Noch immer ist mir verborgen, welche Macht dies fügte .... Meine Träume schweigen dazu. Doch es ändert nichts am vorbestimmten Weg ...."

Der Rest des Satzes war nicht mehr als ein Murmeln, doch dann sagte die andere Stimme: „Du weißt, wie du die Zeichen beim Mittsommerfest zu deuten hast!"

„Es macht keinen Sinn, mir zu drohen. Ich bin nur ein Mittler des Schicksals ..."

„Suchst du etwas ....?" fragte eine Stimme direkt hinter Sinjuah. Sie wirbelte herum. Vor ihr stand Asghrar. Sein Haar hing in nassen Strähnen herab und der Mantel um seine Schultern wirkte wie einem See entzogen. Sie machte einen tastenden Schritt zurück, stieß aber nur gegen die Wand in ihrem Rücken. Die Stimmen dahinter waren verstummt. Asghrar hob einen Arm und stütze ihn neben ihrem Kopf an die Wand. Mit der linken Seite dränge er sie gegen eine der Holzbohlen und sie fühlte sich wie ein Spatz im Schnabel des Falken.

„Nun kannst du nicht entwischen, wie letzte Nacht ...." sagte er leise. Sie sah die Rinnsale, die der Regen in seinem Gesicht hinterließ, die schmale Narbe, die schwarzen Wimpern, die seine Augen wie immer beschatteten und doch das blaugrüne Feuer darin nicht verbargen. Ihre Nasenspitzen berührten sich fast, sie konnte seinen Atem auf ihrer Wange spüren. Warm war er und jagte doch Kälteschauer über ihre Haut. Es bereitete ihr Mühe, nicht zu schreien.

„Wer bist du? Antworte endlich!" Seine rechte Hand löste sich von der Wand und packte stattdessen ihre Schulter. Deutlich spürte sie die langen Finger in ihrem Fleisch, seine körperliche Überlegenheit war nicht zu leugnen. Hatte sie wirklich geglaubt, diesen Menschen überwältigen zu können?

Die Worte Múrainns kamen ihr in den Sinn .... Niemand ist ihnen jemals lebend entkommen ... Niemand außer Asghrar .... Was wussten sie schon? Haschanan hatte sie verlassen für das Leben dieses Menschen, der sie jetzt bedrängte mit seinen Fragen und mit seiner Kraft. ... Der so lebendig vor ihr stand – während Haschanan ...

Die Wut verlieh ihr Kraft. Sie warf ihren Kopf zur Seite und bohrte ihre Zähne in sein Handgelenk. Er riss erstaunt die Augen auf, beinahe glaubte sie, das Feuer darin wollte sie verbrennen ....

Dann hörten sie den Schrei.