Pfingsten auf der Burgruine

Es war ein strahlend heller Sommernachmittag, die Vögel zwitscherten in den hohen Bäumen und ließen ihre melodiösen Gesänge wie die Töne eines vielstimmigen Orchesters durch die sonnenbeschienenen Mauern von Burg Hohenfels wehen. Die verwinkelten, halb verfallenen Wände, in deren Ritzen sich kleine, grüne, teilweise gelb, rosa oder weiß blühende Steinbrechgewächse festklammerten, warfen markante, eckige Schatten auf den grasbewachsenen Boden. Dieser mutete durch die zahllosen Blätter der Bäume, die das Gebäude überragten, im sanften Sommerwind erbebten und dadurch das Sonnenlicht wie durch einen unendlich fein strukturierten Filter hindurch brachen, wie ein meisterhaft gewebter Fleckenteppich an. Zitternde Schatten huschten in ständig wechselnder Bewegung über das Gesicht und den Körper der jungen Frau, die in ihrem roten Baumwollkleid mit den aufgedruckten Lilien und dem mittelalterlichen violetten Wollumhang, den sie unter sich auf den Boden gebreitet hatte, einen auffälligen Farbkontrast zu ihrer Umgebung bildete und sich gleichzeitig in der Zartheit und Verletzlichkeit ihrer Erscheinung harmonisch in sie einfügte.

Nun blühten die Graslilien wirklich – wenn es dies war, was man als Wirklichkeit definierte –, die an jenem Ostermorgen vor über einem Jahr in der verwandelten Königskammer die schweigsamen Zeugen einer Begegnung gewesen waren, die sich für immer unauslöschlich in Elanors Gedächtnis eingebrannt hatte. Leise bewegten sich die feinen, zarten Blüten jetzt im Wind, der sachte wie eine Liebkosung über Elanors Haare und Wangen streichelte. Die Luft war erfüllt vom Duft der Blumen, und zu jeder anderen Zeit hätte ihr diese Szenerie ein entzücktes Lächeln entlockt. Doch an diesem Tag konnte nichts ihre Stimmung aufhellen, und ihr glasiger Blick glitt fast blind über das Blütenmeer, das sich vom Eingang der Ruine aus den halben Hang hinunter ergoss. Die Königskammer zu betreten hatte sie sich in ihrem momentanen Zustand gar nicht erst gewagt, sie hätte es wie ein Sakrileg empfunden. Wie ein Häufchen Elend saß sie im Eingang der Burgruine, auf den paar verwitterten Steinstufen, die in den einstigen Thronsaal führten. Eine Lilienblüte erhob sich ganz nahe neben ihr aus dem Gras und schwankte nun in einem plötzlichen Windstoß direkt in Elanors Blickfeld. Tränen traten ihr in die Augen.

Die zarten Lilien, wie sie rein und weiß in der Sonne strahlten, ätherisch den Himmel und das Licht durch sich hindurchscheinen ließen… Das letzte Mal hatte er sie mit einer von ihnen verglichen – nun würde er es bestimmt nie wieder tun. ‚Ich möchte so gerne schön für dich sein. Ich möchte eine Freude für dich sein. Bitte, egal was es mich kostet, mach mich schön für dich.'
Es war lange her, seit sie so gedacht hatte, und gerade jetzt kam es ihr wie eine Utopie vor, die niemals Wirklichkeit werden konnte. Mit einem kleinen Schauder dachte sie an all die Dinge, die in der letzten Zeit schief gelaufen waren.
Seit der Trennung von Jonas hatte sie sich ziemlich wahllos versucht mit anderen Männern zu trösten, und auch wenn sie nicht so weit gegangen war, mit ihnen zu schlafen, so lastete das, was passiert war, doch auf ihrem Gewissen. War sie damit ihrem Geliebten untreu geworden? Aber sicher meinte Untreue ihm gegenüber doch irgendetwas im geistlichen Bereich, oder? Für einen Moment hob sich die Last auf ihrer Seele ein wenig, dann zog sich ihr Herz in noch größerer Angst zusammen: Was war mit den alternativen Heilmethoden, denen sie sich gegen ihre Arthritis ausgesetzt hatte und bei denen sie sich nicht sicher war, inwieweit sie esoterischen Einflüssen unterlagen? Was, wenn dies Götzendienst gewesen war? Und wie stand es außerdem mit all den sündhaften Einstellungen, die sie nicht loswerden konnte, ihr Neid auf andere zum Beispiel? Immer kälter und unbarmherziger drückte die schwere Eisenfaust der Angst ihr Inneres zusammen. Liebte sie ihren Erlöser überhaupt noch? Von der Sehnsucht, die sie doch vor einem Jahr erst als ihren kostbarsten Schatz deklariert hatte, hatte sie in der letzten Zeit auch kaum etwas gemerkt – erst jetzt wieder, und das auch nur, weil sie von einer Verlustangst gequält wurde, die ihr mittlerweile fast die Luft zum Atmen nahm. Über unzählige Bibelstellen war sie in den letzten Wochen gestolpert, von denen sie sich verdammt gefühlt hatte, die ihr zu sagen schienen, dass es doch auf ihre Leistung ankam, darauf, die Gebote zu halten – und sie brauchte nur in sich hineinzusehen, um zu erkennen, dass sie kläglich versagt hatte. Was, wenn sie ihre Chance vertan hatte, was, wenn sie sich von ihm entfernt hatte, was, wenn sie ihn bereits verloren hatte, wenn sie sich seine Zuneigung mit all ihrer Verstocktheit und ihrem Ungehorsam verspielt hatte? Mit einem gequälten kleinen Aufschrei ließ sie ihren Kopf zwischen die Knie sinken und zerwühlte sich verzweifelt die Haare.

Ein schmerzhafter Stich an ihrem Arm, wie von einer Nadel, ließ sie aufschrecken. Eine dicke Bremse saß auf ihrer Haut und hinterließ eine schwarz verschmierte Blutspur, als Elanor sie hastig erschlug. Nun bemerkte sie auch die Schnaken, die um ihren Kopf herumsirrten und sich auf jede unbedeckte Stelle zu stürzen suchten. Ein Stich auf ihrer Stirn schwoll schon an und begann zu jucken, ebenso auf ihrer Hand. An ihren unbedeckten Knöcheln häuften sich sogar mehrere kleine Beulen nebeneinander. Auch das noch!
Es war kalt geworden. Glühendrote Streifen zogen sich über den Horizont, an dessen Rand die Sonne schon am Untergehen war, ohne dass es Elanor bemerkt hatte. Mit steifen Beinen stand sie schließlich auf, wischte sich die Tränenspuren von den Wangen und hüllte sich in ihren Umhang. Dann blieb sie unschlüssig gegen die halb verfallene Mauer gelehnt stehen.
„Bitte hilf mir doch," flüsterte sie. „Ich habe solche Angst!"
Halb erwartungsvoll, halb sich gegen die wahrscheinlichere Enttäuschung stählend spähte sie ins Innere des Thronsaales, doch er war wie erwartet noch genauso leer und verfallen wie vor Stunden, als sie ihn zum ersten Mal seit langem halbherzig betreten und sich zögernd darin umgeschaut hatte. Mit einem kleinen, verlorenen Schulterzucken wandte sie sich zum Gehen.

Es war immer noch hell, auch wenn die Sonne schon fast verschwunden war. Eine Bewegung über ihrem Kopf ließ Elanor aufblicken. Etwas Weißes flatterte dort im Wind. Für einen Moment dachte Elanor, der Himmel wäre ein Meer und die Lilien auf dem Boden spiegelten sich in seiner bewegten Oberfläche. Doch dann erkannte sie, dass es ein feines, gazeartiges, fast durchsichtiges Stück Stoff war, etwa zwei auf einen Meter groß mit unregelmäßigen, leicht ausgefransten Enden, die sie ebenfalls an die Lilienblüten erinnerten. Stirnrunzelnd suchte sie nach einer Befestigung, einem Faden oder einer Stange, die den leichten Stoff in der Luft hielt, doch sie konnte nichts entdecken.
So schwerelos, wie es ihr erster Eindruck gewesen war, sah er eigentlich doch nicht aus. Irgendwie war er auch gar nicht mehr weiß, sondern eher golden, orangegelb – er brannte! Ein loderndes Feuer schien die durchsichtige Gaze zu verzehren, und jeden Moment wäre nur noch ein Häufchen Asche von ihr übrig. Trotzdem war es wunderschön anzusehen. Elanor hielt ohne es zu merken den Atem an und keuchte dann überrascht auf: Der mysteriöse Stoff war nun fest und solide wie Leinen und strahlte in einem blutroten Farbton. Trotzdem wehte er unvermindert und ohne sichtbaren Halt über ihrem Kopf im Wind. Schemenhaft huschten nun Formen über seine Oberfläche, so als würde sich die Farbe in verschiedene Rottöne aufspalten. Elanor war sich nicht sicher, ob es nur die Schatten der Bäume oder ein Effekt des Sonnenuntergangs war. Gebannt beobachtete sie, wie sich allmählich eine Art Batikmuster herausbildete, dessen Zentrum ein glutrotes Herz darstellte. Rund herum wurde das Material allmählich wieder weißer, bis einzelne gazezarte Lilien zu erkennen waren, die sich durch die Veränderung des Stoffes selbst in einer ständigen, wenn auch leisen Bewegung befanden.
‚Sein Banner über mir ist die Liebe,' schoss es ihr durch den Kopf. Das stand irgendwo im Hohelied. Was, wenn dieser Stoff… Verwirrt runzelte sie die Stirn. Mit dieser Stelle hatte sie noch nie so viel anfangen können. Was hatte es zu bedeuten?
‚Wozu braucht man ein Banner? Wenn du das herausfindest, hast du die Antwort,' schwebte es wieder leise durch ihre Gedanken.
Ein Banner? Wozu brauchte man ein Banner? Im Krieg, in einer Schlacht. Um zu wissen, wo das eigene Heer war. Um es wiederzufinden, wenn man davon abgeschnitten wurde oder sich in Kämpfen verzettelt hatte, wenn man von feindlichen Truppen umzingelt war und zurück zu seiner Basis finden wollte. War das ihre Basis? War das das Motto, das über ihr schwebte? Liebe? Sofort wurde ihr etwas leichter ums Herz.
‚Wenn du verwirrt bist, wenn der Feind dich verurteilt, wenn er selbst mein Wort gegen dich wendet, dann gibt dir das Banner Orientierung. Alles, wirklich alles, was von mir ist, steht nur unter dem Zeichen der Liebe.'
Elanor atmete tief auf vor Erleichterung. ‚Aber was, wenn ich mich selbst davon entferne? Bin ich dann nicht selbst schuld?' schoss es ihr durch den Kopf. Sofort fing sie wieder an, sich in Gedanken zu verstricken, suchte verzweifelt nach einem Ausweg.

„Nimm es."
Verwirrt blickte sie auf. Das hatte so real geklungen, wie eine richtige Stimme. Und was war gemeint?
„Nimm das Wort. ‚Sein Banner über mir ist die Liebe.' Nimm es und kämpfe damit!"
Sie ließ ihre Augen wieder zu dem Banner gleiten. Etwas Helles blitzte darunter hervor, und sobald sie ihre Hand danach ausstreckte, glitt ein Gegenstand heraus, den sie als ein Schwert erkannte. Die Klinge war in der Mitte breit und wurde zu beiden Seiten hin spitz, wie ein Blütenblatt oder eine Flamme. Das Material selbst sah aus wie Glas, bis Elanor es ergriff und an seiner Schwere und Beschaffenheit, an der Art, wie sich das Licht in tausendfachen Reflexen darin brach, erkannte, dass es sich um Diamant handeln musste. Zaghaft hob sie es ein wenig und stach damit experimentell in die Luft vor sich. „Sein Banner über mir ist die Liebe!" Sie spürte, wie die Seile der Angst um ihr Inneres sich schon ein wenig lockerten. Wie war der Zusammenhang dieses Verses? Sie hatte doch damals nach ihrem letzten Treffen eifrig das Hohelied gelesen, es war doch der eine Text, den er ihr persönlich gegeben hatte… „Er führt mich in seinen Bankettsaal." Wieder stach sie in die Luft, diesmal etwas fester. Sie lachte leise auf, als ihr zu dieser Zeile eine andere, ziemlich bekannte einfiel. „Er bereitet mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde." Warum sollte er nicht hier, mitten im Angesicht des Feindes, sie treffen und ihr geben, was sie brauchte?
‚Aber was ist mit all meiner Rebellion und meinen Sünden? Vielleicht will er mich jetzt nicht mehr? Vielleicht habe ich mir das alles verwirkt?' Traurig ließ sie das Schwert sinken und durchforstete ihr Gedächtnis verbissen nach einer Stelle, die ihr helfen konnte. War nicht die Geliebte im Hohelied auch einmal so gleichgültig ihrem Freund gegenüber gewesen, dass sie ihm noch nicht einmal die Tür geöffnet hatte? Wie war es weitergegangen? Er war verschwunden, nicht ohne vorher ihre Sehnsucht zu entfachen, und sie hatte ihn überall gesucht und wurde dabei sogar von den Wächtern geschlagen, die ihr ihren Mantel abnahmen. Wie hatte sie ihren Freund wieder gefunden? Sie hatte es einfach geglaubt, dass er bei ihr war!
Trotzig reckte Elanor ihr Kinn hoch, hob ihr Schwert und sagte mit fester Stimme: „Mein Geliebter ist in seinen Garten hinabgegangen. (Der Garten bin ich!) Ich gehöre meinem Geliebten, und mein Geliebter ist mein." Bei dem letzten Teilsatz zitterte ihre Stimme merklich, und sie konnte nicht umhin, in Gedanken hinzuzufügen. ‚Bitte lass es noch so sein!'

„Nicht schlecht!"
Elanors Kopf ruckte zu ihrer Hand, wo sie über ihren eigenen Fingern, die sich krampfhaft um den Griff des Schwertes wanden, auf einmal feste Finger, den starken Griff einer muskulösen, sonnengebräunten, männlichen Hand sah und spürte. Fassungslos wanderte ihr Blick den schlanken Arm entlang, über die kräftige Schulter, die dunklen Haarsträhnen, die sie halb verdeckten, bis zu dem wohlbekannten Gesicht und den graugrünen Augen, die manchmal fast jede Nacht durch ihre Träume geisterten. Unwillkürlich entfuhr ihr ein kleiner entzückter Aufschrei. Unwürdig wie sie war, war er dennoch da, hatte er sich dennoch erbarmt, war er tatsächlich noch einmal zu ihr gekommen!
„Versuche es mal damit," vernahm sie die ruhige, souveräne Stimme des Königs. „‚Schön bist du, meine Freundin, in allem, und kein Makel ist an dir.' Hohelied 4,7." Er zwinkerte ihr zu.
Elanors Blick wurde traurig. „Aber das stimmt nicht," sagte sie leise und sah zu Boden. „Ich habe dich enttäuscht."
„Elanor." Nun wurde auch seine Stimme traurig. „Wem glaubst du mehr? Mir oder deinen Gedanken? Beziehungsweise, mir oder – ihm?" Er wies mit einer vagen Handbewegung in die Luft.
„Es tut mir Leid." Sie senkte schuldbewusst noch tiefer den Kopf.
Er seufzte. „Pass auf. Erstens: Du kannst mich nicht enttäuschen. Schon bevor ich an jenem Heiligabend dein Auto anhielt, wusste ich alles, was du bis zu deinem letzten Atemzug auf dieser Erde tun wirst."
Für einen Moment weiteten sich ihre Augen, als sie rasch zu ihm aufblickte, hatte sie doch in der kurzen Zeit ihres Zusammenseins schon wieder vergessen, wen sie eigentlich vor sich hatte.
„Zweitens," fuhr er fort, „bist du für mich immer schön."
„Aber wie kann das sein, wenn dir doch all diese… Dinge nicht verborgen sind?" hakte sie schüchtern nach.
„Ich sehe dich jetzt schon so, wie du sein wirst, wenn ich mit dir fertig bin," sagte er mit einem leichten Grinsen.
Elanor musste lachen wegen seiner Formulierung, doch er fuhr schon fort: „Außerdem: Erinnerst du dich noch daran, wie es war, als du frisch in Jonas verliebt warst? Eure ersten Monate zusammen? Hat dich irgendetwas dieser Dinge an ihm gestört, die später zu dem Zerbruch eurer Beziehung führten?"
Elanor schüttelte den Kopf.
„Du hast sie irgendwo am Rande registriert, aber sie waren dir nicht wichtig, nicht wahr? Sie haben seine vollkommene Attraktivität für dich nicht geschmälert. Du hast ihn als Person trotzdem als Erfüllung all deiner Wünsche empfunden, oder?"
Sie nickte, verzog dann aber das Gesicht. „Ja, weil ich verliebt war. Aber später, als die Verliebtheitsphase vorbei war, haben sie mich gestört, sehr sogar. Und wenn es dann bei uns auch auseinandergeht so wie da?" endete sie kläglich.
„Ich bin immer in dich verliebt," antwortete er schlicht.
Elanor schwieg für einen langen Moment. „Ich in dich eigentlich auch," sagte sie dann leise. „Nur weiß ich es manchmal selbst nicht."

Er lächelte sie an. „Merk dir doch einfach: Du kannst nichts tun, dass ich dich mehr liebe. Du kannst nichts tun, dass ich dich weniger liebe."
Elanor atmete erleichtert auf, doch dann runzelte sie wieder die Stirn. ‚Aber was, wenn ich Dinge tue, die mich von dir wegbringen, oder mich sonst irgendwie von dir abwende? Dann liebst du mich zwar immer noch, aber ich bin trotzdem nicht mehr bei dir, oder? Du liebst doch eigentlich alle, und trotzdem sind manche fern von dir und gehen sogar verloren.' Der Gedanke schnürte ihr schon wieder derart die Luft ab, dass ihr ganz übel wurde. Und doch wagte sie es nicht, ihrem Gegenüber die Frage direkt zu stellen, aus Angst, dass er ihr genau das bestätigen würde, wovor sie sich am meisten fürchtete.
Sie bemerkte, dass er sie prüfend ansah, und hielt seinen Blick in stummer Bitte mit gequälten Augen fest, bevor sie sie auf den Boden senkte. Sie spürte seine Hand an ihrem Kinn und sah wieder auf.
„Lass dich nicht von so vielen Gedanken foltern. Sie sind wie die Stechmücken, die dir die Freude an unserem Liliengarten verleiden. Lass dir nicht immer wieder deine Sicherheit stehlen," sagte er ernst.
„Aber wie?" brach es verzweifelt aus ihr heraus. „Ich kann so oft nicht unterscheiden, was Wahrheit ist und was Lüge, was vom Feind kommt und was mein Gewissen mir sagt – oder du. Ich fühle mich so schutzlos, so hilflos gegen diese Gedanken, so … ausgeliefert. Bitte – bitte hilf mir!"
„Das werde ich tun." Der Satz klang wie Balsam in ihren Ohren. „Du hast nun schon dein Schwert – lass nur, ich trage es eine Weile für dich," bekräftigte er schnell, als sie sich suchend danach umschaute. „Später werde ich dich in meine Waffenkammer führen und dich mit all den anderen Dingen ausrüsten, die dir bei unserem letzten Treffen hier … nicht so wichtig waren."
Lag eine Spur von Vorwurf in diesem Satz? Ängstlich sah sie zu ihm auf, doch er lächelte sie warmherzig an. „Lass dich nicht verunsichern: Du hast das beste Teil gewählt, und es soll dir nicht weggenommen werden. Doch das heißt nicht, dass dir nicht alles andere dazugegeben werden kann. Ich werde dich lehren zu kämpfen. Bis dahin versuche eines zu glauben: Alles, was dir Angst macht oder dich verdammt, ist nicht von mir."
Wieder atmete sie auf und spürte, wie ein Gewicht von ihrer Brust genommen wurde. Sie lächelte ihren Tröster zaghaft an.

Er lächelte zurück, küsste sie sanft auf die Stirn, dann drehte er ihr kurz den Rücken zu und schien etwas zu suchen. Aus einer Nische in der Steinwand, die einem kleinen Erker glich, holte er einen hölzernen Kerzenhalter mit einer Bienenwachskerze hervor und reichte ihn Elanor. Er war wunderschön in Form einer Rose gedrechselt und fühlte sich glatt und eben unter Elanors Fingern an. Fast erschrak sie, als ihr Begleiter kurz mit seiner Hand darüber fuhr und ein golden-warmes Licht vor ihrem Gesicht aufflackerte. Gebannt sah sie zu, wie er eine zweite Kerze in seine Linke nahm und auf die gleiche Weise entfachte. Er hielt sein brennendes Licht hoch, griff nach Elanors Hand und führte sie zum gegenüberliegenden Ende des halbverfallenen Raumes.
„Ich würde dir gerne heute Nacht eine weitere Kammer der Burg zeigen. Möchtest du sie sehen?"
Sie nickte wortlos mit leuchtenden Augen und folgte ihm durch die halb verfallenen Steinsäulen in den dahinter liegenden dunklen Gang.

„Schau her, dies ist meine Schatzkammer. Vielleicht findest du etwas darin, mit dem ich dich erfreuen kann."
Elanor trat durch den intakten Torbogen und musste im ersten Moment geblendet die Augen schließen, so überwältigend war die Pracht des bunten Lichtes, das ihr im Schein der Kerzen in schillernden, zitternden Farben von zahllosen Kleinoden zugeworfen wurde. Direkt seitlich von ihr in dem geschlossenen, bedeckten Raum lief ein langer Tisch an der Steinwand entlang, der von einem roten Samttuch bedeckt wurde. Darauf prangten Kronen verschiedener Größen, aus Gold, Silber und anderen Edelmetallen gefertigt und mit wunderschönen, teils auffälligen, teils dezent filigranen Verzierungen versehen. Edelsteine in allen Farben leuchteten an manchen der Kronen, waren auch überall zwischen ihnen auf dem weinroten Samt verstreut. Elanor meinte, das Grün von Smaragden, das intensive Rot von Rubinen, das strahlende Himmelsblau von Saphiren, unzählige andere Schattierungen aller Farben und dazwischen auch das Gold von Bernstein, einem ihrer Lieblings-Schmucksteine, zu sehen. Sie ging etwas näher an die Kostbarkeiten heran und bemerkte nun lebensecht nachgeformte Schmuckstücke, die dem Lilienring ähnelten, den sie seit jenem Heiligabend Tag und Nacht an ihrem Finger trug. Alle erdenklichen Blumen, Blüten und Blätter wanden sich unendlich grazil und fein geformt auf Ringen, Ohrringen, Armbändern, Kettenanhängern und Broschen. Wie gebannt fuhr Elanor mit einem Finger sachte über ein perfekt ausgearbeitetes Rosenarmband. Fragend sah sie ihren Wohltäter an.
„Suche dir einen Gegenstand aus, der dir gefällt. Ich möchte dir so gerne etwas schenken." Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Auch wenn du etwas anderes möchtest, das du hier nicht zu finden meinst, darfst du es mir nennen."
Sie zögerte, während ihr Blick über Veilchenohrringe und ein Liliencollier glitt und dann wieder zu ihrem Gegenüber zurückwanderte.
„Du hast mein Herz gestohlen, mit einem Blick aus deinen Augen," sagte er ernst. „Für mich bist du ohne jeglichen Schmuck wunderschön. Doch ich will dir gerne das schönste Geschmeide anlegen, damit du dir deiner Schönheit und Würde bewusst bist und dich daran erfreuen kannst."
„Was … was gibt es noch alles?" fragte Elanor zögernd. Sie wusste nicht, ob sie nur einen Gegenstand wählen durfte, wollte aber auch nicht nachfragen, um nicht unverschämt zu erscheinen. Irgendeine Wahl zu treffen war ihr schon immer schwer gefallen.
„Du musst wissen, dass jeder dieser Gegenstände eine tiefere geistliche Bedeutung beinhaltet und auf den Besitzer geistliche, seelische und körperliche Auswirkungen haben kann," erklärte ihr Begleiter ernst. „Diese Edelsteine zum Beispiel" – er wies mit einer raschen Handbewegung auf die großen, lose herumliegenden Steine zwischen den Kronen – „symbolisieren Beziehungen zwischen Menschen."
Elanor hielt den Atem an. Konnte es sein… „Das heißt, dass ich mit einem dieser Edelsteine eine Beziehung, die kaputtgegangen ist, wieder heilen könnte?"
„Nicht sofort und nicht ohne irgendeine wenn auch noch so schwache Einwilligung der anderen Person, aber ja, das könntest du im Laufe der Zeit."
Die Gedanken rasten in Elanors Kopf. Jonas würde es auch wollen, irgendwie. Er hatte auch unter ihrem Zerwürfnis gelitten, er hatte sie nie ganz vergessen können, sie war sich ziemlich sicher, dass er sie immer noch ein wenig liebte. Oder?
„Aber es gibt noch mehr," hörte sie wieder die Stimme ihres Begleiters. „Hier hinten zum Beispiel …" Er nahm sie sanft bei der Hand und führte sie in eine dunklere Ecke des Gemäuers. Elanor konnte auf einem mit edlen Schnitzereien verzierten Regalschrank eine Unmenge von glitzernden kleinen Glasfläschchen mit langem, dünnem Hals ausmachen, auf denen feine Zeichen angebracht waren und aus denen ihr diverse Flüssigkeiten – hier glasklar wie Wasser, dort goldgelb, dort blutrot – entgegenleuchteten. „Dies sind Heiltränke für alle möglichen Krankheiten," fuhr ihr Gegenüber fort.
Eine wilde Hoffnung durchfuhr Elanor. „Du meinst, wenn ich die passende Phiole wählen würde und den Inhalt trinken, könnte ich von allen meinen körperlichen Problemen geheilt werden?"
„So ist es."
Aufgeregt wippte sie ein wenig auf den Fußballen auf und ab. „Was bedeuten eigentlich die Kronen?" hakte sie dann nach kurzem Zögern nach.
„Sie stehen für große Dinge, die Menschen für mich vollbringen, große Taten des Glaubens und der Liebe."
Elanor nickte stumm und drehte sich einmal in dem Raum um sich selbst, damit ihr keiner der übrigen Gegenstände entging, die sich in Nischen, auf feingedrechselten Holztischen oder auch direkt auf dem Boden stapelten. Sie hatte den Eindruck als könnte sie Jahre in diesem Raum zubringen und doch nie alle Geheimnisse ergründen, die er in sich barg.
Schließlich wandte sie ihr Gesicht ratlos ihrem Gastgeber zu. „Sag du mir, was ich nehmen soll. Was du möchtest, dass ich nehme."
Er sah sie kurz abwägend an und meinte dann in liebevollem, beruhigendem Ton: "Das überlasse ich dir. Alles hier ist wertvoll, du kannst dich eigentlich gar nicht falsch entscheiden. Ich möchte dich einfach nur beschenken. Wähle das, was dein Herz begehrt."

Unruhig ging sie mit gerunzelter Stirn auf den Steinplatten des Fußbodens auf und ab, während das flackernde Licht einmal diesen, einmal jenen der zahllosen Schätze zu streifen schien. Dann blieb sie stehen, knabberte kurz nervös an der Haut über ihren Fingergelenken und wandte sich darauf zaghaft wieder an ihren Begleiter. „Vorhin hast du gesagt, ich dürfte mir alles wünschen, auch Gegenstände, die nicht hier im Raum sind, oder die ich nicht auf den ersten Blick sehe. Stimmt das?"
Er nickte.
„Dann wünsche ich mir Fesseln," flüsterte sie mit heiserer Stimme. „Fesseln, die mich für immer an dich binden. Damit nichts uns trennen kann; damit ich nie irgendwie von dir weglaufen kann."
Er sah sie ernst und schweigend an. „Was ist mit deinem Recht auf Selbstbestimmung?" meinte er dann in undefinierbarem Ton. „Deiner Entscheidungsfreiheit?"
„Ich will sie nicht," sagte sie entschieden. „Ich übertrage sie dir."
Wieder schwieg er eine Zeitlang, bevor er sprach. „Du würdest auf all diese Dinge hier verzichten für – Fesseln?"
Elanor schluckte und nickte. „Ja," sagte sie fest.
„Dabei kennst du mich noch so wenig." Sein Blick wurde leicht melancholisch.
„Ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass ich für immer dein sein möchte." Sie schloss für einen Moment die Augen und sagte dann mit rauer Stimme: „Das allein ist mein einziger Wunsch: ganz dein zu sein für immer."
Im flackernden Dämmerlicht der Kerzen hatte sie den Eindruck, dass seine Augen weich wurden. „Du vertraust mir so bedingungslos?"
„Ja."
„Du weißt nicht, wie eng diese Fesseln wären. Es könnte sein, dass du keine Bewegungsfreiheit mehr hättest."
„Das nehme ich gerne in Kauf."
„Wenn du an mich gefesselt wärest, müsstest du überall hin mitgehen, wo ich hingehe – auch in Schmerzen, selbst in den Tod."
Ihre Augen hielten seinem Blick unvermindert stand.
„Wolltest du das wirklich?" hakte er nach.
„Ja." Sie sagte es fast noch fester als zuvor.
„Und was wäre, wenn ich dich einfach nur an meine Liege fesseln würde, ohne dass ich dabei wäre, und du mir nur ab und zu begegnen dürftest?"
Schweren Herzens nickte sie. „Du weißt, wie sehr ich dich brauche, aber, ja."
„Und wenn du gar keine Gewissheit hättest, ob ich jemals wieder zu dir komme?"
Verwirrt runzelte sie die Stirn. „Warum solltest du das dann tun? Was hätte es für einen Sinn?"
„Um dich als mein auszuweisen – mein Eigentum, meinen Besitz, hier in meiner Kammer."
Sie nickte, während sich ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht stahl. „Wenn du es so wolltest – ich bin es zufrieden."
Diesmal schien sich sein Schweigen endlos hinzudehnen. Elanor erschauerte ein wenig, weil es sie in ihrem dünnen Baumwollkleid trotz des teilweise schützenden Umhangs mittlerweile wieder fröstelte. Sie zuckte zusammen, als unvermittelt seine Stimme erneut erklang.
„Wenn ich dich fessele, bist du mir für immer restlos ausgeliefert."
Für den Bruchteil einer Sekunde schloss sie die Lider, um die Emotionen zu beherrschen, die diese Worte in ihr hervorriefen, bevor sie mit bebender Stimme antwortete: „Genau das ist es, was ich will."

Er sah sie einen weiteren Moment lang prüfend an. Seine Augen glitzerten dabei im Licht der Kerzen, in den bunten Reflexen, in denen es sich mannigfaltig in all dem Gold, dem Silber, den zahllosen Edelsteinen brach, auf unergründliche Weise. „Nun gut – dann lass mich dich fesseln."
In zitternder Erwartung hielt sie ihre Arme vor ihren Oberkörper, so dass sie sich an den Handgelenken kreuzten, und streckte sie ihm entgegen.
Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, nicht so. Komm mit." Vorsichtig hob er sie auf seine Arme, trug sie durch den dunklen Torbogen der Schatzkammer zurück in den Gang und von dort weiter in den Raum, den sie alleine schon nicht mehr zu betreten gewagt hatte.
Elanors Herz machte einen Sprung. Hier war sie wieder: die Königskammer, intakt, düster und romantisch wie bei ihrer allerersten Begegnung, als er mit zärtlichsten Händen ihr Herz gestohlen hatte, um ihr ein neues, besseres zu geben. Keine Leuchter aus schmiedeeisernen Spiralen zierten heute die Fensternischen, keine schweren roten Samtvorhänge und bestickten Teppiche bedeckten die Wände oder die breite Liege entlang der Längsseite des Raumes. Das Dach fehlte, doch dies störte Elanor nicht, denn es war eine warme, klare Nacht. Sie konnte den dunklen Himmel wie eine weiche Samtdecke über sich gebreitet sehen, dessen ferne, hier und dort aufblitzende Sterne wie stumme Zeugen der Geschehnisse auf sie nieder schauten. Rote, echte Rosen dominierten in dieser Nacht den Raum: Rosen, deren dunkelgrünes, wie lackiert glänzendes, volles Blattwerk die Wände bedeckte, deren Ranken, gewunden und von spitzen Dornen durchsetzt wie feinstes gotisches Mauerwerk, die Torbögen nachfuhren wie die ineinander verschlungenen Verzierungen keltischer Buchmalereien; Rosen, deren schwere, weit geöffnete Blüten wie mattschimmernde Sterne, wie blutrote Edelsteine alle vier Wände des Raumes schmückten, deren herabgefallene Blütenblätter einen samtigen Teppich unter den Füßen des Paares bildeten, eine seidige Decke auf den weißen, sauberen, edlen Batistlaken der Bettstatt. Große, schwere Kerzen standen diesmal auf dem Boden in der Mitte des Raumes und ließen in ihrem unsteten Licht die Blüten und Blätter erzittern und schwanken wie vom Wind bewegte Zweige, wie die empfindsamen, nachgiebigen Fächer seltener Seegewächse einer Unterwasserlandschaft, wie erwartungsbang flackernde Augenlider, wie ein von vielfältigen Emotionen durchwehtes Herz.

All dies nahm Elanor kaum wahr, da hatte sie ihr König schon zu der Liege getragen und ließ sie sanft darauf nieder, ganz wie in jener ersten Nacht. Ihr Umhang glitt von ihren Schultern auf den Boden neben dem Bett, und sie streckte nicht ihren Arm danach aus, um ihn wieder an sich zu nehmen. Stattdessen hüllte sie sich immer noch leicht zitternd in die frischen Laken.
Schon war er bei ihr und setzte sich auf den Rand der Liege. Er beugte sich herab und begann Elanors staubige Schuhe aufzuschnüren, bevor er sie ihr vorsichtig von den Füßen zog. Sie spürte, wie die warme, weiche Haut seiner Finger sachte über ihre Füße strich. Fast kamen ihr die Tränen, als sie ihn so mit herabgeneigtem Kopf vor sich knien sah, so als wäre er ihr Diener und nicht sie seine Dienerin. Noch nie hatte seine Schönheit sie so ins Herz getroffen wie in diesem Moment.
Dann richtete er sich wieder auf, und seine ernsten, von Liebe durchtränkten Augen trafen auf ihre. Behutsam griff er nach ihren Händen, löste ihre Finger von dem weißen, bestickten Batiststoff und schob diesen beiseite, so dass sie in ihrem dünnen, liliengeschmückten roten Baumwollkleid, das sich wie eine zweite Haut an die Konturen ihres Körpers schmiegte, schutzlos und verletzlich vor ihm lag.
Lautlos ließ er sich neben ihr nieder, strich ihr ein paar verirrte dunkle Haarsträhnen aus der Stirn und beugte sich über ihr Gesicht. Sein Kuss war sanft wie ein Windhauch und wehte durch ihre Erinnerung wie unbeschreiblich süßer Veilchenduft. Er klang in ihr nach, als seine Lippen schon längst wieder verschwunden waren, so dass sie gar nicht sagen konnte, wie lange die Berührung in Wahrheit angedauert hatte. Umso deutlicher spürte sie nun den Rest seines Körpers dicht an ihrem. Seine Arme umfingen ihren Oberkörper, seine Beine schlangen sich um ihre, bis sie das Gefühl hatte, völlig von ihm umgeben zu sein, völlig vom warmen, atmenden Schutz seines Körpers bedeckt zu werden, völlig in der Geborgenheit seiner Umarmung aufzugehen. Sie spürte, wie seine weiche, sehnige Hand sich auf ihre Brust legte, fest und doch zärtlich zugleich, direkt über ihrem Herzen. Irgendetwas in ihr veränderte sich, so als hätte er in ihr Herz hineingegriffen, so als wäre etwas aus seiner Hand hineingeflossen, hineingesickert. Sie konnte nicht sagen, was genau es war, aber es durchströmte sie wie Freude und Liebe, Sicherheit und Frieden, Sehnsucht und Erfüllung zugleich.
Sachte strich seine Hand ihre Schulter entlang und verschwand dann. Er lockerte seine Umarmung und sah ihr mit einem offenen, grenzenlos vertrauten, unendlich liebevollen Blick in die Augen.
„Und… und wo sind jetzt die Fesseln?" stammelte sie.
„In dir." Sein verhaltenes Lächeln wurde immer leuchtender und mutete sie an wie ein Sonnenaufgang. „Ich bin in dir."
Beim Klang dieser Worte durchzuckte ohne ihr Zutun eine Welle der Erregung ihren Bauch, für die sie sich sofort schämte. Ängstlich sah sie ihn an.
Wieder schüttelte er lächelnd den Kopf, wie zuvor, als sie ihm ihre Handgelenke zum Binden hingehalten hatte. „Nein, nicht so. Tiefer, viel, viel tiefer. Unendlich viel intimer. Ich bin deine Fesseln, deine Fesseln sind mein Geist. Sie binden dich für immer an mich. Ich habe sie so tief im Zentrum deines Herzens verankert, dass nichts und niemand sie je mehr entfernen könnte. Kein Mensch, keine Gewalt, kein Umstand, auch du selbst könntest sie nicht mehr herausholen. Und ich werde sie nie wegnehmen, niemals, in keinem Fall, in Ewigkeit nicht, nicht für eine Sekunde."
Er zögerte kurz, dann fügte er hinzu: „Eigentlich habe ich nicht viel mehr getan als die letzten beiden Male, genau hier in dieser Kammer. Aber nun kannst du es besser verstehen – und vielleicht endlich glauben." Er sah sie prüfend an. „Du kannst dir diese Fesseln gerne auch als Bänder vorstellen, die uns beide umschlingen – mal ganz fest, mal lockerer, so wie du es gerade brauchst. Aber glaub mir: sie sind unzerreißbar, und du kannst nie aus ihnen herausrutschen."
Trotz seiner Versicherung runzelte Elanor leicht zweifelnd die Stirn, denn genau dieser Gedanke hatte sich soeben bei dem Wort „lockerer" in ihren Kopf geschlichen.

Wieder schien er kurz zu zögern. „Soll ich dir zeigen, wie stark diese Fesseln sind?" fragte er dann sanft. „Wie sie eigentlich vor allem funktionieren?"
Sie nickte wortlos.
„Schließ deine Augen."
Ihre Lider hatten sich kaum gesenkt, da spürte sie sachte seine Hand darüber, die ihr jedoch so viel Spielraum ließ, dass sie sie jederzeit wieder öffnen konnte. Sie blinzelte ein paar Mal nervös und wurde dann ruhig.
Vor ihren geschlossenen Augen erschien nun schemenhaft seine Gestalt. Er hob ihr seine starken, sehnigen Hände entgegen, vor seiner Brust zusammengehalten in einer Geste, die das spiegelbildliche Gegenstück zu ihrer vorherigen Einladung an ihn, sie zu fesseln, darstellte.
„Aber … du hast doch vorhin gesagt, dass es nicht … auf diese Art funktioniert," stammelte sie verwirrt.
Er lächelte sie traurig an. „Was mich betrifft, funktioniert es genau auf diese Art."
Etwas in ihr sperrte sich plötzlich vehement gegen den Gedanken, und doch sah sie, wie sich ohne ihr Zutun ein festes, raues Seil um seine Handgelenke wand und sie jeglicher Bewegungsfreiheit beraubte. Aus dem Augenwinkel, wie als unwichtige Nebenfiguren, nahm sie nun die Gestalten fremdartig gekleideter Soldaten und pompös anmutender Männer zur Rechten und Linken ihres Freundes wahr. Mit einem Schock erkannte sie die Szene vor sich. Unwillkürlich entfuhr ihr ein klägliches kleines Wimmern und sie warf hilflos den Kopf hin und her, als ihre Gedanken der Vision bereits vorausrasten und ihr bewusst wurde, auf welche Aneinanderreihung von Grausamkeiten dies hinauslaufen würde. Sie presste die Augenlider krampfhaft zusammen, versucht, die Augen aufzureißen und das Ganze zu beenden. Da veränderte sich sein Körper vor ihrer inneren Leinwand in den eines Lammes, das mit zusammengebundenen Gliedmaßen und jeglicher Bewegungsfreiheit beraubt auf einem steinernen Block lag. Unbarmherzig näherte sich ein Messer seinem makellosen Hals und hinterließ eine tiefe rote Spur. Das leuchtende Blut, das aus dem tiefen Schnitt in Strömen zu Boden sickerte, mutete fast selbst wie samtig glitzernde Bänder an, die sich über das weiße Fell ergossen.
Mit einem Schluchzer riss Elanor die Augen auf und saugte ihren Blick an seiner Hand fest. Durch deren Zwischenräume streichelte das helle Kerzenlicht der Königskammer ihre Augen, das wie sanftes Feuer an den Konturen seiner Finger zu glimmen schien. Sie atmete zitternd aus.
Die Hand entfernte sich langsam und strich Elanor behutsam eine Träne aus dem Augenwinkel. Dann traten seine ernsten Augen an ihre Stelle, die im Kerzenlicht ebenfalls warm zu glimmen schienen.
„Ich bin dein Gefangener," flüsterte er zärtlich. „Ein Gefangener der Liebe. Ich war es damals schon, und ich werde es immer sein. Ich kann dich nicht mehr verlassen." Er beugte sich noch ein wenig näher über sie und küsste sie sachte auf die Stirn.
„Halte es fest, vergiss es nie, erinnere dich ständig daran, denn dies ist gleichzeitig deine stärkste Waffe im Kampf gegen all die Zweifel und Ängste, mit denen der Gegner deine Freude trüben will. Dies ist die unumstößliche Wahrheit, dies ist deine Sicherheit, dies ist deine Rüstung." Seine Augen strahlten sie an wie zwei glänzende Sterne, wie zwei glasklare Seen, wie zwei zarte, duftende, wunderschöne Blüten. „Du bist mein, für immer. Und ich bin für immer dein. Nichts und niemand kann uns jemals trennen. Das ist mein Geschenk an dich, das sind unsere Fesseln: die Fesseln der Liebe."