Die Stadt der Diebe

Kalt und düster lagen die Straßen vor mir. Meine Füße waren schon ganz wund vom vielen Laufen, und ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Ein leichter Nieselregen lag in der Luft, und konnte sie doch nicht reinigen. Vielleicht lag es an den Bergwerken, aber ich hatte hier immer schon das Gefühl gehabt, Staub zu atmen. Und das nicht nur, wenn ab und zu eine Pferdekutsche vorbeiratterte, sondern auch wenn alles menschenleer war. So grau wie die Granitsteine, aus denen das unregelmäßige Kopfsteinpflaster bestand, so grau wie die Häuser, die ungelenk und aneinandergedrängt in die Höhe wuchsen, so grau wie ihre verrußten Dächer und schmutzigen Fensterlöcher – so grau war für mich auch die ganze Stimmung dieser Stadt. Grau und einengend. Sie sah nicht nur aus, als würde sie sich an den Berghang anlehnen, einige ihrer Wohnungen waren sogar in den Berg hinein gebaut. Und ich wurde schon als Kind jedes Mal von Beklemmung gepackt, wenn ich an der Hand meiner Eltern einen der Tunnels betreten musste, die zu diesen Felsenwohnungen führten.

Denn leider war auch unser Zuhause in den Felsen hinein gehauen. Wovon jedoch außer uns niemand hier wusste, und was mir diese Wohnung wieder sympathischer machte, war der geheime Zugang zu einem kleinen Tal, das sich mitten in den Bergen befand, und in dem wir einen Großteil unseres Obstes und Gemüses selbst anbauten. Lebhaft erinnerte ich mich an Sonnenstrahlen auf grünem Gras, den aromatisch-süßen Duft frischer Äpfel, und wie die Wolken von unten aussahen, durch Grashalme und Margeritenblüten hindurch beobachtet. Ein Teil der Stadt und doch von ihr getrennt, sein wahres Wesen vor ihr verborgen. So war unser Zuhause, und so waren auch wir.

Neugierige und zugleich misstrauische, wenn nicht feindselige Blicke streiften mich nun, als ich durch die Gassen trottete und mich unsicher umschaute. In den neun Jahren, die ich weggewesen war, in der Fremde, die mir nun vertrauter und lieber war als dieser Ort, hatte sich an der Architektur hier nicht viel verändert, und doch fand ich mich nicht mehr zurecht. Nichts als der Wunsch, meine Eltern und Geschwister wiederzusehen, hätte mich je hierher zurückgebracht. Und nun konnte ich sie nicht finden, probierte Türe um Türe, doch sie waren entweder verschlossen oder beherbergten andere, mir unbekannte Gesichter. Ich war mir sicher gewesen, den richtigen Gang gefunden zu haben, doch so viele Türen ich auch in Angriff nahm, unsere Wohnung blieb wie von Zauberhand verborgen, schien wie vom Nichts verschluckt zu sein.

Kein Wunder, dass mir schon seit geraumer Zeit ein ungutes Gefühl im Nacken saß. Es war mittlerweile nahezu dunkel, und der Mond, wenn auch fast voll, tauchte alles in ein unstetes, kaltes Halblicht. Ich meinte, Schritte hinter mir zu hören, und schaute kurz über die Schulter. Genau wie ich es befürchtet hatte, folgte mir eine schattige Masse von drei oder vier Gestalten.

Ich hasste diese Stadt. Ich hätte nie hierher zurückkommen sollen. Alleinstehende Frauen lebten nicht sicher hier, vor allem nicht, wenn es allgemein bekannt war, dass sie keinen Beschützer hatten. Es gab keine Schilder oder Nummern an den Türen, nichts woran man erkennen konnte, wer darin wohnte, und die Bewohner wussten warum.

Ich beschleunigte meine Schritte, und bog an der nächsten Ecke rechts ab. Die Männer bogen ebenfalls ab, und ich hörte raues Gelächter. Nun rannte ich fast, fand einen weiteren Felsengang, und hastete auf die Tür an seinem Ende zu. Vielleicht war dies endlich mein Zuhause, ich wusste ja, dass es nicht weit sein konnte.

Ich riss die Tür auf und stürzte in den Raum. Er war gefüllt mit Stimmengemurmel, und durch trübe, rauchgeschwängerte Luftschwaden hindurch sah ich eine Gruppe von Personen um einen Spieltisch sitzen. Eine Frau mit aschblonden, kurzen Haaren und verlebtem Gesicht starrte mich ausdruckslos mit gläsernen Augen an, ansonsten beachtete mich niemand. Erst jetzt bemerkte ich den Opiumgeruch im Raum. Hier würde ich keine Hilfe finden.

Ich kroch um den Tisch herum und wartete, bis meine Verfolger mir nachkamen. Ich hörte, wie sie ein paar derbe Scherzworte mit den Spielern wechselten. Dann huschte ich blitzschnell zur Tür und rannte die Straße hinab, ohne mich noch einmal umzudrehen.

Dort, vor mir – ein warmes, gelbes Licht! Ich rannte darauf zu, riss die Tür auf und landete in einem Gasthaus, das bis zum Rand gefüllt war mit Zechern. Der Rauchgeruch vermischt mit Schweiß- und Biergestank brachte mich zum Husten, doch ich schob mich entschlossen durch die Menschenmenge und suchte mir einem Platz nahe bei der Theke. Der Schankwirt würde hoffentlich ein bisschen auf mich aufpassen. Doch es war kein Schankwirt zu sehen.

„Wen haben wir denn da?" Die Stimme drang unangenehm und laut an mein Ohr, und ich zuckte zusammen. Bieratem schlug mir ins Gesicht, und ich sah direkt in ein paar wässrige Augen, deren Pupillen schon recht geweitet waren. Irgendwoher kannte ich dieses Gesicht…

„Hast du dir wieder was Hübsches ausgeguckt, Drakon?" grölte eine Stimme neben mir. „Sollen wir dir fangen helfen?" höhnte ein anderer.

Drakon! Ich erschauerte. Ich erinnerte mich noch allzu gut an ihn, wie ich schon als Kind immer vor ihm zurückgeschreckt war, wenn er uns auf der Straße begegnete, wie ich mich am liebsten in ein Loch gekauert hätte. Und dann als junges Mädchen hatte er mich einmal alleine auf der Straße erwischt und in einen dunklen Kellereingang gedrängt. Wenn damals nicht unser Nachbar mit seinem Schäferhund rechtzeitig vorbeigekommen wäre… Ich fing an zu zittern. Nie in dieser ganzen unheimlichen Stadt hatte ich mir dringender gewünscht, mich unsichtbar machen zu können als jetzt. Drakon – der Drache.

Er starrte mir gerade mit offenem Mund ins Gesicht, und schien sich ebenfalls an mich zu erinnern. „Dich kenne ich doch, oder? Und ob ich dich kenne. Na so ein Zufall…" Sein Blick wurde berechnend.

Panisch überschlugen sich meine Gedanken, während ich fieberhaft nach einem Ausweg, einem Fluchtplan suchte. Plötzlich fühlte ich, dass noch jemand mich anstarrte. An der Theke mir gegenüber saß ein dunkel gekleideter Mann, den ich vorher gar nicht wahrgenommen hatte. Er war auch leicht zu übersehen. Seine unauffällige Gestalt schien mit den Schatten im Hintergrund zu verschmelzen, und die tiefliegende Kapuze seines Umhangs, unter der nur ein paar dunkle Haarsträhnen hervorlugten, verdeckte fast sein ganzes Gesicht. Und dennoch ahnte ich mehr als ich sah, dass ein paar graue Augen aus dem Schatten des Stoffes heraus meinen Blick suchten. Es waren intensive, intelligente und gleichzeitig gütige Augen, das spürte ich irgendwie. Sie hoben sich von dem feindlichen Menschenmeer um mich herum so wohltuend ab wie ein Fels inmitten tückischer Strudel. Wenn ich hier irgendeine Hilfe, irgendeinen Verbündeten hatte, dann war es dieser Fremde.

„Heute läufst du mir aber nicht davon, oder? Wir machen gleich einen kleinen Spaziergang." Grölendes Lachen war die einzige Reaktion der umstehenden Männer, auch als Drakon sich den Stoff meines Kleides griff und anfing, mich herumzuschubsen.

Hilfesuchend schaute ich mich nach dem Fremden um – aber die Stelle an der Theke war leer. Mein Herz zog sich zusammen. Was sollte ich jetzt tun?

„Du musst fliehen," hörte ich eine Stimme in meinem Kopf. „Renn nach Hause."

Ich starrte auf die leere Stelle an der Theke. Die Luft dort flimmerte und sah irgendwie dichter aus, doch niemand außer mir schien dies zu bemerken. Und doch war dort etwas, ein Wille, eine Person, ein Wesen.
Ich dachte nicht länger darüber nach, wie es möglich war, dass jemand unsichtbar war und doch da war, wie es möglich war, dass ich seine Stimme in meinem Kopf hören konnte. Wie auch immer, es war meine einzige Hoffnung. Nach Hause – aber ich würde es nicht finden. Ich hatte ja vorhin schon so lange gesucht.
„Ich werde dich führen."

„Halt's Maul!" knurrte Drakon gerade, und stieß einen Mann unsanft in den Raum. „Ich bin ein Maler! Kein Taugenichts wie du!" Er drehte sich wieder zu mir um und drängte mich auf seine Kumpane zu.
„He, Kleine, ich will ein Bild von dir malen!"
„Ein Bild von mir… wie schön!" sagte ich gedankenlos, schaute dabei aber nicht Drakon an, sondern den leeren Platz an der Theke.
Wie aus Nebel geformt sah ich die Umrisse des Fremden Gestalt annehmen. Seine Lippen bewegten sich lautlos. „Lauf!" Ich zögerte. „Jetzt!"

Ohne mich noch einmal umzusehen, rannte ich los. Ich stieß verdutzte Gäste zur Seite, hechtete aus dem Lokal und spurtete die Straße hinauf. Ohne nachzudenken bog ich wie von selbst links ab, dann wieder rechts. Das Viertel lag ruhig und verlassen da, das nasse Kopfsteinpflaster glänzte schwarz im Regen. Wie enge Schluchten ragten rechts und links schmale Gassen in die Dunkelheit, eingezwängt von hohen Häusern, die kaum einen Blick auf den Himmel freiließen. Die zweite Abzweigung musste ich nehmen. Oder war es die dritte? Ich wurde unsicher, und meine Gedanken rasten hin und her. Zweite – dritte – was sollte ich tun? Wo war die Eingebung des Fremden? Dritte … die dritte fühlte sich irgendwie besser an. Ich bog ab. Nun war ich schon fast wieder bei den Felsenwohnungen angelangt. Die Gasse hinunter, den ersten Gang hinein, und nun – gabelte er sich. Wohin jetzt? Wohin nur? Rechts oder links? Hinter mir hörte ich Schritte und lautes Keuchen. Meine Panik wuchs. Rechts oder links? Mein Verstand ließ sich nicht ausschalten, übertönte jede leise Weisung meiner Intuition, schrie in die Nacht hinaus, dass der Fremde mich doch im Stich gelassen hatte, dass Drakon mich erwischen würde, dass ich versuchen musste mich zu erinnern. Verzweifelt rang ich mit den Gedanken und versuchte die stille Stimme wiederzufinden, die mir sagte, wo es hinging. Schließlich kam mir der rechte Gang irgendwie richtiger vor, und es dauerte nicht lange, bis ich die Holztür an seinem Ende erreichte. Ich warf mich dagegen – sie war offen.

Ich stürzte durch die angelehnte Tür und landete in einem schmutzigen, leeren Zimmer. Ein paar fahle Mondstrahlen, die sich durch irgendein Fenster zwängten, warfen schwache Streifen auf abgeschabte, zugestaubte Möbel und Spinnweben in den Ecken und am Boden, die sich leise im ungewohnten Luftzug bewegten. Irgendetwas huschte quiekend in eine entfernte Ecke. Wo auch immer meine Familie war, hier lebte niemand, und keinen dieser Gegenstände hatte ich je in meinem Leben gesehen. Es war der falsche Raum.

Es war der falsche Raum, und ich war allein. Es war der falsche Raum, und er hatte nur einen Ausgang. Es war der falsche Raum, und Drakon war mir dicht auf den Fersen. Ich kauerte mich an die hinterste Wand, und bemerkte plötzlich, dass es einen Durchgang gab zu einem zweiten Zimmer. Doch ich sah sofort, dass es klein war und auch keine weiteren Türen hatte. Dennoch schlüpfte ich durch den billigen, zerschlissenen Vorhang, der die beiden Räume trennte, und lugte angsterfüllt durch einen seiner Risse.

Die Tür flog auf, Drakon stürzte ins Zimmer und sah wild um sich. Plötzlich stockte er und erstarrte für einen Moment, wie eine Hyäne, die von ihrer Beute vertrieben wird durch die Ankunft eines Löwen.
Unmittelbar war ihm jemand in den Weg getreten. Er war weder besonders groß noch besonders kräftig, trug unauffällige enge Hosen und ein einfaches, weites, schwarzes Hemd mit Schnürung, wie man sie häufig bei Künstlern sieht. Und doch ging von seinem Gesicht, durch lange dunkle Locken eingerahmt, und von seiner ganzen Gestalt eine ruhige Würde und Autorität aus, die einem Adligen angestanden hätte.
Woher kannte ich ihn nur? Natürlich aus dem Gasthaus, denn ich war mir sicher, dass er der Mann an der Theke gewesen war, aber das meinte ich nicht. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ihn länger, besser zu kennen, ihm schon früher einmal begegnet zu sein. Aber ich konnte es nicht einordnen – zumal ich in diesem momentanen Wechselbad der Ereignisse und Gefühle nicht wirklich Muße zum Nachdenken hatte.

„Kann ich Euch helfen?" Die Stimme klang ruhig, selbstsicher, ein bisschen gelangweilt und gleichzeitig milde erstaunt. Unwillkürlich musste ich an einen Meister denken, der sich wundert, warum ein kleiner schmutziger Junge ohne Kunstverstand in seinem Atelier gelandet ist, und ich schmunzelte leise.
„Äh… ja, ich suche eine Frau, die hier reingerannt ist."
„Ihr meint meine Verlobte. Sie ist im Moment nicht zu sprechen. Sie muss sich etwas frischmachen."
Drakon starrte ihn ebenso sprachlos an wie ich.
„Ja," fuhr der Fremde ungerührt fort, „jemand scheint sie ziemlich erschreckt zu haben." Er ging einen Schritt auf Drakon zu und sah ihm fest in die Augen. „Ich mag das nicht, wenn meine Verlobte erschreckt wird."
Drakon schluckte, schlug die Augen nieder und wich einen Schritt zurück. Trotzdem meinte ich, etwas Begehrliches in seinem Blick glitzern zu sehen, als er kurz und verstohlen wieder aufschaute.
„Äh … könntet Ihr sie mal holen? Ich müsste sie dringend sehen."
„Was wollt Ihr denn von ihr?"
„Ich … ich wollte sie malen."
„Ich habe schon genug Bilder von ihr gemalt." Das klang endgültig und kompromisslos. „Aber Ihr sagt, Ihr seid auch ein Künstler. Wollt Ihr Euch meine Galerie ansehen?"
Drakon blieb wohl nichts übrig als zuzustimmen, auch wenn man ihm anmerkte, dass ihm nicht der Sinn nach Kunstgenuss stand.

Der Fremde ging zur mir gegenüberliegenden Wand und schob einen schweren roten Samtvorhang beiseite, der mir vorher gar nicht aufgefallen war. Eine weiße, saubere Wand mit mehreren Ölgemälden in filigranen goldenen Rahmen kam zum Vorschein. Dann ging er gemessenen Schrittes zu einer Nische und holte eine Öllampe hervor, die er binnen weniger Sekunden entzündet hatte. Mir stockte der Atem. Auf jedem Bild war eine junge Frau zu sehen, die zwar schöner, besser gekleidet und verklärter dargestellt war, als ich mich jemals selbst empfunden hatte, deren Gesichtszüge und Körperbau aber ganz eindeutig meine waren.

Das erste Bild, vor dem die beiden nun stehen blieben, zeigte im flackernden Licht der hochgehaltenen Öllampe, wie die junge Frau, ganz in Grün gekleidet, auf einer Lichtung tanzte. Sie sah glücklich aus, was mich mehr berührte als die ganze Schönheit der Waldumgebung, die zart und kräftig zugleich einen meisterhaften Hintergrund bildete. Am Rande der Lichtung lugte ein Einhorn durch die Bäume, das die Frau zu beobachten schien. Es wirkte gleichzeitig grazil und majestätisch, und sein schneeweißes Fell sowie sein Horn glitzerten hier und da golden im Sonnenlicht.

Schweigend gingen die beiden Männer zum nächsten Bild. Wieder das Mädchen und das Einhorn, diesmal beide im Mittelgrund in einer Fluss- und Wiesenlandschaft, deren zarte Glockenblumen und Gänseblümchen den Vordergrund bildeten. Die beiden Wesen waren eng verbunden dargestellt, wobei die Frau ihre Arme um den schlanken Hals des Einhorns geschlungen hatte, dessen Kopf ihr zugeneigt war. Besonders gelungen fand ich die Haare der beiden, die ineinander flossen und im unruhigen Licht der Öllampe so lebendig wirkten, als würden sie von einer leichten Brise bewegt.

Das dritte Gemälde hob sich von der Harmonie der anderen beiden dadurch ab, dass hier ein bedrohlicher Aspekt eingeflochten war. Das Einhorn befand sich nun im Vordergrund, stand mit gesenktem Kopf und mitten auf den Betrachter gerichtetem Horn drohend vor der Frau, als wollte es sie verteidigen. Der Hintergrund war in dunklen Farben gehalten, man konnte fast nur Wolkenformationen und düstere Baumsilhouetten erkennen.

„Das Einhorn ist mein Symbol für mich selbst," brach der Fremde auf einmal die Stille. „Dieses Bild zum Beispiel soll ausdrücken, dass ich für meine Verlobte kämpfe, wenn jemand sie bedroht. Das Einhorn verfolgt den Angreifer, geht auf ihn los mit seinem Horn, wenn es sein muss bis zum Tod."
Drakon bewegte sich unbehaglich hin und her. Ihm war offensichtlich gar nicht wohl in seiner Haut.
Wieder schaute der Fremde ihm intensiv in die Augen. Einige Minuten herrschte komplette Stille, dann sagte er leise und doch eindringlicher als irgendetwas anderes, das ich bisher gehört hatte: „Ihr Leben ist mir wertvoller als meines. Ich würde für sie sterben. Ich liebe sie."

In diesem Moment geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Die ganze Zeit war meine Aufmerksamkeit mehr auf Drakon und die Ölgemälde gerichtet gewesen. Nun aber, tief berührt und fast erschreckt von der Intensität dieser letzten Worte des Fremden, nahm ich ihn zum ersten Mal voll und ganz wahr. Da sein Gesicht von mir abgewandt war, wanderte mein Blick über seine Gestalt, von oben bis unten, und blieb schließlich an seinen langen schlanken Künstlerhänden hängen, die nun beide die Öllampe auf halber Höhe hielten. Im Schein der unsteten Flamme schienen sie von innen heraus in einem rotgoldenen Licht zu glühen, und wirkten auf mich so überirdisch schön, dass ich einen Moment den Atem anhielt. Doch was war das? Eine tiefe rote Narbe am rechten Handgelenk. War es ein Trick des Lichtes? Unmöglich. Sie war so deutlich, dass sie nicht wegerklärt werden konnte. Zufall, das konnte Zufall sein. Mein Blick glitt zur linken Hand. Dasselbe. Male. Male von Nägeln. Ich keuchte leise auf, und genau in diesem Moment wandte er den Kopf, und ich las die Antwort unmissverständlich in seinen bodenlosen grauen Augen. Und plötzlich wurde mir endlich klar, mit wem ich es zu tun hatte.

In Drakon aber schien sich irgendeine Wandlung zu vollziehen. Tränen traten in seine Augen, und für den Bruchteil einer Sekunde huschte ein Ausdruck über sein Gesicht, den ich nicht anders als sehnsüchtig nennen konnte, zutiefst sehnsüchtig. Er kam und ging wie ein Sonnenstrahl, der zitternd und flüchtig über eine unruhige Wasserfläche wandert, und doch sah ich Drakon auf einmal mit ganz anderen Augen. Und trotzdem wusste ich, dass ich froh sein würde, ihn nicht mehr sehen zu müssen.

„Es tut mir Leid. Es tut mir wirklich Leid." Ich konnte ihn kaum verstehen, so leise murmelte er diese Worte, doch es klang aufrichtig.
Mein Beschützer nickte kaum merklich.
„Nun, Ihr habt meine Galerie gesehen," sagte er in freundlichem Ton. „Ich würde mir gerne auch einmal Eure anschauen."
Drakon wandte sich verlegen zur Seite. „Sie ist nicht so gut wie Eure."
„Trotzdem. Wenn Ihr möchtet, kann ich Euch ja noch ein paar Techniken beibringen. Gebt mir einfach Eure Adresse, dann kann ich Euch einmal besuchen."
Drakon sah recht erstaunt aus, aber er zog einen schmutzigen Zettel aus seiner Tasche und kritzelte etwas darauf.
„Ich … ich könnte Euch ja auch hier besuchen."
„Wir sind nicht oft hier," erwiderte der Fremde. „Aber wenn Ihr an mich denkt und mich gerne sehen würdet, werde ich vorbeikommen. Nun geht, und vergesst das hier nie."

Die Tür fiel ins Schloss, und ich seufzte erleichtert auf. Jetzt erst bemerkte ich, dass meine Beine schon fast eingeschlafen waren. Ungelenkig stakste ich durch den Vorhang und stolperte auf meinen Retter zu.
„Danke," flüsterte ich. „Und … die Bilder … sind wunderschön."
„So wie du."
Ich starrte ihn skeptisch und ungläubig an. Er sollte mir nichts vormachen. Er von allen am allerwenigsten.
Seine schlanken Finger strichen zärtlich über meine Wange, für einen kurzen Moment nur. Seine Augen hielten unverändert meinem Blick stand, ernst, liebevoll, unergründlich. „So wie du, meine Geliebte."
Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. „Jede Schönheit dieser Welt verblasst vor deiner Schönheit, mein Geliebter."
„Sie ist dein," sagte er leise. „Meine Schönheit ist dein."

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Januar 2009