Weihnachten bei den Feuerbeschwörern

Die Feuerbeschwörer waren eine Gruppe Gaukler. Sie zogen von Stadt zu Stadt und gaben dort Feuervorstellungen. Sie galten als die besten Feuerkünstler ihrer Zeit; die die Sprache des Feuers beherrschten und Feuerdämonen zu rufen wussten...


Dieses Weihnachten verbrachten die Feuerbeschwörer in der Stadt Waterborg. Azra, ein Feuerkünstler, der sich den Feuerbeschwörern vorübergehend angeschlossen hatte, stand in einer Ecke des Marktplatzes und betrachtete das bunte Treiben. Es waren viele Stände aufgebaut, einfache Holztische, über die die reichen Kaufleute edle Stoffe geworfen hatten. Geschrei hallte über den Platz. Ja, dort drüben wäre ein guter Ort, um eine Feuervorstellung zu geben. Viele Leute würden sie sehen, viele Leute würden dort stehen bleiben, ihnen zusehen und Geld geben. Ja, dieser Ort war perfekt. Zufrieden nickte Azra und verschwand in der Menge.

Als es am späten Nachmittag langsam dunkelte, standen die Feuerbeschwörer an dem Ort, den Azra vorgeschlagen hatte, und bereiteten ihre Vorstellung vor. Sie trugen bunte Kostüme. Azra bevorzugte dunkle Gewänder; sie betonten das Feuer stärker. Er überprüfte noch einmal, ob alles bereit stand. Die Flaschen, der Eimer, die Fackeln, der Stab... Ja, alles war an seinem Platz.

Azra sah zu Borgil hinüber, dem Anführer der Feuerbeschwörer. Dieser nickte ihm zu; das vereinbarte Zeichen.

Azra nahm eine Fackel in die eine Hand, schirmte sie mit der anderen ab und murmelte die Worte: „Khash ghazg nâsh!" Die Fackel entzündete sich auf sein Kommando hin – auch er beherrschte die Sprache des Feuers. Er nahm einen Schluck aus einer der Flaschen und spuckte die Flüssigkeit knapp über der Fackel in die Luft. Ein Feuerstoß zuckte durch die Luft. Mehr und mehr Leute blieben stehen, Bewunderung in den Gesichtern, Beglückung, aber auch Erschrecken oder sogar Angst.

Wieder und wieder spuckte Azra die Flüssigkeit in die Luft, das Feuer kunstvoll in immer neue Formen bringend – ein Ball, eine Säule, eine Wolke, ein Nebel. Aber auf sein Wort formten sich die Flammen auch zu Blüten, zu riesigen Drachen, dreiköpfigen Hunden, einem Regenschauer aus kleinen Flämmchen, Herzen, Vögeln, Bäumen, Elfen, Kobolden, einem Schloss mit vier Türmen und schließlich zu einem Einhorn. Und immer wieder spuckte Azra Feuerstöße in die dunkle Nacht – auch einen besonders langen und eindrucksvollen, ein Drachenfeuer, das das Publikum mit lautem Beifall kommentierte.

Daraufhin entzündete Azra drei weitere Fackeln und warf sie hoch in die Luft. Er jonglierte mit ihnen vor dem Körper, hinter dem Körper... Er schien sie aus der Luft zu pflücken, als wären sie eben erst dort erschienen. Staunend stand das Publikum vor ihm und den Feuerbeschwörern. Die Kinder beobachteten diese Feuerspiele mit glänzenden Augen.

Azra fing die vier Fackeln mit beiden Händen auf, warf sie in einen Eimer Wasser und verbeugte sich vor dem Publikum. Er wusste, nun war die Zeit gekommen, ein bisschen tiefer in die alten Feuerkünste zu greifen.

„Ghâsh, khash nâzg!", murmelte Azra. Vor ihm, mitten in der Luft, tauchte ein Feuerball aus dem Nichts auf. Der Feuerball ähnelte einer menschlichen Gestalt, mit Armen und Beinen, Rumpf und Kopf, Mund und Augen – ein Feuerdämon. Azras Feuerdämon.

„Dáz, Ghâsh, dáz!", rief Azra – tanz, Ghâsh, tanz! Und Ghâsh tanzte. Er tanzte durch die Luft und führte den uralten Feuertanz vor. Er wirbelte herum, hierhin und dorthin, schlug Saltos und bewegte sich so schnell, dass man ihn nur noch als Flammenspur sehen konnte. Er beschrieb Kreise und Spiralen, tanzte hinauf und hinunter, kreuz und quer über den Platz. Staunend verfolgten die Bürger der Stadt Waterborg die Spur des kleinen Feuerdämons Ghâsh.

Da gesellten sich weitere Feuerdämonen zu Ghâsh – genau wie abgesprochen. Die Feuerdämonen der Feuerbeschwörer tauchten ebenfalls auf und fielen in den uralten Feuertanz mit ein. Sie tanzten umeinander, miteinander, gegeneinander, eine Spur von Flammen hinter sich herziehend. Sie tanzten sich geradewegs in die Herzen der Betrachter. Die Kinder sahen sehnsüchtig zu und wünschten sich, auch das Feuer beschwören zu können.

Zum Schluss schlossen sich die Feuerdämonen zu einer einzigen Gestalt zusammen – zu einem großen, stattlichen Einhorn, das einmal quer über den Platz galoppierte und dann ins Nichts verschwand. Dunkelheit erfüllte die Nacht – Dunkelheit und Stille. Einige Herzschläge lang war auf dem Marktplatz nichts mehr zu hören oder zu sehen. Dann flammten in den Metallschalen rund um die Feuerkünstler herum Feuer auf und erhellten die Dunkelheit. Die Feuerbeschwörer und Azra hatten sich nebeneinander aufgestellt und verbeugten sich nun.

Das Publikum jubelte und klatschte laut Beifall. Hände griffen in Taschen und warfen Münzen in die Runde der Gaukler; viele, viele silberne und bronzene Münzen. Ein Junge von vielleicht 12 Jahren lief herum und sammelte die Münzen in einen Lederbeutel.


Wärme flutete über Azras Gesicht, als er sich an das große Lagerfeuer setzte. Er seufzte zufrieden. Die Vorstellung hatte viel Geld eingebracht; mehr, als er erwartet hatte. Die Münzen hatten die Feuerbeschwörer und Azra gerecht unter sich aufgeteilt, sobald sie ihren Lagerplatz einen Kilometer außerhalb der Stadt erreicht hatten.

Der Junge, der auf dem Marktplatz die Münzen aufgesammelt hatte, setzte sich neben Azra. Schweigend reichte er ihm eine Schale Eintopf. Schweigend nahm Azra die Schale entgegen. Er war kein großer Redner. Er liebte die Einsamkeit. Alleine durchs Land ziehen, von Stadt zu Stadt, um dort mit seinen Feuervorstellungen Geld und Essen zu verdienen, allenfalls begleitet von seinem Feuerdämon Ghâsh – das war alles, was Azra wollte.

„Die Vorstellung war ziemlich beeindruckend", begann der Junge nervös.

„Hm... Danke", antwortete Azra wortkarg.

Der Junge räusperte sich und öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, aber er schloss ihn rasch wieder.

In dem Augenblick setzte sich der Anführer der Feuerbeschwörer, Borgil, dazu. „Gute Vorstellung, Azra", sagte er.

„Gutes Geld", entgegnete Azra.

Borgil lachte. „Das war zu erwarten gewesen."

Azra sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Heute ist doch Weihnachten", sagte Borgil.

Weihnachten, stimmt, das hatte Azra ganz vergessen.

„Du kannst übrigens bleiben, wenn du willst – oder gehen, wenn dir das besser gefällt. Mir scheint, du bist nicht so sehr für Gemeinschaft...", fügte Borgil hinzu, stand auf und ging hinüber zu einigen anderen Feuerbeschwörern, die ein Stück abseits saßen.

Azra lächelte grimmig vor sich hin. Du wärst auch nicht so sehr für Gemeinschaft, wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe, dachte Azra. Er holte ein Stück Brot aus seiner Tasche, tunkte es in den Eintopf und biss ab. Nach einer Weile bemerkte er, dass der Junge immer noch neben ihm saß und ihn schweigend beobachtete. „Was ist?", fragte er.

Die Wangen des Jungen färbten sich rosa. „Ich... Ich dachte nur gerade... Vielleicht könntest du mich mitnehmen, wenn du wieder gehst? Und mir zeigen, wie man das Feuer so verzaubert?"

„Man kann das Feuer nicht verzaubern! Man kann es nur höflich bitten, sich einem in den Dienst zu stellen. Und manchmal beschließt das Feuer, dass es sich nicht in deinen Dienst stellen will...", antwortete Azra.

„Aber dir gehorcht es. Und ich will das auch können. Ich will nicht mein Leben lang bei einer Gruppe von Gauklern leben, für die ich das Geld einsammeln darf und die mir die Sprache des Feuers nicht lehren wollen, weil ich nicht zu ihrer Familie gehöre!", entgegnete der Junge hitzig und entschlossen.

Er gefiel Azra immer besser. „Wie heißt du überhaupt?", fragte er.

„Dasim."

„Hm", brummte Azra, „wir werden sehen..." Der Junge sah ihn bittend an. Azra seufzte und verdrehte die Augen. „Also gut, ich nehme dich mit – aber nur - für eine Weile..." Für sich dachte er: Meine gute Tat an Weihnachten. Er lächelte bitter.