Das seltsame Fotoalbum

Auf unserem Dachboden liegen viele interessante Fotoalben und andere Erinnerungsstücke aus grauer Vorzeit. Ich hatte es mir zum Hobby gemacht, ab und zu hinauf zu gehen und die verstaubten Kisten und Kästen zu durchstöbern und alte Fotoalben durchzublättern. In einer Ecke des Dachbodens hatte ich einen gemütlichen alten Sessel und eine alte, aber noch funktionierende Stehlampe gefunden.

An diesem Tag, der einer der seltsamsten und schlimmsten meines Lebens werden sollte, klatschten schon seit dem frühen Morgen dicke Regentropfen gegen die Fenster. Ich beschloss, mich mit einer Tasse Tee auf den Dachboden zu verkrümeln. Direkt unter dem alten, schiefen Giebelfenster hatte ich hinter einem Uralt-Radio einen Karton gefunden, den ich an diesem Tag untersuchen wollte.

Gespannt stieg ich die Holzleiter zur Dachbodenluke hinauf. Durch das einzige, kleine und schiefe Giebelfenster fiel nur wenig Licht in den Raum, das durch die ans Fenster klatschenden Regentropfen noch gedämpft wurde.

Ich stellte den Tee auf einen Tisch neben den Sessel. Einen Augenblick lang blieb ich stehen und genoss die Stille. Kein Laut war zu hören, außer den leise trommelnden Regentropfen. Es war, als wenn der Staub auf dem Dachboden alle Geräusche absorbieren würde. Hier oben war eine andere Welt für mich, fern vom normalen Alltagsleben.

Langsam ging ich zum Uralt-Radio hinüber und zog den Karton dahinter hervor. Er war mit Klebeband zugeklebt. Warum nur? Ich hatte mich darüber gewundert, mir aber nichts weiter dabei gedacht. Warum habe ich den Karton nicht einfach in Ruhe gelassen, als ich gesehen hatte, dass er mit Klebeband zugeklebt war?? Aber ich konnte meine Finger einfach nicht davon lassen. Das war mal wieder typisch für mich! Oder auch nicht...

Ich sah in den Karton hinein. Schallplatten, Fotoalben, Tagebücher... Ich griff wahllos ein Fotoalbum heraus. Es war verstaubt, obwohl es in einem verschlossenen Karton gesteckt hatte. Ich wischte den Staub vom Deckel. 1986 stand in Goldbuchstaben darauf. Das war vier Jahre, bevor ich geboren wurde. Ich schlug das Fotoalbum auf. Auf einem Schwarzweiß-Foto sah ich meine Eltern. Vorsichtig blätterte ich eine Seite weiter. Ein Foto zeigte meine Eltern vor ihrem damaligen Auto, dem neuesten Modell, das damals existierte. Ja, Geld hatten meine Eltern. Sonst hätten sie sich mich auch nicht leisten können. Ich war bestimmt sehr teuer gewesen...

Ein anderes Foto zeigte drei kleine Mädchen im Alter von zehn, elf Jahren. Eines davon erkannte ich wieder, obwohl ich mir zuerst ein wenig unsicher war. Es war meine Cousine, die früher neben uns gewohnt hatte. Ich hatte sie schon öfter in einem unserer Fotoalben gesehen. Die anderen beiden Mädchen erkannte ich nicht, was wahrscheinlich daran lag, dass das Foto sehr verwackelt war. Sonst hätte ich zumindest ein Mädchen wiedererkannt.

Ich blätterte noch eine Seite weiter. Ich ließ meinen Blick kurz über die Fotos schweifen und wollte schon weiterblättern, als ich plötzlich inne hielt. Das konnte nicht sein! Auf dem einzigen Farbfoto im ganzen Album sah ich mich selbst, im Alter von elf Jahren, in einem blau-weiß gestreiften Kleid auf einer Schaukel auf einem Spielplatz sitzen und in die Kamera lächeln. Ich war wie versteinert. Das konnte doch nicht sein! Dieses Foto war vier Jahre vor meiner Geburt aufgenommen worden, und es zeigte mich im Alter von elf Jahren?!

Wie konnte das sein? Hatte ich vielleicht mal eine große Schwester gehabt, die irgendwann gestorben ist, und die mir ähnlich sah? Aber nein, das Foto... Das Mädchen sah exakt genauso aus wie ich auf den Fotos von 2001! Dieses Kleid war in dem Jahr sogar eines meiner Lieblingskleider gewesen!! Ich hatte es fast jeden Tag getragen!

Meine Gedanken überschlugen sich. Hastig blätterte ich ein paar Seiten weiter. Schon wieder ich! Oder, besser gesagt, meine „Doppelgängerin"! Auf der Wippe, auf der Parkbank, am Küchentisch, beim Klavierspielen, beim Tee... Ich legte das Buch zur Seite. Mein Atem ging schnell. Ich schluckte schwer. Wie konnte das sein? War eine falsche Jahreszahl auf das Album gedruckt? Nein! Das konnte nicht sein! Sonst wären Farbfotos, keine Schwarzweiß-Fotos darin! Außerdem, was hätte meine Cousine als elfjährige in einem Album von 2001 verloren? Sie war doch fünfzehn Jahre älter als ich!!

Ich atmete tief durch und griff noch einmal in den Karton hinein. Ein anderes Fotoalbum. 1987. Ich schlug wahllos eine Seite auf. Meine Doppelgängerin lachte mir von jedem Foto entgegen! Ich blätterte weiter. Auf jeder Seite fand ich irgendein Foto von meiner Doppelgängerin! Auf einem der Fotos sah ich meine Eltern und dieses Mädchen bei einem Picknick mit meiner Cousine. Ich klappte das Album zu und legte es auf das andere.

Diesmal nahm ich das Album von 1989 zur Hand. Die erste Hälfte des Albums bestand aus Bildern einer glücklichen Familie, meiner Doppelgängerin mit ihren Freunden, mal im Zoo, mal im Museum, mal bei Verwandten. Doch plötzlich war das alles verschwunden. Von einer Seite zur nächsten war das Lächeln auf den Gesichtern verlöscht. Kein Strahlen, kein Lachen, nicht einmal ein Lächeln. Nur eine Trauergesellschaft. Ein einsamer Sarg in einer Kirche. Ich schluckte. Lange betrachtete ich das Bild mit dem Sarg in der Kirche. Ich erinnerte mich noch genau an den Tod meiner Großmutter. Die Kirche war genauso geschmückt gewesen.

Meine Doppelgängerin war von den Fotos verschwunden. Kein einziges Bild zeigte sie. Also nahm ich an, dass sie die Tote sein musste. Darum war ich ihr auch nie begegnet. Langsam schloss ich das Fotoalbum. Ein unerhörter Gedanke war mir gekommen: Bin ich ein Klon? Ein Klon dieses Mädchens, das genauso aussieht wie ich?!

Ich schüttelte diesen Gedanken ab. So etwas passierte Leuten in Sciencefiction-Romanen, aber nicht in der Wirklichkeit!! Das konnte nicht sein! So etwas Grausames würden meine Eltern doch nie tun!! Oder?! Bin ich ein Lückenbüßer für jemanden, der möglicherweise ihr ganzer Stolz war? Für jemanden, den sie über alles geliebt hatten? Für jemanden, dem ich genauestens ähneln sollte? Für jemanden, von dem ich eine exakte Kopie samt allen Hobbys, Vorlieben und Interessen sein sollte?

Ich schüttelte den Kopf, um diese Gedanken loszuwerden. Ich griff noch einmal in den Karton hinein. Warum ich das tat, weiß ich nicht. Ich zog ein Tagebuch heraus. Ein babyblaues Tagebuch. Mit einem kleinen, goldenen Schloss. Die Schlüssel waren mit einem Faden am Schloss befestigt. Ich drehte das Tagebuch um. Auf der Rückseite war eine Widmung eingraviert: „Für Chelsea, unsere allerliebste Tochter". Ich schluckte. Chelsea. Ein schöner Name, nur... leider nicht meiner. Jessica, kurz Jessy. Chelsea. Jessy. Kein großer Unterschied im Klang.

Ich legte das Tagebuch weg, ohne es zu öffnen. Stattdessen nahm ich ein anderes Tagebuch aus dem Karton. Auf der Vorderseite war nur ein Wort eingraviert. Melinda. Der Name meiner Mutter. Ich beachtete die untergehende Sonne an einem perfekten Karibik-Strand nicht, sondern schlug das Buch auf. Auf die erste Seite hatte meine Mutter „1986" geschrieben. Mit Goldstift. Ich blätterte durch die Seiten. Bis mein Blick von einem Foto angezogen wurde. Ein Schwarzweiß-Foto von meiner Schwester. Darunter stand: „Chelsea mit elf Jahren beim Schaukeln mit Bonny". Chelsea schaukelte und hatte einen kleinen, weißen, struppigen Foxterrier auf dem Schoß.

Eine einsame Träne lief mir die Wange hinunter und tropfte auf das Papier. Ich blätterte weiter. Ab und zu schnappte ich einige Sätze auf, wie „Chelsea hat ihren Klavierunterricht wieder aufgenommen." oder „Chelsea versorgt jetzt in den Ferien immer den Nachbarshund Bonny." oder „Chelsea hat das beste Zeugnis ihrer gesamten Klasse, mit einem Durchschnitt von 1,7." oder „Chelsea ist ein Engel, sie hat mir heute im Haushalt sehr geholfen, obwohl sie eigentlich mit Judith, Petra und Roland ins Kino gehen wollte".

Scheinbar war Chelsea wirklich der ganze Stolz meiner Eltern gewesen. Klavierunterricht, hilfreich im Haushalt, sehr gute Schulnoten etc. Ich nahm auch Klavierunterricht, ich machte jeden Sonntag Frühstück, ich passte immer auf die Hündin unserer Nachbarin auf, wenn sie im Urlaub war!! Parallelen über Parallelen!

Ich schloss das Tagebuch mit einem lauten Knall. Dann zog ich ein weiteres aus dem Karton. Mit zitternden Fingern öffnete ich es. 1989. Das gleiche Jahr, in dem Chelsea offensichtlich gestorben war. Mal sehen...

Ich blätterte zu irgendeiner Seite und fing an zu lesen.

29. Februar

Ich kann es nicht verstehen!! Chelsea war doch immer so vorsichtig im Straßenverkehr! Wie konnte sie nur das Auto übersehen?! Wie konnte sie auf die Fahrbahn rennen, ohne nach links und rechts zu sehen? Sie war doch sonst immer so aufmerksam! Ihr ist doch sonst nie etwas entgangen! Warum

Da brach die Handschrift ab. Einige Zentimeter weiter unten auf der Seite stand noch etwas geschrieben, doch die Schrift war krakelig und ganz verlaufen. Wahrscheinlich von Tränen. Ich blätterte noch ein paar Seiten weiter.

16. April

Stephan und ich haben es uns genau überlegt. Wir werden Chelsea klonen lassen. Oder, besser gesagt, wir werden die Zelle, die wir Chelsea kurz nach ihrer Geburt haben entnehmen lassen, auftauen lassen und ich werde eine zweite Chelsea bekommen.

Meine Hände zitterten. Sie haben es also wirklich getan!! Sie haben mich wirklich geklont! Ich bin nur ein Klon!!!! Wie konnten sie nur! Ich war am Boden zerstört. Ach was, ich war nicht nur am Boden zerstört, ich war... vollkommen verzweifelt. Trauer, Wut, Hass, Verzweiflung, Angst, Trotz; ich weiß nicht, wie viele Gefühle es waren, die mich auf einmal erfassten und zu ersticken drohten.

Ich konnte nicht mehr klar denken. Tausend Gedanken wirbelten mir durch den Kopf. Warum? Warum haben Mam und Dad das getan? Sie wollten Chelsea wiederbeleben. Sie wollten eine neue Chelsea haben, und wahrscheinlich haben sie auch eine gekriegt! Ich sehe genauso aus wie Chelsea, mein Name klingt so ähnlich wie ihrer und ich habe höchstwahrscheinlich die gleichen Hobbys, Vorlieben und Interessen wie sie!! Ich bin nicht ich selbst. Ich bin jemand anders. Ich werde nie wirklich frei sein. Ich werde immer wenigstens ein bisschen so sein wie Chelsea. Nie werde ich ich selbst sein. Nie wird es eine richtige Jessy Mindal geben. Immer wird es eine Chelsea Mindal, 2. Auflage, sein. Nie werde ich ganz frei von Chelsea sein. Immer wird mich irgendetwas (oder irgendjemand) daran erinnern, dass ich Chelsea 2 bin. Wie ein Buch, das man überarbeitet hat. Oder ein Videospiel, von dem eine zweite Edition herausgekommen ist. Oder wie die Weiterführung eines Bestseller-Films.

Immer gebunden, nie wirklich frei...


Author's Note: Ich hab diese Geschichte 2005 geschrieben (und sie grad erst wiederentdeckt =) ). Es war eine Hausaufgabe für Reli. Damals haben wir das Buch "Blueprint - Blaupause" von Charlotte Kerner gelesen und sollten uns in dieser Hausaufgabe in einen Klon hineinversetzen und uns überlegen, wie er (oder in meinem Fall sie) sich fühlt, wenn er es herausfindet...