Die Hochzeit zu Reinheim

„Laura sieht so schön aus, nicht wahr? So wunderwunderschön! Marie? Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe? Hörst du mir nicht zu?" Natalies durchdringende Stimme riss mich aus meinen brütenden Gedanken. „Ja, Laura sieht schön aus," sagte ich laut, und rollte genervt mit den Augen. ‚Als du es mir das erste, oder zweite, oder auch dritte Mal mitgeteilt hast, habe ich dir auch schon zugehört,' fügte ich im Stillen hinzu. „Das Kleid steht ihr total gut, und ich habe sie noch nie so glücklich gesehen wie heute," plapperte Natalie schon weiter. „Marco passt aber auch so gut zu ihr, er ist so ein aufmerksamer Mann, und sie vergöttern sich gegenseitig. Und das Wetter heute hätte auch nicht besser sein können, es ist wirklich eine Traumhochzeit. Ist das Leben nicht schön? Marie? Ist das Leben schön?" „Ich hoffe es doch," sagte ich knapp. Natalies hyperaktiver Art länger als fünf Minuten zuzuhören stellte mich immer auf eine gewaltige Geduldsprobe, während der ich sehr gut nachempfinden konnte, was die Bewohner des Hundertmorgenwaldes beim Anblick von Tigger gefühlt haben mussten.

Natalie hatte es wie ich nicht leicht gehabt im Leben. Nach der Scheidung ihrer zweiten kinderlosen Ehe war sie in ein tiefes Depressionsloch verfallen, aus dem sie sich dann mit Yoga-, Tai-Chi- und zahllosen Selbstfindungskursen mühsam herausgearbeitet hatte. Nun war sie das Gegenteil ihres früheren Selbst, immer heiter, optimistisch, „das-Leben-ist-schön-lasst-es-uns-genießen"-insistierend. Aber ich konnte mich oft des Gedankens nicht erwehren, dass es nur eine Fassade war, die sie aufsetzte, um nicht wieder in die Abgründe schauen oder gar fallen zu müssen. Es klang für mich einfach zu übertrieben.

Ich konnte Natalie ein Stück weit verstehen, doch ihr zuzuhören strengte mich zu meinen besten Zeiten an, und dieser Tag gehörte gewiss nicht zu letzteren. Nicht nur, dass ich schon seit Wochen wieder unter Schlaflosigkeit litt und meine Nerven entsprechend dünn waren, sondern ausgerechnet heute machte sich auch meine Migräne wieder bemerkbar. Trotz Schmerztabletten fühlte ich mich, als hätte mir jemand einen zu engen Eisenhelm auf den Kopf gestülpt, was meine Gefühle gegenüber den ausgelassen feiernden Menschen nicht gerade gnädiger stimmte.
Ich seufzte leise. Vorhin in der Kirche war es noch besser gewesen, ich war ergriffen gewesen von der Zeremonie, ihrer Heiligkeit und ihrem Ernst, und ich hatte mich ehrlich für Laura freuen können. Selbst die Brautjungfern in ihren hübschen Kleidchen hatten nicht das traurige Gefühl in mir hervorgerufen, das mich – Ende 30 und mitten in der Torschlusspanik – jedes Mal beim Anblick kleiner Kinder beschlich. Aber jetzt kamen diese Emotionen umso stärker wieder hoch. Ich wollte keinen Neid empfinden, aber ich spürte, wie er in meinen Eingeweiden wühlte, ein dumpfer Schmerz, der umso stärker wurde, je mehr ich ihn zurückdrängen wollte. Er war es, der meine Stimme unnatürlich hoch klingen ließ, wenn ich bei solchen Gelegenheiten dem glücklichen Paar oder den stolzen Eltern gratulierte, und er war es, der mich dazu brachte, mich selbst zu hassen und zu verabscheuen, wenn ich so empfand. Ein Teufelskreis.

Trotzig griff ich in meine Handtasche, wo meine Finger den Venusstein umschlossen. Angeblich war es ein Stück des Planeten Venus, der Frauen anziehend machen sollte. Ein alter Zigeuner hatte ihn einmal Natalie und mir auf dem Jahrmarkt geschenkt, nachdem sie sich in der Hand hatte lesen lassen. Es sei ein Liebestalisman, hatte er gesagt, er würde der Trägerin irgendwann Liebesglück bescheren, auch wenn sie lange darauf warten müsste. ‚Den letzten Teil hätte er besonders betonen sollen,' dachte ich verbittert, umklammerte aber trotzdem fest den alten, abgewetzten Stein. Natalie und ich hatten schließlich darum geknobelt, wer ihn bekommen würde, und ich hatte gewonnen. Abergläubisch wie sie war, hatte sie das hart getroffen.

Ich ließ meinen Blick über die Szene um mich herum schweifen. An die hundert Hochzeitsgäste ruhten sich auf den Holzstühlen an den langen Tischen aus, standen herum und führten angeregte Gespräche, oder wiesen ihre Kinder zurecht, die überall auf dem Rasen herumspielten. Eine ganze Menschentraube umringte das Brautpaar, das sich vor einem Fliederbusch dem Fotografen in verschiedenen Posen darbot. Laura hatte für die Feier mit Bedacht diesen Platz im Freien gewählt, auf dem Gelände des Freilichtmuseums, in dem eine Bekannte von uns arbeitete. So hatten die Kinder genügend Anregungen zum Spielen, und auch die Erwachsenen konnten zwischen ihren Fressorgien durch die nachgebauten Häuser eines Keltendorfs schlendern und sich wie römische Eroberer fühlen. Die Toiletten waren zwar recht weit weg, im Ausstellungsgebäude, und das Essen musste natürlich von einem Catering Service gebracht werden, aber Marco hatte als Geschäftsleiter eines angesehenen Betriebes dafür ja genug Geld, so wie für ihre fünfwöchige Kreuzfahrt in die Karibik. Es war nicht die Art, wie ich meine Hochzeit feiern würde, aber jedem das Seine. Die Idee mit dem Keltendorf hatte sie sogar von mir geklaut, obwohl sie selbst sich gar nicht für die Kelten interessierte. Sie kam plötzlich damit an, nachdem ich ihr in einem schwachen Moment von meiner ausgedachten Mittelalter-Traumhochzeit erzählt hatte. Hinterher hatte ich es bereut, denn sie hatte es Marco erzählt, und der seinem Bruder, und nun konnte mir jeder nachsagen, dass ich eine Hochzeit bis ins Detail plante, obwohl ich noch nicht einmal einen Freund hatte. Ihr loses Mundwerk hätte mich eigentlich mehr ärgern müssen als die übernommene Idee, was ja so was von unwichtig war, aber irgendwie trug ich ihr das Keltendorf selbst jetzt noch ein bisschen nach.

Laura – viel würde ich von ihr nun wohl nicht mehr sehen. Es würde sein wie bei Tanya. Damals hatte ich noch nach Gründen gesucht, mir den Kopf darüber zerbrochen, was ich falsch gemacht hatte. Inzwischen wusste ich, dass dies einfach der Lauf der Dinge war, ich hatte es nun schon oft genug erlebt. Weisheit Nummer 25: Verheiratete Freundinnen machen sich rar. Eine nach der anderen waren sie gegangen, und nun blieben mir nur noch Leute wie Natalie, die zu nervig waren, um einen Mann zu bekommen. So wie ich anscheinend.
Nicht dass ich Laura in den letzten beiden Jahren viel gesehen hätte. Sie hatte schon wenig Zeit für mich gehabt, seit sie mit Marco zusammen war. Aber das hier machte es nun offiziell. Es war die Unterschrift unter dem unausgeschriebenen Brief: „Liebe Marie, du wirst es sicher verstehen, dass ich deine e-mails nun erst nach einem halben Jahr beantworten kann, und auch nicht alle. Mein Leben gehört nun meinem Ehemann und hoffentlich bald ganz vielen Kindern. Ich werde dir aber immer zu Weihnachten unseren Familienrundbrief schicken, damit du über jedes Wort unserer herzigen lieben Kleinen unterrichtet bist. Ich werde ihn sogar eigenhändig für dich unterschreiben. Und was ein Treffen anbelangt, so werden wir das bestimmt managen können, sobald die Kinder einmal größer sind. Glückliches Gekicher, deine beste Freundin Laura."

‚Ironie steht dir nicht,' dachte ich gelangweilt, und schaute mich nach etwas zu Essen um. Zu diesem Zeitpunkt schien es kleine pikante Häppchen zu geben, für Kaffee und Kuchen war es wohl noch zu früh. Ich schnappte mir einen Teller und reihte mich in die kleine Schlange am Buffet ein. Etwas vor mir erregte ein Mann meine Aufmerksamkeit, dessen Kleidung für einen solchen Anlass ziemlich aus dem Rahmen fiel. Statt der Einheitstracht Anzug, die in meinen Augen alle Männer spießig und unkreativ aussehen ließ, trug er ein weites weinrotes Leinenhemd, eine schwarze Jeans und dezent bunte Lederarmbänder. Sein Gesicht konnte ich von hinten nicht sehen, aber in seine langen blonden Haare hatte er zur Feier des Tages mehrere Holzperlen geflochten, was das Aussteiger-Ökotyp-Image noch verstärkte. Ich verrenkte mir fast den Hals, um einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen, und schließlich drehte er sich so zur Seite, dass kurz eine gerade Nase, markante Wangenknochen, eine intelligente Stirn und ein unter dem doppelten Schleier dichter Wimpern und herabfallender Haarsträhnen verborgenes Auge unerkennbaren Farbtons in mein Sichtfeld rückten. Ich sah genug, um zu erkennen, dass es sich wieder einmal um meinen „Typ Traummann" handelte. Mit anderen Worten, um jemanden, den ich eine Zeitlang anstarren und aus der Ferne anhimmeln konnte, bis sich herausstellte, dass er eine Freundin oder gar Frau hatte, dass er mit der exotischen Schönheit neben mir flirtete, oder dass er mich so interessiert wahrnahm wie die Parkettfliese unter seinem rechten Schuhabsatz.

Ich zwang mich wegzusehen und häufte mir ein paar Lachsschnittchen und gefüllte Weinblätter auf meinen Teller. Dann ging ich zurück an meinen Platz. Natalie hatte inzwischen ihre rechte Sitznachbarin sowie die beiden gegenüber sitzenden älteren Menschen in ein animiertes Gespräch verwickelt. Links von mir saß niemand, und so widmete ich mich meinem Essen und versuchte, nicht ständig auf die Drei- bis Fünfjährigen zu starren, die vor mir auf der Wiese herumtollten, da ich wusste, welche Gefühle das wieder in mir auslösen würde.

„Entschuldigung, ist hier noch frei?" Mein Kopf ruckte herum, und blickte direkt in ein paar wunderschöne, tiefblaue Augen. Mit leichter Panik stellte ich fest, dass sie zu dem markanten Gesicht, den blonden Haaren und dem Holzperlenflechtwerk gehörten.
Oh nein, das würde nur wieder Ärger geben! Nervöses Gestotter, Herzklopfen, enttäuschte Hoffnungen, Komplexe.
„Ja, klar, aber … es ist … kein Stuhl da … wie Sie ja sehen…" Es fing schon an.
„Einen Moment, ich organisiere mir schnell einen." Ein Teller wurde neben mir deponiert, das rote Hemd verschwand aus meiner Sichtlinie und erschien binnen einer Sekunde wieder mit einem dreibeinigen Holzhocker. Er stellte ihn auf den Boden, ließ sich geschmeidig wie eine Katze darauf nieder, hielt mir seine Hand hin und strahlte mich an.
„Hallo! Ich bin Íosa."
„Marie," entfuhr es mir etwas abrupt und atemlos.
„Schöner Name, meine Mutter hieß auch so."
„Äh … Ihr Name, wie war der noch mal? Ich hab ihn nicht richtig verstanden." Respekt, dass ich mich getraut hatte, das zu sagen!
„Íosa. Das ist Irisch. Wir können uns doch duzen, oder?" Ich nickte stumm. ‚Irisch – das passt zu ihm,' dachte ich fasziniert, während ich das silberne keltische Trinitätssymbol wahrnahm, das an einer Lederkette um seinen Hals hing.

Er lächelte warm, und widmete sich dann den gefüllten Weinblättern auf seinem Teller. Verstohlen betrachtete ich seine Hände. Lange, schlanke Finger, jede feine Ader war zu sehen. Stark und zugleich sensibel. Klar, passte wieder ins „Schema Traummann".
Immer noch kauend drehte er sich um und sah mich sehr direkt an. Ich fühlte mich ertappt und wurde rot bis an die Haarwurzeln.
„Kann ich dir etwas zu trinken besorgen?"
„Nein, danke," antwortete ich in einem etwas zu unfreundlichen Ton.
Er lächelte wieder, wie in eine ferne Erinnerung versunken.
„Fast alle wollen Wein, und denken, er wäre wertvoller, dabei ist reines Wasser viel besser." Ich schaute ihn etwas befremdet an. War er ein Abstinenzler? Und was war das überhaupt für ein Gesprächsthema?
„Ich meine, es ist nicht falsch, Wein zu trinken, solange man sich nicht von ihm beherrschen lässt," fügte er schnell hinzu, so als hätte er meine Gedanken gelesen. „Aber reines, echtes Wasser ist wichtiger. Ohne Wasser gibt es kein Leben. Und es ist überall zu finden – umsonst." Er zwinkerte mir zu.
Ich verzog das Gesicht. „Hier nicht. Ich habe schon überall herumgefragt: es gibt nur Wein – von dem ich Kopfweh kriege – , Bier, diversen anderen Alk, Fanta Cola Zuckerbrühe und Co, als Saft verkleideten Nektar und kohlensäurehaltiges Mineralwasser – aber das verträgt mein Magen nicht." Du meine Güte, ich hörte mich an wie eine Kreuzung aus Gesundheitsapostel und alter Oma – was musste er nun von mir denken? Aber er hatte schließlich mit dem Thema angefangen.

„Mami, Mami, schau nur, ich hab auch einen Trauerschleier!" Elisa, die kleine Tochter von Joachim und Maritt, stürmte ihrer Mutter in die Arme und hielt sich ein Stück Spitze auf dem Kopf fest, das aussah als wäre es irgendwo abgerissen – oder abgerissen worden. „Nun kann ich auch heiraten, wie Tante Laura!" Ich schaute schnell weg, während Maritt sie lachend in die Arme nahm, kam aber nur vom Regen in die Traufe, weil „Tante Laura" in meinem neuen Fokus gerade „Onkel Marco" für den Fotografen abknutschte. Wie lange ging diese Fotosession eigentlich noch?

„Hey!" Der Mann zu meiner Linken, den ich kurzfristig komplett vergessen hatte, berührte mich sachte an der Schulter. „Hey, nicht so traurig!" Er schaute mich ernst an. „Möchtest du eine Hochzeit – deine Hochzeit – umsonst?" Wider Willen musste ich lachen. Was war das, ein Flirtversuch? Ein Angebot? Ein besonders geschmackloser Witz? Ich wurde wieder ernst. „So läuft das Leben leider nicht. Wie heißt es so treffend: Umsonst ist der Tod…" Dass meine Hochzeit gar nicht umsonst sein musste, dass ich dafür sogar fast alles gegeben hätte, verschwieg ich ihm wohlweislich.

Er schaute mich nur nachdenklich an. Ich wurde unruhig unter diesem durchdringenden Blick, hatte wieder das mulmige Gefühl als könnte er meine Gedanken erahnen.

„Jedes Leben ist anders, Marie. Und jedes Leben ist gut."

Sofort fielen mir genug Gegenbeispiele ein, aber irgendwie berührte mich der Satz. Ich wollte ihn so gerne glauben. So sagte ich nichts, verfiel nur in gedankenschweres Schweigen.

„Schau." Er hielt mir plötzlich eine einzelne Fliederblüte hin. Sie musste von einer der Tischdekorationen abgefallen sein. Tief violett, ihre vier vollen, leicht gerundeten Blütenblätter in Kreuzform angeordnet, lag sie perfekt und wunderschön auf seiner sehnigen Hand wie ein kostbares Juwel auf hellem Samt. Ich konnte ihren süßen, aromatischen Duft selbst aus dieser Entfernung riechen. Erstaunlich, dass so eine kleine, abgefallene Blüte ganz aus sich selbst heraus einen solchen Duft verströmen konnte! Er hielt sie zärtlich, liebevoll, fast ehrfürchtig, und lächelte mich an. Dann beugte er sich vor und steckte sie mir vorsichtig ins Haar. Ich fühlte, dass seine Hände an meiner Schläfe leicht zitterten, so als hätte er lange auf diesen Moment gewartet. Mein Herz pochte so laut, dass es mir in den Ohren widerhallte, und ich hielt den Atem an. Als er sich wieder zurücksetzte, lächelte er immer noch, aber seine Augen waren feucht, und eine einzelne Träne rann seine Wange hinunter. Ich starrte ihn sprachlos an, während in meinem Innern die Gefühle brodelten.

„Einen Toast! Einen Toast auf das Brautpaar!" „Gleich, Joachim, warte doch bis alle ein Glas haben!" Wiederwillig lenkte ich meine Aufmerksamkeit auf das Geschrei. Joachim, Marcos Bruder, schon jetzt etwas angeheitert, hatte sein Weinglas erhoben und wollte offensichtlich zu einer Rede ansetzen. Jetzt sah ich auch die Bedienstete, die mit einem Tablett voller Gläser auf uns zukam. Rotwein oder süßer Traubensaft, ich hatte die Auswahl. Ohne mich zu fragen nahm Íosa zwei langstielige Gläser vom Tablett und reichte mir eines. Ich ergriff es, sorgsam darauf bedacht, nicht seine Finger zu berühren, obwohl ich mir nichts sehnlicher wünschte.

„… und deshalb würde ich sogar sagen, dass Laura einen besseren Menschen aus ihm gemacht hat!" Johlendes Gelächter und Buhrufe. „Auf jeden Fall habe ich Marco noch nie so glücklich gesehen wie heute," schloss Joachim. „Darum: Auf das glückliche Brautpaar!" „Auf das glückliche Brautpaar!" erscholl es aus 94 Kehlen, und auch Íosa und ich hatten unsere Gläser erhoben, prosteten in Richtung von Laura und Marco und nahmen einen Schluck. Der Rotwein legte einen unangenehmen Pelz auf meine Zunge, und machte mir eher noch mehr Durst. Aber so war das Leben, das Glück der einen ein Rahmen für das Pech der anderen.

„Du gönnst es ihnen nicht wirklich, nicht wahr?" Ich erstarrte. War es so offensichtlich? Er hatte es leise gesagt, so dass niemand sonst es hören konnte, aber ich wollte es dennoch abstreiten. Gerade vor ihm. Aber was sollte ich sagen? Wenn ich ihn anlügen würde, würde ich mich nur noch mehr dafür hassen.

„Nein," sagte ich ebenso leise. „Ich wollte, ich könnte es, aber ich tue es nicht. Es tut mir leid." Beschämt schlug ich die Augen nieder. Das war es dann wohl…
Seine Hand fuhr leise über meine Wange, und ich sah erstaunt auf. Sein Blick war ernst und traurig, aber nicht enttäuscht. „Denke daran, Marie. Jedes Leben ist anders. Und jedes Leben ist gut."
Er nahm mein Weinglas, drückte es mir sanft in die Hand, und hob sein eigenes, um mit mir anzustoßen. „Auf alle Brautpaare – in dieser Welt, und in der nächsten!"
Unsere Gläser klirrten leise aneinander, und unsere Augen trafen sich. Er zwinkerte mir schelmisch zu, bevor er trank und seine Aufmerksamkeit wieder auf Laura und Marco richtete. Ich führte das Glas zum Mund – und erstarrte. Dort, wo eben noch der rote Wein, von der Sonne beschienen, wie eine Flamme geleuchtet hatte, befand sich jetzt eine durchsichtige Flüssigkeit, so klar, dass ich zuerst sogar gedacht hatte, das Glas sei auf einmal leer.

„Was … hast du eben etwas in mein Glas getan?" klagte ich mein Gegenüber fassungslos an. „Wie denn? Du hast mich doch die ganze Zeit beobachtet." Ich beäugte ihn weiterhin misstrauisch, fast feindselig. Er lachte auf. „Komm schon, Marie, was könnte man da hineintun? Vollbleichmittel? Du glaubst viel zu sehr an Pillen." Sein Blick wurde traurig.

„Aber … aber …," stotterte ich verwirrt. „Es sieht wie Wasser aus!"
„Es ist Wasser," sagte er lächelnd. „Wasser … des Lebens."
Ich starrte ihn an. Er nickte mir zu – eine Aufforderung, eine Herausforderung.

Langsam führte ich das Glas zum Mund und nippte daran. Kühl und klar benetzte die Flüssigkeit meine trockenen Lippen. Ich nahm einen Schluck, und das reine, saubere Wasser rann mir wie Balsam die Kehle hinab. Wie eine Verdurstende nahm ich Schluck um Schluck, während ich spürte, wie sein Blick unverwandt auf mir ruhte.
Ich trank – doch nicht mehr aus dem Weinglas, das schon längst leer war. Ich trank die tiefblauen, kristallklaren Seen seiner Augen. Sterne spiegelten sich darin – nein, sie lebten funkelnd in ihren Tiefen, dort, wo man den Boden der Seen vermuten konnte, dort, wo sie bodenlos in seine Seele übergingen. Wie ein Kuss waren diese Augen, strichen sanft über meine und ließen mich bis ins Mark erbeben. Sie waren eine Liebkosung, flossen über meine Seele wie die seidigen Fluten des Meeres, die sich letzten Sommer kühl um meine Haut geschmiegt hatten. Seine Sternenaugen waren ein Liebesakt, tauchten tief in mein Inneres ein, erfüllten mich ganz, stillten meine tiefste Sehnsucht – und ließen sie umso stärker entflammen. Ich versank in diesen Augen, ertrank in diesen Augen, starb in diesen Augen und wurde von neuem geboren.

Sachte nahm mir jemand das Glas aus der Hand und stellte es auf den Tisch. Langsam nahm die Welt um mich herum wieder Umrisse an. Ein braunes Augenpaar wurde deutlich, das besorgt in mein Gesicht blickte. „Marie – ist alles okay?" „Du sahst gerade so weggetreten aus, wir dachten, du lässt gleich das Glas fallen."
Natalie und Jonas standen bei mir. Sonst war niemand in unserer Nähe. Verwirrt und zunehmend panisch suchte ich die Gegend mit meinen Augen ab. „Wo ist er hin?"
„Wer?" Natalie sah mich an, als hätte ich drei Augen im Gesicht – oder sie nur eins.
„Der Mann in dem roten Hemd, mit dem ich mich die ganze Zeit unterhalten hatte!"
„Okay … Mann im roten Hemd …" Natalie hatte immer noch ihren Zyklopenblick. „Oh, ja, du meinst den Weihnachtsmann!"
Wider Willen musste ich lachen, doch dann fuhr es mir eiskalt den Rücken hinunter. „Du hast ihn nicht gesehen? Hier auf dem dreibeinigen Hocker?" Ich stockte mitten in der Bewegung: der Hocker war genauso verschwunden wie sein Gast.
„Klar, Hocker. Was soll das sein, Sitzplatz neun-dreiviertel, und dahinter kommt man zum Hochzeitsexpress? Komm schon, Marie, es reicht!"

Nun war es also so weit gekommen. Ich halluzinierte. Vielleicht brauchte ich so dringend einen Mann, dass ich mir schon welche ausdachte, und das noch dazu in aller Öffentlichkeit. Das war der Anfang vom Ende. Ich legte die Arme auf den Tisch, und sank müde mit dem Kopf darauf.

„Ich habe ihn auch gesehen." Mein Kopf ruckte in die Höhe. Jonas hatte es so leise gesagt, dass ich es kaum verstand, und Natalie war schon wieder woanders.
„Wirklich? Erzähl! Hast du mit ihm geredet?"
„Nein. Ich habe ihn nur bei dir sitzen sehen. Dann bin ich zu Marco und Laura gegangen, hab ihn beschrieben und hab sie gefragt, wer er ist …" Er verstummte.
„Und? Nun sag doch schon!"
„Nichts. Sie wussten es nicht. Sie haben ihn nicht eingeladen." Er blickte mich nachdenklich an. „Als Natalie und ich dann eben zu dir gehen wollten, war er verschwunden." In diesem Moment rief jemand nach ihm und er schaute entschuldigend in meine Richtung, bevor er sich in Bewegung setzte.

Vor mir auf dem Tisch glitzerten zwei leere Weingläser in der Sonne. Ein paar Tröpfchen hingen jeweils an ihrem Rand, leuchtend rot in dem Glas zu meiner Linken, durchsichtig schimmernd in dem direkt vor mir. Ich vertiefte meinen Blick in den größten Wassertropfen, wollte ihn für immer festhalten. Für einen Moment glaubte ich, ein tiefblaues Glitzern darin zu sehen. Doch dann merkte ich, dass es nur der Himmel war, der sich darin spiegelte. Selbst wenn – vielleicht war auch der Himmel seine Augen. Noch nie hatte ich ihn so schön gesehen, mit weißen Wattewölkchen, die in dem strahlenden, sonnendurchtränkten Blau schwammen. Ich blickte um mich, und jubelte innerlich beim Anblick der Blumen und Bäume, beim fröhlichen Klang der Vögel und Menschen. Natalie hatte Recht, das Leben war schön, zumindest manchmal und manches davon, und ein Ansatz von Glück konnte darin liegen, solche Momente und solche Aspekte wahrzunehmen.

So wollte ich auch diesen Augenblick genießen, der noch von Erinnerung vibrierte. Vorsichtig fuhr ich mit der Fingerspitze in mein Glas und fing zärtlich den Wassertropfen auf. Ich führte ihn zum Mund und liebkoste ihn mit meinen Lippen, bevor ich ihn auf der Zunge zergehen ließ wie einen Kuss.

Alle Menschen suchen nach einer Liebesbeziehung, aber zu wenige wissen, dass die Reine, Wahre Liebe viel besser ist. Es ist nicht falsch, eine Beziehung zu haben, solange man sich nicht von ihr beherrschen lässt. Aber die Reine, Wahre Liebe ist wichtiger. Ohne sie gibt es kein Leben. Und sie ist überall zu finden – umsonst.

Ich lächelte. Vielleicht würde ein Mann für mich kommen, vielleicht auch nicht. Ich aber wusste, wen ich von nun an suchen, wem ich von nun an folgen würde: dem Mann mit den Sternenaugen, der das Wasser des Lebens war.

„Marie? Du bist heute so komisch! Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?"
„Ach Natalie, lass sie doch in Ruhe! Sie hat ziemliche Kopfschmerzen."
Danke, Jonas. Ich wollte es laut sagen, aber er hatte sich schon wieder weggedreht.

„Ich kann dich ja verstehen," meinte Natalie in einem mitfühlenderen, vertraulichen Ton. „Für mich sind Hochzeiten auch nicht leicht. Sie erinnern einen immer daran, dass es bei einem selbst anders aussieht." Sie sah mein ernstes Gesicht, und bemühte sich gleich wieder um einen leichteren Ton. „Naja, du hast ja wenigstens den Venusstein, an dem du dich festhalten kannst!"
Ich griff in meine Tasche, holte das besagte Objekt hervor und reichte es Natalie. „Hier, du kannst ihn haben, wenn du willst. Ich brauche ihn nicht mehr." Ich sah noch kurz ihren verdutzten Gesichtsausdruck und die rasche Handbewegung, mit der sie den Talisman einsteckte, während ich aufstand, um Laura zu suchen und ihr endlich von ganzem Herzen alles Gute zu wünschen.

Mai 2009