Die Frau am Felsenbrunnen

Missmutig trottete Marie den staubigen, sandigen Weg entlang, während ihr der Schweiß von der Stirn in die Augenbrauen lief und die Gurte ihres Rucksackes dort, wo sie an den Achseln scheuerten, schon ganz durchgeweicht waren. Ihr kurzes Top und ihre Shorts klebten an ihrem Körper, und das Mückenmittel, das sie sich gegen die umhersirrenden Schnaken etwas zu großzügig aufgetragen hatte, hatte einen unangenehmen Film auf der Haut hinterlassen. Ihr Mund war trocken wie Pappe, und ein unangenehmer Geschmack hing auf ihrer Zunge, der ihr den letzten Nerv raubte. Ihrer Wasserflasche hatte sie schon vor mehr als einer Stunde ihren letzten lauwarmen Schluck entlockt.
Marie gab ein unwilliges Schnauben von sich, als der Weg nun auch noch aus dem Schatten der Buchen und Kiefern herausführte und sich eine endlos erscheinende Schneise vor ihr ausbreitete, die erbarmungslos der Mittagssonne ausgesetzt war. ‚Es war eine Schnapsidee gewesen, bei 37 Grad im Schatten hierher zu kommen!' schalt sie sich selbst. ‚Wenn ich gewusst hätte, wie heiß und trostlos diese Strecke ist, hätte ich es sein gelassen und mich zuhause unter die kalte Dusche gestellt!' Nicht dass es in ihrer Wohnung sehr viel kühler oder angenehmer gewesen wäre, waren doch selbst nachts die Temperaturen nicht unter 30 Grad abgesunken, so dass Maries letzte Nächte fast nur aus schlaflosem Herumwälzen bestanden hatten. ‚Ich bin kein Mensch für solches Wetter,' dachte sie müßig. ‚Ich hätte meinen Urlaub irgendwo im Norden verbringen sollen, in Schottland oder Irland, so wie die letzten Sommer auch.' Sie seufzte. Es half alles nichts. Nun war sie einmal hier geblieben, und an diesem Tag hatte sie sich entschieden, zur Felsenquelle zu wandern. Jetzt würde sie das Beste daraus machen.
So weit war es ja auch gar nicht mehr. Nach diesem Stück der Strecke an dem exponierten Hang entlang, dessen rosa und weiße Fingerhutpracht sie heute leider nicht wirklich würdigen konnte, fingen schon die kleinen Weiher an, die teils von einem Seitental, teils von dem Wasser der Felsenquelle gespeist wurden, und dort konnte sie zumindest ihre Füße kühlen.

Es grummelte leise, doch das hatte es bereits am Vortag getan und das verheißene Gewitter war bis jetzt noch nicht eingetreten. Dennoch versuchte Marie ihre letzten Reserven zu mobilisieren und schritt etwas zügiger aus. Dort vor ihr kündigten die zähen, hohen Schilfgräser schon den ersten der Weiher an. Erwartungsvoll beschleunigte sie ihre Schritte noch ein wenig mehr. Ein fauliger Geruch lag in der Luft, und sie rümpfte die Nase. Sehr viel Wasser schien der erste Weiher nicht zu führen – nein, ein Blick in seine Richtung zeigte ihr, dass er zu nicht viel mehr als einer schlammigen Pfütze reduziert war. Gleichzeitig zügig und vorsichtig, um einerseits dem Gestank zu entkommen, andererseits die vielen kleinen Frösche, die panisch vor ihren Füßen aufsprangen, nicht zu zertreten, näherte sich Marie dem zweiten Weiher, der einen ähnlichen Anblick darbot. Enttäuscht folgte sie dem mittlerweile schmalen Pfad den Hang hinauf. Dann würde sie ihre Beine eben in der Quelle kühlen, auch wenn deren Wasser selbst im Hochsommer eiskalt war.
Eine unebene Sandsteinmauer begann zu ihrer Linken, teils mit Moos bewachsen, die Marie immer schon sehr idyllisch gefunden hatte. Nun sah sie auch die Ruhebank, hinter der ein kleines, rundes, moosbewachsenes Becken das übersprudelnde Nass der Felsenquelle auffing. Schon als sie noch ein Kind war, hatte dieser Ort eine Faszination auf Marie ausgeübt, war ihr romantisch, verwunschen, andersweltlich vorgekommen – mit ein Grund, warum sie ihn heute noch so gerne aufsuchte. Das hellgrüne Dach der Buchenblätter über ihr bewegte sich sachte in einer für Marie nicht wahrnehmbaren Brise, und sie lächelte leise bei dem Gedanken, gleich ihren Durst stillen zu können. Sie warf ihren Rucksack achtlos auf die Ruhebank, beugte sich zu der Quelle hinunter – und erstarrte. Kein einziger Wassertropfen hing an dem kunstvoll behauenen Steinrohr, nur ein paar welke Blätter füllten das idyllische Becken, und das Moos an seinen Rand ließ gelbbraun vertrocknete, tote Pinsel zwischen kaum noch grünen Fächern herabsinken.
Marie gab einen frustrierten Laut von sich. Nun war sie den ganzen weiten Weg in der Hitze hierher gekommen und es war umsonst gewesen! Sie sackte auf der sonnenbeschienenen Bank neben ihrem Rucksack nieder und betrachtete apathisch die Risse in der trockenen, blanken Erde unter ihren Füßen. Dann würde sie eben ein wenig sitzen bleiben, und danach unverrichteter Dinge wieder zurückwandern. Was blieb ihr auch anderes übrig? Sie schloss erschöpft die Augen.

Ein Geräusch direkt neben ihr ließ sie zusammenschrecken, und sie richtete sich blitzschnell auf. Ein Mensch war an der Quelle, allem Anschein nach ein Mann. Er hatte sich über das Becken gebeugt, und sie konnte seine nackten Beine, seine kurzen Jeans und sein leichtes weißes Leinenhemd von hinten sehen. Er schien noch recht jung zu sein, zumindest gut gebaut, schlank und muskulös. Wie hatte er sich nur so lautlos anschleichen können? Oder war sie eingeschlafen? Ihre erste Reaktion war, nach ihrem Handy zu greifen, denn alleine im Wald hatte sie immer ein mulmiges Gefühl, wenn sie einem fremden Mann begegnete, und versuchte dann den Anschein zu erwecken, sie hätte irgendeine männliche Begleitung in Reichweite. Doch dann steckte sie es wieder weg. Es war ein so heller, strahlender Tag, und irgendwo in der Nähe waren bestimmt andere Menschen, allein schon die Spaziergängergruppe, die ihr vorhin entgegen gekommen war. Unter diesen Umständen würde es bestimmt niemand wagen, sie zu belästigen. Etwas beruhigter lehnte sie sich wieder auf der Bank zurück.
Der Mann richtete sich nun auf, und Marie bemerkte seine halblangen, blonden Haare, die ihm beim Bücken nach vorne gefallen waren. Ihr Herz schlug unwillkürlich eine Spur höher, doch sie schalt sich sofort dafür. Ihr Blick fiel auf seine Hände, und sie stellte dabei fest, dass er einen durchsichtigen Glaskrug und ein Glas auf dem Beckenrand platziert hatte. Wider Willen lachte sie auf. Er hatte sich anscheinend in der Felsenquelle noch mehr verschätzt als sie, und sogar all dieses schwere Trinkzeug mitgeschleppt!
Auf ihr Lachen hin hob der Mann den Kopf in ihre Richtung, und Maries Herz setzte einen Schlag aus, als seine tiefblauen Augen direkt auf ihre trafen. Sie sahen nicht nur atemberaubend aus, sondern irgendwoher kamen sie ihr bekannt vor…

„Die Quelle hat kein Wasser mehr," sagte sie mit leicht heiserer Stimme, nur um irgendwie die Stille zu überbrücken.
„Meine Quelle hat immer Wasser." Seine Stimme, in sich ruhend und zugleich leicht verschmitzt, ließ Erinnerungen in Maries Innerem anklingen, die sie längst schon vergraben geglaubt hatte. Ihr Blick ruckte zurück zu dem Krug auf dem Brunnenrand, und sie zog überrascht die Luft ein, als sie sah, dass er bis zum Rand gefüllt war. Sie hätte wetten können, er sei eben noch leer gewesen.
Der Mann ging einen Schritt auf sie zu und setzte sich mit einer vertraut anmutenden, geschmeidigen Bewegung auf die Bank neben sie, wobei er gerade so viel Abstand ließ, dass sie sich nicht bedrängt fühlte. „Schön dich zu sehen, Marie," sagte er leise. „Ich habe dich vermisst."
Íosa! Er war es also tatsächlich! Sie schluckte und starrte ihn mit großen Augen an.
„Möchtest du etwas trinken?"
Sie nickte.
Er stand wieder auf, ging die wenigen Schritte zu der ausgetrockneten Quelle, ergriff den Krug und das Glas, kam zurück zu Marie, setzte sich wieder neben sie und goss bedächtig das Glas voll, um es ihr dann zu reichen. Sie zuckte ein wenig zusammen, als sich ihre Finger dabei für einen Moment berührten.
„Es ist doch Wasser, oder?" fragte sie vorsichtig.
„Ganz wie beim letzten Mal: Wasser des Lebens." Er lächelte ihr zu.
Sie hob das Glas zum Mund und trank in gierigen Schlucken. Noch nie – vielleicht mit Ausnahme der Hochzeit damals – hatte ihr reines Wasser so gut geschmeckt wie in diesem Moment, aber das konnte auch einfach daran liegen, dass sie so durstig war. Sie nickte nur, als er ihr ein zweites Glas anbot, und leerte auch das in wenigen Zügen. Dann sank sie aufseufzend auf die Bank zurück. „Danke." Sie rutschte etwas verlegen auf ihrem Sitz hin und her, warf einen kurzen Blick in sein Gesicht und fixierte dann wieder die Baumstämme auf der anderen Seite des Pfades. Irgendwie wagte sie es immer noch nicht richtig, ihm länger in die Augen zu sehen, zumal er bestimmt gleich wieder verschwinden würde, so wie damals. Sie wollte sich nicht schon wieder in etwas hineinsteigern, das Leben war so schon schwer genug…
„Gerne geschehen," hörte sie seine Stimme neben sich. „Kann ich dir noch mit irgendetwas dienen? Ich gebe dir immer gerne alles, was du brauchst."

Marie versteifte sich. Stimmte das? Sie wusste ja nun, wer er war – und das nicht erst, seit sie, wie um sicherzugehen, seinen Namen gegoogelt hatte –, und es gab so vieles, wofür sie über die Jahre gebetet hatte, es aber doch nie erhalten hatte. Körperliche Heilung für ihre zahlreichen schmerzhaften Beschwerden war da nur eine Sache unter vielen. Sie wollte nicht schon wieder hoffen und dann enttäuscht werden.
„Ich denke, ich kann so leben wie ich es tue. Ich bin schon zufrieden so, ich brauche nichts," sagte sie leicht trotzig.
„Bist du sicher?" Sie bemerkte aus dem Augenwinkel, dass er sie ernst ansah.
„Ja, schon." Sie reckte ihr Kinn noch ein wenig mehr in die Höhe und mied seine Augen.
„Dann geh und hol deinen Mann und komm mit ihm wieder hierher," sagte er leise, aber deutlich.
Ihr Kopf ruckte zu ihm hin, während sich ihre Augen gegen ihren Willen mit Tränen füllten. Er hatte den einen wunden Punkt getroffen, der sie am meisten schmerzte.
„Ich habe keinen Mann, wie du sehr wohl weißt," sagte sie widerwillig und warf ihm einen wütenden Blick zu. Wollte er sie absichtlich quälen? Doch sein Gesicht war nur ernst und traurig und in seinen Augen lag ein Ausdruck, der sie sehnsuchtsvoll anmutete – genau so wie sie sich oft fühlte, wenn sie einsam an ihrem Esstisch saß oder alleine in ihrem Bett lag. Sie schluckte. „Ja, es stimmt, ich wünsche mir einen Mann," sagte sie dann so leise, dass es kaum zu verstehen war. „Immer noch."
Er nickte stumm und sah ihr eine Weile prüfend ins Gesicht, während sie nun etwas schüchtern seinem Blick standhielt. „Möchtest du irgendeinen, damit du nicht alleine bist," fragte er dann in undefinierbarem Ton, „oder willst du den besten, der all deine Sehnsüchte erfüllen kann?"
‚Was für eine Frage!' dachte Marie leicht gereizt und zugleich verwirrt. ‚Will er damit andeuten, dass meine Ansprüche zu hoch sind?'
„Ich meine es ernst," reagierte er auf ihr Schweigen. „Willst du irgendeinen oder den besten?"
„Wenn du so fragst, natürlich den besten." Sie lachte unsicher.

Wieder nickte er stumm und wandte sich dann von ihr ab, um nun seinerseits in die Ferne des Waldesdickichts zu starren. Marie zupfte nervös an dem gewellten Saum ihres Oberteils herum.
„Gibst du mir auch etwas zu trinken?" wandte er sich plötzlich unvermittelt wieder an sie.
Überrascht sah sie ihn an. „Aber du weißt doch, dass ich nichts habe." Sie zuckte hilflos mit den Schultern. „Oder soll ich dir aus deinem eigenen Krug einschenken?" fügte sie unsicher und halbherzig hinzu.
Er schüttelte den Kopf. „Ich habe Wasser die Fülle." Seine meerblauen Augen versenkten sich in ihre. „Gib mir deine Tränen."
Ihr Bauch zog sich bei diesen Worten zusammen, und ein undefinierbares Gefühl in der Magengrube ließ sie schneller atmen. „Warum solltest du die wollen?" flüsterte sie mit großen Augen.
„Weil ich an deinem Leben teilhaben möchte," sagte er ernst. „An deinem Schmerz, an deiner Freude. An dir."
Nun füllten sich ihre Augen tatsächlich mit Tränen. Sie blinzelte und spürte, wie ihr die Tropfen warm und feucht die Wangen hinabglitten.
Das Gesicht ihres Gegenübers war keine zehn Zentimeter von ihrem entfernt. „Schenkst du sie mir?" fragte er leise.
Sie nickte stumm.
Seine Hand berührte sachte ihre Wange. Sie spürte, wie einer seiner Finger einen Tropfen von ihrer Haut auffing, und verfolgte seine Bewegungen ungläubig mit den Augen, als er den Finger mit ihrer Träne langsam zum Mund führte. Es sah aus, als würde er die Träne, ihre Träne, unendlich zärtlich küssen, bevor er sie in sich aufnahm. Eine Welle der Sehnsucht durchfuhr Maries Eingeweide.
„Du hast immer noch Durst, nicht wahr?" hörte sie seine sanfte Stimme, während die tiefseeblauen Augen ihre bis auf den Grund zu erforschen schienen.
„Ja." Sie senkte ihren Blick. ‚Nach dir.' Sie schloss für einen Moment die Augen, um den plötzlich aufgekommenen Gefühlsansturm in ihrem Inneren zu kontrollieren.

Als sie ihre Lider wieder öffnete, bemerkte sie mit einem kleinen Schock, dass er vor ihr zu ihren Füßen kniete und etwas vor sich hielt, das er ihr anbot. Für einen Moment sah sie nur ein funkelndes Glitzern von seinen Händen aufblitzen, woraus sie schloss, dass es sich wieder um Wasser handeln musste.
‚Ich müsste vor ihm knien und ihn darum anflehen, nicht umgekehrt!' dachte sie bestürzt. ‚Er bietet mir sein unbezahlbares Wasser an, das Kostbarste, was es gibt, und bittet mich auch noch auf Knien darum, es anzunehmen!' Sie stöhnte leise auf unter dem Widerstreit der Gefühle, die bei dieser Erkenntnis in ihr brodelten.
Vorsichtig beugte sie sich zu seinen Händen hinab, die er ihr leicht entgegenhob, und stutzte erneut. Es war kein Wasserglas, das sich in seinen Fingern befand, auch kein sonstiges Gefäß. Seine Hände selbst bildeten eine lebendige Schale, die die Form eines Herzens hatte und bis an den Rand mit dem kostbaren Nass gefüllt war. Zitternd näherte Marie ihre Lippen seinen Fingern und sog die Flüssigkeit mit brennendem Herzen in sich ein. Sie trank und trank, saugte das Wasser in sich auf aus seinen wunderschönen, geliebten Händen, und konnte nicht genug davon bekommen. Sie hätten schon längst leer sein müssen, und doch sank der Wasserpegel nicht, füllten sie sich beständig neu, so lange sie nach der Flüssigkeit lechzte.
Allmählich ließ ihr Durst nach. Irgendwann wurde ihr bewusst, dass sie ihre Hände um seine gelegt hatte, dass seine Handflächen ihre Wangen hielten, ihr Gesicht nun ihrerseits wie eine wertvolle Schale umfassten, dass ihre Lippen seine Handballen berührten, an denen nur noch einige Wassertropfen hingen. Ohne nachzudenken drückte Marie einen innigen Kuss auf seine Hand und streckte dann instinktiv ihre Zunge vor, um die zurückgebliebenen Tropfen liebevoll von seiner feuchten Haut aufzunehmen.

Sie erschauerte leise, als sie sich ihrer Handlung bewusst wurde, ließ seine Hände los, seufzte und blickte vorsichtig in das Gesicht, das mit weichen Zügen zu ihr aufsah. Sie spürte, wie seine Hände wieder nach ihren griffen, sie diesmal fest umschlossen hielten, während er immer noch vor ihr kniete.
„Du sagtest, du wolltest den besten Mann," wandte er sich mit rauer, emotionsgeladener Stimme an sie. „Ich biete dir mich. Bin ich dir genug?"
Erneut schossen Marie die Tränen in die Augen. „Niemand könnte besser sein als du. Und ich weiß nun, dass ich niemanden so begehre wie dich," flüsterte sie. „Wenn du mich wirklich haben willst… Aber du hast doch alles, du brauchst doch nichts und niemanden, was solltest du mit mir?" fügte sie unsicher hinzu.
„Ich wollte dich immer, Marie." Ihr Name aus seinem Mund klang wie eine Liebkosung. „Ich habe dich immer schon begehrt. Du hast mein Herz gestohlen, mit einem Blick aus deinen Augen."
Mit einem kleinen Schreck bemerkte Marie die Tränen in seinen Augen, erhaschte einen Blick in das bodenlose Meer von Sehnsucht und Liebe, das ihr aus den strahlendblauen Tiefen entgegenwogte, bevor sich ihrer beider Lider schlossen und ihre Lippen sich begegneten.