Der Weg nach Ennistymon

„Die Sterne erstrahlen hell heute Nacht, jetzt da der Wind die Wolken vertreibt."

Marie zuckte zusammen. Sie war ein wenig hinter dem Rest ihrer Reisegruppe zurückgeblieben, um genau diese Sterne in Ruhe betrachten zu können und war sich nicht bewusst gewesen, dass sich noch ein weiterer Teilnehmer hinter ihr befand. Umso mehr überraschte sie die plötzliche Ansprache des Mannes, der nun neben ihr einherschritt. In der Dunkelheit konnte sie nicht mehr als seinen dunkelblauen Regenparka erkennen, dessen Kapuze den Großteil seines Kopfes bedeckte und als Schutz gegen den starken Wind tief ins Gesicht gezogen war. Sie wusste nicht, um welches der männlichen Mitglieder der bunt zusammengewürfelten Gruppe es sich handelte. Angesichts ihres schlechten Personengedächtnisses und ihrer immer noch recht ausgeprägten Schüchternheit hatte sie es innerhalb der vier Tage, die sie nun schon zusammen mit vierzehn fremden Menschen in einem Reisebus quer durch Irland tourte, noch nicht geschafft, jeden von ihnen näher kennenzulernen, geschweige denn sich jeden Namen zu merken oder die Namen fehlerfrei ihren Besitzern zuzuordnen. Momentan jedoch war ihr Interesse an der Identität ihres Nebenmannes nicht groß genug, um die Peinlichkeit einer diesbezügliche Frage auf sich zu nehmen. Dazu beanspruchten die Natureindrücke um sie herum zu sehr ihre Aufmerksamkeit.

„Ja," meinte sie daher nur verträumt. „Wie Edelsteine auf schwarzem Samt."

Furcht empfand sie in der Dunkelheit im Gegensatz zu sonst in dieser Nacht keine, wie sie erstaunt feststellte. Zum einen lag das wohl daran, dass sie nicht alleine war und selbst bei dem Abstand, den sie schon seit geraumer Zeit zu den anderen einhielt, immer noch das Lichtergewirr ihrer Taschenlampen ein Stück weit vor sich ausmachen konnte, zum anderen, dass die felsige, kahle Mondlandschaft des Burren, durch die die heutige Nachtwanderung führte, umfassende Sicht bot und man jede potentielle Gefahr schon von weitem erkennen konnte. Den Reiseteilnehmern selbst, zu denen dieser Mann ja gewiss gehörte, brachte sie genug Vertrauen entgegen, keine gefährlichen Übergriffe von ihnen zu erwarten. 'Oder ich habe einfach deshalb keine Angst, weil ich mich in meinem Traumland befinde,' sinnierte sie im Stillen.

„Sie würden uns nicht so klar erscheinen, wenn der Mond voller wäre," brach der Mann nach einigen Minuten Stille erneut das Schweigen. „Oder wenn wir unsere Taschenlampen anhätten." Der letzte Satz klang leicht amüsiert.

Jetzt erst fiel Marie auf, dass ihr Begleiter ebenfalls keine künstliche Beleuchtung angeschaltet hatte – und anscheinend aus demselben Grund wie sie. Nun doch etwas neugierig betrachtete sie ihn von der Seite, doch was sie von seinem Profil erkennen konnte, war nicht sehr aussagekräftig. Er war etwa einen Kopf größer als sie, was ihr ein Gefühl der Sicherheit vermittelte, so als hätte sie einen Beschützer bei sich. Unwillkürlich seufzte sie. Diese Nacht – die Landschaft, der Sternenhimmel, die Situation an sich erinnerten sie allzu sehr an eine andere Nacht vor vielen Jahren. Ebenfalls in Irland, ebenfalls mit einer Gruppe – im Rahmen eines Studienaustauschs –, in der sie ebenfalls mit einem relativ fremden Mann zurückgefallen war und festgestellt hatte, wie ähnlich sie sich waren. Sean – sie hatte ihn schon einige Wochen lang, in denen sie sich eher flüchtig begegnet waren, attraktiv gefunden und sich spätestens an diesem Abend in ihn verliebt, glücklich und gleichzeitig aufgeregt über die Gelegenheit eines intensiven Gedankenaustauschs. Aber er hatte sich dann irgendwann von ihr abgewandt, um den Rest des Abends mit einer anderen zu flirten, auf die er es anscheinend abgesehen hatte. „Einer, die attraktiv war. Nicht so unauffällig wie ich."

„Was bedeutet attraktiv?"

Marie zuckte erneut zusammen. Hatte sie, in ihre Erinnerung versunken, laut geredet? Hoffentlich sah er im Dunkeln nicht die Röte, die sie in ihre Wangen schießen fühlte. Sie beschleunigte ihre Schritte.

„Attraktiv bedeutet in dem Fall, dass die betreffende Frau außergewöhnlich gutaussehend war und der Mann davon mehr fasziniert war als davon, dass er und ich seelisch viel gemeinsam hatten."

Die Dunkelheit, die sie beide einhüllte, war wie ein Schutz, der Marie Mut gab zu reden, der sie leichtsinnig darin machte, die Gelegenheit zu ergreifen, mit jemandem ihre Gefühle teilen zu können – zumal sie diesen Jemanden nach Ablauf der Reise höchstwahrscheinlich sowieso nie wieder sehen würde.

„Ich denke, er hatte das auch gar nicht gemerkt," fuhr sie mit zu Boden gerichtetem Blick fort. „Dass ich viel mit ihm gemeinsam hatte. Ich hoffte, er würde es erkennen, aber konnte es anscheinend trotz unserer Gespräche nicht vermitteln. Er hielt die andere wohl eher für seelenverwandt als mich. Jedenfalls fing er dann an, mit ihr über die Sterne zu reden statt mit mir." Es tat weh, sich an das Gefühl zu erinnern, das sie dabei empfand, warum genau entzog sich ihrer Selbstanalyse.

„Dann hattet ihr aber etwas Wesentliches nicht gemeinsam."

Marie runzelte verwirrt die Stirn. „Wie meinen Sie das?"

„Er hat wahre Schönheit nicht erkannt."

Marie schaute überrascht auf. Meinte er damit, dass sie wahre Schönheit hatte? In sich? An sich? Und woher wollte er wissen, ob sie im Gegensatz wahre Schönheit erkannte? Vor allem aber hatte er genau den Punkt getroffen, warum sie die Ablehnung von damals traurig gestimmt hatte: sie hatte es nicht geschafft, ihre Schönheit zu zeigen, nicht so, dass der Mann, für den sie sich interessierte, sie wahrgenommen hätte. Erkannt werden... als schön... im tiefsten Innern... und auch von außen. Es wurde ihr nun als ein tiefer Wunsch bewusst.

„Deshalb war er auch nicht der Richtige für sie."

Marie nickte. Das stimmte wohl.

„Und jetzt?"

„Wie, und jetzt?"

„Haben Sie jetzt jemanden gefunden, der Ihre Schönheit hinreichend wahrnimmt?"

Marie blieb überrascht stehen, bevor sie wieder in Schritt fiel. Ein Blatt vor den Mund nahm dieser Mann aber nicht gerade! Für einen Moment erwog sie, ihn dezent für seine Neugier zurechtzuweisen, doch irgendetwas hielt sie zurück. Sie merkte, dass sie sich eigentlich in ihrer momentanen Stimmung genau danach sehnte: über Dinge zu reden, die tiefer gingen als die triviale Alltagsgesprächsoberfläche, Dinge, die ihr Herz berührten, die sie in ihrem Leben zuhause viel zu wenig mit irgendjemandem teilen konnte, der sie verstand.

„Ich weiß es nicht," meinte sie schließlich nachdenklich. „Haben Sie denn so jemanden?" gab sie die Frage zurück, um nicht als Einzige ihre Seele zu entblößen, bevor sie mehr von sich preisgab.

„Von Elternseite ja. Von Partnerseite nein. Das heißt, bis jetzt nur sehr ansatzweise, bruchstückhaft und unvollständig."

„Oh," meinte sie etwas erstaunt. „Ist es einem Mann denn überhaupt wichtig, in seiner... Schönheit wahrgenommen zu werden?" schob sie dann etwas verschämt nach. Daran hatte sie beim Formulieren der Frage gar nicht gedacht.

„Mir schon."

„Ich dachte, Männern ist es eher wichtig, sich als stark zu erweisen, tatkräftig und so, oder?" hakte sie etwas unsicher nach.

„Ja, das stimmt." Täuschte sie sich, oder hörte sie ein Schmunzeln in seiner Stimme?

Marie schwieg, während sie auf der gerade etwas abschüssigen und durch Verwitterung unebenen Straße im schwachen Abglanz der ein Stück vor ihr herumgeisternden Lampen ihre Tritte sicher zu setzen suchte. Dann ergriff sie erneut das Wort. „Ich habe seit einigen Jahren einen Freund, der mich ein Stück weit, denke ich, schon erkennt und versteht, wie ich bin. Aber ich weiß nicht, ob ich ihn liebe, was wohl heißt, ich tue es nicht, oder nicht genug. Es gibt auch einfach zu vieles, was wirkliche Hindernisse für ein Zusammenleben darstellt. Und das, was mir wichtig ist, überschneidet sich meiner Ansicht nach auch nicht genug mit dem, was ihm wichtig ist."

'Du meine Güte, breite ich hier mein ganzes Leben vor ihm aus?' schalt sich Marie selbst im Stillen. Dennoch fuhr sie schon im nächsten Atemzug fort: „Aber es gibt da noch jemanden... der mich völlig versteht... und völlig kennt... und völlig wertschätzt... und den ich gänzlich attraktiv und faszinierend finde... und eigentlich möchte ich niemand anderen als ihn..." Ihre Stimme verlor sich unsicher in der Nacht.

„Das klingt doch traumhaft!" kam die vorhersehbare Antwort. „Wo ist der Haken?"

Marie holte tief Luft. „Er ist unsichtbar."

Das Absurde dieses Gesprächs, dieser Antwort, mit der er sie nun endgültig für verrückt halten musste, stürmte so abrupt auf sie ein, dass sie nicht anders konnte, als lauthals aufzulachen.

Ihr Gegenüber lachte mit.

Marie lugte erstaunt zu ihm herüber.

„Das ist nicht einfach," sagte er ernst und mitfühlend. „Ist er auch unhörbar? Unfühlbar? Nicht anfassbar?"

Verblüfft blieb sie stehen und starrte ihn an.

„Du kennst das auch? Du weißt, wovon ich spreche?" In ihrer Aufregung merkte sie erst zu spät, dass sie den Fremden gerade geduzt hatte.

Er blieb ebenfalls stehen. Unter seiner Regenkapuze sah sie undeutlich seine Augen wie zwei schwarze, glühende Kohlen im Sternenlicht glimmen.

„Ja, ich kenne das. Dass man anders ist als die geliebte Person, auf einer ganz anderen Ebene, in einer anderen Dimension existiert, und doch gleich sein möchte, um ihr nahe zu sein. Gleich sein muss, um volle Einheit zu haben. In allem gleich..."

Marie wurde es unbehaglich unter der gewichtigen Atmosphäre, die bei diesen Worten plötzlich alles um sie herum zu erfüllen schien.

Als hätte ihr Begleiter diesen Stimmungsumschwung in ihr bemerkt, sagte er nun etwas leichtherziger: „Wie kommuniziert ihr bei dieser Unsichtbarkeit? Wie tauscht ihr dann Liebe aus? Wie seid ihr überhaupt in Kontakt gekommen?"

Marie lächelte etwas wehmütig. „Vor Jahren einmal... als wir uns kennenlernten... und danach noch einmal, also zweimal sogar... hatten wir sehr intensive Begegnungen. Da durfte ich seine Gegenwart so gut wie real erleben. Ihn wirklich sehen und mit ihm reden. Damals hat er mich umarmt. Und geküsst... Inzwischen... reden wir auch noch, aber irgendwie indirekter. Auf viele Arten. Zum Beispiel durch solche Dinge." Sie bückte sich und hob einen herzförmigen Stein auf, der ihr eben wie gerufen ins Auge gefallen war. „Oder auch durch vage Ahnungen, Dinge, die ich vor meinem inneren Auge sehe, Gedanken, die ich im Kopf habe. Und einiges mehr. Aber all das" – sie ließ den Stein aus ihren Fingern wieder an den Wegrand gleiten – „genügt mir nicht. Es kann nicht die reale Gegenwart der geliebten Person ersetzen. Und wenn es ausbleibt... so wie jetzt schon ganz lange... dann hat man gar nichts, woran man sich festhalten kann. Dann scheinen nur noch die Probleme im Leben da zu sein, die Krankheiten, die Schmerzen, ohne wirklichen Trost." Sie erschrak fast selbst darüber, wie traurig, einsam und verlassen sie eben geklungen hatte.

„Man hat die Erinnerungen an jede Begegnung," wandte ihr Gegenüber ein. „Die Hoffnung, die sie bezeugen. Die Gewissheit, dass die aus diesen Vorgeschmäckern erwachsene Hoffnung nicht trügt. Und hat man nicht auch ein Versprechen?"

„Ich weiß nicht, ob Sie verstehen, wovon ich rede," konnte sich Marie nun doch nicht verkneifen etwas wütend einzuwenden. Was auch immer er vorhin über seine geliebte Person geäußert hatte, er musste es weitgehend symbolisch gemeint haben. „Die Person, die ich liebe, ist transzendent. Wie ein Geist. Unfassbar. Es handelt sich um Gott."

Wie würde er darauf reagieren? Zumindest konnte er jetzt nicht mehr sagen, es ginge ihm genauso, es sei denn, er wäre auch in Gott verliebt.

„Meine Geliebte ist für mich auch transzendent – wie ein Geist, wie Sie es nennen. Das, was für mich real ist, ist in ihr bisher auch erst sehr unausgeprägt, ansatzweise und bruchstückhaft wahrnehmbar. Und dennoch hat es für mich immer schon ausgereicht, um sie zu wählen und allem anderen vorzuziehen," fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.

Marie verfiel in langes Schweigen, während sie versuchte, den Sinn dieser Worte auszuloten.

„Sie sagen, Gott kommuniziert mit Ihnen unter anderem über die Natur," redete der Mann neben ihr sie erneut an. „Was sagt er ihnen denn gerade durch diese Umgebung hier?"

„So funktioniert das nicht," brauste Marie auf. „Er sagt nicht ständig etwas durch jede Umgebung!"

„Das mag sein. Aber nehmen wir einmal an, er wollte Ihnen genau jetzt durch genau diese Umgebung etwas mitteilen," fuhr der Fremde ungerührt fort. „Was wäre es?"

Marie sah um sich. Die karge, felsige Karstlandschaft des Burren, durch die sie nun schon seit Stunden liefen, seit sie der Busfahrer nach einem Abstecher an die Cliffs of Moher in Lisdoonvarna abgesetzt hatte, um sie am Ende einer über zehn Kilometer langen Wanderung auf wenig befahrenen Nebenstraßen wieder in Ennistymon zu treffen, bot so wenig Abwechslung, dass sie sie schon länger anödete – wenn sie sich wagte einzugestehen, dass dies irgendeinem Ort in ihrem geliebten Irland überhaupt gelang.

„Es ist karg, trostlos, monoton, ohne Wasser, ohne viel Grün – auch wenn wir angeblich auf der grünen Insel sind!" brach es schließlich aus ihr heraus. „Nicht dass Sie denken, ich mag Irland nicht, es ist eigentlich mein Lieblingsland" beeilte sie sich hinzuzufügen. „Aber gerade dieser Teil davon gefällt mir nicht sonderlich. Es mutet mich an wie eine Mondlandschaft! Oder eine windgepeitschte Steinprärie." Gerade jetzt wurde ihr wieder bewusst, wie der Wind an ihr zerrte, ihr den Atem wegriss und in ihren Ohren schmerzte. „Natürlich sieht man in die Weite und zum Himmel, wenn keine Bäume die Sicht versperren. Aber selbst die Sterne kommen mir kalt vor, weil sie so fern sind. Ich weiß noch nicht einmal mehr, welches der Abendstern ist, den ich am liebsten mag."

Suchend schaute sie zum Himmel. Genau in diesem Moment schoss ein strahlend heller Stern mit Kometenschweif quer über ihr Blickfeld, um dann ganz in ihrer Nähe wie in einer Feuerkugel aufzugehen und zu verlöschen. Unwillkürlich entfuhr ihr ein kleiner Laut der Entzückung. In ihrem bisherigen Leben hatte sie nur einige wenige Sternschnuppen weit entfernt und undeutlich blitzschnell vorbeihuschen sehen.

„Wünsch dir etwas," hörte sie leise neben sich.

Ohne dass sie überlegen musste, schoss ihr ein Wunsch durch den Kopf, der ihr gleichzeitig die Tränen in die Augen trieb, weil sie ihn als ihre momentan tiefste Sehnsucht erkannte und doch für unerfüllbar hielt.

Als sie wieder in die Richtung ihres Begleiters schaute, fand sie ihn zuerst gar nicht, dann sah sie, dass er etwas abseits der Straße am Boden kauerte.

„Du findest es hier eintönig und trostlos. Und doch gibt es in dieser trockenen Landschaft Leben. Schau."

Marie betrat ebenfalls den zerfurchten Grund des nackten Burren jenseits des Asphalts, bückte sich zu dem Fremden hinunter und folgte mit ihren Augen seiner Hand. In einer der unzähligen Falten des rissigen, verwitterten Felsgesteins reckte sich eine kleine, gelbe Rose empor, deren drei Blüten zwischen den grauen Kalksteinbrocken hervorleuchteten wie winzige Sonnen.

„Oh!" rief Marie entzückt aus. „Die ist ja wunderschön!"

„Eine Dünenrose," beantwortete der Mann ihre unausgesprochene Frage, wobei er seine Hand so zärtlich und schützend in einigem Abstand um die Pflanze wölbte, als wäre sie ein Kleinod. „Sie wächst in dieser Form nur hier. Die Flora, die sich in diesen Steinfugen – den sogenannten 'grykes' – entwickelt hat, würde an jedem anderen Ort verwelken. Es gibt hier aufgrund der jahrtausendealten Geschichte des Burren eine Mischung arktischer und alpiner Pflanzen, wie zum Beispiel Orchideen, Enzian, Sonnenröschen und viele weitere. Von irgendwoher hat sich genug Erde in den Rissen angesammelt, und irgendwoher bekommen sie genug Wasser, um nicht einzugehen. Was das Wasser betrifft, sagen übrigens Geologen, die sich mit dem Burren beschäftigt haben, sogar, dass sein Kern aus Wasser, nicht Stein, besteht. Er hat viele Untergrundreservoirs und Flüsse unter der Felsoberfläche, auch wenn ihn nur ein großer Fluss oberirdisch durchzieht und die Pflanzen hauptsächlich auf Regenwasser angewiesen sind. Aber es gibt auch einige Quellen, und sogenannte 'turloughs', 'verschwindende Seen', bei denen das Grundwasser periodisch an die Oberfläche tritt. Die Wasserversorgung im Burren ähnelt den Phasen des Mondes und damit zusammenhängend den Gezeiten. Es gibt Tage, wo der Mond voll und rund am Himmel steht, andere, wo er nur teilweise sichtbar ist, vielleicht nur ganz wenig, und dann scheint er gar nicht mehr da zu sein, existiert aber ungesehen dennoch weiter. So wie er periodenweise das Meer in die Tiefen des Ozeans zieht, und es dann wieder an die Küsten brandet, um Felsen abzutragen oder Schätze an den Strand zu spülen." Er richtete sich auf und ging langsam zur Straße zurück, wodurch er Marie einen Moment zum Nachdenken ließ. Als sie in nun rascherem Schritt zu dem Rest der Gruppe aufzuschließen begannen, hob er erneut an: „ Aber um vom Mond zu dieser Landschaft hier zurückzukommen: welches Gleichnis entnimmst du der Vegetation des Burren?"

„Dass es auch in der kargen Einöde Schönheit gibt?"

„Mehr noch. Die Kombination von alpinen, arktischen und inzwischen sogar mediterranen Pflanzen ist eine botanische Rarität. Es zeigt dir, dass in und aus der Steinwüste Schätze wachsen, die du deinem unsichtbaren Geliebten nirgendwo anders schenken könntest. Liebesbeweise, die du in der Ewigkeit, wenn du für immer in seinen Armen liegst und in seinen Augen versinkst, nicht mehr erwerben kannst."

Wie am Rande registrierte sie, dass er sie nun kontinuierlich zu duzen schien. Es schuf nach dem gemeinsam erlebten Wunder eine Vertrautheit zwischen ihnen, die ihr willkommen war, aber das war es nicht, weshalb sie sich auf einmal fühlte, als wäre ihr Herz eine Harfe und jemand hätte ihm unverhofft eine wunderschöne Melodie entlockt.

„Übrigens gibt es auch im kargen, felsigen Burren versteckte Oasen," fuhr er fort. „Leider steht Corcomroe Abbey nicht auf dem Reiseplan, aber das ist zum Beispiel so ein Ort nördlich von hier. Die Abteiruine liegt in einem grünen Tal, dessen Boden so fruchtbar ist, dass der Ort früher 'St. Mary's of the Fertile Rock' genannt wurde – 'Heilige Marie vom fruchtbaren Felsen'."

Marie musste grinsen. Sie wusste nicht, ob er ihren Namen kannte und ob er absichtlich oder aus Versehen 'Mary' mit 'Marie' statt 'Maria' übersetzt hatte, aber es erinnerte sie angenehm an jene erste Begegnung mit 'Íosa', in der er ihr durch die Erwähnung seiner Mutter gleichen Namens schon einen humorvoll versteckten, von ihr erst im Nachhinein erkannten Hinweis auf seine Identität gegeben hatte.

„Du wirst auch fruchtbar sein inmitten deiner Steinwüsten," sagte ihr Begleiter nun ernst. „So wie sich gerade hier im Burren historische Monumente häufen, werden in deinen Wüsten Denkmäler entstehen, in denen andere Menschen Hinweise auf deinen Geliebten finden. Aber schau, wir sind gerade an einer solchen historisch wichtigen Stätte angekommen."

Marie blickte um sich und sah vor ihr in dem Halblicht, das von der Straßenbeleuchtung des nahen Ortes herrühren musste, die umfangreichen Überreste eines sakralen Baus zwischen grünen Weiden und Trockensteinmauern aufragen. Rechts von der Kirchenruine hob sich ein einzelnes keltisches Kreuz dunkel und eindrucksvoll gegen den helleren Nachthimmel ab.

Marie und ihr Begleiter schlossen zu der Reisegruppe auf, die sich um ebendieses Kreuz geschart hatte. „Kilfenora Cathedral ist berühmt für seine Hochkreuze," hörte sie ihre deutsche Reiseleiterin, die Kunsthistorikerin Ute, mit der Marie per du war, auch schon dozieren. „Ursprünglich waren es angeblich einmal sieben, doch es wurden nur fünf gefunden. Das bedeutendste davon, das Doorty Cross, wurde inzwischen anderswo hinverlegt, und auch die restlichen Kreuze, die noch hier sind, können wir jetzt nicht besichtigen, weil sie zum Schutz vor der Witterung in der Kathedrale untergebracht sind. Hier jedoch sehen Sie ein Prachtexemplar vor sich, das West Cross, für das wir uns ein paar Minuten Zeit nehmen."

Marie wartete, bis der Ansturm ihrer Mitreisenden etwas abgeebbt war, und trat dann vorsichtig an das Kreuz heran. Es war schon recht verwittert, so dass sie die keltische Randornamentik in dem wenigen Licht nur aus nächster Nähe erkennen konnte. Die nach typisch keltischer Art stilisierte und dadurch etwas grob und unbeholfen erscheinende Figur des gekreuzigten Christus im Zentrum des Rundkreuzes stach dafür umso deutlicher hervor.

„Ist nicht das die ultimative Intimität?"

Irritiert drehte sich Marie um. Der Mann in dem blauen Parka, den sie in der Gruppe kurzzeitig aus den Augen verloren hatte, stand wieder neben ihr.

„Wie meinen Sie das?" Unbemerkt war sie wieder ins „Sie" zurückgerutscht.

„Was denkst du, warum er das getan hat?" fragte ihr Begleiter leise.

„Warum Christus am Kreuz gestorben ist? Um uns zu retten, um uns von unseren Sünden und Lasten zu befreien."

„Das stimmt zwar, ist aber nur eine Facette dieses Geheimnisses. Was fällt dir auf an der Darstellung hier?"

'Momentan fällt mir vor allem auf, dass du ständig zusammenhangslos neue Fragen aufwirfst und die vorherigen nicht beantwortest,' dachte Marie leicht gereizt. Doch dann gewann ihre Neugier die Oberhand und sie studierte die Skulptur genauer.

„Die Arme sehen total unrealistisch aus," konnte sie sich nicht enthalten hervorzuheben. „Sie sind rundlich nach innen gebogen, und zwar auf eine so freundliche Art, wie es einfach nicht aussehen kann, wenn jemand gewaltsam an ein Kreuz festgenagelt ist. Andererseits..." – sie trat einen Schritt zurück und dann wieder nach vorne – „...wirkt es dadurch so, als würde er den Betrachter willkommen heißen, in seine Arme schließen wollen."

„Es gibt noch ein historisch unkorrektes Detail," kommentierte ihr Nebenmann in ähnlich sanftem Tonfall wie zuvor.

„Warte, sag es mir nicht, ich will es selbst herausfinden!" unterbrach ihn Marie. „Ich liebe Rätsel," fügte sie halb entschuldigend hinzu.

Im Dämmerlicht sah sie, wie er lächelte.

Einige Minuten musterte sie das Kunstwerk mit gerunzelter Stirn, dann hellte sich ihre Miene auf. „Das Kleid!" meinte sie triumphierend. „Er hat ein bodenlanges Gewand an, dabei wurde ihm das doch abgenommen und er hatte nur noch seinen Lendenschurz."

„Nackt und entblößt, allen Verletzungen ausgeliefert, zur Schau gestellt mit allen Wunden." Er sagte es so, als wüsste er, wie sich das anfühlte. „Wieso könnte dieser Bildhauer dann eine solche Darstellung gewählt haben?"

„Weil er es nicht besser wusste? Nein, warte, ich will versuchen, mich darauf einzulassen." Sie entschloss sich, nun auch bei dem „Du" zu bleiben. „Keine Ahnung,"meinte sie schließlich nach einer kurzen Überlegpause. „Was denkst du?"

„Was, wenn es ein Hochzeitsgewand symbolisierte? Wenn das der eigentliche Grund war, weshalb er ans Kreuz ging?"

„Hmm," meinte Marie nachdenklich. „Das Gewand ist aber uneinheitlich," fuhr sie dann fort, abgelenkt durch dieses störende Element. „Er hat irgendetwas auf dem Bauch hängen, etwas Viereckiges."

„Gut beobachtet," mischte sich Ute ein, die eben neben Marie zum Stehen gekommen war. „Dieser mysteriöse Gegenstand wird in der Fachliteratur entweder als eine Art Umhängetasche oder Tornister gedeutet, die von seinem Hals hängt, oder als eine Buchtasche, oder auch als ein Reliquiar, also ein Reliquienbehältnis, eine Art Schrein. Die Verfechter der Buchtasche sehen darin eine Repräsentation des Evangeliums, das Christus in die Welt bringt. Zu den anderen beiden Gegenständen ist mir bisher noch keine Interpretation begegnet."

„Hm," meinte Marie nachdenklich. „Könnte es vielleicht das Leben als Reise symbolisieren? Oder als Kampf? Weil ein Tornister doch aus der Militärsprache kommt?"

„Und wenn man es als Reliquiar sieht," ergänzte ihr Nebenmann, „würde das heißen, was es enthält, ist Jesus heilig. Die Buchdeutung...".

„Das ist eine interessante Deutung, Marie," unterbrach ihn Ute, noch bevor er seinen Satz beenden konnte. „Wie auch immer, wir wollen in den nächsten Minuten aufbrechen, nur schon mal als Vorankündigung. Ich werde jetzt den Rest der Truppe einsammeln."

„Ist in Ordnung," gab Marie zerstreut zurück, ärgerlich darüber, dass Ute ihren Begleiter wie Luft zu behandeln schien. Umso herzlicher wandte sie sich ihm nun wieder zu.

„Also, wo waren wir stehengeblieben?"

„Bei dem eckigen Gegenstand. Der Deutung als Buch. Wie denkst du darüber? Stellt dich Utes Erklärung zufrieden?"

„Einerseits ja," meinte sie nachdenklich. „Aber andererseits ist sie mir so, wie sie sie formuliert hat, zu unpersönlich."

„In deinem Buch stehen geschrieben alle Tage, die noch werden sollten, als noch keiner von ihnen war," zitierte er leise. „Das ist ihr Lebensbuch, das Buch des Lebens seiner Geliebten, seiner Braut."

„Er hat ihr ganzes Leben genommen, sich umgehängt, es geteilt, am Kreuz auf sich genommen, um es zu erlösen!" rief Marie aufgeregt.

„Und ihr im Austausch sein Lebensbuch gegeben, sein perfektes, fehlerfreies, ewiges Leben. Aber es ist noch intimer als das. Was bedeutet ewiges Leben?"

„Nie zu sterben?" wagte sie wenig überzeugt.

„Im Johannesevangelium wird ewiges Leben definiert als Gott zu kennen. Und dass der Begriff 'kennen' im biblischen Sinn tiefer geht als rein intellektuelles Wissen, brauche ich dir denke ich nicht mehr zu erläutern, oder?" Seine Stimme hatte einen amüsierten Unterton, und sie bildete sich ein, er könnte ihr gerade zugezwinkert haben, auch wenn sie im nächtlichen Dämmerlicht Details seiner Gesichtszüge nur schwer ausmachen konnte.

„Es ist ihrer beider Lebensbuch, sozusagen ihr Ehebuch. Von dem Moment an, wo sie Ja zu ihm sagt, werden ihrer beider Leben zusammengelegt, was sich überzeitlich auf ihr ganzes bisheriges Leben ausweitet. Von da an, wo sie ihm ihr Leben gibt und er ihr seines, können die Beiden zusammen in die Zukunft vorwärtsgehen, sie können aber zusätzlich auch in jeden Zeitpunkt der Vergangenheit zurückgehen und ihn ebenfalls erlösen. Das ist das neue Leben, ein Leben in dem sie keine Sekunde voneinander getrennt sind, weder auf dieser Erde noch erst recht nicht in der Ewigkeit."

Marie starrte ihn mit vor Erstaunen offenem Mund an. „So habe ich das noch nie gesehen," meinte sie schließlich lahm. „Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein."

„Deshalb heißt es ja auch das Evangelium, die Gute Nachricht, um zu Utes generalisierender Erklärung zurückzukommen. Aber hast du eigentlich schon die andere Seite des Kreuzes betrachtet, seine Kehrseite?"

„Meinst du wörtlich oder symbolisch?" Angesichts der Tiefgründigkeit ihres momentanen Gesprächs, bei dem ihr Partner mit jedem Satz eine neue, überraschende Wende aufzutischen schien, war sie sich so unsicher als würde sie auf Wasser gehen. 'Oder auf Wasser tanzen, mit jemandem, der mich unvorhersehbar aber souverän führt,' schoss es ihr durch den Kopf.

Er schien nun zu schmunzeln. „Beides."

Für einen Moment bezog sie es auf ihre unausgesprochenen Gedanken, bevor ihr ihre Frage zu dem Kreuz wieder einfiel. Sie spürte, wie sie rot wurde. Rasch umrundete sie das Hochkreuz und studierte seine Rückseite.

„Oben, genau wo sich auf der anderen Seite der Gekreuzigte befindet, ist hier ein Kreis – eine Kugel – von der ganz viele Strahlen ausgehen," überlegte sie laut. „Das scheint alles zu sein."

„Kannst du unter den Strahlen etwas sehen? Um die Kugel herum?" Seine Stimme kam von hinten etwas über ihr und sie spürte, dass er direkt hinter ihr stand. Seltsamerweise fühlte sie sich davon nicht bedrängt, eher beschützt, obwohl sie ihn ja eigentlich kaum kannte. 'Würde ich nur einen Schritt zurücktreten, befände ich mich in seinen Armen und könnte mich an seine Brust anlehnen...' Sie schalt sich sofort für diesen Gedanken und beeilte sich, ihre Aufmerksamkeit wieder dem Stein zu widmen.

„Ja, doch, ich sehe etwas," sagte sie langsam. „Es sieht aus wie Finger unter den Strahlen. Hände! Weiter unten sieht man auch die Handgelenke, jetzt erkenne ich es deutlich, sogar einzelne Sehnen sind stilisiert. Es sind Hände, die diese Kugel halten!"

„Warum entschloss er sich, ans Kreuz zu gehen?" Verwirrt hielt Marie inne. Ihr Gegenüber fing anscheinend schon wieder an, mit seinen Äußerungen zusammenhangslos hin und her zu springen. Außerdem hatte er diese Frage vorhin schon einmal gestellt.

„Und warum musste er es tun? Warum konnte der Vater es ihm nicht ersparen, als er ihn in Gethsemane zutiefst gequält darum bat, einen anderen Weg zu finden?"

„Weil jede Sünde Konsequenzen hat, die man nicht einfach so unter den Teppich kehren kann, die ernstgenommen, gesühnt, wiedergutgemacht werden müssen, sonst wäre es eine Missachtung derer, die unter den Folgen der Übertretung leiden," gab Marie zurück. Das war eine Erkenntnis, die ihr erst vor kurzem geschenkt worden war, so dass sie besonders stolz darauf war, auf dieses Rätsel nun eine zufriedenstellende Antwort zu haben.

„Ja, das Geschehen am Kreuz macht alles neu," stimmte der Mann ihr ernst zu. „Es stellt gerechte Harmonie wieder her, so dass es wieder wird wie am Anfang, als Gott sagen konnte, dass es gut ist. Aber wenn die drei Personen der Trinität dieses extreme Leiden für alle drei nur aus Mitleid mit einer verlorenen Menschheit auf sich genommen hätten, warum hätten sie diese in erster Linie überhaupt erschaffen sollen, da sie doch vorher schon wussten, was kommen würde?"

„Das habe ich mich auch manchmal schon gefragt," brach es aus Marie heraus.

„Die Antwort findest du hier auf der Rückseite: Wegen der vor ihm liegenden Freude ertrug er das Kreuz. So sagt es der Hebräerbrief. Diese Freude wird in einem Gleichnis beschrieben als ein Schatz im Acker, für den er alles hergibt. Wörtlich heißt es im Matthäusevangelium „wegen seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat", also ganz ähnlich formuliert. Dieser Schatz ist seine Braut. Er bezahlt jeden Preis für sie, weil sie ihm unendlich wertvoll ist. Wie der Schrein, von dem vorhin die Rede war. Er ging in erster Linie ans Kreuz, um seine Braut zu gewinnen und sich ganz mit ihr zu vereinen. Und deshalb konnte ihm der Vater auch nichts von dem ersparen, was irgendein Mensch je ist und erlebt, von Anbeginn der Welt bis zu ihrem Ende und darüber hinaus. Wenn die Menschheit – das heißt jeder Einzelne, der ihn wählen würde, weil Liebe freiwillige Wahl des anderen bedeutet – wirklich seine Braut sein sollte – und das war ihm wichtiger als alles andere – musste er „Vater und Mutter verlassen" – die für ihn so schreckliche Trennung von seinem Vater, der ewigen Liebe, auf sich nehmen – und „seiner Frau anhängen": eins werden mit ihr in allem, dem Guten und Schlechten, auch dem für ihn bisher unbekannten Horror der Sünde. In dem Gleichnis heißt es, er kauft den ganzen Acker, nicht nur den Schatz. Er nimmt sie ganz mit allen Verwundungen, falschen Schutzmechanismen, Unzulänglichkeiten, Sünden, ihrem ganzen Leben, um dann langsam den Schatz in ihrem Herzen freizulegen, ihr eigentliches Wesen, die Gottesebenbildlichkeit in ihrem Innern – und jeder Schritt dieses gesamten Prozesses, einschließlich des Kaufens an sich, geht nur mit der Einwilligung dieses Schatzes, weil echte Liebe nicht nötigt. Anscheinend war es ihm wichtiger, eine Braut zu haben mit all diesen Implikationen, als keine zu haben."

Marie schwieg eine Zeitlang tief bewegt. Sie hatte sich die letzten Jahre über eingebildet, sich in der Bibel und den Wahrheiten ihres Glaubens gut auszukennen, doch dieser Mann schien ihr in beidem weit überlegen zu sein.

„Ich hatte dieses Gleichnis immer andersherum verstanden," gab sie schließlich zu. „Dass wir für das Reich Gottes alles andere aufgeben sollen."

„Was ist das Reich Gottes anderes als die gemeinsame Liebesbeziehung? Und eine echte Partnerbeziehung ist geprägt von Gegenseitigkeit. Daher geht dieses Gleichnis natürlich in beide Richtungen. Auch sie gibt im Laufe ihres Lebens immer mehr alles andere, ihr ganzes Leben, für die Freude, die sie in ihm gefunden hat. Und dass man seinen Partner umso tiefer kennt, je mehr man dessen Erfahrungen mit ihm teilt, Angenehmes und Unangenehmes, gilt auch für sie. Das ist die Brautdimension, zu der Jesus in diesen Passagen einlädt, die von 'sein Kreuz auf sich nehmen', 'sein Leben verlieren' und 'ihm nachfolgen' reden, oder dass man 'Äcker, Häuser, Vater, Mutter und so weiter verlassen muss um seinetwillen, um ihm ebenbürtig zu sein.'"

Marie atmete tief durch. „Diese Stellen haben mich früher immer gestört, weil ich sie als willkürliche, unter Druck setzende, fast grausame Forderungen und Überforderungen aufgefasst hatte. Aber so wie du sie erklärst – finde ich das, was sie ausmalen, wunderschön und begehrenswert!"

Sie sah, wie er nickte. „Viele schwer verdauliche Passagen in der Bibel werden einem erst sinnvoll erschlossen, wenn man sie durch die Augen der Liebe sieht. Und zwar nicht nur der Eltern-Kind-Liebe, sondern des exklusiven Bundes zweier Ehepartner, der auf gegenseitiger, völliger Hingabe basiert. Letztendlich ist dieser Schatz im Acker jeder der beiden Partner für den anderen, und dadurch eigentlich sie beide als gemeinsame Einheit. Das „Reich der Himmel", wie es im Original heißt, ist ihre Ehe."

„Steht das deshalb im Plural, weil jeder für den anderen den Himmel darstellt?" fragte Marie begeistert.

„Ein guter Gedanke," stimmte ihr Gegenüber nachdenklich zu.

Als würde sie aus einer anderen Welt auftauchen, sah Marie um sich und bemerkte, dass sie alleine waren. Die anderen mussten inzwischen aufgebrochen sein, und sie sollten ihnen eigentlich folgen, um sie nicht zu verlieren. Wahrscheinlich wurde auch schon längst von ihnen erwartet, sich wieder in die Gesamtgruppe zu integrieren. Der Gedanke versetzte Marie einen Stich ins Herz. 'Es können erst ein paar Minuten vergangen sein, seit wir hier sind, wir können ja dann schnell laufen und werden sie bestimmt bald einholen," beruhigte sie ihr Gewissen. Sie ging ein paar Schritte weiter und setzte sich so auf die Trockensteinmauer, die den Kirchhof umfriedete, dass sie immer noch das prominente Hochkreuz im Blick haben konnte. Sie atmete erleichtert auf, als ihr Begleiter sich neben ihr niederließ. Fast vermeinte sie die Wärme zu spüren, die sein Körper dicht bei ihr in der Nachtkälte auszuströmen schien.

„Das war es, was ich vorhin mit der größten Intimität meinte," äußerte er nach einer Weile sanft. „Alles, wirklich alles zu teilen. Permanent ganz eins zu sein. Jede menschliche, irdische, physische Metapher dieser ganzheitlichen Intimität, all die Dinge, nach denen du dich so sehnst, selbst die sexuelle Vereinigung von Mann und Frau, ist gegenüber dieser Vereinigung am Kreuz, die alle Zeitalter überdauert, dieser Vereinigung im Tod und in der Auferstehung, im irdischen und im unsterblichen Leben, ein Zurückschauen, eine Reduktion."

„Aber hier im irdischen Leben merkt man irgendwie so wenig von dieser völligen Einheit, von der du redest," wagte Marie nun doch einzuwenden.

„Ja, das stimmt leider," pflichtete er ihr traurig bei. „Hier befindet sich dieser Schatz noch in irdenen Gefäßen, wie Paulus es ausdrückt. Er ist verhüllt in einem Körper, der limitiert ist, Peinlichkeiten bereitet, Gefahren und Beeinträchtigungen ausgesetzt ist, von Krankheiten gebeutelt wird, und so weiter; in einer Seele, die inmitten ihrer Unzulänglichkeiten durch das tönerne Gefäß hindurch nur ansatzweise und bruchstückhaft die glorreiche Realität wahrnehmen kann, nur sieht wie in einem Spiegelglas, wie Paulus sagt. Denn so wie der Schatz in dem Krug von außen von Menschen nur wenig wahrgenommen werden kann, so kann er auch von innen heraus nur wenig von seinem göttlichen Bewunderer sehen. Aber vielleicht will dieser es nicht anders, schließlich geht er in dem Gleichnis hin, nachdem er den Schatz gefunden hat, und verbirgt ihn wieder im Acker, bis das Ganze sein ist. Natürlich kann man das auch auf die Zeit vor ihrem Bündnisschluss deuten, dass er wartet, bis sie bereit ist für ihre Entscheidung – für oder gegen ihn – und sie so lange unbemerkt schützt, ohne sich ihr zu zeigen und damit aufzudrängen – aber vielleicht steckt darin auch ein Hinweis, dass während des gesamten Erdenlebens Verbergen Schutz bedeutet."

„Wovor sollte das in diesem Kontext schützen? Dass wir in zerbrechlichen Gefäßen ausharren müssen, wenn wir ihm doch schon gehören wollen?" Sie sah ihn verständnislos an.

„Vielleicht vor Dingen wie Stolz? Überheblichkeit? Abhängigkeit von Ansehen bei Menschen? Mangelndem Verständnis und Empathie für andere?"

Marie schwieg nachdenklich. Ihr Kopf schwirrte allmählich von all den neuen Gedanken.

„Aber als einer der beiden Partner weißt du trotzdem irgendwie um den Schatz," rundete er das Gespräch ab. „Es ist in etwa so, wie wenn ein Baby noch im Mutterleib ist, du aber sicher bist, dass es einmal wie ein voll entwickelter Mensch aussehen wird. Oder wie wenn du eine kleine, grüne geschlossene Knospe eines Gänseblümchens siehst und schon weißt, dass sie einmal weiße Blütenblätter und ein goldenes Zentrum haben wird. Oder wie wenn du ein Gemälde in deinem Kopf hast, das dir schon vor Augen steht, das du aber noch ausführen musst. Nur dass all diese irdischen Dinge Unsicherheitsfaktoren unterworfen sind. In Gottes unvergänglichem Reich jedoch, in dem du dich jetzt schon unsichtbar befindest, kommt die gegenseitige vollständige Enthüllung in entfalteter Schönheit, nach der du dich sehnst, so sicher wie der Tod. Weil die Liebe stark ist wie der Tod." Er lächelte sie an.

Marie lächelte zaghaft zurück.

„Sollten wir nicht allmählich zu den anderen aufschließen, bevor sie uns abgehängt haben und wir nicht mehr zurückfinden?" fragte sie dann besorgt, während sie von der Mauer aufstand.

Er stand ebenfalls auf. „Noch nicht." Es klang dringlich. „Keine Angst, ich kenne den Weg. Warte. Ich wollte dich noch etwas fragen."

Überrascht und etwas bang sah Marie ihn an. Was würde jetzt kommen?

„Wie deutest du die Sternschnuppe?"

Mit jeder anderen Frage hätte sie eher gerechnet als mit dieser. „Denkst du, dass sie etwas aussagen sollte?" meinte sie verwirrt.

Er lachte laut auf. „Komm schon, Marie! Wenn du doch selbst einem herzförmigen Stein unter deinen Füßen Bedeutung zumisst – von denen du jährlich hunderte findest!"

Irgendetwas ließ sie aufhorchen bei diesem Wortlaut, irgendein Anklang an etwas Bekanntes, gepaart mit mehreren Ungewöhnlichkeiten an seiner Aussage, doch sie konnte es momentan nicht einordnen.

„Also?" Er wartete auf ihre Antwort.

„Die Sterne sind für mich etwas Wunderschönes, aber auch unerreichbar," wagte sie schließlich zögernd. „Sie erscheinen mir so fern. Wie mein Geliebter, der heiß ersehnte, alles überstrahlende Morgenstern. Aber eine Sternschnuppe ist für mich ein Wunder. Sie wird nahbar, dadurch dass gerade ich sie erfahren darf, etwas so Besonderes, Einmaliges. Sie kommt zu mir, fällt auf die Erde. Könnte es vielleicht heißen, dass ich... immer mal wieder ein Wunder bekomme? Gerade dann, wenn mir alles monoton und trostlos vorkommt?"

Sie nahm wahr, wie er zustimmend nickte. „Dass der lange, kalte Winter nicht ohne glitzernde Schneekristalle bleibt. Nicht ohne sanft und warm glimmende Kerzen. Nicht ohne Weihnachten. Wie sagtest du vorhin? Ein Mann möchte sich als stark erweisen. Für seine Geliebte. Die Sternschnuppe bedeutet, dass dein Geliebter immer wieder kommt, um dich von deinem Liebeskummer zu erretten."

Ein Ziehen von Sehnsucht durchfuhr Maries Herz bei diesen Worten. „Ich hoffe, du hast Recht," flüsterte sie verloren.

„Marie." Ihr Name klang so intensiv, so schön aus seinem Mund, dass ihr der Atem stockte – er klang wie gesprochen von jemandem, der sie zutiefst kannte.

„Ich bin hier. Ich bin nicht der Gärtner. Ich bin es selbst."

Sie wollte mit seinem Namen antworten, aber heraus kam nur ein Schluchzen, bevor sie sich in seine Arme warf und ihn umklammerte, als wollte sie ihn hier und jetzt nie mehr loslassen.

Schließlich schob er sie vorsichtig ein Stück von sich, legte seine Hand unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht, das sie zu Boden gerichtet hielt, während sie mit Tränen kämpfte, zu seinem auf, so dass sie sich auf Augenhöhe anblickten. Ganz langsam und sachte strichen seine Finger über ihre tränenbenetzten Wangen. Dann legte er seine Hände um ihr Gesicht, wie um eine kostbare Schale, wie bei ihrer zweiten Begegnung an dem Felsenbrunnen, als sie aus der lebendigen, herzförmigen Schale seiner Hände getrunken hatte. Lange Zeit hielt er sie so, während ihre Augen seine eintranken, wie bei ihrer ersten Begegnung – das einzige Wasser, das sie je wirklich brauchte.

„Weißt du, was ich in meinen Händen halte?" fragte er schließlich zärtlich.

„Sag es mir." Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, während sie ihn mit weit geöffneten Pupillen ansah. Sie konnte sich nicht erinnern, sich jemals so offen, verletzlich und gleichzeitig echt, sie selbst in ihrem innersten Wesen, gefühlt zu haben.

„Die Freude, für die ich ans Kreuz ging. Die eine Perle, für die ich alles gab. Den Schatz im Acker, den du auf jenem Stein vorhin dargestellt sahst. Den wahren Schatz – den, der mein Herz gestohlen hat. Mit einem Blick deiner Augen. Mit einem deiner Augen, noch bevor es mich ansah, bevor es in meine Richtung blickte, mich überhaupt wahrnahm. Schon als ich dich erschuf, als meine Hände dich in Existenz liebkosten, mein Atem Leben in dich küsste, sah ich in deine ungeformten, erst in meinen Gedanken geplanten Augen. Ich erkannte darin deine ganze Seele – und verlor unwiederbringlich mein Herz an dich. Glaubst du mir das, meine geliebte Braut?"

Sie nickte stumm. Ihr Bedürfnis nach seiner Nähe war so überwältigend, dass es ihr erneut die Tränen in die Augen trieb. Sie blinzelte sie weg und drückte sich an seinen Körper. „Darf ich?" fragte sie schüchtern, und wartete nur auf seine Zustimmung, bevor sie den Reißverschluss seiner Windjacke weit aufzog, um ihre Arme um seinen Nacken zu schlingen und ihren Kopf an seiner Brust zu bergen. Sie fühlte, wie er seine Hand um ihren Kopf wölbte, ähnlich wie vorher bei der Dünenrose, nur dass er sie berührte, sicher und geborgen einen Moment festhielt, um dann zart und beruhigend über ihre Haare zu streicheln. Marie seufzte einmal auf und lag dann lange still in seinen Armen, ihre Wange an seinen Pullover gepresst, während sie mit geschlossenen Augen seinen Geruch einsog.

Nach einer Weile spürte sie seinen Atem in ihren Haaren.

„Was hast du dir gewünscht – vorhin bei der Sternschnuppe?" flüsterte er sanft in ihr Ohr.

Marie löste sich etwas von ihm, um ihn anschauen zu können. „Für immer mit dir in einem netten kleinen Haus zusammenwohnen zu dürfen," antwortete sie, plötzlich wieder ein wenig melancholisch. „Eigentlich ist es auch egal, ob es nett ist," relativierte sie ihre Aussage nach einem Moment. „Eigentlich kann man das Haus aus dem Wunsch auch weglassen," fügte sie nach einem weiteren Moment hinzu. „Für immer mit dir wirklich zusammenzuleben, so wie mit einem Menschen – mit dir als meinem Mann. Natürlich im Himmel, aber ich meinte irgendwie auch hier im realen Leben. Aber ich weiß ja, dass das so nicht möglich ist." Sie schaute betreten zu Boden.

„Marie." Sachte strich er ihr eine Haarsträhne vor dem Gesicht weg und hob ihr Kinn, so dass sie ihn wieder ansah. „Ich habe in der Ewigkeit eine Wohnung für dich bereitet. Für uns beide allein. Schöner, als du sie dir je vorstellen könntest, denn sie ist ein Teil meines Herzens nur für dich. Bis dahin, hier schon, auch wenn es dir nicht so vorkommt, bin ich deine Wohnung. Und du bist meine."

Sie wusste, dass sie dies aufheitern sollte und sie sich eigentlich freuen müsste, aber irgendwie war sie noch nicht vollständig getröstet. Eine Zeitlang starrte sie stumm auf die geschwungenen Fenster- und Türbögen der halb verfallenen Kathedrale. „Hast du dir auch etwas gewünscht bei der Sternschnuppe?" fragte sie schließlich.

„Ja." Ihr Kopf ruckte überrascht zu ihm hin. Gleichzeitig merkte sie, dass ihr Bild von ihm ihm irgendwie immer noch viel zu wenig an Verletzlichkeit, Ähnlichkeit mit ihr, Menschsein zugestanden hatte.

„Darf ich auch wissen, was es war?" erkundigte sie sich interessiert.

Er schaute ihr fest in die Augen. „Der gleiche Wunsch wie deiner." Ihre Pupillen weiteten sich überrascht. „Wenn du mir nicht glaubst, lies es nach in Johannes 17:24," fügte er leise hinzu.

Sie wusste nichts zu sagen.

„Marie." Ihr Name klang sanft und liebkosend aus seinem Mund. „Zweifle nicht an mir. Schau auf zum Himmel und sieh meine Liebe für dich."

Gespannt wie ein kleines Kind hob Marie ihre Augen zum weiten nächtlichen Firmament. Was genau sie nach dem Höhepunkt der Sternschnuppe von vorher Außergewöhnliches wahrzunehmen erwartete, wusste sie selbst nicht, aber auf das, was sie sah, war sie in diesem Moment gewiss nicht gefasst: eine graue, wolkenverhangene, absolut nichtssagende Fläche. Für ein paar Minuten drehte sie ihren Kopf in alle Richtungen und kniff angestrengt die Augen zusammen, um vielleicht wenigstens einen der vorher so klar leuchtenden Sterne zu entdecken, doch kein einziger

heller Punkt glomm durch das trübe, verwaschene Grau.

„Heißt das, du liebst mich doch nicht?" entfuhr es ihr unüberlegt. „Nein, tut mir Leid, das kann nicht sein," berichtigte sie sich schnell. Dennoch spürte sie einen kleinen Stich der Enttäuschung, wenn nicht gar Bestürzung in ihrem Herzen.

„Was siehst du?" fragte ihr Gegenüber sanft.

„Keinen einzigen Stern, keinen Mond, nicht einmal eine interessante Wolke, und noch nicht einmal das tiefe, samtige Schwarz der Nacht," erwiderte sie traurig. Sie bemerkte nun, dass ein leichter Regen auf sie herab nieselte.

„Glaubst du, dass dort oben Sterne sind?"

Marie lachte kurz auf. „Ich weiß, dass dort welche sind, ich habe sie ja heute Nacht schon genau dort gesehen, und außerdem weiß ich es auch so, von meinem Allgemeinwissen her."

„Und genauso wissen wir beide, dass unsere gegenseitige Liebe da ist, auch dann, wenn sie aus irgendeinem Grund verdeckt ist", sagte er schlicht.

Marie sah ihn stumm an und atmete dann erleichtert auf. Sie lächelte etwas missglückt, weil ihr ihre Kleingläubigkeit nun peinlich war.

Er strahlte sie aufmunternd an, so als wollte er ihre Betretenheit hinweglächeln wie die Sonne eine leichte Kälte. „Erinnerst du dich, was ich vorhin über die Wasserversorgung im Burren erzählte? Dein Innerstes ist nie ohne Wasserkern, auch wenn du auf der Oberfläche nichts davon wahrnimmst. Du bist nie mehr ohne das Wasser meiner Liebe. Ich habe mein lebendiges Wasser, meinen Heiligen Geist in dich ausgegossen, als du Ja zu mir sagtest. Meine Liebe ist ewiges Wasser, das nicht punktuell befriedigt und dann wieder vergeht wie die irdischen Metaphern. Nicht wie wenn es regnet und die Pflanzen bald danach wieder neues Wasser brauchen; nicht wie wenn du trinkst und kurz darauf wieder Durst hast; nicht wie wenn ein Mann seine Lebendigkeit in seine Frau ergießt und die Vereinigung bald danach wieder abebbt. Meine Erfüllung bleibt für immer. Wir beide sind eine fortwährende, nie endende Einheit, jetzt schon auf ewig miteinander verschmolzen. Ich bin in dir und du in mir, egal wie wenig du hier auf dieser Erde davon erkennen kannst. Das Königreich ist schon hier." Er legte seine Hand auf ihre Herzgegend. „Das Königreich ist schon in dir."

Marie starrte ihn mit großen Augen an. Er strich ihr zärtlich über die Wange.

„Ich möchte dir meinen Frieden schenken. Die Gewissheit, dass ich dich liebe und du mich liebst, dass ich bei dir bin und du bei mir, egal was du fühlst, hörst, siehst, wahrnimmst. Ein tiefes Bewusstsein meiner Gegenwart, das nicht von Erlebnissen mit mir abhängig ist. Möchtest du diese innere Gewissheit haben?"

Marie überlegte einen Moment, dann nickte sie. „Schon. Aber nur, wenn sie nicht meine Sehnsucht nach dir wegnimmt, die mir irgendwie auch sehr wichtig ist."

„Wasser hat viele Erscheinungsformen, meine Geliebte, so wie die Offenbarung vom Geräusch vieler Wasser redet. Es kann leise herabfallen als Schneeflocken, die sachte und zärtlich die Erde und ihre Pflanzen küssen. Es kann herabstürmen als ein Schneewirbel, sanft und doch leidenschaftlich zugleich."

Marie seufzte sehnsüchtig.

„Es kann in einem plötzlichen, überraschenden Gewitter die Luft klären," fuhr er fort. „Oder es kann in beständigem Regen harte Erde aufweichen. Es kann entdeckerisch aus frisch entsprungenen Quellen hervorsprudeln, still genießend in sonnenbeschienenen Weihern ruhen, fröhlich in plätschernden Bächen dahinspringen, sehnsuchtsvoll in breiten Flüssen dem Meer zu strömen, es kann sich in fast schmerzvoller, sehnender Leidenschaft als Wasserfall in ein tiefes Becken ergießen."

Marie fühlte bei diesen Worten die Schmetterlinge in ihrem Bauch flattern.

Er lächelte sie an. „Unsere Liebe hat unendlich viele Facetten, und jede kommt irgendwann zum Tragen, dafür rückt eine andere vielleicht zeitweilig in den Hintergrund. Aber bereits Vorhandenes geht nicht verloren, wenn etwas Neues hinzukommt. Heute möchte ich dir diesen ruhigen, unmerklichen See in deinem Innern schenken, wie der Wasserkern des Burrens tief unter jedem Felsen oberflächlicher Trockenheit. Möchtest du ihn haben?"

„Ja." Sie nickte ernst. „Aber ich habe keine Ahnung, wie ich eine solche Ruhe bekommen kann, wenn ich mich doch so einsam fühle, wenn du wieder weg... ich meine, nicht mehr erfahrbar bist."

„Halte einfach dein Herz auf und bitte mich darum."

„Bitte gib mir diese Gewissheit ins Herz," sagte sie voll ernsthafter Dringlichkeit und versuchte sich dabei vorzustellen, ihm ihr Innerstes zu öffnen. „Bitte schreibe sie mir hinein, bitte... bitte küsse sie hinein."

„Bittet, so wird euch gegeben. Du hast sie. So einfach." Er lächelte sie strahlend an.

„Und das war alles?" fragte sie ungläubig.

„Ich gebe nicht, wie die Welt gibt. Es werden Situationen kommen, die dem in dich Hineingelegten Gelegenheiten schaffen, entwickelt und ausgelebt zu werden, wie bei allen Gaben, die in dir angelegt sind, aber es wird sich unweigerlich ausbreiten und du wirst es erkennen und dich daran erfreuen. Du wirst schon sehen. Übrigens..."

Ein verschmitztes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht, weich abgedämpft von den tiefen Emotionen, die aus seinen Augen auf sie einstrahlten und ihr Innerstes zutiefst aufwühlten. Er wirkte dadurch zugleich sehr irdisch-vertraut und dennoch verklärt. „Habe ich deine zwischen den Zeilen versteckte Botschaft von vorhin und deine Formulierung von eben richtig gedeutet, dass du dir wünschst, wieder einmal von mir geküsst zu werden?"

Marie konnte nicht anders als spontan zurück zu grinsen, während sich gleichzeitig ihre Augen mit Tränen füllten. Sie blinzelte und spürte, wie sie über ihre Wange in seine Finger rannen, die Finger der Hand, die nicht gerade unendlich sanft und beruhigend ihre Haare streichelte. Maries Lider schlossen sich erst, als die Wärme seines Atems wie eine Feder ihre verbleibenden Tränen streifte und sie seine Lippen weich und süß auf ihren schmeckte.

Es dauerte lange, bis sie ihre Augen allmählich zu öffnen wagte – und sie sofort wieder schloss, geblendet vom grellen Licht zahlreicher Taschenlampen.

„Marie, wir dachten schon, wir hätten dich verloren!" Ute kam erleichtert auf sie zu. „Die anderen meinten, du seist vom Weg abgekommen, weil du einen Großteil der Wanderung so weit alleine zurückgeblieben bist. Doch dann kam einer der Männer auf die Idee, dass du wahrscheinlich noch die Kathedrale besichtigst, weil du einfach nicht mitbekommen hast, dass wir schon weitergegangen sind."

„Ich war ja nicht alleine," wandte Marie halbherzig ein. Sie blickte um sich und war nicht wirklich erstaunt, den Mann im blauen Parka nirgends mehr zu entdecken. „Tut mir Leid, dass ich euch Mühe verursacht habe," beeilte sie sich hinzuzufügen.

„Jetzt wo wir wieder hier sind, könnten wir nach der Aufregung auch eine kleine Trink- und Verschnaufpause einlegen," meinte eine der älteren Teilnehmerinnen, die soeben neben Marie zum Stehen kam.

Marie zog den Reißverschluss ihrer Jacke etwas höher gegen die Kälte, schob sich ihre herabgefallene Kapuze wieder über den Kopf und seufzte.

„Du sahst sehr weggetreten aus, als wir dich eben fanden," nahm Ute Marie beiseite, während die anderen in kleinen Grüppchen auf der Steinmauer Rast machten und sich hier und da gedämpft unterhielten. „Als hättest du meditiert oder so. Was fasziniert dich so an diesem Ort, dass du uns darüber ganz vergessen hast? Versteh mich nicht falsch," fügte sie schnell hinzu, als sie Maries leicht alarmierten Gesichtsausdruck sah. „Ich will dir nicht zu nahe treten und dich auch nicht kritisieren. Ich finde es nur interessant, und kenne es ein Stück weit von mir selbst, wie manche Orte, gerade hier in Irland, eine fast magische Anziehungskraft auszuströmen scheinen."

„Von dem, was man hier sieht, ist es nicht der Ort," sagte Marie leise. „sondern das Kreuz. Seine beiden Seiten. Dass auf der Rückseite dieser Schatz ist, mit den Händen darum."

„Ah, du meinst die Sonne? So wird dieser Kreis mit den Strahlen gemeinhin gedeutet, als Symbol für die Auferstehung, komplementär zur Kreuzigung auf der anderen Seite. Aber Hände?" Ute sah Marie verwirrt und etwas besorgt an. „Hier sind keine Hände. Ich kenne jede Seite dieses Kreuzes aus zahlreichen Abbildungen und ausführlichen Beschreibungen im Internet und der Fachliteratur. Außerdem habe ich schon mehrere Führungen bei Tageslicht gemacht und aus eigenem Interesse dieses Kreuz nach allen möglichen dargestellten Details und Mustern abgesucht. Mach dir nichts draus, Marie," beeilte sie sich zu sagen, als sie Maries bestürzte Miene bemerkte. „Es war wahrscheinlich ein Trick des Dämmerlichtes. Das kann öfters passieren."

Marie ging vor bis an den Fuß des Kreuzes, umrundete es, um die Rückseite zu sehen, stellte sich auf die Zehenspitzen und starrte lange auf die verwitterten Markierungen in dem grauen Stein, reckte dann ihren Arm hoch und fuhr den gesamten Bereich um die Einkerbungen ungläubig mit den Fingern nach. Schließlich trat sie einen Schritt zurück.

„Jetzt kann ich sie auch nicht mehr erkennen," murmelte sie in Richtung ihrer schon im Weggehen begriffenen Reiseleiterin. Und fügte dann so leise hinzu, dass Ute es nicht mehr hören konnte: „Aber ich weiß trotzdem, dass sie da sind."