Prolog

Vor fünfzehn Jahren

Langsam stieg sie die Eisenleiter hinauf. In diesem Teil des Gebäudes herrschte eine unheimliche Stille. Hier war nur selten jemand und in diesem Moment – wo alle damit beschäftigt waren die Patienten mit dem kargen Krankenhausessen zu versorgen – würde sie hier ungestört sein. Niemand würde sie finden, bevor sie es nicht wollte. Mit den Händen stützte sie sich auf dem verdreckten Boden ab und hievte sich auf den dunklen Dachboden. Ihre Last ließ sie neben sich auf den Holzboden gleiten. Ein kalter Wind fuhr durch den Raum. Er war durch das Fenster an der Stirnseite eingedrungen, das einen Spalt offenstand. Sie fröstelte und schlang schützen die Arme um ihren in weiß gekleideten Körper. Der Tag war nach den letzten Wochen voller Frühlingssonnenschein außergewöhnlich kühl und sie bedauerte heute Morgen nicht ihre Strickjacke mit zur Arbeit genommen zu haben. Die Ärmel an ihrer Schwesternkluft waren kurz und schützten ihre Trägerin nicht vor der Kälte dieses Tages. So wie auch nichts anderes sie hatte schützen können. Sie trat ans Fenster und schloss es. Weiße Farbe blätterte ab und fiel auf ihre Hand. Ärgerlich schüttelte sie sie ab und trat neben den Holzstuhl unter den Querbalken. Jetzt war es also soweit. Es war alles da. Im Laufe des Vormittags hatte sie alles hierher geschafft, was sie brauchte. Nicht, dass es allzu viel gewesen wäre. Nur den Stuhl hatte sie herbringen müssen. Das war schwieriger gewesen als gedacht. Natürlich standen die alten Holzstühle, die sie an die Stühle an ihrer Grundschule erinnerten, noch immer im Keller nachdem sie zu Beginn der siebziger Jahre durch moderne Bürostühle mit Rollen ersetzt worden waren. Niemand hatte sich um sie gekümmert. Genauso wenig wie jemand sich um SIE gekümmert hatte. Die Bürostühle waren für ihre Zwecke nicht geeignet. Deswegen war sie heute Morgen in den Keller hinunter gestiegen und hatte einen geholt, während die anderen Krankenschwestern ihre Zigarettenpause genossen hatten. Niemand hatte sie gefragt, wo sie gewesen war. Schließlich war sie in den letzten Monaten nie bei ihnen dabei gewesen. Auch wenn jeder wusste, dass der Grund ihres Fernbleibens nicht mehr vorhanden war, hatte niemand sie darauf angesprochen. Es war nicht einfach gewesen den Stuhl die letzten Meter hinauf auf den Dachstuhl zu bringen. Aber sie hatte es geschafft und einen Moment lang hatte sie eine unendliche Befriedigung angesichts ihres vollbrachten Werkes gefühlt. Die restlichen Stunden ihres Dienstes hatte sie ihre übliche Überlegenheit gegenüber ihren Kolleginnen gespürt. Dann war sie gegangen. Einfach gegangen. Ohne vorher diesem biestigen Weib von Oberschwester Bescheid zu geben. Die Alte rieb sich vermutlich schon die Hände. Sie war zwar nicht ihre Vorgesetzte, aber sie fand immer einen Weg sie anzuschwärzen. Jedenfalls bildete sie sich das ein. Sie ging zurück zur Lucke, durch die sie den Dachboden bestiegen hatte und griff nach dem Seil, das sie mitgebracht hatte. Langsam begann sie den Knoten zu knüpfen. Sie fragte sich, was sie wohl dachten. Die Alte, die Dumme und ER. Sie freuten sich vermutlich auf den Ärger, der sie erwartete, wenn sie wieder kam. Nur, dass es diesen Ärger nicht geben würde. Sie lächelte selig. Sie würde gerne ihre Gesichter sehen, wenn sie es verstanden. Falls sie es verstanden. Besonders SEINES. Er würde es verstehen, das wusste sie. Von einem Loch im Dach tropfte Wasser auf die verstaubten Holzdielen. In der Nacht zuvor hatte es überraschenderweise geschneit. Doch der Schnee schmolz bereits und hatte in der Eingangshalle des Krankenhauses Dreckspuren von den Stiefeln der Besucher hinterlassen. Sie zog die Schlinge zu und besah sich ihr Werk. Es gefiel ihr. Es war gut. Ja, es war sogar perfekt. Mit einer zielgenauen Bewegung warf sie den Strick über den Dachbalken. Sie war überrascht. In der Schule hätte sie das bestimmt nicht geschafft, wenn sie es gemusst hätte. Aber heute war alles anders. Sie kletterte auf den wackligen Stuhl und befestigte den Strick mit ungewöhnlich sicherer Handbewegung. Er hatte die richtige Länge. Heute schien alles zu gelingen. Langsam legte sie sich die Schlinge um den Hals. Als Claudia den Stuhl unter ihren Füssen wegstieß, dachte sie an ihr Kind.

Vor einer Woche

„Du bekommst keinen verdammten Cent von mir.", stellte Klaus-Josef Jüpkens klar und richtete den Kragen seines schwarzen Hemdes. Durch die Scheiben der Terrassentür strahlte die Sonne herein. Jeder andere Mensch, der so direkt im Schein der Sonne gestanden hätte, wie Klaus-Josef Jüpkens, hätte in der schwarzen Kleidung geschwitzt. Aber er nicht. Die normalen Körperfunktionen des menschlichen Körpers schienen bei ihm außer Kraft gesetzt zu sein. Sie waren lediglich lästige Angewohnheiten, die man mit genügend Disziplin auszuschalten vermochte.

„Das kannst du nicht tun!", schrie Charlotte auf. Strähnen ihres roten lockigen Haares fielen ihr ins vor Wut glühende Gesicht. „Es ist auch dein Kind!"

„Ich bin Priester. Ich habe keine Kinder.", entgegnete er ruhig und steckte seine fein manikürten Hände in die Hosentaschen. „Aber du, liebe Charlotte, solltest die unerwartete Mutterfreude, die Gott dir in seiner unergründlichen Weisheit hat zukommen lassen, in Demut annehmen."

„In Demut annehmen?!", wiederholte sie fassungslos. „Du Arschloch! Du gottverdammter Schweinehund! Wie kannst du es wagen, von Demut zu sprechen? Du heuchlerischer, verschlagener…" Verzweifelt ballte sie ihre kleinen Hände zu Fäusten und hob die Arme, um auf ihn einzuschlagen. Aber der Priester hob die Hand, ergriff ihre Handgelenke und gebot ihr so mit Leichtigkeit Einhalt.

„Wenn du Geld willst, dann geh arbeiten.", sagte er und schob sie von sich. Die Frau mittleren Alters taumelte und stolperte rückwärts. Haltsuchend griff sie nach der Kante des schweren dunklen Schreibtisches, der das Zentrum des Arbeitszimmers bildete. Sie stieß mit dem Ellbogen gegen einen Stapel Notizen. Einige Blätter fielen unbeachtet von den beiden zu Boden.

„Ich arbeite! Ich arbeite vierundzwanzig Stunden am Tag! Genau wie du! Nur mit dem Unterschied, dass meine Arbeit DEIN Kind ernährt! ICH kaufe sein Essen, seine Schulsachen, seine Kleider! ICH bin seine Mutter und sein Vater! Ich habe dich nie um etwas gebeten, aber jetzt brauche ich deine Hilfe! Verstehst du das denn nicht? Deinem Kind geht es nicht gut! Es ist krank und es braucht Hilfe!"

„Das geht mich nichts an. Ich habe kein Kind und daher auch keine Verantwortung für das Schicksal eines Menschen. Alles wird so geschehen, wie Gott es will. Wer bin ich, dass ich seine Entscheidungen in Frage stelle?", antwortete er und trat einen Schritt vor. Das Licht, das durch die Terrassentür drang fiel auf sein ergrautes Haar und verlieh ihm einen merkwürdigen Schimmer. Charlotte wich nicht zurück. „Ich werde dir daher kein Geld geben.", ließ er sie erneut wissen. Seine Stimme klang kalt und emotionslos.

„Wie kannst du es wagen von Gott zu sprechen?", wollte sie mit zitternder Stimme wissen. „Denkst du, Gott will, dass es einem Kind schlecht geht, weil sein Vater…"

„Davon verstehst du nichts.", unterbrach er sie barsch.

„Du solltest besser aufpassen, dass dir nicht eines Tages jemand begegnet, der genauso ist wie du." Er runzelte die Stirn.

„Was soll das heißen?", verlangte er zu wissen. Sie schnaubte und statt zu antworten, sagte sie:

„Ich werde dafür sorgen, dass du es nicht vergisst: Das es auch dein Kind ist. Ich werde es dich nicht vergessen lassen." Ein leises Klopfen an der Zimmertür ließ sie herumfahren. Die Tür wurde von außen geöffnet und das blasse Gesicht der jungen Haushälterin, die Charlotte herein geleitet hatte, erschien. „Hochwürden, das Brautpaar Weis ist eben gekommen. Wegen der Trauprobe.", sagte sie mit piepsiger Kleinmädchen-Stimme. Angewidert verdrehte Charlotte die Augen. Wie sie solche Frauen hasste. Sie sah die junge Frau, fast noch ein Mädchen, verächtlich an, als Klaus-Josef sie wohlwollend lächelte. „Ich komme, Magdalena." Er ging zur Tür. Die Haushälterin senkte den Kopf, bevor sie hinter der Tür aus Charlottes Blickfeld verschwand. Ein letztes Mal drehte sich der Priester nach seinem Gast um. „Verschwinde, Charlotte. Ich will dich hier nicht mehr sehen."

Vor einer Stunde

Ben Lüders fragte sich, ob er diesen Tag wohl überleben würde. Heftige Kopfschmerzen malträtierten ihn bereits seit Stunden. Genau genommen seit dem Moment, in dem er schweißgebadet in seinem Bett aufgewacht war. Die Alpträume waren inzwischen seltener geworden. Nichtsdestotrotz war die Dunkelheit draußen vor seinem Fenster noch immer ein gewohnter Anblick, wenn Ben mit einem Schrei auf den Lippen erwachte. An ihrer Intensität hatten die Träume in all diesen Monaten nichts verloren. Noch immer sah er Günther Weis mit dem Messer auf sich zukommen. Er fühlte, wie sich die Klinge in seinen Körper bohrte. Dann wachte er in der Regel auf. Es war merkwürdig, dass er seinen Träumen so deutlich sah, was ihm am Tage und bei Bewusstsein verborgen blieb. Er konnte sich nicht an den Übergriff erinnern und wusste daher auch gar nicht, ob die Alpträume, die ihn peinigten der Realität entsprachen. Hätten Moritz und der Kollege nicht die Beweise gesammelt und Günther Weis' Geständnis erwirkt, wären sie heute noch auf der Suche nach dem Täter. Und Günther Weis wäre noch immer auf freiem Fuß. Ben konnte noch immer nicht fassen, was Günther und Katharina alles angestellt hatten, um Michael und ihn loszuwerden. Im Gegensatz zu Moritz hegte er keinen Zweifel daran, dass Katharina die ganze Zeit über die Pläne ihres Vaters im Bilde gewesen war. Sie war nicht das arme zerbrechliche Frauchen, als das sie sich im Zeugenstand – bei der Verhandlung gegen ihren Vater – dargestellt hatte. Er hatte sich jedoch beherrscht und seine Vermutung nicht laut ausgesprochen. Nicht zuletzt aus Rücksicht auf seine Halbbrüder. Zudem wusste Ben ja, dass Katharina genug gestraft war. Sie hatte nicht nur ihren Vater, der die nächsten zehn Jahre im Gefängnis verbringen würde, sondern auch ihren Ehemann verloren. Thomas hatte inzwischen eine Wohnung in der Innenstadt bezogen und Katharina alleine in der großen Villa zurückgelassen. Das Scheidungsverfahren lief. Timo hatte ebenso seine Koffer gepackt wie Lukas – wenn auch beide aus unterschiedlichen Gründen. Besonders das Verhältnis zwischen seinem jüngsten Halbbruder Timo und seinen Eltern hatte sich sehr verschlechtert. Nichtsdestoweniger würde Katharina heute da sein. ‚Genau wie Papa.' Er atmete tief durch. Seit Ben aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht war, hatte Thomas immer wieder versucht Kontakt mit ihm aufzunehmen. Wann würde er es nur endlich verstehen? Ben wollte heute genauso wenig mit seinem Vater zu tun haben, wie vor dem Mordversuch. Wenn Michael ihren Vater sehen wollte, würde Ben ihm nicht im Wege stehen. Er würde diese Entscheidung akzeptieren. Aber genauso mussten sein Bruder und sein Vater akzeptieren, dass er keinen Kontakt wünschte. Die Annäherung an seine Halbbrüder war ihm bereits nach all diesen Jahren schwer genug gefallen, ohne dass diese überhaupt irgendeine Schuld an dieser komplizierten Situation traf. Aber mit seinem Vater, der sich von Günther und Katharina derart hatte instrumentalisieren lassen, konnte und wollte er sich nicht auseinandersetzen müssen.

„Ben, beeil dich mal!" Er zuckte erschrocken zusammen, als Marcel von draußen gegen die Badezimmertür hämmerte.

„Ja!", stimmte Michael in die Bitte seines Bruders mit ein. „Marcel hat eine kosmetische Instandhaltung viel dringender nötig als du!" Genervt schloss Ben die Augen. Er versuchte sich zu erinnern, ob ihn eigentlich irgendjemand nach seiner Meinung oder Zustimmung gefragt hatte, bevor Michael Marcel angeboten hatte mit ihnen in die neue Wohnung zu ziehen. In ihre alte Wohnung hatten weder Michael noch Ben zurückkehren wollen. Zu belastend waren die Erinnerungen an diese schreckliche Nacht gewesen, in der Michael seinen Bruder blutüberströmt auf dem Wohnzimmerboden gefunden hatte.

„Ben?", fragte Michael angesichts seines Schweigens besorgt. „Benny, alles in Ordnung bei dir?" Benny… So nannte ihn Michael nur, wenn er sich wirklich Sorgen machte. Er war in den letzten Monaten viel zu oft mit diesem Namen angesprochen worden.

„Ja.", antwortete Ben und richtete sich auf. Sorgfältig rückte er seine Krawatte zurecht, bevor sein Blick in den Spiegel fiel. Er betrachtete sich selbst abschätzig. Er sah gut aus. Vielleicht ein wenig blass um die Nase. Aber noch immer gut genug für die Hochzeit seines jüngeren Bruders.


Erstes Kapitel

„Die beiden ersten Reihen sind für die Familie reserviert.", sagte Marcel ruhig. Sie standen in der Gartenanlage des Elternhauses ihrer zukünftigen Schwägerin Nele. Alles war festlich dekoriert und geschmückt. Neben der Terrassentür stand ein Tisch, an dem Champagner angeboten wurde. Ein weiß gekleideter Kellner sorgte dafür, dass es nie an Nachschub mangelte. Fünf Treppenstufen führten zu der Rasenfläche hinunter, auf der in jeweils zehn Holzstühle mit weißen Sitzkissen in zehn Reihen hintereinander standen. Ein Weg von etwa anderthalb Metern führte zwischen ihnen hindurch zum Altar, vor dem zwei weitere Stühle mit weißen Hussen für das Brautpaar standen. Über alldem thronte ein edler Baldachin mit goldenem Muster auf weißem Grund. Gäste flanierten in überwiegend vornehmer Kleidung durch den Garten. Wohin man sah: Fröhliche Gesichter. Lachen und Stimmengewirr erfüllten die Luft.

„Dann suche ich mir einen Platz ganz hinten.", murrte Timo, der vor dem Haus zu ihnen gestoßen war, auf Marcels Bemerkung hin. Genervt verdrehte sein Bruder die Augen.

„Es sind nicht unsere Eltern, die heute heiraten, sondern Lukas.", erinnerte er ihn. „Reiß dich wenigstens heute zusammen." Wütend sah Timo seinen Bruder an.

„ICH soll mich zusammenreißen?!", entfuhr es ihm etwas zu laut für Bens Geschmack. Einige Gäste sahen sich bereits nach ihnen um. „ICH?! Nach allem, was…?"

„Ruhe!", ging Ben dazwischen ohne dabei die Stimme zu heben. „Alle beide." Timo verstummte sofort. Noch immer missmutig gestimmt kippte er den Rest seines Champagners seine Kehle hinunter, während Bens Blick erneut über die Szenerie wanderte. Dabei war er mit seinen Gedanken noch immer bei seinem jüngsten Bruder. Timo hatte die ganze Affäre um den Mordanschlag und die anschließenden Enthüllungen von allen Beteiligten am Schlechtesten aufgenommen. Natürlich konnte Ben Timos Wut auf ihren Vater nachvollziehen. Aber während es Lukas und Marcel irgendwie gelungen war die Balance zu halten und ihre Eltern noch immer als eben diese zu akzeptieren – trotz aller Fehler und Intrigen – hatte Timo sich von Thomas und Katharina geradezu abgeschottet. Hals über Kopf war er aus der Villa ausgezogen ohne überhaupt zu wissen, wie er seinen Lebensunterhalt verdienen sollte. Vorübergehend Unterschlupf hatte er in einer WG gefunden. Im Augenblick verdiente er sein Geld als Bedienung in einem Döner-Laden. Seinen Wagen hatte er verkaufen müssen, um sich erst einmal über Wasser halten zu können und sowieso schien er im Augenblick nicht zu wissen, was aus ihm werden sollte. Unauffällig betrachtete er seinen jüngsten Bruder aus den Augenwinkeln heraus. Er konnte sich ganz genau daran erinnern wie Timo bei ihrem ersten – bewussten – Zusammentreffen ausgesehen hatte. Eigentlich hatte er sich gar nicht so sehr verändert. Seine Haare waren länger und seine Kleider schlechter geworden. Er fragte sich, ob Timo wohl mit Absicht auf die Designerklamotten verzichtete, die er noch an Bens Krankenbett getragen hatte, um auf diese Art seine „Trennung" von seinen Eltern zu symbolisieren oder ob es sich ganz einfach um eine Auswirkung seines klammen Geldbeutels handelte. Gleichzeitig fragte er sich allerdings auch, was ihn das anging. Sein Blick wanderte zu Marcel, der wie immer ausnehmend gut aussah in seinem maßgeschneiderten Anzug und den teuren Schuhen. An seinem Arm blitzte die Armbanduhr auf, die sein Vater ihm zum Abitur geschenkt hatte. Mit seinem Stil schien er sogar schon auf Michael abgefärbt zu haben. Vielleicht lag es aber auch an seiner neuen Arbeit in einer renommierten Anwaltskanzlei, dass man ihn kaum noch ohne Anzug und Krawatte sah. Stolz betrachtete Ben seinen Bruder. Endlich hatte sich all ihre Arbeit ausgezahlt. Auch wenn der Preis dafür war, dass er sich nun neben seinem kleinen Bruder ein wenig minderwertig vorkam. Sein kleiner Bruder, der erfolgreiche Anwalt.

„Ich glaube, du kannst dich doch zu uns in die erste Reihe setzen.", griff Marcel das Thema erneut auf. Neugierig folgten seine Brüder seinem Blick. Thomas Weis hatte ebenso wie einige der anderen Gäste bereits unter dem Baldachin Platz genommen. Erschrocken stellte Ben fest wie alt und eingefallen sein Vater aussah. Zusammengesunken saß er auf seinem Platz. Sein teurer Anzug schien ihm mindestens zwei Nummern zu groß zu sein.

„Stimmt es, dass er seinen Anteil an der Klinik verkaufen will?", fragte Timo neugierig. Marcel nickte. „Eigentlich wollte er ihn Lukas überschreiben.", antwortete er. „Aber der studiert ja noch ein paar Semester." Er streckte die Hand aus und deutete auf einen anderen Platz unter dem Baldachin. „Da drüben ist auch Mama." In der Tat saß Katharina auf der anderen Seite des Weges nur wenige Meter von ihrem Ehemann entfernt. Beide hatten sich für Plätze in den hinteren Reihen entschieden und beide waren alleine. Katharina wirkte gefasst. Die Blässe ihrer Haut wurde noch verstärkt durch das helle Kleid, das sie trug. Sie wirkte seltsam farblos. Ben reckte den Hals. Gerne hätte er ihr Gesicht gesehen, aber es wurde durch den großen beigen Hut auf ihrem Kopf verdeckt. Mit einem Mal frustriert wandte er sich wieder seinen Brüdern zu.

„Und was will er jetzt machen?", fragte Michael gerade. Marcel zog die Schultern in die Höhe. „Keine Ahnung. Ich habe nicht gefragt." Er sah auf die Uhr. „Fast halb elf. Wir sollten langsam mal unsere Plätze einnehmen."

„Ja, die Chose geht gleich los.", stimmte Timo maulend zu. Sie stellten ihre Gläser ab und machten sich gemeinsam auf den Weg zum Festzelt. Marcel ging voran. Einen großen Bogen sowohl um Katharina als auch um Thomas schlagend, steuerten sie die erste Reihe an, in der bereits Andreas, Lukas' Trauzeuge saß. Auf der gegenüberliegenden Seite saßen die Eltern der Braut sowie ihre beiden jüngeren Schwestern Marie, 14 Jahre alt, und Chantal, acht Jahre alt. Im Vorbeigehen reichte Ben ihnen allen die Hand. Er konnte sich nicht vorstellen plötzlich mit zwei Kindern dieses Alters quasi verschwägert zu sein, auch wenn das aufgehobene Verwandtschaftsverhältnis zwischen seinem Vater und ihm das rein rechtlich betrachtet verhinderte. Das änderte jedoch nichts daran, dass er immerzu als Neles Schwager vorgestellt werden würde.

„Guten Morgen.", begrüßte der Rotschopf Andreas sie grinsend, als sie neben ihm Platz nahmen. „Und? Schon aufgeregt?"

„Warum?", entgegnete Timo noch immer mürrisch. „Wie heiraten doch nicht."

„Hast du Lukas heute schon gesehen?", fragte Marcel schnell und lenkte so Andreas' Aufmerksamkeit von Timos schlechter Laune ab.

„Natürlich! Ich bin doch schließlich der Trauzeuge." Stolz zog er die Schachtel mit den Ringen aus seiner Jackentasche. „ER ist überhaupt nicht aufgeregt, sondern total gelassen. Sehr bemerkenswert." Ben hoffte, dass die Zeremonie bald beginnen würde, während Andreas weiter auf Marcel einsprach. Unter dem Baldachin begann es unangenehm warm zu werden. Endlich kam der Priester, der die Zeremonie leiten sollte, würdevoll den Gang hinunter geschritten. Ben fragte sich, wie es der Geistliche wohl bei diesem Wetter in der mehrere Laken umfassenden Aufmachung aushielt. Es war noch nicht Mittag und ihm selbst traten schon die ersten Schweißperlen auf die Stirn. Doch zu seiner großen Überraschung stellte er fest, dass der Priester zitterte. Er blieb vor dem Altar stehen und wandte sich in langsamen Bewegungen zur Gemeinde um. In seinen Händen hielt er eine kunstvoll verzierte Bibel. Es musste an der Aufregung liegen, dass der Priester zitterte, entschied Ben.

„Ob Lukas für die wohl einen Aufpreis bezahlen muss?", flüsterte Michael plötzlich neben ihm. Ben musste grinsen. Violinmusik setzte ein und die Gäste erhoben sich wie automatisch. All ihre Blicke richteten sich auf das andere Ende des Zeltes, wo das Brautpaar stand. Nele strahlte vor Glück in ihrem weißen Kleid mit dem voluminösen Reifrock. Lukas hingegen wirkte so, wie Ben sich immer an ihn erinnert hatte: Gefasst und beherrscht. Langsam setzten sie sich in Gang und schritten den Weg zum Altar hinunter. Als sie näher kamen bemerkte Ben, dass Nele vor Aufregung zitterte. Sie klammerte sich förmlich an den Arm ihres zukünftigen Ehemannes. Sein Blick folgte ihnen, bis sie vor dem Priester zum Stehen kamen. Mit einer Bewegung seiner zitternden Hände bedeutete der Geistliche den Gästen sich wieder zu setzen. Erleichtert ließen sie sich zurück auf ihre Plätze sinken und auch Nele und Lukas nahmen auf den beiden für sie bereitgestellten Stühlen Platz. Einige fächelten sich mit diversen Gegenständen Luft zu. Die Hitze wurde langsam unerträglich. Ben löste den obersten Knopf seines Hemdes. Er fragte sich, warum ihm die Hitze nicht schon früher aufgefallen war. Unter den Gästen hatten mehrere Personen bereits hochrote Köpfe. Nur das Gesicht des Priesters war schlohweiß, als er die Stimme zur Festgemeinde erhob. „Liebe ist ein Geschenk. Ein Geschenk Gottes, unseres Herrn.", begann er seine Predigt. „Und darum…" Er schluckte. Besorgt runzelte Ben die Stirn. „Darum müssen wir… die heilige Liebe in Ehren halten. Dem… dem… höchsten…" Neles schockierter Schrei durchschnitt die Luft, als der Priester taumelte und nach vorne kippte. Die Bibel fiel aus seinen Händen. Erschrocken sprangen Lukas und Nele zur Seite. Holz splitterte, als einer der Stühle unter dem Gewicht des Geistlichen zerbrach. Jemand schrie panisch auf. Ben wollte nach vorne hechten, doch Michael hielt ihn zurück. Reglos war der Priester mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden liegen geblieben. Die Überreste des zerstörten Stuhles hatte er unter sich begraben. Unter all den Menschen, die nach vorne drängten, um zu sehen, was geschehen war, war es ausgerechnet Thomas, der Bens Aufmerksamkeit erregte. Er bahnte sich den Weg durch die Menge. Fachmännisch drehte er den Priester auf die Seite und begann ihn zu untersuchen. Seine Hand tastete nach dem Puls. Er sah auf. Sein Blick suchte seinen ältesten Sohn. „Er ist tot."