Fünftes Kapitel

Suchend sah sich Michael um, während er durch die Räume der Organisation für Arbeitslosenhilfe streifte. An die Blicke, die man ihm in seinem 500-Euro-Anzug und den handgefertigten Schuhen zugeworfen hatte, als er die ebenfalls in den Räumen befindliche Suppenküche betreten hatte, hatte er sich inzwischen gewöhnt. Schließlich besuchte er seinen Vater nicht zum ersten Mal an seinem neuen Arbeitsplatz. Vor drei Monaten hatte Thomas Weis die Stelle als Berater und Arzt bei der Organisation angenommen. Tagsüber erledigte er in seinem kleinen Büro, in das nicht mehr als ein Schreibtisch und ein paar vollgestopfte Regale passten, jede Sorte von Papierkram für Menschen, die mit ihren Krankenkassen oder früheren Ärzten im Clinch lagen. Abends hingegen versorgte er in einem, zu einem mobilen Krankenhaus umgebauten, Bus Obdachlose und Prostituierte. Wenn man bedachte, dass er gleichzeitig auf der Suche nach einem Käufer für seine Anteile an der Privatklinik war, fand Michael diese Karriereentwicklung schon erstaunlich. Zumal Thomas auch ohne weiteres bereit war seine Sonn- und Feiertage hier zu verbringen und praktisch pro bono zu arbeiten. Bei Ben schien das Ganze jedoch keinen Eindruck hinterlassen zu haben. Falls er Michael überhaupt zugehört hatte, als dieser ihm von der neuen Arbeit ihres Vaters erzählt hatte. Jedenfalls war er nicht, angewidert von dem Gedanken an seinen Vater, aus dem Zimmer gerannt. Daran erinnerte er sich noch ganz genau. Es hatte ihm nämlich die Hoffnung gegeben, dass Ben seine Einstellung vielleicht doch noch ändern würde. Aber die Szene von gestern Abend hatte dieser Hoffnung einen erneuten Schlag versetzt. Endlich erblickte Michael den Namen „Thomas Weis" auf einem Türschild. Warum konnte er sich in diesem Gebäude eigentlich nie problemlos zurechtfinden? Vielleicht lag es ja daran, dass es ursprünglich zwei Gebäude gewesen waren, die man durch das Niederreißen diverser Wände und Mauern zu einem Haus gemacht hatte. Dadurch wirkte irgendwie alles etwas – ungeplant und ungeordnet. Er streckte den Kopf durch die offene Tür.

„Hallo, Papa", begrüßte er seinen Vater, der an seinem Schreibtisch über einige Formulare gebeugt saß. Er war alleine.

„Michael!" Überrascht sah Thomas auf. Seine Miene, die eben noch sorgenvolle gewesen war, erhellte sich sofort. Er erhob sich und als sein Sohn näher kam, umarmte er ihn kurz. „Wie geht es dir?" Seufzend nahm Michael zur Kenntnis, dass sein Vater sich mal wieder verhielt, als ob sie sich wochenlang nicht gesehen hätten. Dabei hatten sie erst gestern miteinander geredet.

„Ganz gut", sagte er und nahm, ebenso wie Thomas, Platz. „Gestern Abend ist nicht gut gelaufen, hm?" Thomas seufzte.

„Gestern ist gar nichts gut gelaufen", erinnerte er ihn an die Geschehnisse.

„Was hat Ben gesagt?", wischte Michael den Einwand zur Seite.

„Er will nichts mit mir zu tun haben", sagte Thomas. „Und ich kann es ihm eigentlich nicht verdenken. Ich… danke dir wirklich für deine Bemühungen. Aber ich möchte nicht, dass ihr beiden Streit miteinander bekommt."

„Du musst noch einmal mit ihm reden", entgegnete sein Sohn stur. Thomas schüttelte den Kopf.

„Nein, Michael. Das bringt nichts. Ich habe Ben einfach zu sehr verletzt." Er lächelte traurig. „Ich bin ja schon froh, dass wenigstens du mit mir redest. Nach allem, was ich euch angetan habe." Michael erwiderte das Lächeln, wich aber dem Blick seines Vaters aus.

„Versuch es doch einfach noch ein Mal", bat er. „Ich leg auch ein gutes Wort für dich ein."


„Hochwürden wurde WAS?" Für Torbens Geschmack hätte Magdalena Henkes Reaktion auf den Mord an Jüpkens auch aus einem altmodischen Kriminalroman stammen können. Sie saßen im Wohnzimmer. Magdalena starrte die beiden Polizisten aus großen aufgerissenen Augen an. Die Hände hatte sie theatralisch vor ihrem Gesicht zusammengeschlagen. Sie zitterte. Torben und Ben wechselte einen kurzen Blick.

„Gab es im Leben von Herrn Jüpkens Damenbekanntschaften?", stellte Ben die Frage, die auch seinem Kollegen unter den Nägeln brannte. Magdalena sah ihn überrascht an.

„Was?", entfuhr es ihr. „Woher…" Sie stoppte sich im letzten Augenblick und biss sich vielsagend auf die Unterlippe. Torben seufzte auf und sandte innerlich ein Stoßgebet gen Himmel, dass Ben bitte nicht Recht behalten würde mit der Vermutung, die er am Tag zuvor geäußert hatte. Ihm war zwar, nicht zuletzt durch seine Arbeit, nichts Menschliches fremd, aber ein Verhältnis zwischen diesem jungen Mädchen und diesem verknöcherten Fast-Rentner wäre dann doch etwas zu viel des Guten.

„Hatten Sie und Herr Jüpkens", weiter kam er gar nicht erst. Die junge Haushälterin sah ihn förmlich angeekelt an.

„Mein Gott NEIN! Sind Sie krank?! Der hätte locker mein Großvater sein können!", entfuhr es ihr in rauem Tonfall. Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Wie kommen Sie überhaupt auf diese Idee?"

„Unter anderem: Kondome im Nachtschrank und Viagra im Blut", entgegnete Torben kurz und bündig. Magdalena dachte kurz nach.

„Vor einer Woche ungefähr war eine Frau bei ihm", erinnerte sie sich. „Es gab einen heftigen Streit, aber ich weiß nicht, um was es ging."

„Wissen Sie, wie die Frau heißt?", fragte Ben nach. Sie nickte.

„Ja, ich habe sie ja Hochwürden gemeldet: Ihr Name ist Charlotte Meier."

„Gab es sonst regelmäßige Besucher?", wollte Torben wissen. Ihr Gesicht verzog sich sichtlich verwirrt. „Meinen Sie jetzt Frauen?", fragte sie. Ben verbarg sein Grinsen hinter seiner Hand.

„Sowohl als auch", antwortete er zur Sicherheit.

„Also, da sind Victor Clemens, der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates", begann sie ihre Aufzählung. „Und Mina Schmitz, die Leiterin der Frauengruppe und die Mitglieder des KJG und natürlich die Pastoralreferentin Claudia Neumann. Ja, und bis vor ein paar Wochen sind auch ab und zu Eltern von Kommunionskinder vorbei gekommen." Sie zog die Schultern in die Höhe und sah von einem zum anderen. „Da kommen schon ein paar zusammen." Torben seufzte erneut.

„Hatte ihr Chef einen Terminkalender?", fragte er.

„Nein!" Die Haushälterin schüttelte den Kopf. „Das hat er sich alles so gemerkt. Sein Gedächtnis war… phänomenal."


Zwei Stunden später klingelte Ben an der Wohnungstür von Lukas und Nele. Er hatte vorher nicht angerufen, sondern ging fest davon aus, die beiden zu Hause anzutreffen. Marcel hatte vor einigen Tagen beim Frühstück erwähnt, dass ihr jüngerer Bruder und seine Frau sich die kommende Woche freigehalten hatten, um sich von der Hochzeit zu erholen. Ben hoffte bloß, dass sie die Gelegenheit nicht nutzen wollten, um sich bereits am frühen Morgen nach der Hochzeit klammheimlich in die Flitterwochen zu verabschieden. Bei irgendeiner Gelegenheit hatte Lukas nämlich auch etwas von „Paris" gemurmelt. Allerdings dürfte den beiden momentan sicherlich nicht der Sinn nach Flitterwochen stehen. Die Hochzeit war schließlich ein gründlicher Reinfall gewesen. Er warf einen Blick auf die Uhr. Elf Uhr. In zwei Stunden war er zum Mittagessen verabredet. Er hörte Schritte hinter der Tür und einen Moment später wurde ein Schlüssel ins Schloss gesteckt und die Tür öffnete sich.

„Ben", begrüßte ein verschlafener Lukas in Schlafanzughose und T-Shirt sowie mit wirren Haaren ihn überrascht. „Was machst du denn hier?" Er stutzte. „Oh Gott! Es war Mord, oder?"

Eins, zwei, drei… Ein letztes Mal steckte Ben den Löffel in die Zuckerdose und ließ das weiße Kristall in seinen Kaffeebecher rieseln, bevor er umrührte. Er wusste selbst nicht, woher er diese Angewohnheit hatte den Zucker immer als Kaffee getarnt zu sich zu nehmen. Michael schüttelte sich bei dem Anblick jedenfalls immer angewidert. Aber Lukas war es im Augenblick völlig egal.

„Also, Mord", sagte er ruhig nach einem großen Schluck Kaffee. „Habt ihr schon eine Ahnung wer es getan haben könnte?"

„Ich weiß nicht, ob Freiwald schon jemanden im Blick hat", entgegnete sein Bruder, wohlweislich die Hinweise auf Jüpkens offensichtlich reges Sexualleben für sich behaltend. Er führte ebenfalls die Tasse zum Mund. „Aber vielleicht könnt ihr uns ja weiterhelfen. Hatte jemand etwas gegen die Hochzeit?" Überrascht setzte Lukas seinen Kaffeebecher auf den Küchentisch ab und sah Ben an. „Du meinst eine eifersüchtige Ex-Freundin, oder so?" Er schüttelte den Kopf. „Sorry, aber damit kann ich nicht aufwarten. Nele und ich sind seit sieben Jahren zusammen. Da gab es nie jemand anderen." Ben überlegte sich seine nächsten Worte genau, bevor er sie aussprach.

„Und bei Nele?" Zu seiner Verwunderung und Erleichterung lächelte Lukas.

„Bei Nele auch nicht" Er seufzte. „Sie kann nicht lügen, Ben. Wenn es da jemals jemand anderes gegeben hätte, wüsste ich das. Vermutlich hätte ich es sogar eher gemerkt als sie selbst." Ben trank einen Schluck und dachte währenddessen über diese Worte nach. Konnte er Lukas' Urteil in dieser Hinsicht auch wirklich trauen, fragte er sich. Wer konnte schon die Hand dafür ins Feuer legte, dass Nele tatsächlich so unschuldig und nett war, wie sie immer tat? Aber andererseits: Spielte es überhaupt eine Rolle? Es war doch höchst unwahrscheinlich, dass ein oder eine Ex mit einem Mord die Hochzeit zu sabotieren versuchen würde. Jedenfalls mit einem Mord an dem Priester. Zumal Nele und Lukas ja auch schon verheiratet waren. „Wie hat Nele den Schock überstanden?", fragte er. Sein Bruder grinste schief.

„Sie hat das Kleid zerstört.", antwortete er.

„Wie bitte?", entfuhr es Ben. Lukas nickte. „Du hast schon richtig gehört. Danach ging es ihr aber besser. Am Freitag fahren wir nach Paris." Er sah sich in Richtung der Küchentür um, um sich zu vergewissern, dass seine Frau nicht zuhörte. „Ich habe gestern Abend noch alles arrangiert", erklärte er dann und gähnte. „Wir werden dort nochmal kirchlich heiraten. Und weißt du, was das Beste ist?" Lukas lehnte sich über den Tisch und grinste verschwörerisch. „Nele weiß nichts und weil sie nichts weiß, wissen auch meine Schwiegereltern nichts. Wir heiraten ohne diesen ganzen lächerlichen Klimbim. Ohne Violinisten, hunderte von Gästen und was weiß ich was! Nur Nele und ich. Mit einem neuen Kleid und hoffentlich mit einem Priester, der nicht mitten in der Zeremonie tot umfällt."


Fortsetzung folgt...