Juni 2007

„Das Weiße Reh ist geliefert – fertig – so gut wie tot!" Derek tigerte mit geballten Fäusten in der Halle auf und ab, und David hatte Mühe, ihm mit den Augen zu folgen. „Morgen wird ein weißer Rickenkopf hier in meiner Halle hängen, und ein weißes Fell vor meinem Kamin liegen!"
Besorgt schaute David Janice an. So aggressiv hatte er Derek schon lange nicht mehr erlebt.
„Was ist denn los?" wandte er sich zaghaft an Derek.
„Dir kann es ja egal sein, du Memme, du bist ja ausgestiegen!"
„Er ist nicht mehr derselbe, seit du nicht mehr mit jagen gehst," sagte Janice leise. „Es macht ihm ohne dich irgendwie keinen Spaß mehr."
„Steckt ihr schon wieder die Köpfe zusammen?" brauste Derek auf. „Denkt ihr, ich weiß nicht, was ihr hinter meinem Rücken so treibt?"
Langsam stand Janice auf und legte von hinten ihre Arme um Derek. „Schatz, wieso willst du das Weiße Reh jetzt schießen? Ich dachte es hätte Schonzeit, wegen dem Kitz. Alex meinte, er hätte das Kitz schon gesehen. Es ist zwar nicht weiß, aber es scheint gesund zu sein."
„Sie ist verletzt!" blaffte Derek sie an.
„Das Weiße Reh?" fragte David etwas dümmlich.
„Was denn sonst? Und wenn du nicht alles aus deiner Jagdprüfung vergessen hast, müsstest du dich erinnern, kleiner Bruder, dass verletzte Tiere erlegt werden müssen, selbst wenn sie Schonzeit haben."
„Als ob du dich da jemals drum gekümmert hättest!" Es klang anklagender als beabsichtigt. „Ich meine, wie oft haben wir sie angeschossen und weglaufen lassen, und sie lebt immer noch."
„Nicht mehr lange," meinte Derek mit einem selbstzufriedenen Grinsen.
„Ist sie denn schwer verletzt?" mischte sich Janice ein.
„Weiß nicht. Mir reicht es." Sein Grinsen wurde hämisch.
Janice' Augen wurden groß. „Aber … was passiert dann mit dem Kitz?"
„Sentimentale Deppen würden es wohl mitnehmen und hochpäppeln," meinte er mit einem verächtlichen Seitenblick auf David. „Waidmännisch ist es jedoch, es zuerst zu schießen, um kein mutterloses Tier zurückzulassen. Ich habe schließlich meine Jägerehre." Er warf David noch einen schmutzigen, leicht schadenfrohen Blick zu und ging dann zur Treppe, wahrscheinlich um seine Bögen zu polieren.
David wollte ihm nachstürmen, doch Janice hielt ihn zurück. „David, warte!" Sie schien kurz zu überlegen. „Alex sagte mir …" sie zögerte, dann wurde ihr Gesichtsausdruck entschlossen. „Er hat Alyssa gesehen."
„Wo?" David hatte sie in seiner Aufregung unwillkürlich am Ärmel gepackt.
„Im Wald, in der Nähe von Bishops Castle."
Der Nachbarort von Lydham. Warum hatte er nie daran gedacht, sich dort einmal umzusehen?
„Okay. Danke, Janice. Danke!"
Sie nickte nur.
„Und … Janice … hast du eine Ahnung, wie das Weiße Reh verletzt wurde? Ich meine, von wem?"
„Sie lachte bitter auf. „Ich will es lieber gar nicht wissen!"

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Fieberhaft hastete David durch den Wald. Er musste sie finden. Bevor es zu spät war. Bevor irgendetwas passierte. Eine dunkle Vorahnung erfüllte ihn, drückte ihm auf die Brust, nahm ihm die Luft zum Atmen. Er hastete über die ausgetretenen Waldwege, kratzte sich die Arme an hervorstehenden Ästen auf und merkte es gar nicht. Ihm war noch nicht einmal klar, wonach er eigentlich suchte, nach Alyssa oder dem Weißen Reh, aber irgendwie schien es auch keinen Unterschied zu machen.

Er hatte nun schon die ganze Gegend um Bishops Castle durchstreift und war wieder auf dem Rückweg Richtung Craven Arms, in der vagen Hoffnung, dass sie sich vielleicht doch in ihre Nähe begeben haben könnte. Verbissen lief er weiter. Wenn es sein musste, würde er den ganzen Clun Forest von einer Ecke bis zur anderen durchkämmen.

Nun war er im Mossburn Valley angekommen, einem seiner Lieblingsplätze seit seiner Kindheit. Hierhin hatte er sich oft zurückgezogen, wenn er sich ungerecht behandelt vorgekommen war, wenn er als Teenager Liebeskummer gehabt hatte, oder einfach wenn er allein sein wollte. Er hielt kurz inne und sah sich um.
Die langsam untergehende Sommersonne, die selbst zu dieser Abendstunde noch Kraft und Wärme besaß, fiel hier und da durch die Bäume, schickte schräge Lichtstreifen zwischen ihre Stämme und malte ein tanzendes Muster aus dunklen Schatten und grüngoldenen Flecken auf die zarten Buchenblätter. Die Brombeerranken waren mit unzähligen zarten weißen Blüten überzogen. Insekten sirrten durch die Luft, und einige Vogelarten hatten schon ihr melodisches Abendkonzert begonnen. Neben dem schmalen Weg plätscherte fröhlich der Bach über ausgewaschene Steine, dessen dunkelgrün bemoostes Bett dem Tal seinen Namen gegeben hatte. Es war relativ kühl hier, eine angenehme Abwechslung von der Hitze des Tages.
David bückte sich zum Bach hinunter, tauchte seine Arme ins Wasser und erfrischte sein erhitztes Gesicht. Langsamer ging er weiter; irgendwie störte er nicht gerne den Frieden dieses Ortes. Hinter der nächsten Kurve müsste der kleine Teich kommen, auf dem er als Junge immer selbstgebastelte Schiffchen hatte schwimmen lassen. Da war er schon – aber was war das? Jemand oder etwas musste dort sein! Er hatte unmissverständlich ein Platschen gehört, und irgendetwas Helles bewegte sich dort am Teichrand. Etwas Dunkles lag daneben.

Vorsichtig schlich er näher, benutzte die Bäume und Büsche am Wegrand als Deckung. Es war ein Mensch! Eine Frau mit langen dunklen Haaren, die ein dunkles Kleidungsstück am Teichrand abgelegt hatte und nun ins Wasser stieg. Es war – Alyssa!
Wie gebannt verharrte David auf der Stelle und beobachtete sie. Sie stand bis zur Hüfte im Teich, hatte das Gesicht von ihm abgewandt und sang leise vor sich hin. Mit den Armen und Händen fuhr sie über die Wasseroberfläche, als würde sie sich darauf vorbereiten, gleich ganz unterzutauchen. Ihre Brüste, Hüften und Bauch wirkten voller und runder, als er sie in Erinnerung hatte. Sie schien zugenommen zu haben. Auf ihrer hellen Haut und in ihren Haaren schimmerten unzählige rotgoldene Lichtreflexe von der untergehenden Sonne. Es sah wunderschön aus, und doch störte etwas. Erschreckt erkannte er, dass sich seitlich an ihrem Oberkörper eine größere Verletzung befand. Ebenso zog sich quer über ihren Rücken eine blutige Strieme, die wie eine Schnittwunde aussah.
„Alyssa!" Er vergaß alle Vorsicht und rannte auf sie zu. Sie hob erschreckt den Kopf, sah ihn an, und für einen Moment glaubte er, etwas wie Freude in ihren Augen aufleuchten zu sehen. Dann wandte sie ihren Blick zur untergehenden Sonne, die inzwischen schon fast ganz vom Horizont verschluckt wurde, und sprang eilig aus dem Wasser. Mit panischen Bewegungen riss sie ihr Kleid an sich, umrundete den Weiher und rannte barfuss durchs Gestrüpp vor ihm davon.
„Nein! Alyssa, warte! Ich tu dir nichts!" Verdammt, das waren genau die falschen Worte, genau das hatte er damals gesagt!
„Alyssa! Bitte! Warte!"
Das Unterholz knackte laut und er sah nur noch einen hellen Schatten davonhuschen.
„Alyssa!" schrie er aus Leibeskräften. „Es tut mir Leid! Bitte vergib mir!"

So schnell es ging stolperte er in die Richtung, in der sie entflohen war, kämpfte sich fluchend durchs Unterholz und nahm gar nicht wahr, wie die Brombeerranken seine Beine und Arme zerkratzten. Er musste sie finden! Sie war verletzt! Sie brauchte Hilfe!
Keuchend zwängte er sich durch ein Ginstergesträuch und landete auf einem grasigen, lichten Streifen unter hohen Buchen. Die Sonne war nun vollends untergegangen, und es dauerte ein paar Sekunden, bis seine Augen im Halbdunkel etwas ausmachen konnten.
Dort! Zwischen hohen Grasrispen und Farnwedeln ein undeutlicher weißer Schatten – Alyssa?

Es war das Weiße Reh, es lag dort im Gras, und es schaute zu ihm hin.
Die dunklen, ausdrucksvollen Augen starrten ihn intensiv an, als wollten sie ihm dringend etwas mitteilen. Vorsichtig kam er näher. Es war ein so schönes Tier. So zart und schutzbedürftig. Und es war verletzt. Es hatte eine ziemlich übel aussehende Wunde an der Flanke, und seine Rückendecke war ebenfalls aufgerissen, so als hätte sie dort ein Geschoss gestreift.
Auf einmal wurde er wütend. Wie konnte jemand ihr ein Leid antun? Sachte streichelte er das verschwitzte, blutverkrustete Fell. Sie brauchte Ruhe. Er würde sie irgendwo verstecken und gesundpflegen. So schlimm sahen die Wunden gar nicht aus. Er würde sie retten!
Ihre Augen sahen ihn dankbar und liebevoll an. Sie kamen ihm so bekannt vor… Er war immer davon überzeugt gewesen, Rehe hätten schwarze Augen, aber diese hier waren braun. Mit kleinen goldenen Fünkchen. Alyssas Augen! fuhr es ihm durch den Kopf.

Plötzlich ging ein Zittern durch den Leib des Tieres. Mit einem angestrengten Fiepen erhob es sich wackelig und zwängte sich schwankend, mit letzter Kraftanstrengung, durch das Unterholz. David folgte ihm angespannt auf eine kleine Lichtung. Der Mond schien schwach auf das hohe Gras und verwandelte es in ein Meer aus Grau-, Schwarz- und Silbertönen. Dort in der Mitte der Lichtung lag ein kleines, geflecktes Bündel auf dem Boden. Mit einem Schock erkannte David, dass es sich um ein Rehkitz handelte. Keine fünf Meter entfernt verbarg sich eine menschliche Gestalt im Schutz der Bäume, und hatte einen gespannten Bogen auf das hilflose Tier gerichtet.
Nicht auf ein Kitz! Das würde er nicht tun! Selbst er nicht! Aber David wusste, dass Derek vor nichts zurückschreckte. Er konnte sich nicht sicher sein.
Während er noch fieberhaft hin und her überlegte, was er tun sollte, geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Mit einem fast menschlich klingenden Aufschrei warf sich die Ricke vor ihr Junges. Das Kleine öffnete die Augen und schaute David direkt ins Gesicht. Es waren blaue Augen, die ihn da anblickten, blau selbst in dem fahlen Mondlicht, Augen von intensivem Mitternachtsblau. Es waren seine eigenen Augen. Mit einem Schlag erkannte er die ganze Wahrheit, und ein unmenschlicher Schrei drang aus seiner Kehle. Wie in Zeitlupe nahm er den Pfeil wahr, der an der Sehne nach hinten gezogen wurde und sich dann löste. Wie in Zeitlupe fühlte er sich in einem riesigen Satz auf die Lichtung springen. Vor seine Frau. Vor sein Kind.

Ein schrecklicher Schmerz zerriss seine Brust. Fast ungläubig griffen seine Hände nach dem Pfeilschaft, der sich tief in ihn hineingebohrt hatte.
„Alyssa," flüsterte er, „nun weiß ich, was Liebe bedeutet." Dann wurde es schwarz vor seinen Augen.

Eine Zeitlang starrte Derek auf den dunklen und den weißen Fleck vor ihm. Nichts regte sich. Beide Tiere mussten tot sein, er hatte zwei Beutestücke mit einem einzigen Pfeil erlegt. Vielleicht sogar drei. Hier hatte ihn sein kleiner Bruder endlich einmal nicht übertrumpft. Ein etwas unbehaglicher Stolz erfüllte ihn. Sie hatten sich komisch verhalten. Egal. Morgen würde er Alex hinschicken, der könnte auch nach dem Kitz suchen, falls es noch lebte. Er band einen rotweißen Wimpel an den nächstbesten Ast und drehte sich zu Janice um. Jetzt erst sah er, dass sie ohnmächtig zusammengesunken war. Sie hatte immer schon ein zu weiches Herz gehabt. Er hätte sie diesmal nicht mitnehmen sollen. Widerwillig brummend lud er sie sich auf die Schulter, hielt mit der anderen Hand seinen Bogen fest und trottete nach Hause.

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Ein Schrei hallte durch Dereks Träume. Es war das Weiße Reh. Es hörte nicht auf zu schreien. Es war doch schon tot, wie konnte es so laut schreien? Konnte es niemand endlich zum Schweigen bringen?
Schweißgebadet schlug er die Augen auf. Ein Glück, er hatte nur geträumt! Alles war still. Nein – da war dieser Schrei wieder! Verdammt noch mal!
„Neiiiiiin! Lasst ihn in Ruhe!" Das war Janice. Warum zum Teufel musste sie solchen Lärm machen?
„Bitte …" Das Schreien ging in Schluchzen über. „Er hat es doch nicht gewusst! Keiner von uns hat es gewusst!"
Die Tür flog auf, und bevor Derek reagieren konnte, wurde er unsanft an beiden Armen gepackt. „Mr. Hill, Sie sind verhaftet. Würden Sie uns bitte folgen?"
Verdattert schaute er auf die beiden Polizisten. „Verhaftet? Wieso das? Ich hab nichts Illegales getan!"
„Waren Sie letzte Nacht jagen, und gehören diese Pfeile Ihnen?" Unsanft wurden ihm zwei seiner verlorengegangenen Pfeile mit der rotweißen Markierung vors Gesicht gedrückt.
„Ja, ja, aber ich habe einen Jagdschein, ich habe das Jagdrecht hier, ich habe nur eine Ricke geschossen…" Plötzlich wurde er unsicher.
„Hören Sie, ich erinnere mich wieder, da war noch irgendetwas, ein Schatten ist dazwischengesprungen, völlig unberechenbar, es muss ein Rehbock gewesen sein…"
„Kommen Sie mit!" schnitt ihm der Polizist an seiner linken Seite das Wort ab.

Auf der Lichtung stand ebenfalls ein Uniformierter. Neben ihm lag etwas, das von einem schweren grünen Tuch bedeckt war. Es war doch nicht etwa ein Mensch gewesen? Einer der Polizisten hob mit undefinierbarem Gesichtsausdruck das Tuch zur Seite.
Derek starrte auf zwei Körper, einen Mann und eine Frau, beide mit einem einzigen, rotweiß beschafteten Pfeil durchbohrt. Der Mann trug einfache, olivfarbene Kleidung, aber die Frau war nackt. Ihre schlanke, perfekte Figur raubte trotz der Wunden auf ihrer ansonsten makellosen Haut dem Betrachter immer noch den Atem und ließ ihren vorzeitigen, gewaltsamen Tod umso sinnloser erscheinen. Ihr rotbraunes Haar und die blonden Strähnen des Mannes flossen ineinander, so als wären sie im Tod vereint. Auf beiden Gesichtern lag ein friedlicher, leuchtender Ausdruck, der sie so überirdisch schön machte, dass Derek eine Zeitlang brauchte, bis er in ihnen David und Alyssa erkannte.

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Behutsam nahm Janice das kleine, hilflose Wesen auf ihre Arme. Zärtlich strich sie über das seidige Fell. Dies war alles, was ihr von David geblieben war. Ironischerweise hatte sie sich immer ein Kind von ihm erträumt, und nun hatte sie es. Aber nicht auf eine solche Weise! Oh, David! Stumme Tränen rannen in das weiche Rehfell, und sie wischte sie schnell ab. Dies war nun ihr kleiner David, und sie würde ihn versorgen. Sie würde ihn hegen und pflegen, tagsüber als Menschenbaby und nachts als Kitz. Derek würde ihn nicht in die Finger bekommen, und auch sie nicht mehr. Der kleine David brauchte sie. Sie würde ihm helfen, sein Geheimnis zu hüten. Dies war alles, was ihr von ihrer großen Liebe geblieben war. Und es würde ihr genug sein.

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Ende