Die Rose von Scharon

Ihr Leben lang hatte Francesca Blumen geliebt. Sie war immer schon allen Pflanzen mit Hochachtung begegnet, hatte nie mehr von ihnen genommen als sie brauchte, und darauf geachtet, ihnen nicht mehr Schaden zuzufügen als nötig. Schon seit ihrer Kindheit hatte sie mit Pflanzen gesprochen, ihnen gut zugeredet, oder die Freude über ihre Schönheit mit ihnen geteilt. Wenn sie von einer Pflanze etwas wegnahm, sei es zum Verzehr oder zu Arzneizwecken, so bedankte sie sich bei ihr, entschuldigte sich mitunter auch dafür, wenn sie ihr wehtun musste.
Blumen aber lagen ihr besonders am Herzen. Sie hegte und pflegte sie, ob groß oder klein, und konnte sich im Gegenzug immer wieder am zarten Duft eines Veilchens, der üppigen Pracht von Flieder oder der feenhaften Eleganz eines Elfenspiegels erfreuen.
Von der Idee, Blumen abzureißen und ins Zimmer zu stellen, hatte sie noch nie viel gehalten. Von zahlreich blühenden Sorten schnitt sie wohl hin und wieder einen kleinen Zweig ab, meistens um jemand anderem damit eine Freude zu machen, seltener um ihre eigene Wohnung mit der Schönheit und dem Geruch der Blüte zu erfüllen. Aber grundsätzlich taten ihr die entwurzelten, früher oder später zum Tod in der Vase verurteilten Sprosse leid, und sie bevorzugte es, sie an ihrem eigenen Wohnort zu besuchen und sich dort an ihren Segnungen zu erfreuen.

Francescas auserkorene Lieblinge waren die Rosen. „Rosen sind wie das Leben: sie haben Dornen und Blüten," pflegte sie ihren Freundinnen zu sagen, wenn diese nicht verstehen konnten, weshalb sie den stacheligen Gewächsen so viel ihrer Freizeit opferte. „Rosen sind wie die Liebe: sie haben Blüten und Dornen," pflegte sie ihren Freunden zu sagen, und dann ihrem Mann, wenn sie mehr Zeit im Garten als in der Küche verbrachte.

Während sie noch in der Doppelhaushälfte mit eigenem Garten gewohnt hatte, zuerst mit ihrem Mann und nach dessen Tod alleine, waren die Rosen ihr größter Stolz gewesen, allen voran ihre Kletterrose Sympathie, die fast eine ganze Hauswand mit ihren flammendroten Blüten einnahm. Aber auch um ihre rosafarbenen, gelben und weißen Strauch- und Buschrosen hatte sie sich regelmäßig gekümmert, und die schwerer zu ziehenden Edelrosen hatte sie immer mit besonderer Liebe und Hingabe gepflegt. Sie hatte Humus aus dem Wald herangeschleppt, um sie zu düngen, sie regelmäßig geschnitten, von Unkraut und Schädlingen befreit.

Als sie dann ins Sankt Hedwig Stift umziehen musste, konnte sie leider den größten Teil ihrer Lieblinge nicht mitnehmen. Nur drei Edelrosen, sowie ein Teil ihrer Heilkräutersammlung, hatten in das kleine Stückchen Erde gepasst, das die Verwaltung des Wohnstiftes den daran interessierten Senioren zugestand. Die großen Pflanzen, die sich so gut eingelebt hatten, hätte sie eh nicht wieder entwurzeln können oder wollen. Immerhin hatte sie darauf geachtet, dass die Käufer ihres Hauses damit einverstanden waren, diese ihr so teuren Pflanzen an ihrem jeweiligen Standort zu belassen.
Ihr neues Gartenstück, wenn sie es denn ihres nennen durfte, lag recht weit weg vom Gebäude am Rand einer Liegewiese, die an eine geräumige Terrasse angrenzte. In den ersten Jahren hatte sie sich noch gut darum kümmern können, und die Rosen waren einigermaßen gediehen. Doch nun, seit sie bettlägerig war, tat es ihr im Herzen weh, wenn ein Pfleger ihren Rollstuhl an warmen Sommertagen auf die Liegewiese schob und sie feststellen musste, wie ihre Heilkräuter von Unkraut erstickt wurden und ihre ehemals schönen Rosen vor sich hin kränkelten. Jeder Appell an die Angestellten, sich um diese Pflanzen richtig zu kümmern, stieß auf taube Ohren, da die meisten von ihnen sowieso überlastet und zudem unterbezahlt waren. Wahrscheinlich hätte eh keiner von ihnen gewusst, was zu tun war, da die minimal gehaltene Anlage auch sonst keine Rosen aufwies.
Die einzige Pflanze, der die mangelnde Pflege nichts anzuhaben schien, war ihre Edelrose La France, eine der ältesten, wohlduftendsten Sorten, deren kleines, dünnes, wenn auch einziges Stämmchen auch diesen Sommer wieder eine wunderschöne, perfekt geformte, lange rosafarbene Knospe entwickelt hatte. Von ihrem Fenster aus konnte Francesca gerade so einen rosa Schimmer in ihrem Beet ausmachen, und oft sandte sie ihrer Lieblingsrose – denn das war sie inzwischen geworden – freundliche Gedanken oder erfreute sich an ihrem Anblick, den sie nun die meiste Zeit mehr erahnen und sich vorstellen als distinktiv wahrnehmen konnte.

Ohne ihre Blumen, und weitgehend ohne menschliche Kontakte, fühlte sich Francesca oft einsam. Sie hatte keine Kinder, und die einzige übriggebliebene Verwandte, eine Nichte, das Kind des verstorbenen Bruders ihres seligen Ehemannes, lebte zu weit weg, als dass sie oft zu Besuch kommen konnte. Allein ihre Zimmernachbarin zur Linken leistete ihr ab und zu Gesellschaft, wenn es ihr gut genug dazu ging. Die übrigen Bewohner des Sankt Hedwig Stifts hielten sich weitgehend fern von ihr, spätestens seit sie mitbekommen hatten, wie sie im Garten mit den Pflanzen redete, manchmal die Bäume umarmte, oder gar – ein inzwischen verstorbener Bewohner hatte das einmal im Flüsterton hinter vorgehaltener Hand im Gemeinschaftsraum zum besten gegeben – die Blätter und Blüten ihrer Rosen gestreichelt und geküsst hatte. Fast jeder schaute sie komisch an, schaute weg, oder ging ihr gleich aus dem Weg. Sie hatte den Ruf einer abgedrehten Esoteriktante oder gar einer Hexe, zumal sie in ihren ersten Jahren hier versucht hatte, den Mitbewohnern ihre Kräuter gegen ihre Wehwehchen aufzuschwätzen.
Der Pfarrer, der regelmäßig die Über-80-Jährigen besuchen kam, hatte die Vorbehalte der Bewohner eher noch verstärkt. Die letzten beiden Male, als er ihr Zimmer betreten hatte, hatte man laute, in hitziger Diskussion erhobene Stimmen durch die Tür vernommen, und beim Hinausgehen hatte man ihn etwas von „verbohrt" und „auf dem Irrweg" murmeln hören. Worum es genau gegangen war, hatte der Pfarrer niemanden wissen lassen, und so reimte sich jeder seine eigene Geschichte zusammen, mit dem Resultat, dass Francesca nun auch als Heidin auf dem Weg zur Hölle verschrien war. Das man ja schon immer vermutet, zumal sie nie die Gottesdienste besuchte und der Pfarrer ihr Zimmer nun sogar ausließ. In Wirklichkeit hatten sie sich darum gestritten, ob Tiere und Pflanzen eine Seele haben. Bei seinem letzten Besuch hatte er ihr ein Bild des Himmels vor Augen gemalt, einer Stadt mit goldenen Straßen wie in der Offenbarung beschrieben. Ihr Kommentar war gewesen, dass sie sich in einem solchen Himmel nicht wohlfühlen würde. Da war ihm der Geduldsfaden gerissen, und er war ohne weiter nachzufragen aus dem Zimmer geflüchtet.

Niemand wusste, dass Francesca neuerdings in ihrer stillen Kammer ab und zu ihre Bibel zur Hand nahm, dass sie durchaus, wenn auch zweifelnd und zaghaft, das eine oder andere Gebet an ihren Erlöser richtete. In den langen Stunden, die sie in ihrem Bett verbrachte, ihre einzige Gesellschaft die dumpfen Schmerzen in ihrem Körper, die selbst die regelmäßige Dosis von Schmerzmitteln nicht vollständig unterbinden konnte, reflektierte Francesca oft über ihr vergangenes Leben, und es gab viel, wofür sie unbeholfen, aber deshalb nicht weniger aufrichtig, um Vergebung bat. Wenn ihre gelegentlichen, oft halb unbewussten Gebete für andere sich meist um Pflanzen und Tiere drehten, so kamen doch Menschen darin auch nicht zu kurz.

Auch heute lag Francesca nachdenklich auf ihren Kissen, betrachtete die untergehende Abendsonne durch die schmutzige Fensterscheibe, und ließ in ihren Gedanken den Tag noch einmal vorüberziehen. Ihre Zimmernachbarin war da gewesen und sie hatten ein paar sehr schöne Gespräche gehabt, ihre Erinnerungen und Erfahrungen geteilt wie schon lange nicht mehr.
„Francesca," hatte die Nachbarin schließlich gemeint, „wenn du deine Blumen so sehr vermisst, könnte ich dir diese eine schöne Rose abschneiden und in dein Zimmer stellen. Dann hast du wenigstens etwas von ihrer Schönheit, und hier würde es besser riechen."
Francesca hatte sich standhaft geweigert. „Edelrosen kann man nicht einfach so abschneiden wie Kletterrosen oder Strauchrosen. Es ist ja sonst nichts Oberirdisches da als die eine Blüte an ihrem Stängel. Es würde sie zu sehr verstümmeln."
„Aber Francesca, dazu sind Blumen doch da, um die Menschen zu erfreuen."
„Sie sind auch dazu da, um Gott zu erfreuen, die Tiere zu erfreuen, um die Sonne und den Regen und den Wind und die Erde und ihr Leben zu genießen."
„Wir könnten die Rose auch ausgraben und dir in einem Topf ins Zimmer stellen. Würde dir das gefallen?"
Vehement hatte Francesca den Kopf geschüttelt. „Es geht ihr viel besser dort draußen, das wäre egoistisch von mir. Sie würde krank werden im Haus."
Die Nachbarin hatte den Kopf geschüttelt und es nicht verstanden. „Wenn du nicht mehr da bist, wird die Pflanze eh kaputtgehen, so wie die anderen. Es wird sich niemand mehr darum kümmern."
La France kann auf sich selbst aufpassen." hatte Francesca stolz geantwortet. „Ich konnte mich ja dieses Jahr auch nicht mehr um sie kümmern."
Sie waren zu keiner Übereinstimmung gekommen und hatten das Gespräch schließlich in eine andere Richtung gewendet. Worum war es dann noch einmal gegangen? Um den Sohn der Nachbarin, der so selten zu Besuch kam…

Mit einem leichten Ruck kam Francesca zu sich. Sie war ein bisschen weggedämmert, aber irgendein Geräusch hatte sie geweckt, oder vielleicht auch nur ein Luftzug. Noch immer erschöpft schlug sie die Augen auf. Irgendetwas war anders, ungewöhnlich. Sie hielt den Atem an und lauschte. Alles war still, und doch… Auf einmal fiel ihr auf, was sich verändert hatte: Ein Duft von Rosenblüten erfüllte die Luft und hatte den schalen Geruch in dem Krankenzimmer völlig vertrieben. Genüsslich sog sie die Luft in tiefen Zügen in ihre Lungen, ließ dabei aber gleichzeitig verwundert ihren kurzsichtigen Blick durch den Raum schweifen. Dort – ein Schatten löste sich vom Türrahmen! Ein Mann!
Ein Schreck durchzuckte Francesca, doch dann fing sie sich rasch wieder. Schließlich gab es nichts bei ihr zu holen, weder Geld noch sonst etwas. Entweder war er ein neuer Pfleger, oder er musste sich in der Tür geirrt haben und wollte jemand anderen besuchen. Schließlich war es ja noch nicht so spät am Abend, vielleicht war die Besuchszeit noch nicht vorbei.

Francesca kniff die Augen zusammen und starrte den Fremden minutenlang unverhohlen an. Trotz des Dämmerlichts im Zimmer konnte sie ihn erstaunlich klar erkennen. Sie schätzte ihn auf etwa Mitte dreißig. Seine Haare, die lang und dicht ein volles, ebenmäßiges Gesicht umrahmten, hatten den erdigen Braunton von Holz mit hellen und dunklen Maserungen und erinnerten Francesca unwillkürlich an ihre Rosenhochstämme. Seine Wangen und Lippen waren von frischem, leuchtendem Rosa, so anmutig wie eine eben erst erblühte Knospe. Was sie aber vor allem in den Bann schlug waren seine Augen. Sie glänzten in dem tiefen Dunkelgrün reifer Blätter, mit kleinen helleren Sprenkeln durchsetzt. Diese Augen strahlten eine solche Ruhe, eine Freundlichkeit, einen Frieden aus, dass man sich bei ihrem Anblick sofort geborgen fühlte.

Hier war der Traumprinz, der ihr in ihrem langen Leben nie begegnet war. Francesca hatte einige Männer gehabt, und jeden auf seine Weise geliebt, aber selbst ihr Ehemann, mit dem sie einigermaßen glückliche Zeiten geteilt hatte, hatte nicht das undefinierbare Etwas aufbieten können, das immer noch gefehlt hatte, wonach ein Teil von ihr immer gesucht und es doch nie gefunden hatte. Selbst ihr Ehemann hatte nie solche Saiten in ihr vibrieren lassen wie es der Anblick, die Ausstrahlung, die ganze Aura dieses Mannes nun taten.

„Haben Sie sich vielleicht verlaufen? Suchen Sie jemanden Bestimmtes?" Noch nie vorher war es ihr so unangenehm bewusst gewesen, wie alt und zitterig ihre Stimme klang.
„Ja." Er schaute ihr direkt in die Augen und hielt ihren Blick gefangen. „Ich suche dich, Francesca." Seine Stimme wurde weich. „Ich suche dich schon so lange."
Ihre Augen weiteten sich. Das musste ein Traum sein. Oder hatte sie ihn missverstanden?
Mit ein paar geschmeidigen Schritten war er an ihrem Bett und strich ihr sachte über die wirren weißen Haare, wobei er sie liebevoll anlächelte. Sie schaute verdutzt und leicht schockiert zu ihm auf, aber er legte einen Finger an seine Lippen und zwinkerte ihr fast unmerklich zu. „Schscht." Er artikulierte es so sanft und beruhigend, dass sie sich unwillkürlich zurücklehnte und etwas entspannte. Hundert Fragezeichen wirbelten in ihrem Kopf herum, aber sie schob sie beiseite. Ob dies ein Traum war oder Realität, sie würde es nehmen wie es kommen würde. Sie hatte es mühsam genug in ihrem Leben lernen müssen, Momente wie diesen nicht mit Analysen zu verderben.

Behutsam nahm er ihre knotigen, verrunzelten Hände in seine und führte sie andächtig an seinen Mund. Dann sah sie, wie er sich an ihrem Bett niederkniete, sich über sie beugte und sanft ihre Stirn küsste. Seine Lippen waren zart und weich wie junge Rosenblüten, streichelten wie ein Windhauch über ihre nun geschlossenen Augenlider und ihre Wangen. Überall, wo sie ihre Haut berührt hatten, hinterließen sie das Gefühl, als läge dort immer noch ein samtiges weiches Blütenblatt.
Liebevoll und unendlich zärtlich küsste er schließlich ihren Mund. Sein Kuss schmeckte nach Rosen, nach Blütentau und Honig. Francesca fühlte sich, als würde sie in ihre Kissen schmelzen.
Wie seidige Wassertropfen wanderten seine Lippen nun über ihren Hals und benetzten wie Balsam die trockene, empfindliche Haut ihres Ausschnitts, bevor sie sie wieder auf ihrem Mund spüren konnte, federleicht und aromatisch wie eine warme Brise, die süße, geheimnisvolle, ungekannte und doch seltsam vertraute Düfte aus fernen, verwunschenen Gärten herweht. Francesca stöhnte auf. Es war keine Lust, die diese Berührungen in ihr hervorriefen, sondern Sehnsucht, eine tiefe, in dieser Intensität nie gekannte Sehnsucht, eine Sehnsucht, die noch im Entstehen erfüllt und zugleich von neuem entfacht wurde.

Francesca hatte jegliches Zeitgefühl verloren und jegliche Wahrnehmung ihrer Schmerzen. Sie hätte sich ewig diesen Liebkosungen hingeben können. Doch irgendwann ließ er sie sachte los, stand auf und bewegte sich von ihr weg in Richtung des Fensters.
„Bitte geh nicht! Bleib bei mir!" rief sie kraftlos mit leiser, zitternder Stimme.
„Wir werden uns wiedersehen." Er lächelte ihr zu. „Bald, meine Geliebte."
Sein Lächeln wurde so leuchtend, als er sich langsam entfernte, dass sie es wie Sonnenstrahlen auf ihrer Haut spürte. Wie von selbst schlossen sich ihre Lider.

Vogelgezwitscher drang an Francescas Bewusstsein. Sie fühlte Wärme auf ihrem Gesicht, auf ihrem Hals, auf ihren Händen, die über der Decke lagen. Langsam öffnete sie die Augen. Es war heller Tag und die Sonne strahlte von einem blauen, wolkenlosen Himmel herab zum geöffneten Fenster herein. Eine leichte Brise bewegte den weißen, gestickten Baumwollvorhang wie einen Schleier zur Anderswelt.
Ächzend setzte sich Francesca auf und suchte nach ihrer Brille. So gut und so ausgiebig hatte sie schon seit langem nicht mehr geschlafen. Sie streckte sich gähnend. In diesem Moment fiel etwas Kleines, Leichtes von der Bettdecke herab, und sie musterte diese genauer. Jetzt erst bemerkte sie die samtigen, rosafarbenen Blütenblätter, die vereinzelt auf dem geblümten Stoff lagen. Von ihnen schien auch der angenehm blumige Geruch auszugehen, der leicht im Raum hing. Verdutzt schaute sie zum Fenster. War ihre La France nun doch verblüht, und der Wind hatte die einzelnen Blättchen bis hierher in ihr Zimmer geweht? Sie konnte sich gar nicht erinnern, das Fenster so weit offengelassen zu haben, aber ihr Gedächtnis war nicht mehr sehr zuverlässig. Sie runzelte die Stirn, setzte ihre Brille auf und stützte sich mühsam auf das Fensterbrett. Hinter der gepflasterten Terrasse am Rand der Wiese konnte sie einen rosa Fleck erkennen. Sie kniff die Augen zusammen. Die Rosenblüte war noch intakt, sie hatte keine Blütenblätter verloren. Verwirrt schüttelte Francesca den Kopf und rutschte wieder vom Fensterbrett weg. Etwas berührte ihren Ellenbogen, und sie stellte fest, dass neben ihr auf dem Fensterbrett ihre geöffnete Bibel lag, in die sie anscheinend vor dem Schlafengehen noch hineingeschaut haben musste. Ja, sie erinnerte sich wieder, sie hatte ein bisschen im Johannesevangelium gelesen. Der Wind hatte allerdings die Seiten umgeweht, und hier lag ein Blütenblatt auf der aufgeschlagenen Doppelseite. Sie versuchte es vorsichtig aufzuheben, doch es hatte sich festgeklebt, genau bei Matthäus 25:40: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan."
Francesca hatte den Satz kaum gelesen, da bewegte erneut ein leichter Windstoß den Vorhang, strich ihr sanft über Gesicht und Haare, und wirbelte die Seiten der aufgeschlagenen Bibel minutenlang mit unerwarteter Kraft herum. Als sich die Brise schließlich gelegt hatte, starrte Francesca auf eine weitere Doppelseite, diesmal aus dem Hohelied Salomos, dem erotischsten Buch der Bibel und zugleich dem symbolischen Liebeslied Gottes an die menschliche Seele. Ein zartes, rosafarbenes Blütenblatt haftete so fest, dass es selbst dem starken Wind von eben getrotzt hatte, an Kapitel 2 Vers 1: „Ich bin die Rose von Scharon."