Die letzte Nacht

„Verfolgt Sie! Tötet Sie! " schrie der General befehlend seinen Männern zu, dann stieß er seinem Pferd grob die Sporen in die Seite und sprengte hinaus in die Nacht, dicht gefolgt von seinen Männern. Der Hof leerte sich, wo sich zuvor unter lauten Stimmen das Klirren vom Geschirr der Pferde und das Klappern der Hufe auf den harten Stein vermischte, dort trat nun eine unheimliche Stille ein. Das Donnern der Hufe verklang in der Ferne. Einzig ein blonder, junger Mann stand verborgen hinter einer Säule und rang mit sich. Es war seine Schuld. All das war seine Schuld. „Deine Augen folgen mir mit einem Hunger, den ich nicht zu stillen vermag." Das waren seine Worte. Ach könnte er sie nur zurücknehmen und somit alles ungeschehen machen. Verzweifelt schlug er sich die Hände vors Gesicht und taumelte schwer gegen die steinerne Säule. Sie würde sterben. Der General kannte keine Gnade und sie… sie war nur eine Dienerin, geboren um zu dienen. Er ballte die Hände zur Faust. Sie war mehr als das, viel mehr.

*

Keuchend rang sie nach Luft. Was sie tat, war aussichtslos. Niemand floh von der Burg und kam ungestraft davon. Sie wusste, sie würde heute Nacht sterben. Auf ihr Vergehen stand der Tod. Doch das war ihr egal. Sie wollte sterben. Sie erwartete den Tod wie einen guten Freund und doch… Sie dachte an sein Gesicht. Er hatte sie bemitleidet, bedauert und dann hatte er sich von ihr abgewandt, so als wäre sie ihm lästig, ihr Anblick ihm unangenehm. Schluchzend blieb sie stehen. Wieder durchfuhr sie jener Schmerz, den sie zum ersten Mal gefühlt hatte, als ihr klar wurde, wie aussichtslos ihre Liebe war. Dabei wollte sie ihn gar nicht lieben, nicht so. Hinter sich hörte sie die heran galoppierenden Pferde. Sie kamen. Sie kamen ihretwegen. Schnell wischte sie sich die Tränen fort und lief weiter, dabei stolperte sie und schlug schwer auf dem Boden auf. Der Aufprall presste ihr die gesamte Luft aus den Lungen und ließ sie Sterne sehen. Vielleicht sollte sie einfach liegen bleiben und warten, bis sie kamen. Es wäre so leicht. Müde schloss sie die Augen und ließ sich von ihren Gedanken forttragen.

*

„Weißt du, warum du hier bist?" fragte sie streng eine Stimme. Ehrfürchtig blickte sie zu der älteren Frau auf. Sie war die schönste Frau, die sie jemals gesehen hatte und die Kleider, die sie trug, waren von einer Pracht, die sie sich nicht einmal in ihrer kühnsten Fantasie hätte ausmalen können.

„Ja, Madam." erwiderte sie schüchtern. Sie kam sich so klein und unbedeutend vor.

„Man hat dich erwählt, um dem Prinzen zu dienen. Von nun an wirst du dich mit den anderen Mädchen um sein Wohl kümmern. Hast du das verstanden?"

Ergeben nickte sie mit dem Kopf. Man hatte sie mit den anderen Mädchen vom Kloster hierher gebracht. Dort hatte sie bis jetzt ihr ganzes Leben verbracht. Dort hatte man auch bereits begonnen, sie auf ihr zukünftiges Leben vorzubereiten. Sie war eine Dienerin. Ihr einziger Zweck auf Erden war zu dienen. Dafür wurde sie geboren. Sie hatte auch niemals mit ihrem Schicksal gehadert, sondern es dankbar und unterwürfig angenommen.

Bis sie den Prinzen traf. Vom ersten Tag an war er etwas Besonders für sie, doch sie schenkte diesem Umstand keine weitere Beachtung. Sie dachte, es wäre normal für eine Dienerin, ihren Herrn zu lieben, aber das war es nicht. Sie erinnerte sich noch, wie er dastand, ein Junge von sieben, höchstens acht Jahren, als sie ihm vorgestellt wurde.

Die Hände hatte er auf dem Rücken verschränkt. Starr blickte er gerade aus, gewöhnte sich bereits in jungen Jahren an die strenge Haltung eines Herrschers. Das blonde Haar hatte man ihm straff zu einem Mittelscheitel gekämmt, es war sehr kurz geschnitten, fiel ihm kaum über den Kragen seiner Uniform. Er rührte sich nicht, als ihm alle Mädchen einzeln vorgestellt wurden.

12 Mädchen sollten sich von nun an um sein Wohlergehen kümmern. Als sie an der Reihe war, sah sie schüchtern zu ihm hoch, versuchte, irgendetwas in seinem starr wirkenden Gesicht zu entdecken. Genau in diesem Moment senkte er seinen Blick und sah sie an. Blaue Augen. Er hatte eisblaue Augen. Kühl und abwesend musterte er sie, doch sie entdeckte hinter diesem Blick noch mehr. Eine verborgene Sehnsucht und eine Traurigkeit, die er vor sich und dem Rest der Welt zu verstecken versuchte. Was machte den Prinzen nur so traurig? Nur den Bruchteil einer Sekunde währte dieser Augenblick, doch er reichte aus, dass sie ihn von nun an für immer liebte. Innerlich schwor sie sich, die beste Dienerin zu sein, die er jemals hatte und jemals haben würde.

Die Jahre vergingen und er wuchs zu einem stolzen, jungen Mann heran. Das blonde Haar ließ er sich nun in die Stirn fallen, so sah er kühn und verwegen, wenn auch einsam aus. Er war reich, hatte Macht und doch wirkte er unglücklich. Der Ernst und die Traurigkeit waren immer noch bei ihm und selbst über die Jahre nicht von ihm gewichen. Er war 20 Jahre alt und sein Vater der Meinung, er sollte sich endlich eine Frau nehmen. Ein Wunsch, der ihr die wahre Natur ihrer Gefühle für ihn bewusst machte. Sie trug wie immer sein Essen auf und stellte es vor ihm auf den Tisch, als sie die Worte des Herrschers, seines Vaters vernahm. Ihr Prinz sollte schon bald für immer einer anderen Frau gehören.

Der Gedanke schmerzte sie unerwartet tief. Sie hatte ihn immer geliebt, wie eine Dienerin ihren Herrn, doch jetzt, wo sie hörte, dass er schon bald einer Anderen gehörte, da offenbarte sich ihr die wahre Natur ihrer Gefühle. Klar drang dieser Gedanken in ihr Bewusstsein und genau in diesem Moment hob er den Kopf und blickte ihr in die Augen. Überrascht hielt er den Atem an. Er konnte in ihrer Seele lesen, schon immer konnte er das und so wusste er, was sie fühlte.

Die Zeit schien für einen Augenblick stillzustehen. Beide nahmen nur noch einander wahr, alles rund um sie schien nicht länger mehr zu existieren. Keiner von beiden hörte, was der König noch zu sagen hatte, noch das Klirren des Geschirrs oder wie sich die Hunde unter dem Tisch um einzelne Knochen balgten. Alles war wie weggespült. Dafür nahmen sie fast überdeutlich den Atem des Anderen war, wie sich der Puls beschleunigte und gleichzeitig die Raumtemperatur stieg und dann war es vorbei. Hastig löste sie ihren Blick von ihm und eilte fort. Sie konnte dabei seinen fragenden Blick in ihrem Rücken spüren.

*

Mit enormer Anstrengung löste er sich von der Säule und richtet sich gerade auf. Alles Gefühl war von seinem Gesicht gewichen. Die harten Worte, mit denen er sie vertrieben hatte, die hatte er nur gesagt, um sie zu schützen und nun starb sie deshalb. Er wünschte, er könnte etwas für sie tun, doch es war aussichtslos. Sie würde sterben, wenn nicht heute Nacht, so doch spätestens morgen. Es war Dienerinnen nicht gestattet, die Burg ohne Erlaubnis zu verlassen und genau das hatte sie getan, weil er sie fortgetrieben hatte. Schwer schlug er mit der Faust gegen den Stein.

Wenn er nur etwas tun könnte, aber auch er musste sich dem Gesetz beugen. Er erinnerte sich an den Tag zurück, als er sie zum ersten Mal sah. Er war acht Jahre alt und bekam seine eigene Dienerschaft. Sie wurden ihm nach der Reihe vorgestellt. Alle waren jünger, als er und standen noch in ihrer Ausbildung. Er weiß es nicht mehr, wie viele Mädchen kamen, er hatte sich ihre Gesichter nicht gemerkt, doch plötzlich war vor ihm ein kleines, zartes Gesicht und unwillkürlich blickte er sie an. Sah sie richtig an.

Von diesem Tag an war sie etwas Besonderes für ihn, auch wenn er sie nicht anders als die anderen behandelte und doch war sie anders. Sie schien zu sehen, was andere nicht sahen. Er glaubte, nichts vor ihr verbergen zu können. Sein größter Kummer damals war der Verlust seiner Mutter gewesen. Sie war an Kindbettfieber gestorben und seine kleine Schwester gleich mit ihr. Er vermisste sie so schrecklich, aber niemand wusste davon. Er durfte seinen Kummer nicht zeigen.

Für einen Prinzen ziemte sich das nicht. Mit gebeugten Schultern stand er mitten im Hof. Er hatte nichts gesagt, als der General aufbrach, um sie einzufangen, hatte ihn nicht aufgehalten, aber jetzt wollte er etwas tun. Entschlossen ging er auf die Ställe zu und riss die Tür auf. Ein Diener erwartete ihn dahinter. Erschrocken eilte er auf ihn zu und verbeugte sich tief.

„Sattle mein Pferd!" befahl er ihm schroff und wartete. Er würde dem General folgen.

*

Energisch zwang sie sich, aufzustehen. Ihre Hände waren von der Erde schmutzig und sie war sich sicher, ihr Gesicht sah nicht besser aus. Unbeholfen wischte sie ihre Hände an ihrem Rock ab und lauschte dabei auf die Geräusche der Nacht. Sie waren näher gekommen. Schon bald würden sie sie haben. Sie raffte ihre Röcke mit den Händen und lief weiter.

Sie war müde, ihre Brust schmerzte und ihre Beine wollten sie fast nicht mehr tragen und doch trieb sie sich selbst unerbittlich an. Ihr Herz hatte sich für den Tod entschieden, aber ihr Kopf noch lange nicht und diesen würde sie eindeutig verlieren, wenn sie sie erwischten. Hastig lief sie zwischen die Bäume. Sie hatte beinahe den großen Wald, ihr Ziel, erreicht. Rund um die Burg gab es kaum Möglichkeiten, sich zu verbergen, doch ein gutes Stück davon entfernt begann der große Wald.

Er war voller Gefahren und sie fiel wahrscheinlich wilden Tieren zum Opfer oder ihr widerfuhr noch Schlimmeres, denn auch Banditen trieben dort ihr Unwesen, aber lieber lief sie Gefahr, dort eines grausamen Todes zu sterben, der mit Sicherheit schnell kam, als langsam an gebrochenem Herzen umzukommen. Sie hatte ihn mit der anderen Frau gesehen. Eine schöne, stolze Dame. Sie passte genau zu ihm und würde ihm eine gute Königin sein. Sie waren ein perfektes Paar. Er mit seinem blonden und sie mit ihrem langen, glatten schwarzen Haar. Anmutig und geschmeidig waren ihre Bewegungen und ihre Hände so zart und weich. Sie war wunderschön. Unglücklich betrachtete sie im Sternenlicht ihre eigenen von der Arbeit rau gewordenen Hände. Sie war nicht schön.

*

In der Ferne hörte er das dumpfe Trommeln der Pferdehufe. Sie waren schon weit gekommen. Ohne Rücksicht auf sein Leben stieß er seinem Pferd fest die Hacken in die Flanken und schon sprengte es im halsbrecherischen Galopp über das Geröll rund um die Burg. Die Nacht war klar und so konnte er gut sehen. Weit vor sich glaubte er, Schatten ausmachen zu können und so hielt er darauf zu. Er musste sie erreichen, bevor sie seine Dienerin fanden. Er hatte wunderschöne, anmutige Frauen kennengelernt. Alle von Stand und Adel und eine jede von ihnen eine gute Partie.

Einige von ihnen hätten eine saftige Mitgift mit in die Ehe gebracht, wenn er sie erwählt hätte, etwas, was das Reich seines Vaters gut gebrauchen könnte, doch keine berührte ihn. Keine schaffte es, einen Blick auf seine Seele zu werfen. Das gelang bisher nur einer und die lief dort draußen um ihr Leben. Er biss die Zähne zusammen und trieb sein Pferd noch stärker an. Er musste es schaffen. Er wollte noch einmal in ihre Augen blicken, die so viel sahen. Die ihn sahen.

Vor langer Zeit, fernab von allen, da liefen sie einander zufällig an der Außenmauer über den Weg. Erschrocken zuckte sie zusammen. Dienerinnen war es ohne ausdrücklichen Befehl nicht gestattet, die Burg zu verlassen. Sie hatte gegen das Gesetz verstoßen und wenn er wollte, konnte er dafür sorgen, dass sie ihre gerechte Strafe erhielt – den Tod. Sie ging vor ihm in die Knie, beugte ihr Haupt und wartete auf seine Entscheidung.

„Was machst du hier?" Er war neugierig geworden. Was veranlasste sie, eine so große Gefahr auf sich zu nehmen? Er vermutete, sie hatte einen Geliebten. Bei diesem Gedanken wurde ihm das Herz schwer und zugleich spürte er, wie eine ungeahnte Wut von ihm Besitz ergriff. Sie hatte niemanden außer ihm zu lieben. Sie gehörte ihm.

Sein Pferd stolperte auf dem unwegsamen Gelände und wäre beinahe gestürzt. Im letzten Moment gelang es ihm, sich im Sattel zu halten. Er musste achtsam sein, durfte seinen Gedanken nicht gestatten, an sie zu denken. Noch nicht. Erst wenn er bei ihr war.

*

Der Wald umfing sie dunkel und schwarz. Sie war gezwungen, langsamer zu gehen. Ansonsten würde sie über all den Wurzeln den Halt verlieren und sich schlimm verletzten. Sie hatte ihm ihr ganzes Leben lang jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Wusste, wann er süße Früchte oder doch lieber den vollmundigen Geschmack frisch gebratenen Fleisches kosten wollte. Wusste, wann der Lärm ihm zu viel war und er seine Ruhe brauchte oder sich nach Zerstreuung sehnte.

Es wäre sein gutes Recht gewesen, von ihr alles zu verlangen, aber einen Dienst wollte er nie von ihr. Er fand sie bestimmt nicht anziehend. Sie hatte es sich so gewünscht, sein Lager zu teilen und seine Nähe zu fühlen, aber er rief sie nie. Andere Mädchen kamen und gingen aus seiner Kammer. Oft weinte sie in ihre Kissen, sie konnte es kaum ertragen, doch tapfer schluckte sie diese Schmach hinunter. Sie war nur eine Dienerin. Plötzlich brach ein Pferd durch das Unterholz und blieb vor ihr stehen. Sie hatten sie erwischt.

„Du bringst Schande über dich und deinesgleichen. Wie konntest du aus der Burg fliehen? Hat man dir dort nicht alles gegeben? Ging es dir nicht gut?" Seine Worte lösten unbewusst eine Erinnerung in ihr aus. Längst vergangen und vergessen, nur nicht von ihr.

Der Prinz hatte sie außerhalb der Burgmauern erwischt und sie zur Rede gestellt, was sie hier draußen verloren hatte. Sein Blick war so voller Zorn und Hass gewesen. Sie war sich beinahe sicher, an diesem Tag zu sterben. Sie schluckte mühsam und erklärte ihm mehr unbeholfen, dass sie einfach einmal sehen wollte, was sich jenseits der Burgmauern befand.

Unmöglich konnte sie zugeben, wie sehr sie die Enge der Burg und somit seine permanente Nähe quälte. Wie sollte sie ihm erklären, dass ihr manchmal die Luft zum Atmen fehlte, so sehr schnürte ihr die unerwiderte Liebe die Brust zu. Ihre Antwort schien seinen Zorn noch weiter anzufachen, er glaubte ihr kein einziges Wort. Erst, als sie ihren ganzen Mut zusammen nahm und zu ihm aufblickte, da wurde er plötzlich ruhig.

„Sag mir die Wahrheit!" bat er sie mit einem Befehl.

„Es ist Euretwegen. Ich verlasse wegen Euch die Burg." Er schloss die Augen und wandte sich ab von ihr.

Sie hatten sie eingekreist. Es gab keine Möglichkeit mehr, zu fliehen. Ängstlich blickte sie zu dem General auf. Langsam stieg dieser aus dem Sattel. Er würde es also gleich hier und jetzt tun. Automatisch sank sie auf die Knie und beugte ihm ihr Haupt entgegen, fügte sich in ihr Schicksal. Er zog sein Schwert und schritt ruhig auf sie zu. „Es wird schnell gehen." versprach er ihr. Sie war so klein und zart und er wusste, er gab ihr kein leeres Versprechen. Mit einem Schlag würde er sie töten, sie musste nicht leiden. Er hob das Schwert, legte es fast liebkosend auf ihren Hals und zog es dann heftig zurück. Gerade wollte er die scharfe Klinge niedersausen lassen, als eine Stimme ihn zurück hielt.

*

„Halt! Nicht!" schrie er aus Leibskräften. Er war beinahe zu spät gekommen. „Lasst sie leben und bringt sie unbeschadet zur Burg zurück." befahl er und wendete sein Pferd.

Er konnte nicht bleiben. Er konnte sie nicht länger ansehen, ansonsten hätte er etwas Dummes gemacht, dass wusste er genau. So wie damals vor der Burg, als sie ihm es gesagt hatte. Das Wissen, dass er sie immer geliebt hatte, durchströmte ihn bei ihrem Geständnis mit einer Klarheit, die ihm fast den Boden unter den Füßen wegriss und noch etwas wurde ihm deutlich. Es gab für sie beide keine Zukunft. Keine Möglichkeit. Sie durften sich nicht lieben. Damals hatte er sie grob an den Schultern gepackt und zurück in die Burg geschleift.

„Nie wieder verlässt du mich!" hat er sie angeschrieen. Er hat nicht gesagt, die Burg, nein ihn.

Doch er durfte sich keine Blöße vor seinen Männern geben. Er war ihr Anführer. Anführer hatten keine Schwächen. Schmerzlich brannten ihm die Augen. Er redete sich ein, es kam vom kühlen Nachtwind, der ihm den Staub in die Augen rieb, aber er wusste es im Grunde seines Herzens besser. Kaum in der Burg, ging er nicht, wie geplant, in seine Gemächer, sondern hinauf auf den höchsten Turm und blickte hoch zu den Sternen. Hier wollte er warten, bis sie kam und noch länger.

*

Man hatte sie zurückgebracht und in seinen Räumen eingesperrt. Er war nicht da. Sie hatte Angst vor der Demütigung, die nun kommen würde. Er würde sie fragen und sie hatte keine Antworten. Keine, die ihr nicht den letzten Stolz rauben würden. Zitternd trat sie auf die hohen Fenster zu und blickte hinaus. Kühl umschmeichelte sie der Nachtwind. Sie sah unter sich die schroffen Felsen. Es wäre so leicht. Bevor sie sich entscheiden konnte, öffnete sich die Tür. Er war da. Sie wusste es, ohne hinzusehen. Er war es. Leise trat er an ihre Seite und sah an ihr vorbei hinaus in die Nacht.

„Warum?"

Tränen glitzern in ihren Augen und liefen lautlos über ihre Wangen. Ihr Kopf senkte sich. Sie konnte es ihm nicht sagen.

„Bitte, lasst den General seine Arbeit zu Ende bringen." erwiderte sie leise.

„Hast du es so eilig, zu sterben? Gibt es denn für dich nichts mehr, für das es sich zu leben lohnt?" Normalerweise klang seine Stimme hohl und leer. Niemals zeigte er ein Gefühl, doch heute war sie anders. Voller Leid und Trauer, Angst und Verzweiflung. Er sprach so, wie sie fühlte.

Durch den Tränenschleier sah sie auf ihre Hände, die sich auf dem kalten Stein abstützten. Immer noch waren sie schmutzverkrustet, von blutigen Kratzern übersäht und die Nägel eingerissen, daneben lag seine Hand. Schlanke, saubere lange Finger mit schön geformten runden Nägeln. Diese Hände passten nicht zusammen.

Er wartete auf eine Antwort, doch sie konnte ihm keine geben. Das Schweigen zwischen ihnen dehnte sich aus und als es kaum noch zu ertragen war, öffnete er den Mund.

„Ich habe gelogen!" sagte er schlicht. Überrascht sah sie hoch zu ihm. Der Prinz sollte gelogen haben und gab das auch noch vor ihr zu.

„Ich… womit habt Ihr gelogen?" Die Frage entschlüpfte ihr, bevor sie es verhindern konnte. Erschrocken über ihrer eigenen Kühnheit legte sie die Hand auf ihren Mund, als könnte sie die Worte so zurücknehmen.

„Ich habe es so oft getan, dass ich es nicht einmal mehr zählen kann. Jedes Mal, wenn du in meiner Nähe warst, war ich eine einzige Lüge."

Fragend lag ihr Blick auf ihm, hoffend, ahnend.

„Nicht nur du hast dein Herz verloren. Ich…" Schnell legte sie ihm ihre Hand auf den Mund. Er sollte nicht weitersprechen.

„Nicht!" rief sie leise aus. Zärtlich fing er ihre Hand ein und zog sie fort von seinem Mund.

„Ich dachte mir, wenn einer von uns beiden frei von seinen Gefühlen wäre, dann… nur lag ich falsch. Ich… habe dir den Tod gebracht."

Verständnis machte sich in ihren Zügen breit. „Ihr wolltet, dass ich aufhöre, Euch zu lieben?"

Er schloss seine Augen und wandte sich ab von ihr, aber ihre Hand behielt er in seiner.

„Du solltest die Möglichkeit haben, jemand besseren zu finden."

„Jemand besseren?" fragte sie bitter.

„Um ihn zu lieben."

Erneut rannen ihr die Tränen über das Gesicht. Sachte fuhr sie mit den Fingerspitzen über sein Gesicht. „Es gibt keinen Besseren." flüsterte sie leise.

„Ich kann nichts mehr für dich tun." erwiderte er. Stürmisch schloss er sie in seine Arme und vergrub sein Gesicht an ihrem Hals.

Tröstend strich sie über sein Haar. „Ich weiß."

„Wenn die Sonne am Horizont erscheint, werden sie kommen." erzählte er ihr leise an ihrem Hals.

„Wenn sie kommen, werde ich bereit sein. Das ist mein letzter Dienst an Euch."

Sanft berührte er ihre Lippen. Strich sachte mit seinem Mund darüber. Er konnte nicht widerstehen. Einmal wollte er sie, musste er sie küssen. Willig ließ sie es geschehen. Wenn sie sterben musste, dann mit der Erinnerung an seinem Kuss auf ihren Lippen und seinen Armen um ihren Körper. Er löste sich von ihr und lehnte seine Stirn an ihre.

„Das kann nicht das Ende sein, wo ich dich gerade gefunden habe." flüsterte er voller Schmerzen.

„Ich war immer hier, Ihr habt mich nur nicht gesehen."

Leicht schmunzelte er bei ihren Worten. Sie konnte es nicht sehen, aber sie fühlte es. „Das ist nicht wahr. Ich habe dich immer gesehen. Immer." Er umschloss mit den Händen ihr Gesicht und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen.

„Ich werde mit meinem Vater reden und um Gnade für dich bitten."

Sie wollte ihren Kopf bei seinen Worten schütteln, doch er hielt sie fest. „Tut das nicht, bitte!" flehte sie leise.

„Willst du nicht bei mir bleiben?" Er war enttäuscht.

„Ich lebe, um bei dir sein zu können, doch ich sterbe, weil ich es nicht darf." Sie schmiegte ihre Wange in seine Hand. Er begann zu verstehen und das ließ ihn beinahe in die Knie gehen.

Er liebte sie schon fast sein ganzes Leben lang und wenn er heute seinen Vater um ihr Leben bat, würde ihm dieser sicher seinen Wunsch gewähren, doch er durfte sie nie haben. Durfte ihr niemals seine Liebe zeigen.

„Ich kann so nicht leben." sagte sie laut, was er im gleichen Moment dachte.

„Dann lass mich mit dir gehen." Er war wild entschlossen, sie nicht noch einmal zu verlieren. Diese wenigen Stunden, die sie aus der Burg fort war, waren die längsten in seinem Leben gewesen. Es war, als würde ein ganz wichtiger Teil von ihm plötzlich fehlen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie wich zurück.

„Nein, mein Prinz. Tut das nicht. Ich bin es nicht wert. Ich bin nur eine Dienerin." Abwehrend hatte sie ihre Hände gehoben.

Er wollte mit ihr sterben. Niemals. Er ging auf sie zu.

„Es ist der einzige Weg. Ich möchte nur mit dir zusammen sein. Ich liebe dich." Nun hatte er es gesagt und trieb sie damit noch weiter von sich fort.

„Nein, mein Prinz, nein!" flüsterte sie erstickt und doch quoll ihr Herz bei seinen Worten über.

„Sag, dass du mich liebst!" verlangte er plötzlich und hielt inne. Ihr Blick huschte im Raum umher, als könnte sie irgendwo dort die Antwort verstecken und müsste sie ihm nicht sagen.

„Ich liebe Euch. Von ganzem Herzen." gab sie gebrochen von sich. Würde sie ihn mit ihren Worten in den sicheren Tod treiben?

„Dann lass uns es tun. Ich will nie wieder ohne dich sein." Er ergriff ihre Hände und versuchte sie an sich zu ziehen, doch sie sträubte sich dagegen.

„Aber…" sie brach ab und strich sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Sie musste es tun, sie hatte keine Wahl.

„Aber so, wie ich eine Dienerin bin und meinen Zweck erfülle, so seid auch ihr ein Diener. Der Diener eures Volkes. Ihr habt noch eine Aufgabe zu erfüllen. Ihr könnt nicht einfach gehen. Das wäre nicht richtig. Wenn ich verschwinde, wird ein anders Mädchen meinen Platz einfach einnehmen"

Bei diesem Satz schrie alles in ihm: „Nein, niemals!" doch sie sprach bereits weiter, „Aber wenn ihr nicht mehr seid, wer soll statt Euch für das Volk da sein?" Ihre Worte brachen ihm das Herz.

Sie hatte Recht. Er hatte Verpflichtungen. Seine Geburt mochte ein Privileg sein und doch war auch eine Aufgabe daran geknüpft, er musste seinem Volk dienen.

„Versprecht mir, gut und gerecht zu sein." Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn sanft auf die Stirn.

Er hatte die Augen geschlossen und spürte ihre Tränen an seinen Wangen. Auch in seinen Augen sammelten sie sich, aber noch durfte er sie nicht laufen lassen. Stumm, mit gesenktem Haupt nickte er und gab ihr so das verlangte Versprechen. Für sie würde er alles tun.

„Leb wohl, mein Prinz!" sagte sie noch leise und ging. Lange stand er da und ließ den Tränen ihren Weg finden.

„Leb wohl, meine Geliebte!" flüsterte er in den nun so leeren Raum.