Ich bin hier um Abschied zu nehmen.

„Krebs" sagte der Arzt.

Wenige Wochen noch, vielleicht auch Monate, aber das Ende stand schon fest. Würde ich leiden? Ein stummer stoischer Blick aus einem zur Maske erstarrtem verzogenem Gesicht. Zu Anfang nicht. Was war der Anfang? Begann der jetzt mit der Diagnose?

Ich bin immer durchs Leben gehastet, hatte kaum Zeit, doch jetzt schlenderte ich langsam von der Praxis fort. Nahm seit langem bewusst wahr was um mich geschah. Auf einem Spielplatz tobten Kinder fröhlich und ausgelassen. Ich war auch einmal ein Kind, habe getobt und war fröhlich. Wann hatte ich aufgehört das zu sein? Ich weiß es nicht mehr.

Was wird meine Familie dazu sagen? Ich hatte keinen Mann, keine Kinder. Schade eigentlich. Ich hätte bei ihnen Trost finden können und später hätten sie um mich getrauert. Wie egoistisch ich bin. Vielleicht ist es besser so. Ich habe immer zur falschen Zeit die falschen Männer getroffen. Nun ja ich bin alleine geblieben.

Tief vergrub ich meine Hände in den Taschen meiner Jacke. Es war nicht kalt heute und doch fror ich. Seit ich beim Arzt war, beschlich mich schon diese seltsame Kälte. Ob sie mit meiner Krankheit zusammen hing?

Ich habe eine Mutter und Geschwister. Mit denen werde ich wohl reden müssen. Wie sie wohl reagieren? Wahrscheinlich die einen mehr und die anderen weniger betroffen. Wenn ich gehe, bleibt nicht viel von mir zurück. Ich habe nichts gebaut, nichts geschaffen, nichts Außergewöhnliches vollbracht.

Ich habe einen Job. Ich mache ihn gerne. Dort, dort wird man mich eine Zeitlang vermissen. Ich war lange dort. Ich hatte das Ende der Strasse erreicht. Nach rechts oder links? Nach rechts ging es Nachhause, nach links weit weg davon. Sehnsüchtig blickte ich nach links. Weit weg! Ich sollte noch einmal Urlaub machen.

Das wäre dann mein letzter. Für alles gab es ein erstes und ein letztes Mal. Was für eine vergeudete Philosophie! Das Läuten meines Handys riss mich aus meinen Tiefschürfenden Gedanken. Meine Mutter. Einer der Vorteile unverheiratet und alleine zu sein. Wenn man zum Arzt ging, rief sie einen hinterher an.

„Wie lief es?"

„Gut!"

„Bist du gesund?"

„Ja Mutter!"

„Wann kommst du Nachhause?"

„Bald!"

Ich habe gelogen! Ich sollte besser keine Sünden mehr begehen. Ich weiß nicht wie viele er mir dort oben noch vergibt. Wer weiß, vielleicht trennt mich nur noch eine falsche Tat vor der ewigen Verdammnis?

Ich könnte in die Kirche gehen. Jetzt wo meine Zeit knapp war, hatte ich Zeit dafür. Ich habe gehört, dass es reicht wenn man aufrichtig seine schlimmen Taten bereut und dann eine Kerze anzündet. Dann war man frei von jeder Schuld. Das war so schön einfach.

Ich hatte nichts wirklich Böses in meinem Leben getan. Eben das übliche. Wer sagt mal nicht was Schlechtes über seine Arbeitskollegen? Das tut doch jeder. Das ich manche Freunde mies behandelt habe, war sicher nicht nett. Und ich hab mir nie die Zeit genommen es wieder gut zu machen. Obwohl ich es mir ganz fest vorgenommen hatte es zu tun.

Verdammt!

Ich bin doch glatt zwei Strassen zu weit gelaufen und habs nicht gemerkt. Jetzt muss ich den ganzen Weg zurückgehen. Rückblickend kann eigentlich Gott mit mir nicht böse sein. Erneut klingelte mein Handy. Mein Chef.

Ich hab mir heute frei genommen. Er weiß gar nicht, dass ich beim Arzt war. Ob ich ihm gleich sagen soll, dass er eine Stellenanzeige aufgeben muss? Besser noch nicht. Ich könnte ja noch ganz lange leben und da brauch ich meine Job. Der Arzt war sich nicht so sicher wie lange es noch dauert. Davon hörte man doch andauernd. Trotz Diagnose noch Jahre gelebt. Oder plötzlich geheilt! Das konnte auf mich genauso zutreffen.

„Ja?"

„Ich suche diese Telefonnotiz die sie mir gestern gegeben haben!"

Mein Chef verlegt andauernd was.

„Ich habe eine Zweitschrift davon angefertigt. Sie liegt auf meinem Tisch!"

Mein Chef würde mich sicher vermissen.

Ich habe mal in einem Buch von einer Frau, oder war es ein Mann, gelesen. Egal! Na jedenfalls hat sich der eine Liste gemacht. Von all den Dingen die er noch bevor er sterben würde, machen wollte. Das sollte ich auch tun. Es gibt so vieles was ich noch nicht im Leben getan habe. Ich habs mir immer wieder vorgenommen und dann vergessen. Aber jetzt hatte ich doch Zeit dafür.

In einer Konditorei alle Kuchen und Torten kosten, bis mir schlecht wird. Das muss unbedingt auf die Liste. Fallschirmspringen? Besser nicht! Ich habe Höhenangst. Was noch? Hm? Es muss ja nicht gleich sein, das kann ich auch noch später tun.

Ich horche in meinem Körper. Müsste ich es nicht spüren? Aber da ist alles wie immer.

Der Arzt könnte sich doch geirrt haben. Wahrscheinlich eine dieser dummen Verwechslungen. Morgen würde er mich anrufen und sich entschuldigen. Er hatte mich mit einer anderen Frau verwechselt. Ich war gesund. Die andere war die Todkranke.

So jetzt habe ich wieder die richtige Strasse. Diese noch runter und dann war ich schon fast zu Hause. Ich wohnte im selben Haus wie meine Mutter. Sie würde bestimmt schon warten.

Kurz überlegte ich sie anzurufen und ihr zu sagen, dass ich eine alte Freundin getroffen habe und mit ihr noch auf einen Kaffee gehe. Verwarf die Idee aber wieder. Das wäre eine weitere Lüge und ich weiß nicht ob er so viele Sünden auf einmal vergibt. Ich stand vor ihrer Eingangstür. Dahinter wartete sie. Fieberhaft überlegte ich wie ich es ihr sagen sollte.

„Mutter ich sterbe bald!"

Zu dramatisch.

„Mutter der Arzt meint es wäre Krebs!"

Zu ausweichend. Nein!

„Mutter ich muss dir was sagen. Ich habe Krebs und sterbe bald!"

Nach Atem ringend sank ich auf die Knie. Es passierte tatsächlich. Ich sterbe. Bitterlich begann ich zu weinen. Zu erschüttert von meinen eigenen Worten. Ich schaffte das was der Arzt nicht konnte, ich glaubte mir. Kniend lehnte ich an der Tür und weinte um mich.

Irgendwann versiegt auch die schlimmste Tränenflut. Ich wischte mir notdürftig über die Augen und zwang mich zu grinsen. Ich sah sicher aus wie ein hässlicher Clown.

Ich sperrte die Tür auf, trat ein, schloss die Tür, legte die Schlüssel auf das Regal neben der Tür, streifte die Schuhe ab, hängte die Jacke auf. Das klappte super. Millionenfach geübt, tausendfach bewährt.

In der Küche saß meine Mutter. Kreuzworträtsel lösen, ihre Lieblingsbeschäftigung. Darin war sie Meister unbestimmten Grades. Sie lehnte sich zurück, nahm die Brille ab, Altersweitsichtigkeit, und sah mich an.

„Ich bin hier um Abschied zu nehmen."

Ende