Erik und Juliette

Er verstand die Menschen nicht. Schon seit tausenden von Jahren beobachtete er sie, jede Nacht, immer von der gleichen Stelle. Er sah Tragödien, Romanzen, Komödien und auch größtes Leid und Elend. Er war immer allein und von daher fiel es ihm schwer, sie zu verstehen. Sie, die Spezies Mensch. Er war kein Mensch. Er war alt. Uralt. Er existierte schon seit Anbeginn der Zeit. Seine Art war mit den Drachen erschienen und viele dachten auch, mit ihnen verschwunden, aber das war so nicht richtig. Sie, seine Art, lebten im Verborgenen und doch für alle sichtbar. Er war ein Gargoyle. Einer der Ältesten, die es noch gab.

Sie hatten sich vor ein paar Jahrhunderten dazu entschlossen, als die Menschen aufhörten, abergläubisch zu sein und auch die alten Werte zu vergessen begannen, sich zurückzuziehen. Sie entschieden sich, sich auf den höchsten Domen und Kirchen niederzulassen und von dort über die Welt zu blicken. Erk sah so viele kommen und gehen. Die Menschen waren keine langlebige Rasse. Ihre Zeitspanne war, gemessen an der der Gargoyles, gerade einen Wimpernschlag lang. Früher wussten die Menschen, dass es sie gab, aber wie so vieles gerieten auch sie in Vergessenheit.

Erk war nicht traurig darüber, im Gegenteil, es war sein Wunsch und der von den Wenigen, die es noch gab, von seiner Art. Ja, im Laufe der vergangenen Jahre waren sie aus ihm unerklärlichen Gründen immer weniger geworden. Alle hundert Jahre verschwand einer aus ihrer Mitte. Er konnte sich das nicht erklären und glaubte, die Menschen seien für die Verluste verantwortlich. Mit wachsender Sorge sah er auf die dünner werdenden Reihen.

Erk lebte mitten in Paris und hatte sich dort eine schmucke Kathedrale auserkoren. Die von Notre Dame, von dort blicke er gelangweilt lehnend an der Brüstung herab und sah manchmal innerlich den Kopf schüttelnd, was die Menschen so trieben. Er glich rein äußerlich wirklich sehr einem Drachen. Er hatte zwei Hörner auf dem Kopf und wie einige wenige seiner Art auch Flügel. Seine Hände waren feingliedrig und er ging aufrecht auf zwei Beinen. Nun, er würde, wenn er seinen Platz jemals verlassen sollte, aber dafür sah er keine Veranlassung.

Wieder neigte sich ein warmer Tag in Paris seinem Ende zu und die letzten Touristen verließen den Platz, strömten über die Brücken zurück in die verschiedenen Stadtviertel. Die einen liefen in hektischer Eile davon und die anderen schlenderten gemächlich über die alten Steinplatten, die vor der Kathedrale lagen. Erk beobachtete, wie sie fotografierten oder lachend auf die unterschiedlichen Figuren, die so zahlreich die Fassade zierten, deutenden. Wenn sie nur wüssten. Alle Figuren an der Kathedrale waren so wie er Gargoyles und es oblag jedem einzelnen, ob er seinen Platz verließ oder weiter ausharrte.

Die Sonne stand schon tief und warf ihre letzten warmen Strahlen auf ihn. Wie gerne hätte er genau jetzt seine Flügel ausgebreitet und sie sich von der Sonne wärmen lassen, aber er stand wie immer still. Bewegte sich kein bisschen. Der Platz vor der Kathedrale leerte sich. Die Menschen gingen nach Hause oder zum Essen oder sonst wohin. Ruhig und verlassen lag er da. Nur mehr vereinzelte Spaziergänger mit ihren Hunden schlenderten gemütlich auf ihren all abendlichen Runden vorbei. Keiner von denen hielt inne und sah nach oben. Es hätte ihn verwundert, was er dort zu sehen bekam. Einige der Gargoyles streckten und dehnten ihre Glieder. Manche huschten zusammen und trafen sich zu einem kurzen Plausch. Jeden Abend dasselbe, dachte sich Erk. Er verließ nur ganz selten seinen Platz.

Breitete höchstens seine Flügel aus und schlug ein paar Mal kräftig mit ihnen auf und ab, so als wollte er sichergehen, dass sie immer noch funktionierten. Sorgfältig legte er sie danach wieder an seinen Körper an und brachte sie in die ursprüngliche Position. Es war dunkel geworden und die Nacht schimmerte in Form von Millionen Lichtpunkten über der Stadt. Erk liebte Paris, darum hatte er diese Stadt gewählt. Die Nacht war seine liebste Zeit. Genüsslich ließ er den Blick über die Stadt schweifen und konnte sich an dem Lichtermeer nicht genug satt sehen. Doch heute wurden seine Beobachtungen unterbrochen.

Direkt unter ihm hatte es sich ein kleines Mädchen bequem gemacht und weinte nun im wahrsten Sinne des Wortes zum Steinerweichen. Neugierig senkte er den Blick und beobachtete sie genau. Sie war noch sehr jung, höchstens 10 Jahre alt. Was mochte sie so traurig machen? Fragte er sich plötzlich, dabei kam ihm gar nicht in den Sinn, wie absurd seine Frage war. Noch nie hatten ihn die menschlichen Belange gekümmert. Er merkte nicht, wie widernatürlich seine Neugierde auf das Mädchen, das da unten zusammengekauert saß, war.

Unbewusst lehnte er sich nach vorne und hätte er nicht im letzten Augenblick die Flügel ausgebreitet, er wäre doch tatsächlich kopfüber hinabgestürzt. Die tiefen Kratzspuren die seine Klauen an der Balustrade hinterlassen hatten, zeugten für die Ewigkeit davon, wie knapp er sich vor einem Sturz bewahrt hatte. Gebannt starrte er nach unten, noch nie hatte ihn etwas dermaßen gefesselt. Er nahm seine Umwelt bis auf das Mädchen gar nicht mehr wahr. Vorsichtig, von einem inneren Zwang getrieben, kletterte er die Mauer nach unten. So leise, dass er kein Geräusch erzeugte und wäre nicht das leichte Kratzen seiner scharfen Krallen auf dem Stein gewesen, er wäre völlig lautlos nach unten gekommen.

Kurz über ihr hielt er inne und betrachtete sie genauer. Ihre Kleidung war einfach und schlicht und soweit er es beurteilen konnte, hatte sie schon bessere Tage gesehen. An manchen Stellen war sie durchgewetzt und einige Schmutzstellen zierten sie. Die Menschen nannten das, was sie trug, Jeans und ein T-Shirt. Das verwaschene gelbe Shirt hatte früher einmal einen lustigen Aufdruck von zwei bunten Papageien gehabt, die sich jetzt lediglich als blasse Silhouette abhoben. Die Jeans besaß an vielen Stellen Löcher, an zu vielen, das erkannte selbst Erk. Und ihre Füße steckten in alten, braunen, abgewetzten, klobigen Schuhen. Ihre braunen Locken waren völlig verfitzt und sie sah mehr wie einer der verhungerten Straßenköter als ein Menschenkind aus.

Ihre schmutzigen Finger wischten über die tränennassen Backen und so konnte er für einen kurzen Moment einen Blick auf ihre taubenblauen Augen erhaschen. Sie erinnerten ihn an den klaren Himmel am frühen Morgen. Er liebte dieses erste strahlende Blau des Tages. Es war so frisch und rein. Ungetrübt von allen Widrigkeiten der Welt. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass genau dieses Mädchen so war. Unschuldig und rein.

„Bon soir!" flüsterte er. Erschrocken horchte er den verklingenden Silben nach. War das seine Stimme? Dieser raue, kratzende und doch so tiefe Ton sollte seiner Kehle entsprungen sein? Seit beinahe tausend Jahren hatte er sie nicht mehr gehört. Selbst für ihn war ihr Klang über die Jahre fremd geworden.

Das Mädchen zuckte bei diesem Klang zusammen. Ängstlich starrte sie in die Höhe und konnte niemanden ausmachen. Sie war nach wie vor alleine, aber woher kam die Stimme? Ob sie sich nur eingebildet hatte oder war es gar der Nachtwind, der über die Kathedrale strich? Erk erreichte den Boden. Vorsichtig setzte er einen Fuß darauf. Es war ihm beinahe unheimlich, hier zu stehen. Ärgerlich über sich selbst schüttelte er den Kopf und konzentrierte sich auf das Mädchen.

„Hallo?" rief er heißer. Er versuchte sich zu räuspern, seine Stimme stand im Begriff, ihm den Dienst zu versagen. Scheinbar war sie über die Jahre eingerostet. Mit weit aufgerissenen Augen sah das Mädchen ihn an.

Er war ein Narr! Sie würde ihm vermutlich in der nächsten Sekunde tot umfallen. Für ihre Augen war er bestimmt ein Monster. Erk war fast zwei Meter groß. Seine langen, schlanken Finger waren mit scharfen Klauen bewehrt und aus seinem Rücken wuchsen zwei riesige Flügel. Und erst sein Gesicht. An diesem war nichts, was annähernd für menschlich gehalten werden konnte. Sein Maul ähnelte mehr einer breiten Schnauze und dahinter verbarg er rasiermesserscharfe Zähne und eine gespaltene Zunge, wie sie auch die Drachen besaßen. Seine Nase war lediglich eine breite Erhebung mit zwei großen Löchern und seine Augen waren wie zwei schwarze Spiegel in eine andere Welt.

Sie betrachtete ihn genau. Nichts entging ihr. Ihr Blick schweifte herab über die Hörner und spitzen Ohren seine bleiche Brust entlang, bis sie bei seinen vogelähnlichen Füßen angelangt war. Schweigend ließ er diese Betrachtung über sich ergehen. Er hatte sie schon genug erschreckt und die nächsten Sekunden würden darüber entscheiden, ob sie blieb oder ob sie laut schreiend das Weite suchte. Aus den Augen des Mädchens wich der Schock und machte Neugierde Platz. Leicht neigte sie ihren Kopf und betrachtete ihn aufmerksam.

„Wer bist du?" wisperte sie.

Diese Stimme! Ihr süßer Klang machte ihn trunken und schwindelig zugleich. Erk hatte gedacht, nur Engel war so eine Stimme vorenthalten. Nie hätte er auch nur annähernd gedacht, dass so ein kleines Menschenkind so eine Stimme besitzen könnte. Seine allwissenden klugen Augen blickten leicht irritiert. Noch nie brachte ihn einen menschliche Stimme dermaßen um den Verstand. Er schüttelte seinen Kopf und trat einen kleinen Schritt näher.

„Erk, mein Name ist Erk. Wie nennt man dich?" seine Stimme hatte ihre alte Festigkeit angenommen, nun dröhnte sie in ihrer alten Stärke durch die Nacht.

„Juliette. Ich bin Juliette." brachte das Kind schüchtern hervor.

„Juliette, warum weinst du?" fragte Erk weiter.

„Ich habe so großen Hunger. Ich bin ganz alleine auf dieser Welt und ich hab so große Angst, zu sterben." erzählte sie ihm in knappen Sätzen.

„Darum weinst du?" Erk verstand sie nicht. Obwohl er die Menschen schon so lange beobachtet hatte, hatte er sie nie verstehen gelernt, dafür war er zu weit über ihnen. Die Distanz zu groß.

„Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll und was ich machen soll, darum weine ich." erwiderte sie mit einer unglaublich festen Stimme. Noch immer rührte gerade diese Stimme in ihm Seiten an, von dessen Existenz er bisher keine Ahnung hatte.

„Soll das heißen, wenn du einen Ort hättest, wohin du gehen könntest, wären all deine Probleme gelöst?" Warum fragte er sie so viel?

Wie, als würde er aus einem Traum erwachen, wurde ihm mit einem Mal klar, wie widernatürlich die Situation war. Ein flüchtiger Blick nach oben bestätigte ihm das noch zusätzlich. Alle seiner Art sahen ihn befremdend und neugierig zugleich an. Er hätte sich nie, unter keinen Umständen diesem Kind nähern dürfen und schon gar nicht mit ihm sprechen dürfen. Heftig nickte Juliette mit dem Kopf.

„Erk? Was bist du für ein Wesen?" Grimmig zogen sich bei dieser Frage seine grauen Augenbrauen zusammen. Natürlich würde sie ihn das fragen.

„Ich bin ein Gargoyle und bewache die Kathedrale." gab er ihr knapp zur Antwort. Er verriet ihr nicht alles. Es würde zu lange dauern und wer weiß, ob sie alle Umstände verstehen könnte? Er zuckte mit seinen schweren Schultern.

„Möchtest du den Himmel von dort oben sehen?" er wies mit dem Finger hinauf auf die Balustrade und hielt ihre Antwort abwartend die Luft an. Warum hatte er ihr das angeboten? Weil sie die Welt so sehen sollte, wie er sie tagein tagaus sah. Die anderen ‚Warums', die daraufhin auf ihn einstürmten, verschob er auf später. Später, wenn sie fort war, würde er sich ihnen stellen.

Schmerzhaft zog sich bei dem Gedanken, sie könnte fortgehen, seine Brust zusammen. Auch darüber würde er später ausgiebig nachdenken müssen. Warum löste sie solche Empfindungen in ihm aus? Warum löste sie überhaupt Empfindungen in ihm aus? Juliette folgte seinem Finger und sah hoch. Die Balustrade war weit oben, nahe bei den Türmen. In ihrer Miene spiegelte sich bei dem Anblick freudige Erwartung gepaart mit Angst und Aufregung, die dann in Enttäuschung umschlug.

„Ich würde gerne die Welt von dort oben sehen, aber ich kann nicht. Wie soll ich denn da hinaufkommen?"

Milde lächelte sie Erk an. „Ich werde dich hochbringen. Vertrau mir!" verlangte er und wieder hielt er den Atem an. Würde sie seinem Wort, obwohl sie ihn nicht kannte und er nicht einmal von ihrer Art war, vertrauen? Gleich würde er es erfahren. Juliette biss sich unentschlossen auf die Lippe und dachte angestrengt nach.

„Gut, versprich mir aber, mich nicht fallen zu lassen!" Bei ihrer Antwort machte sein steinernes Herz einen Sprung.

Sie hatte ihm, in dem sie sich ihm anvertraute, wohl das größte Geschenk, das er je erhalten hatte, gemacht. Vorsichtig näherte er sich ihr und packte sie unendlich zart unter den Armen. Fest umklammerte er ihren Brustkorb und entfaltete zugleich seine breiten Schwingen. Mit einem kräftigen Stoß hob er vom Boden ab und schlug gleichmäßig mit den Flügeln. Schnell gewannen sie an Höhe. Ah, das Fliegen verlernt man nie. Dachte er versonnen. Wie sehr hatte er es doch all die Jahre vermisst. Jeder Flügelschlag brachte sie der Balustrade näher. Schon konnte er die tiefen Kratzer, die er darin hinterlassen hatte, erkennen. Einmal noch senkte er seine breiten Schwingen und überwand so den letzten Meter, der sie noch vor ihrem Ziel trennte. Äußerst behutsam setzte er das Mädchen auf den Boden ab.

Juliette strich sich ihr zerschlissenes T-Shirt glatt und trat an das Geländer, das die beiden Türme am Rande zur Gänze umschloss. Zu ihren Füßen lag die Stadt, erleuchtet von unzähligen Lichtern. Manche bewegten sich schnell und andere standen völlig still. Vereinzelt flammten neue auf, dafür erloschen andere. Es war atemberaubend. All das, ohne den störenden Lärm zu sehen, den die Menschen verursachten. Sie konnte die Seine sehen und die winzig wirkenden Boote darauf. Die Seine teilte sich vor der Kathedrale und fand sich danach wieder zusammen, so wirkte es, als läge die Kathedrale auf einer Insel.

Die Brücken, die zu ihr führten oder davon wieder weg, wurden jetzt von Laternen erleuchtet. Sie sah all das und dabei umschmeichelte sie der angenehm warme Abendwind. Sie fühlte sich zum ersten Mal seit einer Ewigkeit, wie es ihr schien, glücklich. Erk beobachtete sie genau. Sah jede einzelne Emotion, die sich in ihrem so zarten Gesicht widerspiegelte. Freude, wenn sie etwas Bekanntes entdeckte, Staunen über die Erhabenheit, die man nur hier oben verspürte und Dankbarkeit für das Glück, das er ihr damit bescherte.

Ergriffen davon starrte er sie einfach nur an, überwältigt von ihren Gefühlen. Juliette war so sehr damit beschäftigt, die Welt von hier oben zu entdecken, dass sie von all dem nichts mitbekam. Freudig wandte sie sich nach schier einer Ewigkeit zu ihm um und strahlte ihn an.

„Danke, dass ich das sehen durfte. Es ist so wunderschön hier oben." Am liebsten hätte sie ihn dafür umarmt, wagte es aber nicht, da sie nicht wusste, wie er darauf reagieren würde. Bescheiden nickte Erk mit dem Kopf. Ihr liebliches Gesicht so vor Freude leuchten zu sehen, machte es ihm unmöglich, ein Wort zu sagen. Schweigend trat er neben sie.

„Siehst du dort die Lichter?" er wies auf einen Punkt weit in der Ferne. Zögernd nickte sie mit dem Kopf.

„Geh dort hin. Dort wird man dir helfen!" versprach er ihr. Misstrauisch sah sie den Punkt und dann ihn an.

„Wo… Woher weißt du das?" wagte sie bange, die Frage zu stellen. Bei seinen Worten wurde ihr das Herz schwer. Warum schickte er sie fort, kaum dass sie ihn gefunden hatte? Sie hatte endlich einen Freund, jemanden, der einfach nur so gut zu ihr war und schon verlor sie ihn wieder.

„Ich bin immer hier und sehe von hier die Welt. Auch diesen Ort sehe ich und so weiß ich, dass Menschenkindern dort geholfen wird." Erk sah auf Juliette herab und merkte ihre Verzweiflung. Unglaublich sachte legte er seine großen Hände auf ihre Schultern und drehte sie zu sich.

„Ich bin immer hier. Wenn du mich brauchst, dann komm hierher." Er hatte das eigentlich nicht sagen wollen.

Eigentlich sollte sie in dieses Haus für Kinder gehen und ihn vergessen, aber er war zu egoistisch. Schon jetzt fürchtete er den Moment des Abschiedes. Mit dieser Aktion zögerte er das Unvermeidliche nur hinaus. Sie war ein Mensch, er ein Gargoyle. Menschen und Gargoyles können keine Freunde sein. Niemals.

„Muss ich schon gehen?" fragte sie zögerlich und sah ihn mit tränenfeuchten Augen an.

Unmerklich schüttelte er den Kopf. „Nein, musst du nicht. Vor morgen hat es keinen Sinn, dorthin zu gehen. Das Haus ist über Nacht geschlossen. Du hast bis morgen Zeit."

„Kann ich die Nacht hier bleiben?" bittend blickte sie ihn aus großen Augen an. Erk sollte sie auf der Stelle nach unten bringen. Sollte jeden weiteren Kontakt mit ihr vermeiden. Sollte sie für immer fortschicken.

„Bleib, hier kann dir nichts passieren." Dankbar lehnte sie sich an ihn und er fühlte, wie sie fror. Er fühlte. Schweigend schloss er seine großen Schwingen um sie und hüllte sie so vor der kalten Nachtluft ein.

Er fühlte.

Gargoyles fühlen nicht. Sie spüren weder Kälte noch Wärme. Kennen keinen Schmerz und keine Freude. Sie fühlen nicht. Gargoyles werden nicht müde, müssen nie schlafen. Haben keinen Hunger, noch leiden sie an Durst. Sie waren einfach. Erk horchte tief in sich hinein und versuchte all die neuen Dinge, die auf ihn einströmten, zu verstehen, was unmöglich war. Warum fühlte er sich für das Mädchen verantwortlich? Sie war nicht einmal von seiner Art.

„Erk?" hörte er gedämpft von unten ihre Stimme.

„Hm?" gab er brummend zur Antwort.

„Erk, warum kann ich nicht bei dir bleiben?"

Ja warum? Weil es eine Million Gründe dafür gab und keinen einzigen, der dagegen sprach. Erk seufzte und runzelte bei diesem Geräusch erstaunt die Stirn. Gargoyles seufzen nicht, nun normalerweise nicht. Aber an diesem Abend, an dieser Nacht hatte schon alles aufgehört, was vorher normal war. Erk ließ sich sanft zu Boden gleiten und nahm Juliette mit sich. Sie war so müde. Den ganzen Tag war sie durch die Straßen gelaufen, auf der Suche nach Essen, nach einem Platz zum Ruhen, nach jemandem, zu dem sie gehören könnte. Sie hatte so jemanden gefunden.

Fest kuschelte sie sich an den steinharten Körper von Erk. Noch nie, solange sie sich erinnern konnte, fühlte sie sich so beschütz, so aufgehoben. Sie war endlich nicht mehr alleine. Sie wünschte, die Nacht würde nie zu Ende gehen. Sie hatte Angst in dieses Menschenhaus zu gehen. Sie hatte Angst vor den Fremden. Viele waren böse. Sie war ein Kind der Straße, wie so viele andere.

„Weil es nicht geht." meinte er bestimmt und verzog über diese unbefriedigende Antwort das Gesicht.

Er, einer der Weisesten unter seinesgleichen gab so eine Antwort? Und dann traf ihn eine Erkenntnis. Er war von dem Augenblick an, in dem er sie erblickt hatte, anders geworden. Sie hatte ihn verändert. Er war nicht mehr wie andere Gargoyles.

„Ich will versuchen, es dir zu erklären." begann er.

„Du bist ein Mensch, ich nicht. Ich lebe hier oben, wache so über die Kathedrale und sehe. Ich bin wie der Stein unter deinen Füßen, selbst in tausend Jahren werde ich unverändert hier sein. Du wirst schnell wachsen, dafür musst du essen, schlafen und lieben. Wenn du hier bleibst, stirbst du." Er ahnte mehr, als dass er es sah, dass auch diese Erklärung mehr Fragen aufwarf, als dass sie beantworten würde.

„Wir sind nicht von derselben Art und darum haben wir unterschiedliche Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte." Juliette runzelte unter seinen Flügeln die Stirn.

„Wovon träumt ein Gargoyle? Was wünscht er sich? Wonach sehnt er sich?"

Erstaunlich! Dachte sich Erk. Sie war noch so klein, so zerbrechlich und stellte dennoch so kluge Fragen.

„Wir träumen von der Sonne. Wir wünschen uns gute Winde zum Fliegen und sehnen uns nach dem Mond, möge er uns oft bei unseren nächtlichen Wachen begleiten."

Sie lauschte gebannt seinen Worten, durch den Klang seiner dunklen, tiefen Stimme, die leicht in ihrem Körper nachhallte, bekamen sie beinahe etwas Poetisches. Sie ahnte bereits, dass er alt war und bekam durch seine Antwort eine indirekte Bestätigung.

„Wie alt bist du, Erk?" sie musste einfach diese Frage stellen. Ihre Neugierde, was ihn betraf, war nicht nur einfach erwacht, sondern flammte in ihr lichterloh. Milde lächelte Erk auf das Büschel Haar herab, das gerade noch so zwischen den Flügeln hervorlugte.

„Mich gibt es seit Anbeginn der Zeit. Ich bin so alt, wie die Erde selbst." Juliette dachte angestrengt über diese Antwort nach. Wie alt war die Erde eigentlich? Sie hatte keine Ahnung, aber die Erde gab es sicher schon ganz lange und demnach war Erk uralt.

„Es ist spät. Du solltest versuchen, ein bisschen zu schlafen."

Ängstlich hob sie den Kopf. „Ich trau mich nicht. Wenn ich meine Augen schließe, bist du womöglich fort, sobald ich sie öffne." brachte sie schüchtern hervor.

„Ich werde heute Nacht über dich wachen und verspreche, da zu sein, wenn du erwachst." Juliette schloss bei diesen Worten die Augen und viel rasch in einen leichten Schlaf. Es waren nicht seine Worte alleine gewesen, denen sie so blind vertraute. Es war diese Stimme. Sie verkörperte Sicherheit, Geborgenheit, Ehrlichkeit, alles, was sie schon solange entbehren musste.

Juliette erwachte plötzlich und ohne ersichtlichen Grund. Im Grunde genommen sah sie gar nichts. Sie war von vollkommener Dunkelheit umschlossen. Nein, irgendetwas umschloss sie vollkommen. Ängstlich stemmte sie sich dagegen, versuchte mit all ihrer Kraft freizukommen.

„Was hast du?" fragte sie eine warme, tiefe und doch schon so vertraute Stimme. Augenblicklich gab sie jeden Widerstand auf. Das war Erk und sie lag sicher und beschützt in seinen Flügeln.

„Ich hatte für einen Moment vergessen, wo ich war und Angst bekommen, jemand hätte mich gefangen und eingesperrt." erwiderte sie ehrlich.

„Warum sollte jemand so etwas tun?" für Erk war diese Antwort seltsam.

„Weil Menschen manchmal böses sind und so was tun." erklärte sie ihm todernst. Für Erk blieb das dennoch unverständlich. Niemals würde er einen von seiner Art einsperren. Warum auch?

„Ich habe Hunger und Durst." klagte Juliette und krabbelte endgültig aus der geborgenen Umarmung seiner Flügel. Erk dachte eine Weile nach. Was aßen Menschen? Dann hatte er eine Idee.

„Warte hier oben, ich bin bald zurück." versprach er und erhob sich in die Lüfte. Er flog schon zum zweiten Mal in dieser Nacht und wie schon beim ersten Mal durchströmten in eine Fülle an Glücksgefühlen. Unter ihm bewegte sich die Stadt in einem ungebrochen hektischen Rhythmus, doch hier oben in der Luft war das unwichtig. Bald entdeckte er, was er suchte und er glitt sanft und lautlos herab.

Ein Imbissstand war sein Ziel. Der Verkäufer verteilte gerade Brötchen an Nachtschwärmer und so nutzte er die Gelegenheit und schnappte sich Brot und einen Saft. Bevor ihn auch nur wer wahrnehmen konnte, war er auch schon wieder in den Lüften entschwunden und kehrte zurück. Juliette hielt Ausschau nach ihm und strahlte ihm freudig entgegen, als sie ihn kommen sah. Wieder spürte er die Veränderungen in seinem Körper. Diesmal waren die Emotionen noch stärker, noch intensiver. Er fühlte es überall.

Es begann in seiner Brust und setzte sich von dort fort, bis jede, auch die kleinste Stelle seines Körpers davon erreicht wurde. Erk vergaß einen Flügelschlag und stürzte beinahe in die Tiefe. Noch nie war er so aufgeregt gewesen. Das war es. Sein Körper vibrierte förmlich vor pulsierender Energie. Er zerbarst beinahe vor aufgestauten Gefühlen. Es war, als wäre er plötzlich aus Fleisch und Blut und nicht länger mehr nur aus Stein. Völlig kopflos landete er vor Juliettes Füßen und drückte ihr die gestohlene Beute in die Hand.

Schweigend nahm sie sie an sich und machte sich sofort hungrig darüber her. Erk nutzte die Zeit und horchte in sich hinein, versuchte all das Neue, das auf ihn wie eine Urgewalt einstürzte, zu verstehen, aber es war zu viel, viel zu viel. Er würde morgen mit Gmork reden. Er war genauso alt wie Erk, vielleicht konnte er ihm erklären, was mit ihm passierte. Schweigend kletterte er auf die Balustrade und hockte sich dort nieder. Er blickte wie immer über das nächtliche Paris und nahm doch nichts wahr. Erk war verwirrt. Gargoyles waren nie verwirrt.

„Die Sonne erhebt sich bald dort am Horizont. Dann wird es Zeit für dich, zu gehen." erzählte er ihr mit sachlicher Stimme.

Erk sah sie nicht mehr an. Er musste sie vergessen, sie brachte Unruhe in sein Leben und er wollte das nicht. Er wollte die friedliche Zeit davor zurückhaben, ohne all die plötzlich unverständlichen Wünsche. Oh ja, er hatte neue Wünsche. Er wünschte sich, ihr Freund zu sein. Wünschte sich, auf sie achten zu können. Wünschte sich, in ihrer Nähe bleiben zu können. Dumme Wünsche. Gargoyles brauchten keine Freunde. Sie brauchten nichts. Juliette trat neben ihn an das Geländer und folgte seinem Blick.

„Ich werde dich schon bald nach unten bringen. Mich darf keiner sehen und wenn dich jemand nach mir fragt, so antworte, es gibt mich nicht." bat er ernst.

„Erk, du bist mein bester und einziger Freund und ich soll sagen, es gibt dich nicht? Ich weiß nicht, ob ich das kann." flüsterte sie leise, kaum hörbar.

Ihr brach ob des baldigen Abschiedes beinahe das Herz. Nicht nur ihr. Erk hätte sich am liebsten in die Tiefe gestürzt, so sehr brannte es in seiner Brust. Es ist das Beste so, sagte er sich immer wieder, doch überzeugen konnte er sich nicht. Tief Luft holend richtete er sich zur vollen Größe auf und sprang neben sie. Kurz vibrierte der Boden unter ihren Füßen. Erk war sehr schwer.

„Komm!" Juliette schmiegte sich in seine Arme und sanft brachte er sie nach unten.

„Kannst du noch ein Stück mit mir kommen?" bettelte sie. Sie fühlte sich jetzt schon verlassen. Er nickte mit dem Kopf und trottete neben ihr her. Sie überquerten den Platz. Viele Augen folgten dem ungleichen Paar.

Unruhe machte sich unter den Gargoyles breit. Was hatte Erk nur vor? War er verrückt geworden?

Es war ihre Nacht. Keine Seele begegnete ihnen, wie sie so Seite an Seite nebeneinander hergingen. Vielleicht gab es doch dort draußen eine höhere Macht und zeigte sich den Beiden für die wenigen Stunden gnädig, die ihnen gemeinsam noch blieben? Erk ließ immer seinen Blick schweifen, um bei dem geringsten Anzeichen von anderen Menschen sofort zu verschwinden. Plötzlich griff jemand nach seiner Hand. Juliette ließ ihre kleine dünne Hand in seiner verschwinden und hielt sie fest. Erk wäre am liebsten davongelaufen, so erschütterte ihn diese kleine Geste. Wie konnte ein kleines, sterbliches Wesen ihn nur so tief bewegen?

Seine Welt hatte sich in den wenigen Stunden, in denen sie in sein Leben getreten war, vollkommen verändert, unumkehrbar verändert, wie er später feststellen würde. Sie erreichten nach einem kurzen Spaziergang und vollkommen unbehelligt das Haus, von dem Erk erzählt hatte. Der Eingang und die Fenster waren noch alle dunkel, doch schon bald würden die Menschen da drinnen erwachen und Juliette könnte zu ihnen gehen.

„Ich muss dich jetzt verlassen. Warte hier, schon bald wird sich jemand um dich kümmern. Richtig kümmern." Warum fühlte er sich genötigt, das dazu zu sagen? Damit sie erkannte, wie unzulänglich er war.

Über Juliettes Wangen liefen unzählige Tränen und aufschluchzend klammerte sie sich an Erk. „Ich will nicht, dass du weggehst! Bitte verlass mich nicht!" flehte sie an seiner Brust. Erk ging in die Knie, um ihr in die Augen sehen zu können.

„Kleines, du weißt, wo ich bin. Ich kann nicht bei dir bleiben. Es wäre nicht richtig. Du musst unter deinesgleichen aufwachsen. Aber wenn du mich brauchst, ich bin immer für dich da!"

Schniefend hob sie bei seinen Worten den Kopf und sah ihn feierlich an.

„Versprichst du das?" fragte sie und sah ihn dabei so voller Kummer an, dass es ihn schier umbrachte. Beinahe hätte er sie geschnappt und wäre mit ihr die bereits schon verblassende Nacht entschwunden.

„Ich verspreche es!" wollte er leichthin sagen, doch sie kamen tödlich ernst über seine Lippen und er meinte jedes Wort genau so. Mit seinem Leben war er von nun an für sie da.

„Ich muss jetzt gehen!" wiederholte er und wollte sie schon loslassen, doch aus einem plötzlichen Impuls heraus umschlang sie ihn mit ihren dünnen Armen und drückte ihm einen Kuss auf die steinerne Wange. Erschrocken riss er den Kopf zurück. Er wurde noch nie geküsst.

Erk kehrte zurück an seinen Platz. Ruhte wieder wie immer über der Stadt. Alles war wie immer. Nur die kleinen, steinernen Perlen, die unablässig über sein Gesicht liefen und zu Boden fielen, zeugten von dem großen Verlust, den er empfand. Sie war fort. Sie war in guten Händen. Er würde sie vermutlich nie wieder sehen. Er war traurig. Wieder etwas völlig Neues für ihn. Verstohlen sah er über seine linke Schulter, doch die Anderen nahmen ihn schon gar nicht mehr wahr. Wie froh er darüber war, was sollte er sagen, wenn sie sahen, was mit ihm geschah? Er verstand es doch auch nicht.

Zum ersten Mal seit tausenden von Jahren verharrte er nicht in seiner üblichen Position. Normalerweise lehnte er straf aufgerichtet, mit einem Hauch Langeweile auf der Brüstung. Nur heute schaffte er das nicht. Seine Schultern wirkten leicht gebeugt. Juliette. Was hatte sie nur an sich, dass sie ihn so zu verändern mochte? Er horchte in sich, forschte in seinem Geist, um herauszufinden, was sich verändert hatte. Er lauschte in seine Brust. Sie müsste kalt und unbewegt wie immer sein, aber da war was. Etwas Neues.

Vorsichtig tastete er sich heran. Er meinte, sich zu verbrennen. Es war heiß und pulsierte. Krampfte sich mal schmerzhaft zusammen und weitete sich plötzlich vor Freude. Ob er starb? Was wusste ein Gargoyle schon vom Tod? Er war unsterblich! Zumindest dachte er das immer und er fand nie einen gegenteiligen Beweis. Ein paar Mal hätte er sich am liebsten an die linke Brustseite gefasst, dort war der Schmerz am schlimmsten, kaum auszuhalten. Ein beständiges Pochen, ein heftiges Ziehen, aber das aller Schlimmste war, wenn er an Juliette dachte, an ihr liebes Gesicht, an die zarte und doch so feste Stimme und erst der Kuss, dann passierte etwas noch viel Erstaunlicheres, dann verwandelte sich das Ziehen.

Es war ihm, als würde sich da drin etwas öffnen, sich weiten und vor Glück übersprudeln. Ganz merkwürdig. Seine Augen suchten die Mauervorsprünge unter ihm ab. Gmork war ein hundeähnlicher Gargoyle. Da saß er, sprungbereit, so als würde er sich mit einem mächtigen Satz in die Tiefe stürzen. Gmork war so alt wie er. Sie beide hatten sich gemeinsam für diese Kathedrale entschieden, dass war das letzte Mal gewesen, wo sie ein Wort miteinander gesprochen hatten. Wie lange war das her? Erk zuckte innerlich mit den Schultern.

Zeit war etwas Unwichtiges für einen Gargoyle. Der Tag kroch strahlend und warm über die Dächer. Die Sonne würde ihn heute den ganzen Tag begleiten. Er blickte hinab und sah die ersten Menschen herbeiströmen. Sie machten wie immer unzählige Fotos, von außen, von innen, von ihren Lieben, von sich selbst. Die Menschen waren ein drolliges Volk. Erk sah hinab und sah nichts. Sein ganzes Denken bestimmte Juliette. Wie es ihr wohl ging.

Es juckte ihn in den Fingern sich umzudrehen und über die Dächer hinweg auf das Haus, zu dem er sie gebracht hatte, zu blicken. Es ging ihr sicher gut. Redete er auf sich selbst ein. Beinahe wäre es passiert, unwillig wollte er die Augenbrauen zusammenziehen. Er hatte sich selbst beschwichtigt! Gargoyles mussten nicht beschwichtigt werden! Er hoffte, es wurde bald Abend. Er war verwirrt von all dem Neuen, was seit ihrem Erscheinen in seinem Leben passierte. Vor allem dieses gleichmäßige Pochen in seiner Brust hatte nicht mehr aufgehört, seit es begonnen hatte und er könnte schwören, die Stelle, wo es dahinter schlug, war immer noch warm.

Juliette saß auf der ersten Stufe und wartet ängstlich, dass die Tür aufging. Sie hatte nicht geklopft, das hatte sie sich nicht getraut. Was, wenn Erk sich irrte? Er war kein Mensch und Menschen konnten, wenn man sie störte, sehr böse werden. Nein. Lieber wartete sie hier, bis sich ganz von selbst die Tür öffnete. Die Sonne brannte ihr bereits auf die Füße und es würde nicht mehr lange dauern und sie würde komplett in der Sonne sitzen. Was er wohl gerade tat?

Ob er sie schon vergessen hatte? Erk. Sie würde ihn ganz bestimmt nie vergessen. Er war gut zu ihr gewesen und hatte sich um sie gesorgt. Das hatte bis jetzt noch nie jemand getan. Sie nahm sich vor, ihn ganz oft zu besuchen. Er war ihr einziger Freund und den wollte sie nicht verlieren. Wer weiß, was sie hier erwartete? Wahrscheinlich würden sie sie, sobald sie sie auf der Treppe entdeckten, fortjagen. Ein leises Knarren in ihrem Rücken ließ sie erschreckt hochfahren.

„Verzeihen Sie…" kam es automatisch über ihre Lippen.

„Hallo?" sprach sie eine freundlich aussehende Frau an. Juliette legte den Kopf leicht schief. Vielleicht hatte Erk doch Recht und sie war hier richtig.

„Bon jour, Madame." grüßte sie höflich.

„Ein Freund schickt mich. Er sagt, ich könnte hier bleiben." hoffnungsvoll blickte sie die Frau an.

Sie war schon älter, hatte mindestens tausend Falten rund um die Augen und auch um den Mund. Ihre mausbraunen Haare, die mit zahlreichen grauen Strähnen durchzogen waren, hatte sie sich zu einem strengen Knoten hinten am Kopf zusammengefasst. Sie trug eine schlichte weiße Bluse und einen dunklen, gerade geschnittenen Rock, der ihr knapp über die Knie ging. Immer noch lächelte sie freundlich.

„Bon jour, mein Kind. Dein Freund hat Recht, du kannst, wenn du möchtest, hier bleiben. Wie heißt du denn?" fragte sie das Mädchen und streckte ihr gleichzeitig eine Hand entgegen, die Juliette vertrauensvoll ergriff. Mit ihrem kindlichen Gespür hatte sie sofort erkannt, dass diese Frau ihr nichts Böses wollte.

„Juliette." brachte sie schüchtern hervor.

„Ich bin Madame LaFeu und ich leite dieses Haus. Zu mir kommen Kinder, wie du. Sie alle haben aus den unterschiedlichsten Gründen kein zu Hause mehr oder nie eines gehabt. Komm mit herein und sieh dich um. Wenn es dir gefällt, kannst du bleiben." schlug ihr Madame LaFeu vor.

Juliette ließ sich mit der Frau mitziehen. Im Inneren des Hauses war es sehr kühl. Das Haus war alt. Juliette blickte sich ängstlich um. Sie stand in einem engen Flur mit einer hohen Decke. Das Buntglasfenster in der Tür warf ein bizarres Licht auf den Boden, der mit einem langen roten Läufer bedeckt war. Eine schmale weiße Kommode stand auf der rechten Seite an der Wand und darüber hing ein goldgerahmter Spiegel. Juliette sah an die Decke und betrachtete bewundernd die Stuckverzierungen und den alten Luster, der von der Decke hing.

Madame LaFeu schob sie bei der ersten Tür auf der linken Seite hinein. Mehrere Kinder unterschiedlichstem Alter sahen sie mit großen Augen neugierig an.

„Das ist Juliette! Sie überlegt, ob sie bei uns bleiben soll." stellte sie sie den Kindern vor.

„Und das ist Marco, Mirielle, Noelia, Jaspa und Lecea." nannte sie der Reihe nach die Namen der Kinder.

„Ich habe sie alle zuerst aufgenommen und später, wenn sie das wollten, adoptiert." Juliette sah sich alle Kinder genau an. Marko war so um die 7 Jahre alt und wie es aussah, zur Hälfte afrikanischer Abstammung, dafür sprach sein dunkles, krauses Haar und seine schokoladene Hautfarbe. Mirielle und Noelia waren Zwillinge und schon mindestens 14 Jahre alt. Sie hatten blonde, kurze Haare, völlig gleich geschnitten, man konnte sie kaum voneinander unterscheiden. Jaspa war offensichtlich der Charmeur in der Runde, er warf ihr ein freches Grinsen aus tiefblauen Augen zu. Sein dunkles Haar fiel ihm fransig in die Stirn und verstärkte noch sein verwegenes Aussehen.

Sie schätzte ihn auch so um die 13, 14 Jahre. Die Letzte in der Runde war Lecea. Sie war wie sie. Ein Mädchen so um die zwölf Jahre und hatte wie sie braune Locken, die ihr in alle Richtungen abstanden, aber da endete schon die ganze Ähnlichkeit. Leceas Augen waren nicht blau, sondern braun und unzählige Sommersprossen zierten ihre Stupsnase. Juliette wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte und murmelte ein leises „Hallo" in die Runde, dabei sah sie zu Boden und scharrte nervös mit ihrem Fuß.

„Möchtest du dich nicht neben Lecea setzten und mit uns frühstücken? Dabei kannst du uns erzählen, woher du kommst, wenn du möchtest." schlug ihr Madame LaFeu vor. Juliette ließ sich neben dem Mädchen nieder und sah abwartend in die Runde. Alle überschlugen sich fast, ihr einen Teller und eine Tasse zu reichen und ehe sie sich versah, hatte sie auch schon ein Brötchen darauf liegen. Vor Rührung standen ihr die Tränen in den Augen. Letzte Nacht war ein Wunder geschehen und hatte dies hier möglich gemacht und ihr Wunder hatte einen Namen, Erk.

Endlich!

Endlich neigte sich die Sonne gegen den Horizont. Es konnte nicht mehr lange dauern und es war vollkommen dunkel. Erk war unruhig. Er wollte so schnell wie möglich mit Gmork reden. Das elende Pochen hatte nicht aufgehört, im Gegenteil, es wurde immer schlimmer. Immer wenn er an Juliette dachte, wurde es schneller und nur mühsam ließ es sich wieder beruhigen und kaum hatte es in einen gleichsamen Schlag zurückgefunden, dachte er schon wieder an Juliette und es ging von vorne los. So verbrachte er den ganzen Tag. Die unzähligen Touristen entgingen völlig seiner Aufmerksamkeit, zu sehr war er mit sich beschäftigt. All das, was ihm letzte Nacht wiederfahren war, war eigentlich unmöglich. Hätte ihm das ein anderer Gargoyle erzählt, er hätte ihm kein Wort geglaubt und sich empört abgewandt, aber so?

Vereinzelt funkelten Sterne am Firmament. Es wurde bald Nacht. Unruhig tapste er von einem Fuß auf den anderen. Was sie wohl tat? Ob sie jetzt glücklich war? Er hatte Madame LaFeu mit ihren Kindern schon ein paar Mal gesehen. Sie besuchten regelmäßig die Kathedrale. Er kannte natürlich nicht ihren Namen. Menschennamen interessierten ihn im Allgemeinen nicht. Nun, bis auf einen interessierten sie ihn nicht. Juliette interessierte ihn. Er zappelte ruhelos auf seinem Platz herum. Immer noch schlichen unten Menschen über den Platz vor der Kathedrale. Warum konnten die nicht einfach gehen?

Als er sich seiner Handlung bewusst wurde, stand er schnell wieder still. Gargoyles zappeln nicht! Unten kehrte Stille ein. So wie an jedem anderen Tag verließ auch einmal der letzte Besucher den Platz und überlies den Gargoyles die Kathedrale. Schön langsam kam Leben auf den Mauern und Türmen. Wieder dasselbe nächtliche Spiel. Einige trafen sich und plauderten über dieses und jenes. Meist nur über die komischen Besucher, die scharenweise Notre Dame bevölkerten. Auch Gargoyles liebten Klatsch und Tratsch. Eine der wenigen Dinge, an denen sie, soweit es ihnen möglich war, Freude empfanden.

Erk begann zögernd die Wand hinabzuklettern. Gmork hatte sich kein einziges Mal bewegt. Er verließ nie seinen Platz. Er stand immer gleich da. Fahrig suchte er nach einer Möglichkeit, unbefangen ein Gespräch zu beginnen. Schließlich strafte er seinen steinernen Körper und stellte sich dicht neben Gmork.

„Lange ist es her!" begann er. Gmork bewegte sich noch immer nicht, starrte immer noch nach unten.

„In der Tat lange, Erk!" kam es einsilbig zurück. Es würde schwierig werden.

„Ich suche deinen Rat."

„Du hättest mit dem Mädchen nicht sprechen sollen, das ist mein Rat."

Seufzend ließ Erk den Kopf hängen. Gmork hatte Recht, aber für diese Weisheit war es zu spät.

„Welchen Rat suchst du noch?" Gmorks Stimme war viel rauer, als die von Erk und klang dadurch viel unsympathischer.

„Ich spüre merkwürdige Dinge in meinem Körper." erwiderte Erk leise. Sein Blick fiel über die Lichter der Stadt und doch dachte er nur an Juliette.

„Es ist das Mädchen!" diagnostizierte Gmork sofort. „Was hat sie mit dir angestellt?"

„Nichts!" Erk machte eine kurze Pause, ehe er weiter sprach. „Wir haben nur geredet, das war alles."

Gmork wandte seinen hundeähnlichen Kopf und musterte Erk scharf.

„Und was hat sich verändert?"

Erk sah hoch zu den Sternen. Was sollte er antworten? War die Wahrheit nicht zu unglaubwürdig? Selbst in seinem Inneren horchte es sich absurd an.

„Du wirst mich für einen heißblütigen Junggargoyle halten, wenn ich dir das sage, aber es ist alles so, wie ich es dir erzählen werde. Ich fühle. Jedes Mal, wenn meine Gedanken zu dem Mädchen laufen, verspüre ich ein Ziehen in der Brust und genau dort hat ein eigentümliches Pochen begonnen. Gleichmäßig, in einem wiederkehrenden Rhythmus schlägt es. Dann und wann verkrampft es sich schmerzhaft, um erneut in seinen Rhythmus zu finden."

Gmorks Blick verfinsterte sich und er sah Erk ernst an, ehe er sich abwandte und wieder nach unten blickte.

„Es gibt eine alte Geschichte über einen Gargoyle. Er fand ein Mädchen und war nach dieser Begegnung nicht mehr derselbe. Man sah ihn noch einige Jahre an seinem Platz, aber im Gegensatz zu früher hielt ihn dort nichts mehr. Immer öfter verließ er ihn und eines Tages war er ganz fort. Es weiß keiner, was aus ihm geworden ist. Lange Zeit danach tauchte ein merkwürdig verwirrter Mann auf und sah immer sehnsüchtig zu dem nun verlassenen Platz hoch und eines Tages war auch er fort."

Erk lauschte aufmerksam Gmorks Worten, aber er verstand nicht, was dieser ihm damit sagen wollte.

„Geh nicht verloren, Erk! Auch wenn es von hier oben nicht so scheint, die Menschen bergen für unsereins eine tödliche Gefahr."

Erk dachte lange über Gmorks Worte nach.

„Ich danke dir, auch wenn ich nach wie vor nicht verstehe, was mit mir geschieht. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals für immer meinen Platz zu verlassen." Erk kletterte zurück auf seinen Platz und brachte sich in Position.

Er stand wie immer da, aber er war nicht wie immer. Äußerlich bemühte er sich, diesen Schein aufrechtzuerhalten, doch tief drinnen wurde er ein anderer.

Nach dem Frühstück zeigte man ihr das ganze Haus. Es war riesig und es gab viele Zimmer. Jedes Kind, bis auf Mirielle und Noelia, die beiden teilten sich einen Raum, besaß sein eigenes Zimmer. Stolz zeigten sie her, was sie hatten. Sie kamen an ein leeres Zimmer.

„Das ist von nun an dein Zimmer!" meinte sie schlicht zu Juliette. Juliette betrat das Zimmer traumwandlerisch. Ein eigenes Zimmer für sie ganz alleine? Sie, die noch nie in ihrem ganzen Leben ein Dach über dem Kopf gehabt hatte? Sie war bestimmt letzte Nacht gestorben und das war der Himmel und Erk einer der Engel, der ihr den Weg ins Paradies wies.

Juliette wanderte im Raum umher, den sie nun ihr eigen nennen durfte und blickte aus dem hohen Fenster. Sie blickte direkt hinüber zur Kathedrale, aber nicht auf die Vorderseite, sondern seitliche Rückansicht. Der Blick auf Erk blieb ihr verwehrt, nicht dass sie ihn von ihrem Fenster überhaupt erkennen hätte können, dafür war sie zu weit entfernt, aber der bloß Gedanke hätte ihr schon genügt.

„Juliette?" Madame LaFeu war leise in das Zimmer gekommen.

„Ja, Madame?" Juliette hatte sich erschrocken umgedreht. Madame LaFeu trat näher an sie heran und faste sie an der Schulter.

„Hier brauchst du niemals Angst haben! Hier wird dir niemand etwas tun! Komm, setzt dich zu mir!" forderte sie das Mädchen auf und nahm mit ihr am Bett Platz.

„Alle Kinder leben freiwillig hier. Es gibt zwar auch ein paar Regeln bei mir, an die sich aber alle gerne halten. Wir werden es eine Woche miteinander probieren. Wenn es dir gefällt und du dich an die Regeln hältst, kannst du gerne bleiben und später können wir auch über eine Adoption nachdenken." schlug ihr Madame vor und hielt ihr die Hand hin.

„Einverstanden?"

Juliette ergriff sie.

„Einverstanden!" Freundlich lächelte sie Madame LaFeu an und stand auf.

„So, dann komm mal mit!"

„Wohin?"

„Ins Bad!"

„Hä?"

„Du weißt doch, was ein Bad ist?"

Leicht gekränkt verzog Juliette ihren Mund und sah reizend schmollend aus. Oje, dachte Charlott LaFeu, wenn dieses Mädchen einmal erwachsen ist, wird sie sämtlichen Männern das Herz brechen. Juliette bekam ihr erstes Schaumbad und erkannte sich danach fast nicht mehr wieder, als sie sich eingehüllt in ein flauschiges weißes Badetuch in den Spiegel betrachtete.

Sie hatte sich noch nie so sauber gefüllt, bisher hatte sie sich höchstens in öffentlichen Toiletten oder gar in der Seine gewaschen. Charlott hatte sie bei ihrem Bad alleine gelassen, jetzt kam sie zurück, über dem Arm hatte sie ein paar Kleider gelegt.

„Das ist von Lecea. Ihr habt fast die gleiche Größe und ähnliche Figur. Deine alten Sachen habe ich weggeworfen."

Bestürzt sah Juliette sie an. Das war ihr ganzes Habe gewesen, nun besaß sie nichts mehr, dass sie ihr eigen nennen konnte. Stumm schüttelte Charlott den Kopf, sie schien zu ahnen, was in Juliettes Kopf vorging.

„Du bekommst neue Sachen und die gehören dann dir ganz alleine." versprach sie ihr und lies sie wieder alleine, damit sie sich in Ruhe anziehen konnte.

„Wenn du fertig bist, dann haben wir noch ein paar Termine!" rief Charlott durch die Tür.

„Termine?" rief Juliette fragend zurück.

„Wir müssen dich hier ordentlich anmelden und dann gehen wir zum Friseur und später noch einkaufen." kam es fröhlich zurück. Was hatte diese nette Frau mit ihr vor? Wie es aussah, stand ihr ein aufregender Tag bevor.

„Was machen eigentlich die anderen Kinder?" fragte Juliette, während sie sich die Kleider anzog.

„Die sind schon alle in der Schule. Ab morgen gehst du dort auch hin." Erschrocken hielt Juliette mitten in der Bewegung inne. So stand sie mit halb angezogenem T-Shirt da.

„Zur Schule!" rief sie leicht entsetzt aus.

„Aber natürlich mein Kind. Schule ist wichtig!" kam es von der anderen Seite der Tür und dann hörte Juliette ihre Schritte, die sich entfernten. Für Madame LaFeu war das Thema damit erledigt. Juliette zog sich fertig an und kämmte sich die feuchten Haare. Sie verließ das Bad und der restliche Tag lief an ihr fast mit Lichtgeschwindigkeit vorbei.

Madame LaFeu brachte sie zu den Behörden und stellte einen Antrag, damit sie bei ihr bleiben durfte, da sich Juliette dazu bereiterklärte, handelte es sich um eine reine Formsache. Anschließend ging es zum Friseur, wo ihr erneut die Haare gewaschen wurden und zum Schluss bekam sie einige neue Kleider. Das war für Juliette das größte Wunder. Noch nie hatte sie ganz neue Kleider besessen. Zurück in Madame LaFeus Haus ging sie auf ihr Zimmer und zog ihre Kleider an. Stolz präsentierte sie sich Madame LaFeu, die sie aufforderte, nachdem sie sie ausführlich bewundert hatte, sie doch Charlott zu nennen.

Der Tag war schon fast vorüber, die anderen Kinder kamen nach und nach wieder nach Hause und mit ihnen kehrte Leben ein. Juliette wurde auch von ihnen ausgiebig bewundert und sie musste sich mehrmals im Kreis drehen, damit auch alle jede Seite sehen und somit feststellen konnten, ob es auch wirklich die richtigen Kleider für Juliette waren. Danach gab es Abendbrot und Juliette wurde früh zu Bett geschickt, da sie beinahe schon beim Essen eingenickt wäre.

Am nächsten Morgen musste sie nach dem Frühstück, so wie es Madame LaFeu angedeutet hatte, wie die anderen zur Schule. Dort wurde sie als erstes einem Einstufungstest unterzogen und dann ein Lehrplan auf sie zugeschnitten ausgearbeitet. Juliette konnte, ohne dass sie es wusste oder wo sie es gelernt hatte, lesen und schreiben. Jetzt galt es nur die Lücken in ihrem Wissen zu schließen. Das würde Charlott mit ihr zu Hause machen. Charlott bekam dementsprechend Unterlagen mit und einen genauen Lehrplan, an den sich die beiden halten mussten.

Juliette wurde einer Klasse zugewiesen und fühlte sich darin schrecklich unwohl. Die Kinder sahen sie befremdend und neugierig zugleich an. In den Pausen stellten sie ihr tausend und mehr Fragen und schüchtern beantwortete sie sie, soweit sie die Antworten wusste. Einer von den Jungs setzte sich in den nächsten Stunden zu ihr. „Hi, ich bin Alain!" stellte er sich vor. Von nun an hatte sie in der Klasse einen neuen Freund und am Ende ihres ersten Schultages noch einige mehr.

Zurück bei Charlott erzählte sie ihr und den anderen ganz aufgeregt von ihrem ersten Schultag und alle hörten ihr begeistert zu. Die anderen Kinder erinnerten sich dabei an ihren eigenen ersten Schultag und Charlott freute sich, dass alles so gut gelaufen war. Später ging sie mit ihr den Lernstoff durch und half ihr bei den Hausaufgaben, als sie damit fertig waren, stand Juliette noch unentschlossen in der Tür.

„Madame…Charlott? Kann… darf ich noch einmal weggehen?" fragte Juliette zögernd.

„Wohin willst du denn?" fragte Charlott misstrauisch nach. Sie hatte in ihrem Leben zu viel gesehen, um nicht hellhörig zu werden.

„Ich möchte einem Freund danken. Er hat mich zu Ihnen gebracht." meinte sie schlicht.

„Wo lebt denn dieser Freund?"

„In Notre Dame." kam es spontan von Juliette, ehe sie es verhindern konnte.

„Ich meine, in der Nähe der Kathedrale natürlich." besserte sie sich schnell aus. Charlott nickte zustimmend mit dem Kopf.

„Sei aber bitte in einer Stunde wieder zurück!" bat sie sie noch, dann war auch Juliette schon zur Tür hinaus. Charlott sah ihr aus dem Fenster sorgenvoll nach. Sie wusste, so gern sie sie auch aufgehalten hätte, dass sie nicht das Recht dazu hatte.

Juliette hatte Charlott schon längst vergessen. Freudig und mit roten Wangen rannte sie, so schnell ihre Füße sie trugen, zur Kathedrale. Unter dem Portal blieb sie stehen und blickte nach oben. Da war er! Lehnte an der Brüstung und blickte leicht gelangweilt herab. Einige Menschen tummelten sich noch auf dem Platz, doch da es schon später Abend war, wurden sie schon weniger und keiner von diesen schenkte ihr die geringste Beachtung. Keiner bis auf einen – Erk!

„Sieh!" wisperte Juliette nach oben, nicht sicher, ob er sie überhaupt hören konnte, aber er konnte. Gargoyles besaßen ein sehr feines Gehör.

„Ich habe ganz neue Kleider und ich gehe zur Schule. Charlott, so heißt die Dame, die in diesem Haus, das du mir gezeigt hast, lebt, war so nett zu mir. Alle dort sind nett zu mir. Ich habe sogar ein eigenes Zimmer und könntest du es nur riechen, ich bin ganz sauber." erzählte sie ihm stolz und drehte sich im Kreis, damit er von allen Seiten ihre neuen Kleider sah.

„Und all das habe ich dir zu verdanken!" meinte sie noch leise und sah liebevoll hoch zu ihm.

Er konnte die Wärme in ihrem Blick beinahe auf seinem Körper spüren und das Pochen in seiner Brust wurde schneller. Er wäre so gerne zu ihr hinabgestiegen und hätte sich mit ihr gefreut. Er konnte sehen, dass sie glücklich war und das machte ihn glücklich und traurig zugleich, denn schon bald würde sie ihn vergessen und nie wiederkommen. Vielleicht war es auch heute zum letzten Mal, dass er sie sah?

Es kostete ihn unglaubliche Überwindung, sich nicht zu regen, nicht ein Zeichen von sich zu geben, dass er sie hörte, dass er sie verstand. Es war das Beste so! sagte er sich wieder und wieder, aber es wurde dadurch nicht glaubwürdiger für ihn. Wie konnte es das Beste sein, wenn es ihm so wehtat?

„Warum kommst du nicht? Warum antwortest du nicht? Hast du mich schon vergessen?" flüsterte sie traurig. Eine kleine steinerne Perle rollte vor Juliettes Füße. Sie bückte sich und hob sie auf. Fest umschloss sie sie mit der Faust und sah wieder hoch.

„Ich komme wieder!" versprach sie und verließ traurigen Schrittes den Platz.

Erk streckte einen Arm nach ihr aus, doch dann ließ er ihn wieder sinken. Lass sie gehen! Beschwor er sich selber. Sie ist nicht von deiner Art und muss unter Ihresgleichen ihren Platz finden. Was soll sie in deiner steinernen Welt? Sie wäre verloren. Verzweifelt bemühte er sich, den stechenden Schmerz in seiner Brust zu ignorieren. Er fühlte nicht! Es musste aufhören. Es zerriss ihn! Noch lange starrte er in die Richtung, in der sie verschwunden war. Sie war fort.

Juliette schlenderte unglücklich zurück zu Charlott. Sie hatte ihren einzigen Freund verloren. Es sprach nicht mehr mit ihr. Aber war das nicht immer so? Immer, wenn sie glaubte, etwas Gutes passierte in ihrem Leben, dann ging es kaputt oder verschwand ganz einfach oder noch schlimmer, verwandelte sich in etwas ganz Schreckliches. Betrübt ließ sie ihre Schultern hängen und nahm ihre Umgebung nicht mehr wahr. So sah sie nicht, wie ihr weit über ihr eine Gestalt, gleich einem dunklen Schatten, folgte.

Erk hatte seinen Platz verlassen. Nun flog er über ihr und achtete darauf, dass ihr kein Leid geschah. Nachts waren die Straßen von Paris nicht sicher. Nicht sicher für einen Engel in Menschengestalt. Oh ja, er hatte sie gesehen und hatte er sie schon gestern als schön empfunden, so war er heute von ihr überwältigt. Sie rührte sein Herz. Sein Herz?

Beinahe kam er aus dem Takt. Sein Herz. Er horchte tief in sich. Das beständige Schlagen, das wehe Pochen, war das sein Herz? Wie war das möglich? Sein Herz war aus Stein. Hatte noch nie einen Schlag getan. Er war verwirrt. Lautlos folgte er ihr, bis sie sicher zu Hause war und dann wollte er an seinen Platz zurückkehren, aber er konnte es nicht. Stattdessen krallte er sich neben ihrem Fenster an der Wand fest. Er musste nachdenken. Vorsichtig tastete er nach seiner Brust und fühlte darunter die Wärme und das stete Klopfen. Wie traurig sie gewesen war. Er wollte ihr nicht wehtun und doch wusste er, dass ihr Schmerz von seiner Kälte ihr gegenüber herrührte. Betrübt starrte er nach unten und hatte an den vielen Lichtern von Paris gar keine Freude mehr.

Juliette stieß betrübt die Tür auf und ging, ohne nach links oder rechts zu gucken, schnurstracks in ihr Zimmer, wo sie leise die Tür zumachte. Sie wollte alleine sein. Achtlos warf sie die neuen Kleider auf den Stuhl, kroch ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf. Niemanden sehen und von niemand gesehen werden, das war ihr Wunsch. Aus einem Gefühl heraus, stieg sie wieder aus dem Bett und stieß das Fenster weit auf. Der Nachtwind strich frisch über sie. Tief atmete sie die frische Luft ein und sah dann zum fernen Notre Dame hin. Erk nahm sie aus dem Augenwinkel wahr. Spürte ihre Verzweiflung, ihre Einsamkeit. Müde senkte er sein Haupt und krallte sich an der Mauer fest. Es tut mir so leid, Kleines, aber wir können niemals Freunde sein! Erklärte er ihr in Gedanken.

„Ich werde immer deine Freundin sein und dich niemals, hörst du, niemals vergessen!" durchdrang klar ihre Stimme die Nacht. Für dich ist ein anders Leben bestimmt, denk nicht mehr an mich!

„Ich werde alles daran setzen, dich wiederzusehen!" versprach sie der Dunkelheit. Ich werde nie mehr mit der sprechen!

„Eines Tages wird deine Stimme meinen Namen wieder nennen." verkündete sie wissend. Sanft schloss sie das Fenster, sie hatte so ein Gefühl, als wäre er ganz nah, als hätte er sie gehört, so als wäre er direkt neben ihr.

Sie kroch erneut in ihr Bett und dachte an ihn.
Erk stieß sich von der Wand ab und flog zurück. Er nahm seinen Platz über der Welt ein und sah in die Tiefe und sah nichts. Nur ihr Gesicht, ihre Augen waren das Einzige, was er wahrnahm. In seinen Gedanken war er immer bei ihr, für immer.