Vielen Dank für dein Review, Erlkoenigin! Du kennst mich, ich bin doch hoffnungslos romantisch veranlagt. Ich lass doch Erk nicht sterben, nur ein kleines bisschen leiden. ;-) Liebe Grüße Gaby

14 Erk Durand

Langsam öffnete er die Augen. Das Licht der Sonne kitzelte ihn. Sein Mund verzog sich zu einem Schmunzeln. Er liebte sein Leben. Sein neues Leben. Geräusche von unten und der Duft von frischem Kaffee und Croissants trieben ihn schließlich aus den Federn. Er streifte sich rasch ein Shirt und eine Hose über, dann tapste er nach unten. Juliette deckte gerade den Tisch und summte dabei eine fröhliche Melodie, dabei hatte sie ihm den Rücken zugewandt und konnte ihn so nicht sehen. Langsam näherte er sich ihr und fasste sie zärtlich um die Hüften.

„Guten Morgen", flüsterte er ihr zu und drückte ihr einen Kuss ins Haar. Juliette schloss die Augen und lehnte sich an ihn. Es war knapp gewesen, so knapp. Beinahe hätte sie ihn verloren. Für immer.

10 Tage früher

Ihr entglitt seine Hand und aus seinem Gesicht war jedes Leben gewichen. Weinend warf sie sich auf ihn. Mit ihm starb für sie jede Hoffnung. Ohne ihn war ihre Welt leer. Damals als sie nichts hatte, außer sich und den Kleidern, die sie am Körper trug, hatte er ihr das Leben gerettet. Nun war sie an der Reihe das Gleiche zu tun.

Sie kam auf die Beine, wischte sich die Tränen ab und machte sich auf die Suche nach einem Telefon. Er war jetzt ein Mensch, also würde man ihm in einem Krankenhaus bestimmt helfen können. Die Rettung brauchte ewig, bis sie kam. Juliette drohte mehr als einmal in Verzweiflung zu versinken.

Aber irgendwann kam sie. Dankbar schloss sie die Augen. Alles würde gut werden. Sie würden Erk helfen und er würde leben. Sie schlossen ihn an unzählige Geräte. Er hatte sehr viel Blut verloren. Die Kugel steckte etwas unterhalb der Schulter tief im Fleisch.

„Entschuldigen Sie!", rief Juliette den Rettungsmännern zu. „Bitte wird er es schaffen?" Flehend blickte sie die Männer an.

„Kennen sie ihn?", kam von einem der Männer zurück.

„Ja, nein, doch … wir …", stotterte sie. Was sollte sie den Männern erzählen, wenn sie sie fragten woher Erk kam? Sie konnte ihnen schlecht die Wahrheit erzählen, denn dann würde man sie und ihn vermutlich den Rest ihres Lebens in die Klapsmühle sperren.

„Beruhigen sie sich, er wird es schaffen."

„Ganz bestimmt", meinten die Sanitäter zuversichtlich und hievten Erk auf eine Trage.

„Er wird operiert werden müssen und er braucht Blut, danach ist er so gut wie neu!", versuchten sie sie aufzumuntern.

„Darf ich mitfahren?", fragte Juliette schüchtern.

Er lebte, aber er war so schwach und blass. Sie hatte immer noch Angst ihn zu verlieren, wenn sie ihn auch nur eine Minute aus den Augen ließ. Die Sanitäter nickten zustimmend und ließen sie hinten in den Wagen klettern. So konnte sie nahe bei Erk sein. Die Fahrt zum Krankenhaus schien kein Ende nehmen zu wollen und doch kamen sie rasch dort an. Von da an hieß es für sie in einem Wartezimmer platz zu nehmen und zu warten. Sie ließ sich auf einen der Plastikstühle fallen und schloss für einen Augenblick die Augen vor dem typischen, kalten Neonlicht.

Sie musste Jaspa anrufen und ihm Bescheid geben, was hier passiert war. Er musste bei Elena bleiben und auf sie aufpassen, sie konnte hier nicht weg. Schwerfällig erhob sie sich und fragte eine der Schwestern nach einem Telefon.

Sie blieb die ganze Nacht im Krankenhaus und auch den halben Vormittag. Die Polizei kam und stellte ihr viele Fragen. Fragen, die sie nur zum Teil oder gar nicht beantworten konnte. Sie erklärte ihnen Erk sei ihr Freund und sie waren zusammen spazieren gewesen, dabei wurden sie überfallen.

Der Mann, oder wer immer es war, hatte auf Erk geschossen und ist dann in die Dunkelheit geflohen. Sie hatte sein Gesicht nicht gesehen und wusste somit auch nicht, wie er aussah. Juliette bemühte sich so wenig wie möglich zu erzählen, denn je mehr sie sagte, umso mehr würden die Polizisten sie auch fragen.

Die Schwestern hatten ihr erlaubt sich an seine Seite zu setzen und zu warten. Er war lange ohne Bewusstsein und sah blass in den Kissen aus. Sie bangte immer noch um ihn, auch wenn ihr die Ärzte und Schwestern mehrmals versichert hatten, dass er überleben würde. Sie liebte ihn so sehr. Erst als sie sein Lächeln sah und wusste er würde wieder gesund werden, erst dann wagte sie zu hoffen.

Sie lief schnell nach Hause um zu Duschen und sich umzuziehen. Jaspa und Elena bestanden drauf, nachdem sie ihnen die ganze Geschichte, bis auf die Tatsache das Erk ein Gargoyle war, noch einmal erzählte hatte, dass sie erst gehen durfte, wenn sie etwas gegessen hatte. Anschließend lief sie wieder zu Erk. Jaspa und Elena würden bald nachkommen. Sie wollten schließlich den Mann in Juliettes Leben kennenlernen.

Elena wusste nichts von der Schussverletzung, nur das Erk krank war und deshalb im Krankenhaus bleiben musste. Sie hatte ein bisschen Angst vor dieser Begegnung, es konnte für sie bedeuten ihr einziges Zuhause, das sie jemals hatte, wieder verlieren würde. Das Krankenhauspersonal frage Juliette nach Erks Daten, doch bis auf seinem Vornamen konnten sie ihnen nicht helfen. Er wurde in ihren Akten als Obdachloser eingestuft. Auch wenn Juliette das in der Seele wehtat, war es besser so.

Sie wollte so wenig wie möglich Aufmerksamkeit auf ihn ziehen. Die Wahrheit über seine tatsächliche Herkunft war so fantastisch, das es bestimmt den meisten Menschen auf dieser Welt unmöglich war daran zu glauben. Leise betrat sie sein Zimmer. Er war immer noch sehr blass und lag still in den Kissen. Noch immer konnte sie das Wunder das ihm passiert war kaum glauben. Er war ein Mensch und doch Erk. Aus hartem Stein wurde weich, warme Haut. Sein Haar war dunkel, fast schwarz und er hatte grüne Augen. Aus seinen Klauen waren Hände geworden und er hatte keine Flügel mehr. Würde er das Fliegen vermissen?

Sie erinnerte sich daran, wie er sie ein paar Mal mitgenommen hatte. Das erste Mal als er sie mit sich hoch auf seinen Platz an der Notre Dame nahm und ihr das nächtliche Paris von dort oben zeigte. Es war ihr Schicksal, sie waren füreinander bestimmt. Langsam trat sie an sein Bett, zog sich einen Stuhl heran und nahm Platz. Zärtlich umschloss sie seine Hand. Sie war warm. Sanft erwiderte er den Druck.

„So habe ich mir mein neues Leben nicht vorgestellt", kam es schwach von ihm. Juliette schenkte ihm ein warmes Lächeln und drückte ihm einen Kuss auf den Handrücken.

„Ich hatte große Angst dich zu verlieren. Versprich mir schnell gesund zu werden", bat sie ihn.

*

„Annabelle!", rief Jason überrascht aus. Rose und Annabelle hatten ihn im Park gefunden.

„Ich …", stotterte Rose.

Es war noch zu früh um etwas zu bitten, noch zu früh um hier sein zu dürfen und doch … Rose hatte vor langer Zeit Träume und Wünsche gehabt und fast eine noch längere Zeit hatte sie damit verbracht sie zu verdrängen und vergessen, aber jetzt. Sie konnte nicht sagen warum, oder weshalb. Sie wusste nur durch Jasons Erscheinen in ihrer Welt war irgendwie alles anders. Besser. Sie hatte wieder angefangen zu träumen.

„Der Abend war sehr schön", begann sie zögernd. Annabelle war auf Jason zugelaufen, doch sie hielt Abstand.

„Das war er", bestätigte ihr Jason und umschloss Annabelles Hand mit seiner.

„Ich habe mich gefragt …" Rose sah ihn unschlüssig an, vermutlich hielt er sie für albern. Da war einmal ein Mann nett zu ihnen und sofort rannte sie ihm hinter her. Sie war wirklich erbärmlich.

„Es tut mir leid. Entschuldige bitte. Komm Annabelle, wir gehen", stieß sie gepresst hervor und drehte sich um.

Verstört lief Annabelle neben ihr her. Sie wusste nicht, was los war, nur das es nicht gut war. Jason schluckte mühsam. Er musste sich entscheiden. Wollte er ein Teil von Annabelles und Roses Welt werden, oder wollte er weiter alleine bleiben? Dann musste er sie jetzt gehen lassen. Für immer.

„Wartet!", rief er ihnen nach und folgte ihnen zugleich. Direkt vor Rose blieb er stehen und sah ihr tief in die Augen.

„Ich kann nichts versprechen. Ich besitze, außer den Kleidern die ich trage nichts, ich kann euch nichts bieten, aber ich würde dich und Annabelle gerne besser kennenlernen und sehen, was draus wird und dabei vielleicht auch herausfinden, warum ich so fühle." Rose blinzelte die aufsteigenden Tränen fort. Jason schaffte das in Worte auszudrücken was sie fühlte.

*

Er musste noch eine Woche bleiben, dann durfte er das Krankenhaus verlassen. Jason hatte ihn in dieser Zeit auch besucht und er kam nicht alleine. Er stellte ihm Rose und Anabella vor. Es freute ihn, dass Jason scheinbar sein Glück gefunden hatte, nach dem Verlust von Maria. Er würde in Paris bleiben und sich mit den beiden ein neues Leben aufbauen, wenn sie ihn ließen.

Erk war froh darüber, da es ihm ermöglichte von Jason zu lernen, was es hieß ein Mensch zu sein. Erk musste in einer völlig neuen Welt zurechtkommen. Zum ersten Mal verspürte er Hunger und Durst. Konnte Wärme und Kälte fühlen. Das einzige was gleich geblieben war, war die Liebe, die er in seinem Herzen für Juliette empfand. Mit einem schüchternen Hallo kam sie herein, diesmal war sie nicht allein. Hinter ihr schoben sich ein kleines Mädchen und ein junger Mann in den Raum.

„Das ist mein Bruder Jaspa und meine Tochter Elena!"

Erk kannte sie von Bildern her. Auch hatte er sie, ohne das sie es wussten durch das Fenster beobachtet, nur um Juliette und ihrer Welt nahe sein zu können. Neugierig betrachtete er sie. Was würden sie von ihm denken? Konnte er sie täuschen und sie überzeugen, dass er ein Mensch war? Jaspa kam auf ihn zu und reichte ihm ernst seine Hand. Zögernd, nicht sicher, was von ihm erwartete wurde, streckte er auch ihm seine Hand entgegen.

„Schön dich endlich kennenzulernen", sagte Jaspa freundlich.

Misstrauisch beäugte er ihn. Wusste er, wer er war? Hatte Juliette ihm am Ende doch von ihm erzählt? Leicht schüttelte Juliette den Kopf und er verstand. Jaspa wusste nur, dass es einen Mann in Juliettes Leben gab. Einen Mann und kein Monster aus Stein. Gelöst erwiderte er den Druck von Jaspas Hand.

„Auch ich bin froh dich endlich zu treffen und du musst Elena sein!"

Er schielte an Jaspa vorbei und sah Elena direkt ins Gesicht. Schüchtern versteckte sie sich hinter Jaspa.

„Sie braucht ein bisschen Zeit", entschuldigte sich Juliette.

Sanft lächelte Erk in ihre Richtung. „Zeit habe ich mehr als genug."

Endlich war die Woche zu Ende und Erk konnte das Krankenhaus mit neuem Nachnamen verlassen. Erk Durand. Da er seinen Nachnamen aus Mangel dessen nicht nennen konnte, gab man ihm diesen. Im Krankenhaus und auch die Polizei gab sich damit zufrieden, dass er nicht wusste, wie er hieß, weil er einfach schon zu lange auf der Straße lebte. Auch legten sie seinen Fall zu den Akten, da ihnen auch Erk über den Überfall bei der Notre Dame nicht mehr sagen konnte, als ihnen Juliette bereits erzählt hatte.

Sobald er sich gut genug fühlte, konnte er einen neuen Pass, Versicherungsnummer und was er sonst noch so an Dokumenten benötigte, beantragen. Eine neue Adresse hatte er schon. Juliette nahm ihn mit in Charlotts Haus. Diesmal musste er nicht über den Balkon ins Haus steigen, diesmal ging er durch die Vordertür. Auf den Stufen vor der Haustüre blieb er stehen. Er kannte sie nur bei Nacht, nur in der Dunkelheit, doch nun stand er hier am helllichten Tag. Juliette verstand um die Einzigartigkeit dieses Momentes.

Sie würden sich nie wieder verstecken müssen. Niemals mehr ihre Liebe geheim halten müssen. Sie fasste nach seiner Hand und umschloss sie fest.

„Hier bin ich zu Hause, weil mir ein lieber Freund vor vielen Jahren den Weg gewiesen hat", flüsterte sie leise und zog ihn mit sich, bis sie gemeinsam im Flur standen.

„Nun ist es auch dein Zuhause."

Ende

Ein eisiger Wind fegte um die Kathedrale und ließ die Nacht sich kälter anfühlen, als sie tatsächlich war. Felicitas schlug ihr Wolltuch enger um ihre schmalen Schultern. Sie fror erbärmlich. Vermutlich würde sie bei dieser Kälte eine weitere Nacht im Freien nicht überleben. Sich ihrem Schicksal ergebend legte sie sich auf eine Steinplatte vor der Kathedrale. Über ihr thronte ein besonders großer, hässlicher Gargoyle und beobachtete sie. Felicitas redete sich ein dieser würde über sie wachen und genau das tat er. Leonardo verstand nicht warum, aber diese Frau berührte ihn auf eine Weise wie nichts jemals zuvor.