Prolog

Sonnenstrahlen fielen durch die hohen Fenster auf den Flur und durchflutete ihn mit gleißendem Licht, um an der gegenüberliegenden Wand lange Schatten zu werfen. Langsam ging ich hindurch, meine Hand ausgestreckt, um mit den Fingerspitzen an der Wand entlang zu streichen, doch noch berührte ich sie nicht. Seit ich das Haus betreten hatte, fühlte ich es, hier gab es eine dunkle Präsenz. Stark, mächtig und abgrundtief böse. Aber da war noch mehr. Mit dem Übertreten der Schwelle hatte für mich eine Zeitreise begonnen. Längst vergangenes Kinderlachen hallte in meine Ohren, sowie ich auch die Tränen fühlen konnte, die hier vergossen wurden. Tränen, die niemand sah und um die sich niemand kümmerte. Je weiter ich kam umso schlimmer wurde es. Ich hörte Schreie. Ich fühlte Schmerzen. Und ich sah den Tod. Hier waren Dinge passiert, die ich nicht wissen wollte.

Der Flur war ungewöhnlich lang. Auf der einen Seite gab es in regelmäßigen Abständen hohe Fenster, die viel Licht hereinließen, um eine freundliche Atmosphäre zu schaffen. Staubkörner tanzten in der Luft. Der Staub von zwanzig Jahren. Schon so lange lebte hier keiner mehr. Was davor geschah war ein dunkles Geheimnis, das ich lüften sollte.

Auf der anderen Seite wurde die weiß gekalkte nun gelbfleckige Wand von ebenso weißen hohen Türen unterbrochen. Sie waren alle geschlossen und wirkten abweisend. Den Boden selbst bedeckten graue Steinfliesen. Er war fleckig und alt. So wie alles in diesem Haus.

„Madame?", unterbrach fragend die Stimme des Inspektors meine Gedankengänge.

Ich atmete tief ein. Kleine, feine Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn. Wusste der Mann was er von mir verlangte? Wahrscheinlich nicht. Er hatte mich zwar hergeholt, aber er glaubte nicht wirklich an meine Fähigkeiten. Ich versuchte mich davor zu drücken. Ich hatte Angst. Seit den Ereignissen in Ipswich hatte ich gelernt mich zu fürchten. Eine Woge von Übelkeit erfasste mich.

„Es ist alles wahr.", antwortete ich leise. Immer noch hielt ich meine Hand knapp über der Wand.

„Madame, ich brauche mehr. Namen. Fakten. Beweise." ,erwiderte der Inspektor eindringlich. Einmal mehr spürte ich, dass ihm der Fall sehr wichtig war und einen Augenblick lang fragte ich mich warum. Angespannt beobachtete er mich.

Kurz schloss ich die Augen. Ich würde nicht darum herum kommen. Früher war ich stolz auf meine Fähigkeit gewesen, auf diese Macht, die mich aus der Masse heraushob und zu etwas besonderem machte, aber seit ich auf Joseph traf nicht mehr. Seit dem quälten mich Alpträume. Innerlich wappnete ich mich gegen die Flut an Bildern, die nun kommen würde. Meine Hand zitterte leicht, als ich sie auf die kalte Wand presste.

1 Woche zuvor

Müde lehnte ich mit den Ellbogen auf dem Tisch und stopfte mir löffelweise Cornflakes in den Mund. Die Zeitung lag wie immer vor mir aufgeschlagen. Eigentlich wollte ich die Schlagzeilen schnell überfliegen, aber ich war nicht schnell genug. Schon sprang mir die erste dicke Überschrift ins Auge. Dass ich gerade über mein Schicksal las konnte ich nicht ahnen. Welch Ironie! Und ich wollte ein Medium sein.

Es gab einen weiteren Artikel über die schrecklichen Ereignisse in einem ehemaligen französischen Kinderheim. Widerwillig las ich die wenigen Zeilen, eigentlich schrieben sie nichts wirklich Neues. Bauten nur die vorhandenen spärlichen Details zu einer Horrorgeschichte auf.

Darunter prangte ein Bild vom Ort des Grauens, wie ihn die Überschrift wenig liebevoll bezeichnete. Seufzend blätterte ich um und las die Anzeigenseite durch. Anzeigen hatten etwas Angenehmes, Positives und Harmloses.

Es wurde Zeit mich anziehen und zur Arbeit gehen, aber irgendwie fehlte mir die Lust dazu. Überhaupt war ich lieber zu Hause und alleine. Ich scheute von jeher die Menschen, doch in letzter Zeit war es noch schlimmer geworden.

Das aufdringliche und nervige Läuten des Telefons riss mich aus meinen Gedanken. Unentschlossen betrachtete ich es. Sollte ich ran gehen? Was wenn… Nein! Ich schüttelte meinen Kopf. Er saß sicher hinter Gittern. Das hatte man mir gesagt und ich war bei der Verhandlung dabei gewesen. Sie hatten ihn verurteilt. Er hat es mir angedroht.

Vielleicht brauchte jemand meine Hilfe? Ich konnte nicht mehr. Mein Mund wurde trocken und ich erinnerte mich zurück an meinen ersten Fall.

Als das erste Mal die Polizei an mich heran trat, war ich unheimlich stolz gewesen und dumm und naiv. Ich habe geholfen den Fall zu lösen. Selbst die schlimmsten Skeptiker, damals auf dem Revier belehrte ich eines Besseren. Es ging um ein verschwundenes Mädchen. Nie werde ich ihren Anblick vergessen. Vergewaltigt, ermordet und weggeworfen. In eine Grube. Man schonte mich nicht, zeigte mir alles, so war es mir möglich eine Spur zum Mörder zu finden. Ich löste den Fall. Ich bin ein Medium. Ich finde vermisste Menschen, verschwundene Haustiere und auch verloren gegangene Schlüssel. Doch diese Gabe brachte auch eine Schattenseite mit sich. Nicht nur gute und nette Menschen baten mich um Hilfe. Ich wurde schnell zur Zielscheibe für Ungläubige. Sie bezeichneten mich als Missgeburt, als Ausgeburt der Hölle. Ich bekam schlimme Dinge zu hören. Manche von ihnen bedrohten mich auch, oder sie machten mir obszöne Anträge.

Das Telefon läutete immer noch, der Anrufer dachte gar nicht daran aufzugeben. So viel Hartnäckigkeit wurde belohnt, ich griff nach dem Hörer.

„Ja?"

„Madame Stern?", fragte mich eine angenehme männliche Stimme mit einem starken französischen Akzent.

„Wer möchte das wissen?" , fragte ich zurück. Auch wenn die Stimme angenehm war und sein Akzent entzückend, trauen tat ich ihm deswegen nicht.

„Inspektor Laurant von der französischen Polizei. Ich brauche Ihre Hilfe, Madame Stern. Sie sind doch Madame Stern?"

Kurz wollte ich es einfach abstreiten. Wenn die Polizei an mich herantrat, dann meist zu Fällen die sehr widerlich und schauderhaft waren. Ich hatte auf meine Art gelernt die Polizei, dein Freund und Helfer, zu fürchten.

„Ja", antwortete ich kleinlaut. Manchmal wünschte ich, ich wäre jemand anderes und dieser Moment gehörte dazu.

„Madame, vielleicht ist Ihnen der Fall bekannt? Ich rufe aus Lyon an. In der Nähe wurde vor langer Zeit ein Kinderheim geschlossen und nun tauchten Spuren auf, die darauf schließen könnten, dass dort vielleicht ein Verbrechen statt gefunden hat." ,meinte er wage. Er klang soweit weg.

„Madame, wäre es Ihnen vielleicht möglich, dass Sie nach Frankreich kommen um sich die Sache einmal anzusehen?"

Ich wusste um welchen Fall es sich handelte, auch ohne dass er darauf näher einging. Mein Blick fiel auf die Zeitung. All die Schlagworte die im Zusammenhang mit diesem Fall gefallen waren, purzelten jetzt durch meinen Kopf. Missbrauch, Vergewaltigung und Tod. Wie wenig musste die Polizei tatsächlich in der Hand haben, wenn sie bereits jetzt, in diesem frühen Stadium der Ermittlungen auf mich zu kamen. Meistens riefen sie erst nach mir, wenn es schon mehr als zu spät war. So wie in meinem letzten Fall.

„Inspektor, ich weiß nicht…" ,versuchte ich mich halbherzig herauszureden.

„Madame, ich habe mir erlaubt für Sie einen Flug in fünf Tagen zu buchen. Das gibt Ihnen genug Zeit Ihre Angelegenheiten zu regeln und zu uns zu kommen."

Er sprach schnell und forsch in den Hörer. Erstaunt runzelte ich die Stirn. Wie dringend er klang. Ihm musste es wirklich wichtig sein, dass ich kam. Diesem Mann am anderen Ende der Leitung lag viel an dem Fall und daran ihn zu lösen, sofern es ein Fall war. Frei zu bekommen war sicher kein Problem. Mein Chef würde zwar ein bisschen toben, so was machte er schon aus Prinzip, aber er würde mir frei geben. Er machte sich Sorgen um mich und dachte tatsächlich ich wüsste es nicht. Alle die mich kannten, machten sich Sorgen. Ich hatte mich verändert seit Ipswich.

Im Grunde hatte ich einen netten Chef und er mochte mich und meine Fähigkeiten. Ich arbeite in einem Antiquitätengeschäft und jedesmal bevor mein Chef ein neues Stück erwarb, zog er mich zu rate. Ich durfte meine Hände darauf legen und die Geschichte dieses Stückes erzählen. Ich glaube, ich war dann genauso aufgeregt wie mein Chef. Es war schön die Geschichte von einem alten Möbelstück zu sehen. Wo hatte es gestanden? Wer liebte es und pflegte es? Wie herrlich naiv ich doch früher war und wie sehr ich mich nach dieser Zeit zurück sehnte.

„Kann ich Sie zurück rufen?", so leicht wollte ich es ihm nicht machen, dem französischen Mann mit der angenehmen Stimme. Wie er wohl aussah? Ich stellte ihn mir groß und dunkel vor, mit schönen blauen Augen. Er hatte kleine Lachfältchen, weil er trotz der Schrecken, denen er in seinem Beruf begegnete, gerne lachte.

„Gut, ich werde mich morgen bei Ihnen melden. Um dieselbe Zeit?"

Er traute mir nicht und wollte so sicherstellen, meine Stimme wieder zu hören.

Widerwillig musste ich schmunzeln, er war hartnäckig, ungeduldig und ignorierte einfach die Dinge, die er nicht hören wollte. Das hatte er mit den wenigen Worten, die er bis jetzt gesagt hatte bewiesen.

„Dann höre ich wohl wieder morgen von Ihnen?", antwortete ich leicht trotzig.

„Natürlich Madame!", da war er wieder, der eher steife Ton wie zu Beginn des Telefonates.

Ich ging zur Arbeit, ich mag meine Arbeit, früher, aber jetzt war jeder Tag unglaublich schwierig für mich. Mein Chef sah mich mit einem fragenden Blick auf die Uhr an. Ich zuckte mit den Achseln. Was sollte ich auch sagen? Wissend ruhten seine Augen einen Augenblick zu lange auf mir und ich wand mich automatisch unruhig. Mir war es unangenehm, wenn man mich zu lange anstarrte. Ich bat um Urlaub und nun gesellte sich neben dem fragenden und wissenden auch noch ein besorgter Blick. Er hatte damals nur zu gut mitbekommen, was in Ipswich beinahe passiert war und einen Teil habe ich ihm auch erzählt, aber längst nicht alles. Niemand außer mir und Joseph kannte die ganze Wahrheit. Er machte sich Sorgen um mich, dass konnte ich deutlich sehen, dennoch gab er mir frei. Vielleicht würden mir ein paar Tage in Frankreich gut tun. Ich könnte so Abstand gewinnen. So war meine Reise nach Frankreich beschlossene Sache.

Das würde den Inspektor bestimmt freuen, dachte ich sarkastisch. Am Nachmittag erzählte ich es meinen Eltern. Beide unterrichten in Oxford, sie waren brillante Lehrer und ich sicher ihre größte Enttäuschung. Ich war keine Lehrerin geworden, sondern eine Verkäuferin und ein Medium.

Sie liebten mich über alles, doch dieses Geschenk mit dem mich die Natur in einer witzigen Laune bedacht hatte, war ihnen unheimlich. Was verstanden schon ein Mathematiker und eine Physikerin von Dingen, die man weder berechnen noch begreifen konnte? Ich vermied es, es in ihrer Gegenwart zu tun. Schon als Kind tat ich das.

Ich wollte, dass sie stolz auf mich waren, mich annahmen so wie ich war und nicht, dass sie mich wegen meines Anderseins, meiner Fähigkeit fürchteten. Na ja, recht erfolgreich war ich nicht. Ich war was ich war, daran konnten weder sie noch ich etwas ändern. Seit ich hier in London wohnte und wir uns nicht mehr so oft sahen, lief es eindeutig besser zwischen uns.

„Mum, ich werde ein paar Tage in Frankreich verbringen. Die Polizei bittet mich um meine Hilfe.", erzählte ich ihr vorsichtig. Selbst durch den Hörer hindurch konnte ich spüren wie sie sich aufregte.

„Was für ein Fall? Wieder so eine grauenvolle Sache wie in Ipswich?", ihre Stimme bekam beinahe einen hysterischen Klang. Mutter hatte damals schreckliche Angst um mich.

Ein Frauenmörder trieb dort sein Unwesen und die Polizei konnte ihn nicht stoppen. Man bat mich um meine Mithilfe und ich konnte ihn lösen, aber es war knapp gewesen. Wie knapp, dass hatte ich nicht einmal meiner Mutter erzählt, aber sie ahnte etwas.

Als man die Wohnung des Mörders durchsuchte fand man Bilder aller all seiner Opfer, auch welche von mir! Er hatte mich als sein nächstes Opfer auserkoren. Das war das andere Problem, dass diese Gabe mit sich brachte. Ich rückte scheinbar gerne in den Focus irgendwelcher abnormen Triebtäter.

„Nicht so wie in Ipswich. Es geht um etwas, das schon ganz lange her ist und ich soll lediglich herausfinden, ob tatsächlich etwas Wahres dran ist. Wahrscheinlich stellt es sich alles als ganz harmlos heraus.", spielte ich alles vor ihr und auch vor mir herunter. Nervlich würde ich so einen Fall wie in Ipswich nicht noch einmal durchstehen können, dass war mir klar.

Pünktlich am nächsten Morgen schellte mein Telefon. Laurant hielt sein Wort.

„Guten Morgen!", rief ich höflich in den Hörer.

„Bon matin, Madame Stern.", erwiderte er ebenso höflich. „Wie haben Sie entschieden?", kam er sofort auf den Punkt.

„Ich werde Ihnen helfen.", sagte ich resigniert. Ein dunkles Gefühl beschlich mich und riet mir nicht zu gehen. Schnell unterdrückte ich die Panik die in mir aufstieg, ein Geschenk von Joseph und konzentrierte mich stattdessen auf meine Atmung. Ein guter Trick, um die Knoten in meinem Bauch zu lösen.

„Ich werde Ihnen die Daten Ihres Fluges durchsagen. Sie fliegen nach Paris, von dort hole ich Sie ab."

Nun sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus. Jetzt wo er meine Zusage hatte, war er gar nicht mehr zu bremsen und ehe ich mich versah hatte er auch schon aufgelegt. Scheinbar wollte er so verhindern, dass ich es mir anders überlegte. Hat er gespürt, wie ich mir ein paar Mal kräftig auf die Zunge gebissen hatte? Ein Teil von mir wollte nicht gehen und dieser Teil wollte das auch Inspektor Laurant Laut und deutlich sagen.

Die nächsten vier Tage vergingen wie im Flug. Ich hatte noch einiges zu erledigen. Als erstes eröffnete ich ein Postfach, damit mein Briefkasten nicht überquoll und bat Mrs. Horton, meine Nachbarin eine sehr nette Frau, meine Pflanzen zu gießen.

Außerdem musste mein Koffer gepackt werden, obwohl ich nicht wusste für wie lange. Laurant hatte es so eilig im letzten Telefonat gehabt, dass ich ihn gar nicht danach fragen konnte. Am Besten nahm ich Kleidung für zwei Wochen mit, dann konnte sicher nichts schief gehen.

Innerlich beschloss ich, dass auch wenn der Fall in zwei Tagen gelöst sein sollte, ich noch ein paar Tage dran hängen würde, denn wer weiß wann ich wieder verreisen würde und ich konnte ein bisschen Ablenkung dringend gebrauchen.

Etwas nervös stand ich am Abflugsteig und wartete darauf, dass mein Flug aufgerufen wurde. Ich war schon mal geflogen, sogar schon mehrmals, aber immer wieder war es eine Tortour. Viele Menschen auf einem Fleck war für jemanden wie mich ein Minenfeld und jederzeit konnte durch eine zufällige Berührung eine der Bomben hochgehen. Ehe ich es verhindern konnte wurde ich von irgendwelchen Erinnerungen, die ich weder wollte noch, dass sie mich irgendetwas angingen, überschwemmt. Ich hielt mich so gut es ging fern von den anderen Passagieren und atmete erleichtert auf, als endlich mein Flug aufgerufen wurde.

Kaum hatten wir abgehoben, ging es auch schon wieder runter. In Paris war der Flughafen voller Menschen. Die einen wollten weg, die anderen kamen, wie ich, an und wieder andere hielten Ausschau nach ihren Lieben. Wie sollte ich hier ohne jemanden zu berühren durchkommen? Ein Ding der Unmöglichkeit.

Woran würde ich Laurant erkennen? Unwillkürlich stellte ich mich auf die Zehenspitzen und sah mich um, aber es waren einfach zu viele Menschen hier. Ich konnte nichts sehen.

Ich quälte mich durch die Menschen, den Koffer hinter mir herziehend. Jede Berührung mit einem von diesen Fremden, brachte blitzartig Bilder in mein Gehirn und jedes Mal zuckte ich wie unter einem Stromschlag zusammen. Ich sah die schlimmsten Abgründe dieser Menschen in meinem Kopf.

Ein Geschäftsmann hatte auf seiner Reise wieder einmal seine Frau mit einem anderen Mann betrogen.

Zwei Freundinnen streiften mich. Kichernd und schwatzend zogen sie an mir vorüber.

Was sie nicht voneinander wussten und wusste ich zu meinem Leidwesen schon. Die auffallend schöne Blonde hatte in einem extremen Wutanfall die Katze der anderen ertränkt und dachte die andere wüsste es nicht.

Aber die zierliche Rothaarige war dahinter gekommen und rächte sich an ihr, indem sie deren geliebten Hund vergiftete. Geschockt sah ich den beiden nach.

Plötzlich stieß mich ein Mann an. Er hatte das Geld seiner Firma unterschlagen und fühlte sich deswegen ganz furchtbar. Unwillkürlich streckte ich den Arm nach ihm aus. Befremdend sah er mich an und eilte dann weiter.

Früher hatte ich versucht die Menschen darauf anzusprechen. Ich wollte, wo ich die Wahrheit über sie kannte, ihnen helfen, aber erntete nur Verachtung und Hass.

Sie wurden zornig und beschimpften mich als Verrückte. Manch einer von ihnen hätte mich am liebsten gesteinigt. Seufzend schob ich mich durch und konzentrierte mich darauf zu vergessen, was ich sah.

Ich spürte wie ich Kopfschmerzen bekam. Die Bilderflut drohte mich zu erdrücken. Vor mir entdeckte ich ein Schild mit meinem Namen darauf. Ich glaube, ich hatte Laurant gefunden.

„Hi!", stellte ich mich vor das Schild, welches das Gesicht dahinter verbarg.

Der Mann war groß, sehr groß. Das Schild senkte sich langsam. Zuerst sah ich einen dunklen Haarschopf und dann blickte ich in zwei strahlend blaue Augen. Ich sollte Hellseherin werden, dachte ich ironisch.

Laurant war auf seine Art sehr attraktiv, wäre da nicht ein Hauch Bitternis gewesen, der ihn umgab.

„Madam Stern?", er sah ungläubig auf mich herab.

Was hatte er erwartet? Einen Besen und einen Hexenhut? Ich stand in Jeans und T-Shirt vor ihm. Meine blonden schulterlangen Haare lagen sicher angeklatscht, wegen der extrem brütenden Hitze, an meinen Kopf.

Zögernd reichte er mir die Hand. Ich nahm sie. Er hatte einen festen Händedruck, aber nicht zu fest, gerade noch angenehm. Ich nutze die Chance und las ungeniert in seinem Geist.

Sofort durchfluteten mich unterschiedlichste Bilder. Er war von der Mordkommission und hatte schon viele unschöne Sachen gesehen. Er war verheiratet, hatte zwei süße Kinder und ein Haus im Grünen umgeben von einem weißen Zaun. Fehlte nur noch ein Hund, schoss es mir ironisch durch den Kopf.

Außerdem machte ihm ein eingewachsener Zehennagel immer wieder Schwierigkeiten. Deshalb trug er Spezialschuhe und er war kein böser Mensch, ich konnte ihm vertrauen. Ach, und er glaubte nicht an übersinnliche Dinge. Aber das war nicht alles, was ich sah. Etwas verbarg er tief in sich. So tief, dass es selbst mir nicht gelang einen Blick darauf zu werfen.

Zufrieden und neugierig ließ ich seine Hand los. Er betrachtete mich scharf, als ahnte er, was ich gerade gemacht hatte.

„Was haben Sie gesehen?", fragte er auch prompt.

Er war zu sehr Polizist, als dass er sich das verkneifen konnte. Ehrlich zählte ich alles auf was ich über ihn so erfahren hatte, bis auf den Teil, den er so sehr beschützte. Ich las in seinen Augen stille Bewunderung, gepaart mit leichten Entsetzten.

Ich war anziehend und abstoßend zugleich. Die Menschen fürchten, was sie nicht kannten oder ergründen konnten und doch fühlten sie sich magisch davon angezogen. Wie die Motte zum Licht.

„Ich werde Sie in ihr Hotel bringen. Morgen fahren wir dann zu dem Ort.", erklärte er mir.

Er brachte mich zu seinem Wagen und wir fuhren los. Schon bald ließen wir Paris hinter uns. Ich schaffte es noch einen Blick auf den Eifelturm zu werfen, ehe wir Paris in Richtung Westen verließen. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben hier und natürlich wollte ich soviel wie möglich von hier sehen, auch wenn der Grund meines Aufenthalts ein sehr ernster war.

„Erzählen Sie mir mehr von sich.", bat er mich.

Er war neugierig. Ich war das erste Medium, mit dem er zusammen arbeiten durfte.

„Was wissen Sie noch nicht von mir?", fragte ich zurück.

„Touché!", meinte er lächelnd.

Er hatte sich über mich bereits informiert. So wusste er, dass ich 37 Jahre alt, nicht verheiratet war und keine Kinder hatte. Er kannte meinen Arbeitsplatz, meine Familie, beinahe mein ganzes Leben. Nicht das da viel gewesen wäre.

Diese Sache, wie Laurant sie nannte, machte ich nur nebenbei. Obwohl nebenbei in den letzten Jahren ganz schön viel geworden war.

Wir fuhren stundenlang durch die schöne Landschaft Frankreichs. Laurant hielt schließlich vor einem ländlichen kleinen Hotel und stieg aus. Ich folgte ihm.

In der geräumigen Lobby checkte er für mich ein, da ich kein Wort französisch sprach. Es war ein sehr schönes Hotel mit alten Möbeln und wirkte so ein bisschen verstaubt, so als wäre es aus einem anderen Jahrhundert übrig geblieben.

Er brachte mich noch bis zu meiner Zimmertür.

„Das Abendessen wird hier um 7 Uhr serviert und Frühstück gibt es ab 6 Uhr. Morgen hole ich Sie gegen 8 Uhr ab.", sagte er noch, ehe er sich verabschiedete und mich alleine ließ.

Müde fiel ich auf mein Bett und dachte nach. Was mich morgen wohl erwarten würde? Ich hatte die letzten Tage genützt und jeden Artikel, den ich über den Fall fand, sorgfältig studiert.

Dabei fiel mir auf, dass es eigentlich nicht soviel zu studieren gab, niemand wusste was wirklich passiert war. Alles beruhte mehr oder weniger auf Spekulationen und Mutmaßungen. Morgen würde sich zeigen, ob es sich tatsächlich um einen Ort des Grauens handelt oder alles nur aus einer zufälligen Verkettung unglücklicher Umstände heraus entstanden war.

Ich hoffte für mich und alle, die dort je gelebt hatten, dass es sich um letzteres handelte.

Am nächsten Morgen stand Laurant pünktlich um 8 Uhr vor meiner Tür, bereit um mich abzuholen. Ich hatte damit gerechnet und war schon fertig. Auch damit versetzte ich ihn in Erstaunen, wie mir sein leicht überraschter Gesichtsausdruck verriet, aber er sagte nichts dazu.

Schweigend gingen wir zu seinem Auto. Ich fragte ihn, nicht wohin er mich brachte, da ich annahm, wir würden zu dem Haus fahren, aber stattdessen hielt er vor einem modernen hohen Glaskomplex. Leicht entschuldigend sah er mich an, bevor wir ausstiegen.

„Madame, wir würden gerne Ihre Fähigkeiten testen, bevor wir Sie zu dem Haus bringen.", erklärte er mir schroff. Es war ihm beinahe peinlich, das konnte ich ihm ansehen

Auch das kannte ich bereits. Er war nicht der erste Polizist, der mit Unglauben auf mich reagierte. Auch in England testeten mich schon verschiedene Detektivs, bevor sie mich in den eigentlichen Fall einweihten.

Der einzige Unterschied dazu war, dass ich mich dieses Mal in Frankreich befand. Zustimmend nickte ich und stieg aus. Er brachte mich an seinen Kollegen vorbei, die mich alle samt unauffällig auffällig musterten.

Sie wussten, wer ich war und warum ich hier war. Mein Ruf eilte mir auch hier voraus. Er brachte mich in einen Raum, der bis auf einen Tisch und zwei billigen Plastikstühlen leer war und deutete mir Platz zu nehmen.

Er ließ mich allein und kam kurze Zeit später zurück. In der Hand hielt er einen Plastikbeutel, darin lag einzig eine zusammen geknüllte Zigarettenschachtel.

Er nahm mir gegenüber Platz und legte den Gegenstand vor mich hin. Ich sah ihm kurz in die Augen, dann zog ich den Plastikbeutel zu mir heran.

„Darf ich?", fragte ich bevor ich ihn öffnete.

Er nickte nur. Ich nahm die Zigarettenschachtel heraus. Sie war leer. Ich hielt sie in meiner Hand und wartete. Bilder entstanden vor meinem Auge und liefen wie in einem schnellen Film ab. Ohne zu zögern erzählte ich Laurant davon.

„Ich sehe einen Mann, der eine Frau schlägt. Immer wieder in ihr Gesicht. Sie blutet, sie weint, fleht um ihr Leben, aber er hört nicht auf. Sie stürzt zu Boden. Er schlägt weiter auf sie ein, tritt sie mit den Füssen, beschimpft sie. Er ist wie von Sinnen. Ihr Weinen wird leiser, geht in ein Wimmern über. Es wird still.

Sie hört auf zu atmen. Sie ist tot. Er hat sie getötet. Er kniet neben ihr, wird sich seiner Tat bewusst und bereut. Er ruft die Polizei und stellt sich.

Es war ihr Hochzeitstag und er hat geglaubt sie betrügt ihn, dabei hatte sie nur eine besondere Überraschung geplant. Als er davon erfahren hat, nahm er sich in seiner Zelle das Leben.", drangen emotionslos die Worte über meine Lippen, aber tief in mir erschütterte mich diese Geschichte sehr.

Jede Geschichte tat das. Laurant sagte nichts, packte die Zigarettenpackung zurück in den Plastikbeutel und verschloss ihn wieder. „Sie war schwanger. Sie erwartete ihr erstes Kind.", fügte ich noch traurig hinzu. Laurant hob ruckartig den Kopf. Bis jetzt konnte er sich noch einreden, dass ich alles aus den Medien erfahren hatte, aber diese Information war nie an die Öffentlichkeit gegangen.

Davon wussten nur er, der Gerichtsmediziner und der nun tote Ehemann.