Epilog

Endlich Nachhause

Fünf Jahre später!

Ich erlitt an jenem Nachmittag einen schweren körperlichen und seelischen Zusammenbruch. Meine Mutter kam und brachte mich ins Krankenhaus. Dort blieb ich eine Woche um mich von der körperlichen Erschöpfung zu erholen, was die Seele betraf, so bin ich mir bis heute nicht sicher, ob ich je wieder ganz gesund werde. Nein das war mehr als unwahrscheinlich. Ich habe mein Leben, nach dem ich das Krankenhaus verlassen durfte, vollkommen umgekrempelt. Ich konnte in mein altes Leben nicht mehr zurück. Es war mir unmöglich.

Der bloße Gedanke wieder so Leben zu müssen wie vorher, so als wäre nichts gewesen. Nein, das ging nicht. Ich gab meinen Job auf und kündigte meine Wohnung. Ich wollte völlig neu beginnen. Irgendwo wo mich kein Mensch kannte. Mit Hilfe meiner Eltern fand ich ein kleines Häuschen in Hastings, nahe am Strand. Noch heute sehe ich gerne den Wellen zu wie sie sich am Strand brachen. Ein beruhigender Anblick für mich auch wenn die See mal stürmisch war. Hier fand ich meinen Frieden.

Ich kehrte nie wieder nach Lyon zurück, obwohl ich beinahe jeden Tag daran dachte. Vor allem an Jean. Er war immer in meinen Gedanken. Meinen Unterhalt verdiente ich mir mehr schlecht als recht mit dem Verkauf von selbsterzeugten Souvenirs erstellt aus Strandgut. Ich kam zurecht, mehr nicht, mehr wollte ich auch nicht. Mein Leben war aber nicht das einzige das sich vollkommen gewandelt hatte.

Vincent hatte seine Firma aufgegeben und widmet sich jetzt ganz und gar den Waisenkindern in Frankreich. Er überprüft die Einrichtungen und das Personal. Ihm zur Seite stand Simone. Die beiden traten als Paar auf, obwohl sie das im eigentlichen Sinne nicht waren, aber einer ohne den anderen war undenkbar. Gemeinsam haben sie bereits sieben Kinder adoptiert. Alles schon größere die niemand haben wollte.

Das Geheimnis um Sandrine hatte er nie lösen können. Ihm gelang es sich davon loszusagen und Abstand zu nehmen. Manche Geheimnise wollten einfach nicht gelüftet werden. Noch heute schrieben mir die beiden in regelmäßigen Abständen. Ich hatte kein Telefon mehr und setzte auch meine Fähigkeiten nicht mehr ein. Ich hatte Angst. Guillaume hatte meine Welt verändert, nachhaltiger als ein Joseph Sanders es jemals gekonnt hätte. Verglichen mit Guillaume war Joseph harmlos.

Die Kinder aus dem Dorf, die alle schon erwachsen waren, hatten sich nach und nach in alle Winde zerstreut. Einige machten sich auf die Suche nach ihrer Vergangenheit, andere zogen aus um zu leben, um Abenteuer zu erleben. Die Welt mit ihren unerschöpflichen Möglichkeiten zu entdecken. Sie wollten nicht mehr länger im Schatten ein Dasein führen. Einzig Andre und ein paar wenig andere blieben über.

Andre.

Er lernte Englisch um mir Briefe schreiben zu können. Er wusste wie schlecht es mir ging. Ich versuchte meinerseits Französisch zu lernen und so gelang es uns im Mischmasch beider Sprachen verständigen und verstehen. Was hätte ich in all der Zeit ohne ihn getan? Andre war kein schöner Mann, aber er hatte ein großes Herz und eine gute Seele und manchmal ist das tausendmal mehr Wert als alles andere. Vor einem Jahr kam er mich besuchen. Er wurde im Dorf schon lange nicht mehr gebraucht, für ihn wurde es auch an der Zeit neues zu erleben und entdecken. Er ist geblieben.

„Vincent und Simone haben geschrieben!" rief ich nach draußen. Es war Abend und wie jeden Abend stand er draußen und betrachtete den Sonnenuntergang.

„Sie planen ein weiteres Kind zu adoptieren! Bald haben sie eine ganze Fußballmannschaft zusammen." Erzählte ich ihm weiter.

Er zeigte keine Reaktion und doch wusste ich er hörte mir genau zu. Als sich die Sonne gerade dazu entschloss am Horizont zu verschwinden, trat ich zu ihm und schlang ihm einen Arm um die Taille. Er legte mir seinen um die Schulter und zog mich an sich.

„Sieh nur! Ist das nicht der schönste Sonnenuntergang den wir je gesehen haben?"

Leise schmunzelte ich, auch das sagte er jeden Abend und wenn es bewölkt war, dann waren es eben die schönsten Wolken. Andre hatte gelernt für den Augenblick zu leben, das jetzt zu genießen, er wusste es konnte all zu schnell vorbei sein.

„Ja, das ist er!" erwiderte ich sanft und schmiegte mich noch näher an ihn.

In Gedanken war ich weit fort. Jean. Jedes Jahr zündete ich an seinem Tag eine Kerze für ihn an. Ich werde ihn nie vergessen. Er war ein besonderer Mensch und er würde immer einen Platz in meinem Herzen haben. Für die Ewigkeit.

Ende