Der fremde Rabe

In der Rabenkolonie auf der knorrigen Linde herrschte große Aufregung, denn es hatte sich ein fremder Vogel zu ihnen gesellt, der weit in der Welt herumgekommen war. Er hieß Hugin und berichtete von fremden Landschaften, seltsamen Bäumen mit wohlschmeckenden Früchten und von den farbigen Vögeln, die auf ihnen nisteten. Schon bald lauschten nicht nur die Jungvögel, sondern auch die erwachsenen Raben bebannt den Erzählungen Hugins.

Nur die alte Krummschnabel konnte die Faszination der anderen nicht teilen.

„Was wissen wir eigentlich über ihn? Gar nichts!" warnte die Räbin, „Sonst nehmen wir doch auch nicht jeden dahergeflogenen Rumtreiber in unsere Gemeinschaft auf."

„Du gönnst uns aber auch gar nichts", protestierte Weißfeder, die versprengte Dohle. „Der Winter naht und uns stehen viele trostlose Abende bevor. Die Geschichten von euch Alten haben wir schon so oft gehört, dass wir sie bald auswendig können. Wir Jungen freuen uns schon sehr darauf, in den kalten Monaten Hugins Erzählungen zu lauschen."

Krummschnabel blickte indigniert auf die Dohle herab, was ihr nicht schwer fiel, da diese nur halb so groß war wie sie selbst.

„Vergiss nicht, dass du hier nur Gast bist", krächzte die alte Räbin Weißfeder an. „Wenn es dir bei uns zu langweilig ist, kannst du gern zu deinen Leuten zurückkehren."

Die Dohle verstummte, aber einige jüngere Raben waren Zeugen des Wortwechsels gewesen.

„Du bist doch nur eifersüchtig", sagte einer von ihnen, der für seinen Fürwitz bekannt war.

„Das ist Blödsinn", fuhr Krummschnabel ihn an. „Aber ich habe mehr Erfahrungen als ihr Grünschnäbel und bin daher nicht so vertrauensselig wie ihr."

Eine Welle des Protestes erhob sich.

„Wir wollen, dass Hugin bleibt."

„Zumindest solange, bis er uns alle seine Abenteuer erzählt hat."

Krummschnabel erkannte, dass niemand ihre Warnung ernst nahm.

„Es dauert wahrscheinlich Jahre bis dieser Angeber mit seinem Fliegerlatein zu Ende ist", sagte sie beleidigt und breitete mit einem leisem Fluch ihre Schwingen aus, um von dem Schlafbaumes abzuheben, auf dem die Gruppe bereits lagerte, denn der Tag neigte sich dem Ende zu. Krummschnabel flog hinunter ins Tal, wo sie in weiten Kreisen über das abgemähten Stoppelfeld segelte. Im Flug war ihr breiter, keilförmiger Schwanz ein beeindruckender Anblick.

Ein Rabenmädchen schaute Krummschnabel mit großen Augen nach. Sie erweckte den Eindruck, als ob sie kurz davor sei, die alte Räbin zurückzurufen, aber die Dohle, wisperte ihr zu: „Keine Sorge, Glanzfeder! Sie hält die Einsamkeit nicht lange aus."

Der Winter begann und die Paare sonderten sich von den anderen ab. Es war die Zeit, in der die Junggesellen sich um die Jungräbinnen bemühten. Keine von ihnen hatte so viele Verehrer wie Glanzfeder, das anmutigste Rabenmädchen des Schwarms. Auch Hugin umwarb Glanzfeder, aber die Räbin fürchtete sich vor ihm. Ohne dass sie es sich erklären konnte, graute es ihr vor dem Fremden.

In der matten Mittagssonne veranstalteten die jungen Raben paarweise akrobatische Flugspiele, um den Räbinnen zu imponieren. Mit weit geöffneten Augen beobachteten die Angebeteten das Schauspiel. Nur Glanzfeder würdigte die tollkühnen Sturzflüge, Saltos und Drehungen im vollen Flug keines Blickes. Allein die Anwesenheit Hugins machte ihr die Darbietung verhasst, denn er war ein vollendeter Flieger.

„Ich würde Hugin auswählen", sagte ihre Mutter zum hundertsten Mal. „Mit einem solchen Vater müssen deine Kindern nie hungern."

Glanzfeder spreizte ihre Flügel. Dann plusterte sie sich auf, damit das Luftpolster zwischen den Federn den Wärmeverlust verringerte. Trotzdem durchfuhr sie ein Schauder, der nicht von der Kälter verursacht wurde.

„Er hat etwas Unheimliches an sich", sagte sie zu ihrer Mutter. „Seine Seele ist bestimmt genauso so weiß wie die bleiche Haut der schrecklichen Wesen, die sich selbst Menschen nennen."

Energisch schüttelte ihre Mutter den Kopf, verärgert über den Starrsinn ihrer Tochter.

„Du bildest dir das nur ein", erwiderte sie. „Er ist ein sehr zuvorkommender und tüchtiger Rabe."

„Ich würde ihn sofort nehmen", mischte sich Schwarzauge ein, Glanzfeders beste Freundin.

Glanzfeder schaute die junge Räbin erstaunt an.

„Was hält dich davon ab?", fragte sie in einem gleichgültigen Tonfall, „Ich habe bestimmt nichts dagegen."

„Aber er will mich doch nicht", seufzte die Freundin. "Er hat nur Augen für dich... genau wie mein Bruder!"

Der beschämte Blick Glanzfeders zeigte, dass sie sich ertappt fühlte. Nervös verlagerte sie ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen.

„Ich werde wohl mit Schielauge vorlieb nehmen müssen", jammerte ihre Freundin, der die Verlegenheit Glanzfeders nicht auffiel. „Aber besser Schielauge als gar kein Rabe."

„Nimm dir ein Beispiel an ihr", ermahnte Glanzfeders Mutter ihre Tochter.

Aber alle Überredungsversuche fruchteten nichts.

„Ich nehme Hugin nicht, und wenn er der letzte Rabe auf der Welt wäre", erklärte Glanzfeder heftig und drehte sich demonstrativ um.

Es lag nicht nur an der unheimlichen Ausstrahlung Hugins, dass Glanzfeder keinen weiteren Gedanken an ihn verschwendete, sondern auch daran, dass sie sich bereits für einen anderen Verehrer entschieden hatte. Wie die aufmerksame Freundin bemerkt hatte, umwarb auch Schwarzauges Bruder Silberzunge die schöne Räbin. Zwar flogen andere Jungraben akrobatischer, aber kein Rabe des Schwarmes übertraf ihn in der Schönheit seines Gesanges.

Oft traf sich das junge Paar in der Dämmerung auf Krummschnabels Lieblingsesche. Die alte Räbin hielt dann Ausschau nach Raubvögeln und anderen Störenfrieden, während Silberzunge im Mondschein für Glanzfeder sang.

„Rede doch noch einmal mit meiner Mutter", bat Glanzfeder ihn als der Herbst zu Ende ging.

Silberzunge sah seine Geliebte traurig an.

„Ihre Antwort war unmissverständlich", gab er mit leiser Stimme zu. „Sie hat mir unumwunden ins Gesicht gesagt, dass du jeden Raben haben könntest und daher nicht mit einem Tollpatsch vorlieb nehmen müsstest, den die Menschen eingefangen und mit einem hässlichen Ring gekennzeichnet haben."

Zur Bestätigung seiner Worte hob er den rechten Fuß und Glanzfeder betrachtete voller Mitleid den silbrigen Blechring, der seinen Knöchel umschloss. Schon oft hatte ihr Geliebter versucht, das Zeichen seiner Schande mit dem Schnabel zu öffnen, aber das Metall war allzu fest.

„Dann bauen wir eben unser Nest ohne die Einwilligung meiner Mutter", antwortete Glanzfeder trotzig. „Ich habe mich für dich entschieden und wenn wir uns daher einen neuen Schwarm suchen müssen!"

Das junge Liebespaar beschloss, bereits am folgenden Tag einen geeigneten Ast zu suchen.

Der Morgen dämmerte und Glanzfeder, die die ganze Nacht vor Aufregung kein Auge zugemacht hatte, flatterte zum gewohnten Treffpunkt. Silberzunge war noch nicht da, was Glanzfeder sehr erstaunte, denn üblicherweise ließ ihr Geliebter sie nicht warten. Sie flog im Kreis umher und hielt Ausschau nach Silberzunge, konnte ihn aber nicht finden. Die Zeit verging mit quälender, Langsamkeit. Je höher die Sonne stieg, desto beunruhigter wurde die junge Räbin.

Als die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte, fehlte von Silberzunge noch immer jede Spur. Glanzfeder kehrte zu ihrer Kolonie zurück um die anderen Raben nach dem Verbleib des jungen Raben zu fragen, aber niemand hatte ihren Geliebten gesehen.

Die Abenddämmerung kam und die Raben vereinten sich zu einem großen Schwarm, um ihren Schlafbaum aufzusuchen. Noch immer war Silberzunge unauffindbar und die Mutter versuchte Glanzfeder davon zu überzeugen, dass er sich schlicht aus dem Staub gemacht hatte.

„Er wäre nicht der erste Jungegeselle, der im letzten Augenblick kalte Füße bekommen hat", sagte sie mit mitleidiger Miene.

„Du kennst ihn nicht so gut wie ich", protestierte Glanzfeder. „Niemals würde er mich im Stich lassen!"

Dann erst wurde ihr erst bewusst, was ihre Mutter soeben gesagt hatte.

„Woher weißt du, was wir vorhatten?", entfuhr es ihr.

„Vergiss nicht, dass Silberzunge der Bruder von Schwarzauge ist", antwortete die Mutter kopfschüttelnd. „Er war so leichtsinnig, sie ins Vertrauen zu ziehen und Schwarzauge hat allen erzählt, dass ihr durchbrennen wollt."

Glanzfeder war zu niedergeschlagen, um alles abzustreiten. Noch immer glaubte sie fest daran, dass Silberzunge sie nicht verlassen hatte. Er hatte bestimmt gute Gründe gehabt, sich von der Kolonie zu entfernen. Falls ihm nichts zugestoßen war, würde er irgendwann zu ihr zurückkehren und solange würde sie warten.

Jeden Tag flog sie zur alten Esche und wartete dort bis es dämmerte. Sie wartet Stunden, Tage und Wochen. Ihre Verehrer wurden mit der Zeit immer aufdringlicher. Kaum konnte sich Glanzfeder ihrer Annäherungsversuche erwehren. Am allerlästigsten waren ihr die Anträge Hugins.

Wer auch immer um ihre Hand anhielt, er erhielt die Antwort: „Ich warte auf Silberzunge. Ich werde keinen anderen Raben erwählen."

Ihre Mutter versuchte weiterhin Glanzfeder Hugin schmackhaft zu machen: „Sei froh, dass er sich von deiner Unfreundlichkeit nicht hat abschrecken lassen. Du willst doch sicherlich nicht als alte Jungfer enden?"

Aber ihre Ermahnungen, Bitten und Überzeugungsversuche fielen auf unfruchtbaren Boden. Die alte Räbin musste tatenlos zusehen, wie die Rabenpaare ihre runden Nester in Felsenwände, auf Bäumen oder auf dem schneebedeckten Boden bauten. Nur ihre Tochter saß trübsinnig auf einem Ast der alten Esche und wartete, aber noch immer fehlte jede Spur von Silberzunge.

Hugin bemühte sie weiterhin um sie. Er brachte ihr als Geschenk die fettesten der Mäuse, die er gejagt hatte. Wenn die anderen Raben sich über Glanzfeder lustig machten, nahm er sie in Schutz. Eines Tages bot Hugin sogar seine Hilfe bei der Suche nach dem Nebenbuhler an, aber Glanzfeder wies das Angebot mit Empörung zurück, als ob es sich um eine Beleidigung handelte.

Das Frühjahr kam und die anderen Räbinnen legten Eier, aber Glanzfeder wartete noch immer.

Eines Tages beschloss Glanzfeder, ihren Schwarm zu verlassen, denn alles erinnerte sie an Silberzunge. Außerdem konnte sie den Anblick Hugins nicht mehr ertragen. Seine Annäherungsversuche und seine Anteilnahme wurden ihr von Tag zu Tag verhasster, falls dies überhaupt noch möglich war.

Damit niemand ihr folgen konnte, stand Glanzfeder morgens vor den anderen auf. Sie segelte im Aufwind, bis sie außer Sichtweite war. Lange fand sie keine Ruhe. Sie flog über die grünen Felder, auf denen das Getreide reifte, durch dichte Wälder und über ausgedehnte Wiesen. Staunend betrachtete sie die abweisenden Städte der zweibeinigen Wesen, die sich selbst Menschen nannten, aber selbst dort lebten Vögel, wenn auch nur wenige Raben.

Eines Tages rastete Glanzfeder nahe bei einer Schafsherde. Die Schafe blökten, der Hirtenhund kläffte und sie konnte bei dem Lärm nicht schlafen und schaute sich um. Das klare Licht des Vollmondes beleuchtete einen alten Hirte, der mit seinem jungen Gehilfen am Lagerfeuer saß, der von einem Brotlaib zwei Scheiben abschnitt. Der Junge hatte das schwärzeste Haar, das die Räbin jemals auf dem Kopf eines Menschen gesehen hatte. Glanzfeder konnte die Augen nicht von ihm lassen, sie fühlte sich magische zu dem jungen Menschen hingezogen, konnte sich aber nicht erklären warum.

Als die beiden Hirten ihr Mahl beendet hatten, blies der Alte durch ein hohles Schilfrohr, während der Junge mit dem Mund Geräusche produzierte, die für die Ohren der Rabin grauenhaft klangen, aber dem Alten schien sie zu gefallen.

Fasziniert beobachtete Glanzfeder den Sänger, der ihr seltsam vertraut vorkam. In engen Kreisen flatterte sie um ihn herum, um ihn von allen Seiten in Augenschein zu nehmen. Der junge Mann neigte den Kopf und rieb sich dann die Augen. Erstaunt bemerkte sie, dass er keine Angst vor ihr hatte. Während der Alte die Schultern hochgezogen hatte und Glanzfeder argwöhnisch beäugte, blickte der Junge sie neugierig und unbefangen an.

Dann sah die Räbin etwas, was sie erschaudern ließ. Am kleinsten Finger seiner rechten Hand trug er einen Blechring, der dem Ring ihres Geliebten glich wie ein Rabenei dem anderen. Glanzfeders Herzschlag setzte vor Überraschung einen Augenblick lang aus. Spielten ihre Augen ihr einen grausamen Scherz? Träumte sie, nur im nächsten Moment unsanft zu erwachen? Am ganzen Körper zitternd schaute sie dem junge Mann ins bleiche Gesicht und er erwiderte ihren Blick. In seinem großen, schwarzen Augen lag eine unendliche Traurigkeit.

„Bist du es, Silberzunge", fragte Glanzfeder ganz leise. Ihr Herz pochte so heftig, dass es schmerzte.

Der schwarzhaarige Mensch öffnete den Mund und stieß einige unverständliche Laute heraus. Der alte Hirte warf seinem Gehilfen einen befremdeten Seitenblick zu. Der Junge zuckte entschuldigend mit der Schulter und sagte etwas, das die Räbin wieder nicht verstand.

Trotzdem war Glanzfeder fest davon überzeugt, ihren Geliebten endlich wiedergefunden zu haben.

Das war bestimmt dieser schreckliche Hugin, durchfuhr es sie. Wenn ich doch nur die Sprache der Menschen verstehen könnte, dachte sie verzweifelt. Krummschnabel hatte einmal behauptet, dass es Raben gebe, die mit den Menschen kommunizieren können.

So schnell ihre Flügel sie trugen, flog Glanzfeder zu ihrem Schwarm zurück, inständig hoffend, dass die alte Krummschnabel noch lebte. Als sie nach einigen Tagen zermürbender Hast endlich ihre alte Rabenkolonie erreichte, musste sie erfahren, dass die anderen mittlerweile ausgerechnet Hugin zu ihrem Anführer erwählt hatten.

"Ich habe dir immer gesagt, dass es ein Fehler war, ihm abzuweisen", bemerkte Schwarzfeder, nachdem sie ihre Freundin begrüßt hatte.

Glanzfeder schaute enerviert zu Boden, um der anderen Räbin nicht ins neugierige Gesicht schauen zu müssen. Als sie wieder aufsah, erstarrte sie und betrachtete mit ungläubigem Staunen Krummschnabel, die abseits auf einem Stein hockte. Sie war in der Zwischenzeit sichtlich gealtert und machte einen bekümmerten Eindruck. Mit einem Seufzer der Erleichterung gesellte sich Glanzfeder zu der alten Räbin.

"Du hast ihn nicht gefunden?", wurde sie teilnehmend gefragt.

Obwohl sie Angst hatte, ausgelacht zu werden berichtete Glanzfeder von dem schwarzhaarigen Jungen.

„Ich habe nie geglaubt, dass dein Geliebter so kurz vor der Hochzeit einfach verschwunden ist. Bestimmt hatte Hugin, dabei seine dreckigen Krallen im Spiel", bemerkte Krummschnabel schließlich. „Trotzdem ist deine Geschichte erstaunlich. Bekanntlich gibt es Menschen, die sich in Raben verwandeln können. Aber ich habe bisher noch nie von einem Raben gehört, der die Gestalt eines Menschen angenommen hat."

„Vielleicht ist Hugin in Wahrheit ein Mensch", schlug Schwarzzunge vor.

Krummschnabel lachte.

„Dann hätte er mittlerweile seine richtige Gestalt wieder angenommen. Was hätte er noch bei uns Raben verloren gehabt, nachdem du uns verlassen hast?"

Dann wurde die alte Räbin sehr ernst.

„Hugin ist offenbar in der weißen Magie bewandert. Er ist noch gefährlicher als ich bisher dachte!"

„Dann muss ich selbst zaubern lernen", erklärte Glanzfeder ohne Zögern. "Es gibt keine Magie, die nicht rückgängig gemacht werden kann."

„Wie stellst du dir das vor?", entgegnete die alte Räbin kopfschüttelnd. „Das ist keine Kunst, die jeder erlernen kann wie das Fliegen."

Glanzfeder fühlte sich, als sei mitten im August der Winter zurückgekommen.

„Kennst du wirklich niemanden, der mir helfen kann?" fragte sie so leise, dass Krummschnabel es kaum hören konnte.

„Man sagt, dass im Nebelgebirge ein alter Zauberrabe lebt. Er heißt Abrax", antwortete die alte Räbin, "aber ..."

Ohne auch nur das Ende des Satzes abzuwarten, machte sich Glanzfeder auf den Weg ins nahe Nebelgebirge. Dort fragte sie jeden Vogel der ihre begegnete nach Abrax. Lange blieb sie erfolglos, aber endlich, konnte ihr eine alte Krähe weiterhelfen. Glanzfeder folgte ihrer Beschreibung bis zu sie zu einer Höhle gelangte, deren Eingang fast völlig vom Gebüsch verdeckt war.

„Abrax", rief die Räbin mit lauter Stimme, aber nichts geschah.

Sie rief noch einmal. Doch wieder erhielt sie keine Antwort. Sie wartete ein paar Sekunden. Dann fasste sie sich ein Herz und flog in die Höhle.

Dunkel war es da drinnen und die Luft roch muffig! Der Modergeruch setzte sich auf jeder einzelnen Feder fest. Kein Mucks war zu hören. Nur das leise Herabfallen eines Wassertropfens durchbrach ab und zu die Stille. Vorsichtig schaute Glanzfeder sich um, konnte aber in der Finsternis nichts erkennen.

„Was willst du von mir?" fuhr sie unvermittelt eine barsche Stimme an.

Glanzfeders Blick folgte dem Geräusch und sie erkannte die unscharfen Konturen eines steinalten Raben. Nur seine grimmigen Augen waren im Dunkel auszumachen.

„Bist du Abrax, der berühmte Zauberrabe?" fragte Glanzfeder schüchtern.

Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Finsternis.

„Der war ich einmal", antwortete der alte Vogel unwirsch. „Was willst du von mir?" Seine raue Stimme steigerte die abschreckende Wirkung seiner Worte. Er war wirklich zum Fürchten.

„Ich würde gern bei dir Unterricht nehmen", sagte die junge Räbin etwas kleinlaut und fühlte sich die dumme Mattfeder, über die sich der ganze Schwarm lustig machte.

„Warum sollte ich dich jämmerliches Wesen unterrichten?", fragte Abrax unerbittlich zurück.

„Weil ich deine Hilfe brauche", stammelte Glanzfeder und wieder kam sie sich töricht vor.

„Ich nehme keine Schüler mehr an!" war die barsche Antwort. „Such dir einen jüngeren Lehrer oder noch besser eine Lehrerin."

„Aber kenne keine Zauberräbin und ich muss unbedingt die weiße Magie erlernen", erwiderte Glanzfeder verzweifelt. „Ich suche auch jeden Tag die leckersten Getreidekörner für dich auf dem Feld."

„Warum möchtest du eigentlich die Magie erlernen?", fragte Abrax etwas weniger unfreundlich.

„Weil mein Liebster in einen schrecklichen Menschen verzaubert worden ist", begann Schwarzfeder und erzählte, was vorgefallen war.

Der Zaubermeister schüttelte bedächtig seinen Kopf.

„Ich weiß nicht, ob du die Zauberei erlernen kannst, denn nur wenige Raben haben das Talent dazu", sagte er und sah die junge Räbin mitleidig an. „Gibt es in deiner Familie irgendjemanden, der Magie ausgeübt hat?"

„Nein", antwortete Glanzfeder etwas verwirrt. „Niemand, sonst hätte ich mir sicher den Weg erspart und bei meinem Verwandten Unterricht genommen".

Abrax lachte und seine Stimme klang wie eine alte Gießkanne.

„Ich wollte wissen, ob in deiner Familie von einem verstorbenen Vorfahren erzählt wird, der zaubern konnte, denn das Talent dazu ist meistens erblich. Nicht jeder kann es lernen."

„Ich glaube nicht", musste Glanzfeder zugeben. „Aber ich kenne von meinen Verwandten nur meine Mutter. Sie ist von ihrem alten Schwarm verstoßen worden als ich noch ein Küken war." Abrax schaute sie kopfschüttelnd an. „Lass es mich doch wenigstens versuchen", bettelte Glanzfeder. „Du weißt gar nicht, wie viel für mich davon abhängt."

„Meinetwegen! Ich werde es mit dir versuchen", antwortete der Rabe schließlich. "Aber mach dir lieber keine großen Hoffnungen!"

Es vergingen einige Wochen, in denen Glanzfeder Zauberformeln auswendig lernte und in Pilzkunde unterrichtet wurde. Immer wieder versuchte sie, mit reiner Willenskraft Zweige zu bewegen, aber sie bewegten sich nicht von der Stelle. Auch gelang es ihr einfach nicht, sich in einen Menschen zu verwandeln.

„Wenn du das nicht zustande bringst", sagte der strenge Lehrmeister eines Tages. „Dann kannst du deinem Geliebten nicht seine ursprüngliche Gestalt zurückgeben."

"Ich möchte es weiterversuchen", beharrte Glanzfeder, obwohl sie fast verzweifelte.

Der Sommer neigte sich dem Ende zu und zu Hause waren der Rabennachwuchs längst flügge geworden, aber Glanzfeder konnte noch immer nicht zaubern. Jeden Morgen suchte sie Körner für ihren Lehrmeister und dann übte sie mit einem unermüdlichen Eifer, der Abrax in Erstaunen versetzte.

Er fragte sich, wie lange die junge Räbin noch ihre und seine Zeit damit verschwendete, etwas erlernen zu wollen, zu dem sie offensichtlich nicht das geringste Talent besaß.

An einem sonnigen Herbsttag bemerkte Glanzfeder auf der Nahrungssuche eine Steinfigur, die auf dem Torpfosten eines Gutshofes saß. Es war eine alte Eule mit struppigem Gefieder. Glanzfeder war schon oft an dem Tor vorbei geflogen, aber die Steineule war ihr zuvor nicht aufgefallen. Neugierig betrachtete sie die Figur. Aber die anfängliche Faszination der Räbin verwandelte sich ganz plötzlich in Grauen als ihr Blick die versteinerten Eulenaugen traf. Es schauderte ihr. Aber bevor sie dazukam, den Kopf abzuwenden, erkannte sie ganz plötzlich, dass noch ein Rest von Leben im mausgrauen, porösen Stein war.

„Krakrorum, dreimal schwarzer Rabe", rief sie und im gleichen Augenblick begann die versteinerte Eule sich zu verwandeln. Ihre Federn färbten sich langsam braun, Leben kehrte in ihre eben noch toten Augen zurück und sie schüttelte sich. Ganz langsam breitete sie die Schwingen aus und sie umkreiste das Tor dreimal. Dann landete sie auf dem Türpfosten und sah Glanzfeder mit großer Dankbarkeit an.

„Ich bin Pallas, die Eulenkönigin. Tausend Jahre war ich in diesem Stein gefangen", sagte der braune Vogel, „Wie kann ich dir jemals danken?"

Glanzfeder war sprachlos vor Erstaunen.

„Endlich hast du zaubern gelernt!", rief Abrax, der das Geschehen aus der Ferne beobachtet hatte und Glanzfeder fuhr herum. "Ich hatte schon die Hoffnung aufgeben, aber seltsamerweise lernt manchmal ein Schüler seine Lektion ganz plötzlich. Bekanntlich können Zauberkräfte jahrelang unbemerkt schlummern."

Der Zaubermeister berichtet der Eulenkönigin von Glanzfeders Sorgen und Pallas erklärte sich bereit, ihr bei ihrer Mission beizustehen.

„Aber ich doch noch nicht ausgelernt", sagte Glanzfeder alarmiert, da sie sich einer Konfrontation mit Hugin nicht gewachsen fühlte.

„Ich habe dich alles gelehrt, was ich selbst weiß", erwiderte Abrax unwirsch, wie es meist seine Art war. „Jetzt ist es an dir, deine Kenntnisse anzuwenden", und mit einem Blick auf Pallas fügte er etwas milder hinzu: „Unterschätze niemals die Weisheit der Eulen."

Vergeblich führte Glanzfeder Argumente an, die für ihr Bleiben sprachen, aber sie konnte die beiden alten Vögel nicht überzeugen. Ehe sie sich versah, hatte Abrax die Räbin aus der klammen Höhle komplimentiert.

„Und wenn du Erfolg haben solltest, komm zurück mit deinem Geliebten", sagte er zum Abschied. „Ich verstehe es aber auch gut, wenn ihr Turteltauben lieber allein bleiben wollt", fügte er hastig hinzu, als ob er seine freundlichen Worte bereute

Der Rückweg erschien Glanzfeder viel länger als die Reise ins Nebelgebirge. Aber endlich sah sie am Horizont die große Stadt, vor deren Toren der alte Schäfer seine Schafe weidete.

Bevor sie die Herde erreichten, hörte die junge Räbin das Flattern zahlloser Flügel, das vom Geschnatter von Raben übertönt wurde. Einige der Stimmen kamen Glanzfeder bekannt vor. Sie schaute sich um und realisierte mit gemischten Gefühlen, dass ihr alter Rabenschwarm sich auf einem Alleebaum am Straßenrand versammeltet hatte.

„Die haben mir gerade noch gefehlt", fluchte Silberfeder vor sich hin, aber es war bereits zu spät, um den Vögeln auszuweichen.

Man hatte sie erkannt und ausgerechnet Hugin kam ihr entgegen geflattert.

Warum treibt sich dieser Unglücksrabe ausgerechnet hier herum?, fragte sich die Räbin schlecht gelaunt. Es bereitet ihm wohl Freude, sein wehrloses, in einen Menschen verwandeltes Opfer zu betrachten.

„Endlich hast du den Weg zu uns zurückgefunden", sagte der Anführer der Rabenkolonie. Die Wiedersehensfreude war ins schwarze Gesicht geschrieben. „Wir haben uns schon Sorgen gemacht."

Dieser scheinheilige Rabe schreckt vor nichts zurück, dachte sie verärgert. Aber so schnell ließ sie sich nicht einwickeln. Dann ließ sie ihren Blick über das Rudel schweifen, aber sie sah weder Krummschnabel noch ihre Mutter in der schwarzen Schar. Sie fragte nach den beiden und die Antwort, die sie erhielt, bestätigte ihre schlimmsten Befürchtungen.

„Krummschnabel war schon sehr alt. Sie war die älteste Räbin weit und breit. Der strenge Winter war zu viel für sie", sagte Hugin und schwieg einen Augenblick lang betreten. „Im Frühjahr hat dann eine Seuche unsere Reihen gelichtet und unter den Opfern war auch deine Mutter."

Eine Woge des Elends durchflutete Glanzfeder. Warum hatte Hugin überlebt Wenn er sie nur endlich in Frieden ließe!

„Als deine Mutter krank war hat sie immerzu Das ist alles meine Schuld vor sich hingemurmelt", sagte eine Krähe, die Glanzfeder erst auf den zweiten Blick erkannte. Es war ihre frühere Freundin Schwarzauge.

Glanzfeder erwiderte nichts, sondern starrte Hugin feindselig an. Dann fiel ihr plötzlich Pallas ein, die sie in der Zwischenzeit fast vergessen hatte. Aber Pallas hatte sich offenbar von der Rabenkolonie entfernt. Glanzfeder war es egal! Was konnte die Eule schon gegen einen Zauberraben ausrichten? Schließlich hatte sie sich in einen Stein verzaubern lassen.

Glanzfeder beschloss, selbst einen Gegenzauber zu versuchen. Nur mit Mühe gelang es der Räbin, ihre Ungeduld zu bezwingen, aber sie musste auf den Einbruch der Nacht warten. Erst dann konnte sie es wagen, sich dem Gehilfen des Hirten zu nähern.

Als der Himmel endlich so schwarz wie ihre Schwingen war, flog Glanzfeder zur Schafsherde. Der schwarzhaarige Hirtenjunge wirkte noch unglücklicher als bei ihrer letzen Begegnung. Offensichtlich hatte er sich noch immer nicht mit seiner freudlosen Existenz als Mensch abgefunden.

Mit klopfendem Herzen setzte sich seine Geliebte auf die Wiese, auf der die Schafe weideten. Sie sah dem schwarzhaarigen Menschen in die Augen. Dann atmete sie tief durch und sagte entschlossen: „Krakrorum, dreimal schwarzer Rabe",

Einen Augenblick lang passierte gar nichts. Dann begann der Junge zu schrumpfen. Bald hatte er seine ungeschlachte Größe verloren. Ihm wuchsen schöne schwarze Federn und langsam verwandelte sich der hässliche Mensch in einen wunderschönen Raben. Endlich erhielt Glanzfeder den letzten Beweis dafür, dass sie sich nicht getäuscht hatte: Ihr geliebter Silberzunge saß vor ihr. Er öffnete den Schnabel, wohl um sich zu bedanken, konnte aber keinen Ton herausbringen.

Glanzfeder hörte hinter sich die Schwingen eines Raben. Als sie sich umdrehte schrak sie zusammen, denn es war Hugin. In ihrer Verzweiflung beschloss sie, seinem Angriff zuvor zu kommen. Sie öffnete bereits den Schnabel um eine Verwünschung auszustoßen, als sie die wohltönende Stimme der Eule hörte.

"Rede zuerst mit deinem Geliebten", ermahnte Pallas. „Du weißt nicht, ob Hugin ihn verhext hat."

Glanzfeder wollte protestieren, aber Silberzunge begann endlich zu sprechen.

„Sie hat Recht", sagte er mit einer Stimme, der man anhörte, dass sie lange nur die seltsamen Laute der Menschensprache formuliert hatte. „Es war deine Mutter, die mir das angetan hat."

„Meine Mutter?" fragte Glanzfeder mit tonloser Stimme", wusste aber im gleichen Augenblick, dass es die Wahrheit war. In ihrem Bemühen, ihre einzige Tochter davon abzuhalten, einen Sänger zu heiraten, hatte sie offenbar geglaubt, jedes Mittel anwenden zu dürfen.

„Jetzt wissen wir endlich, wer dir seine magische Fähigkeiten vererbt hat", sagte Pallas, die Eule.

Daher ist Mutter von ihrem Schwarm verbannt worden, durchfuhr es die junge Räbin.

„Und mir ist jetzt klar, warum sie unbedingt hierher ziehen wollte", sagte Hugin. „Deine Mutter hat uns nämlich dazu überredet, das Revier zu wechseln."

„Ich glaube, sie hat ihre Tat bereut", fügte Silberzunge nachdenklich hinzu. „Denn nachts, wenn ihr geschlafen habt, hat sie mich manchmal besucht und unverständliche Worte vor sich hingemurmelt."

"Wahrscheinlich wollte sie dich zurückverwandeln, aber es ist ihr nicht gelungen", stimmte Pallas zu.

So wandte sich doch noch alles zum Guten. Glanzfeder war wieder mit Silberzunge vereint. Das Paar schloss sich seinem alten Schwarm wieder an, aber nicht bevor die junge Räbin Hugin zugesagt hatte, nie wieder zu zaubern.

„Ich verspreche dir auch im Gegenzug dafür, niemandem von der Tat deiner Mutter zu erzählen", beteuerte Hugin und Glanzfeder erkannte, dass sie dem Raben bitter Unrecht getan hatte.

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