1

Mohn

Klatschmohn

blüht vor der Ruine.

Tausend kleine Flammen,

rot wie Blut

brennen sich ein

in mein Gedächtnis.

Noch im Schlaf sehe ich

die roten Blüten,

der Blume des Morpheus,

des Gottes der die Träume bringt.

2

Der Traum

Heute Morgen träumte ich.

Wachend schlief ich

und schlafend war ich wach.

Ich träumte

und wusste doch,

der Traum war nicht real,

denn durch meine

geschlossenen Lider

sah ich die aufgehende Sonne.

Ich klammerte mich fest

an die verblassenden Bilder

meines Traums,

doch konnte ich sie nicht

halten.

Sie zerrannen

zwischen Auge und Verstand.

3

Der Schreck

Über dem blassen Mond schien das Flugzeug

im Vogelschwarm zu verschwinden.

Wie ein Wüstenschloss lockten die Ziegel

Des alten Schlachthofs in der Ferne

und ich dachte an Montaigne und seinen Turm.

Ich wanderte über die verlassenen Felder,

auf denen die Träume wachsen.

Ich war vollkommen glücklich.

Ich vergaß die Welt und mich selbst.

ooo

Als mir eine Bekannte von hinten

auf die Schulter tippte

Gefror ich zu Eis.

Ich fühlte mich

wie ein Selbstmörder,

der vom Eifelturm springt.

Mir war als ob ich

mit dem Lift abwärts führe,

bis in das zehnte Tiefgeschoß,

das gar nicht existiert.

ooo

Durch dichten Nebel

drang ihre Stimme zu mir.

Ich hörte sie,

wie man dem Regen lauscht.

Die Bekannte redete und ich nickte,

so verwirrt wie Lazarus,

von den Toten auferstanden,

so fremd wie ein Marsmensch,

der sich verflog.

4

Die süßen Früchte

Ein rothaariges Kind pflückt Beeren.

„Da sind noch mehr", ruft es,

auf den Brombeerstrauch zeigend.

„Warum wachsen die besten Beeren,

dort, wo niemand rankann?"

Schlagartig verfinstert

der Himmel sich.

ooo

Durch das Fenster der S-Bahn

Seh' ich Brombeerhecken,

ihre Zweige schwer

von schwarzen Früchten.

Fast könnt' ich sie berühren

Als die Türen schließen.

ooo

Ein Mädchen im blauen Kleid

Mit weißer Schleife im Haar

Stellt sich auf die Zehenspitzen.

Sie reckt sich nach oben,

greift mit ausgestreckter Hand

Nach den Kirschen im Baum

Auf dem Theaterplakat

5

Unerreichbar

Der Gummibaum strebt

Dem Fenster entgegen,

wo draußen im Regen

der Rhododendron bebt.

Sie berühren sich fast,

doch es trennt sie

für immer das Glas.

6

Erinnerung

Die Erinnerung

folgt mir wie ein Echo.

Sie klebt an mir

wie mein Schatten.

Sie ist ein rückwärts

gewandter Spiegel.

Sie lässt sich nicht

ausschalten

wie ein alter Hit.

7

Hoffnung

Schiller sagte:

ein Flügelschlag und hinter uns Äonen,

was auch immer das sei.

ooo

Hoffnung ist ein Wort

Mit acht Lettern,

Hoffnung ist der Name

eines Mantras,

ist ein Zauberwort aus uralter Zeit.

ooo

Die Hoffnung ist

ein wolkenloser Garten,

von einer Mauer umgeben

ein allgegenwärtiger Ort,

doch oft erreichbar.

.

8

Sonntag

Am Sonntag,

wenn die Gläubigen in die Kirche eilen

und die Heiden segeln

auf dem weiten Ozean,

sitz' ich im Park,

belausche die Vögel

und träume von Pappeln

oder

träumt mich ein Baum?

9

Wie Regentropfen

Wie Regentropfen, die Blasen bilden,

Wie Regentropfen, die in den Fluss aufschlagen

Wie Regentropfen, die das Meer aufpeitschen

trommeln die Bilder auf mich ein.

Ich schwimme, ich treibe, ich lasse mich treiben.

Ich bin ein Chamäleon, eine Feder, ein Stein.

Ich stürze hinab und ich schwebe.

Ich bin ein Sandkorn, eine Kugel aus Blei.

Ich stehe am Wegrand und warte.

Die Welt zieht vorbei.

10

Magie

Zum Schreiben brauch ich:

etwas Zeit,

meinen Computer

oder Papier und Bleistift

und einen Traum.

ooo

Schreiben ist Magie:

Das Verwandeln

von Dingen in Worte,

Buchstaben,

die sich wie von selbst

aneinander reihen,

Worte wie tanzende Kreisel,

Sätze wie marmorne Wände,

Labyrinthe von Zeichen

und Pfade ins Nichts.

ooo

Zeile für Zeile

schreibe ich weiter

und im Schreiben erfinde ich

die Welt.

11

Magie II

Mit der Krähenfeder beschworen,

mit der Glasfeder enthüllt

mit der Stahlfeder fixiert.

mit dem Bleistift notiert,

in die Tastatur getippt.

durch Tränen verwässert,

mit Blut signiert

folge ich dem Flug

meiner Träume.

ooo

Schwarze Tusche

ergießt sich

Über die ganze Welt.

FP_540253_ /29.11.2013 / Seite5