What have you done

1 Erwachen

Vor langer, langer Zeit tobte ein schrecklicher Krieg in Irland zwischen dem keltischen Volk der Túatha Dé Danann unter König Nuada und den Iren Firbolg unter König Balor. Die Schlacht streckte sich über viele Tage und Wochen hin und schien kein Ende nehmen zu wollen, bis König Nuada der entscheidende Schlag gelang und er den stärksten Krieger von König Balor tötete. Er durchbrach die Reihen der Feinde, der Sieg schien ihm sicher. Die Schlacht war entschieden, die Iren beinahe besiegt, da griff König Balor zu einer List. Er rief alle Magier seines Landes zusammen und ließ sie einen schrecklichen Fluch über die Túatha Dé Danann aussprechen. Er ließ sie alle in Elfen, einschließlich ihres Königs und dessen Mutter, verwandeln. Königin Danu, Nuadas Mutter, wurde gefangen genommen und in das unterirdische Reich der Zwerge verschleppt. Einzig König Nuada gelang die Flucht, doch schon bald kehrte er zurück und bat um das Leben seiner Mutter. Balor ließ ihn mit dem schlimmsten aller Flüche, den die Magier kannten, belegen. Er sollte für immer zu Stein werden, doch bevor sie diesen aussprachen, tötete Balor vor dessen Augen seine Mutter. Voller Wut und Schmerz blickte er auf Balor und schwor ihm Rache und ewigen Hass, dafür, was er seiner Mutter und seinem Volk angetan hatte, dann erstarrte er zu Stein. Nichts würde den Fluch brechen können, nur die Tränen einer reinen Seele und der Sand der Ewigkeit konnten ihn von seinem Fluch erlösen und so wartete er viele hunderte Jahre. Geriet in Vergessenheit, verbannt in das unterirdisches Reich der Zwerge, das kaum ein Lebewesen noch kannte und das vor Urzeiten das letzte Mal betreten wurde, bis heute.

*

Geduldig schob er seine irdenen Tongefäße auf dem von ihm perfekt im Sand gezogenen Kreisen in die nur für ihn sichtbaren Positionen. Unermüdlich war er in seiner Arbeit, er tat es schon von Anbeginn der Zeit und genauso lang hatte er schon seine Gefäße. Er schob eines der Tongefäße auf eine neue Position und hielt darüber, was sich ihm offenbarte, erstaunt inne. Die unzähligen Augen auf seinen Flügeln betrachteten lange das Gefäß vor sich am Boden. Still stand er dabei da und schien nachzudenken.

Das Schicksal ging oft seltsame Wege, doch diesmal verlangte es auch von ihm ein Opfer. Er hob das Gefäße auf und schritt durch die langen, längst verlassenen und doch einst so prächtigen Hallen, das Gefäß dabei vor sich herhaltend. Vor einer am Boden liegenden Steinfigur blieb er stehen, beugte sich hinab und stellte das Gefäß daneben.

„Das Schicksal hat noch etwas mit dir vor, junger König! Es ist nicht deine Bestimmung, für immer hier zu ruhen." Mit diesen Worten richtete sich der Engel des Todes wieder auf und schritt von dannen. Seine Aufgabe war erfüllt.

*

Emma schluckte den dicken Klos, der sich in ihrer Kehle gebildet hatte, hinunter. Mühsam versuchte sie sich auf die Worte des Priesters zu konzentrieren, dabei hallte ihr unentwegt ein Satz durch den Kopf. „Nun bist du ganz allein!"

Tränen brannten hinter ihren Lidern, aber keine einzige floss ihr über die bleichen Wangen. Heute fand die Trauerfeier für ihren Großvater statt. Er war ihr letzter lebender Verwandter gewesen. Sie kam in den Ferien oft zu seinem kleinen, einsam gelegenen, grauen Steinhaus zu Besuch und er erzählte ihr ständig Geschichten über Trolle, Elfen und andere Geschöpfe. Als Kind hatte sie jedes Wort davon in sich aufgesogen und geglaubt und war in der Hoffnung, einem dieser Wesen zu begegnen, stundenlang draußen über die grünen Hügel gelaufen, doch nicht einmal zeigte sich ein Troll oder eine Banshee, geschweige denn ein Elf. Auf die schöne Volk der Elfen hatte sie es besonders abgesehen.

Zumindest behaupteten alle Märchen- und Sagenbücher, dass sie von unvergleichlicher Schönheit waren. So etwas wollte sie natürlich mit eigenen Augen sehen, aber jetzt wünschte sie sich nur, ihr Großvater wäre hier bei ihr. Schließlich war die Beerdigung vorüber. Fremde Menschen, die sie nicht kannte, schüttelten ihr die Hand und sprachen ihr Beileid aus. Wie betäubt ließ sie das über sich ergehen. Als der letzte Besucher an ihr vorbeigeschritten war, blieb sie noch einen Augenblick alleine am Grab stehen. Traurig blickte sie hinab auf den schlichten Holzsarg.

„Warum hast du mich verlassen?" wisperte sie kaum hörbar.

Leise räusperte sich neben ihr jemand. Es war der Priester. Auch er sprach ihr sein Beileid aus und gab ihr zu verstehen, er wäre für sie da, wenn sie jemanden zum Reden bräuchte. Dankbar nickte sie mit dem Kopf und verabschiedete sich. Mit müden Schritten verließ sie den kleinen, alten Friedhof. Nordirland war immer noch bekannt für seine niedrigen, steinernen Bauten und den uralten Gebäuden. Auch die Kirche, die direkt neben dem Friedhof lag, ging auf ein unbestimmtes Alter zurück. Keiner wusste mehr so genau, wer sie erbaut hatte und in welchem Jahr sie entstanden war, aber das war für Emma ohne Bedeutung.

Sie lief zu ihrem alten, kleinen, roten Wagen und fuhr zum Haus ihres Großvaters. Es lag abgelegen, einsam in einer wilden, von Steinbrocken zerfurchten Gegend. Als Kind hatte sie es früher toll gefunden, in der Einöde herumzutollen, später war es ihr viel zu ruhig gewesen, doch heute war sie dankbar dafür. Sie musste keine neugierigen Nachbarn fürchten, die es vielleicht gut meinten und sie mit ihrer Gesellschaft quälten. Sie könnte heute keine anderen Menschen mehr ertragen. Sie fuhr auf dem ungepflasterten Weg entlang zum Haus, eher kleine Hütte. Es war ein sehr bescheidenes Domizil, das ihr Großvater sein eigen nannte. Es bestand praktisch aus einem großen Raum, den man notdürftig etwas abgeteilt hatte.

Sie hielt vor dem Gartentor an und stieg aus. Wehmütig sah sie auf den alten Steinbau. Die Schafe blökten zu ihrer Begrüßung. Wie viele Tiere hatte er noch? Vorsichtig lugte sie in den Stall. Geduckt standen dort so um die zwanzig Tiere und blickten hoffnungsvoll in ihre Richtung. Sie würde sich um sie kümmern müssen. Jedenfalls solange, bis hier alles verkauft war. Dieser Gedanke gab ihr einen schmerzhaften Stich und zwar dort, wo eigentlich ihr Herz sitzen müsste, denn sie hatte keines mehr. Das wusste sie genau. Man hatte es ihr vor langer Zeit gebrochen und war dann einfach gestorben.

Sie schleppte sich traurig zum Haus, der Himmel begann sich schön langsam über ihr mit schwarzen Wolken zu verdunkeln. Es würde wohl heute noch ein Unwetter geben. Ihr konnte das egal sein. Sie hatte nicht vor, in ihrem Leben noch viel über das Wetter nachzudenken. Emma öffnete die unverschlossene Tür. Niemand schloss hier seine Tür ab. Wozu auch? Wer sollte hier schon einbrechen? Nur ein Idiot. Ein selten blöder Idiot, denn es gab da drinnen bestimmt nichts was sich lohnen würde zu holen.

Sie trat über die Schwelle und wäre am liebsten davongelaufen. Es sah so aus, wie sie es in Erinnerung hatte und es roch genauso. Alles war so, wie sie es kannte, alles stand an seinem Platz, nur einer fehlte – ihr Großvater. Jetzt kamen sie doch. Die Tränen. Unermüdlich perlten sie über ihr Gesicht und verschleierten ihr den Blick. Müde sank sie auf einen der beiden Stühle, die es hier gab und weinte. Sie weinte um ihren Großvater, um ihre Eltern, die sie viel zu früh alleine gelassen hatten, um ihre zerplatzen Träume und um sich selbst.

Lange Zeit später versiegte der Tränenstrom und machte tiefer Niedergeschlagenheit Platz. Was sollte sie jetzt bloß tun? Wie sollte es weitergehen? Sie fühlte sich so verloren. So alleine auf dieser Welt. Isoliert von all den anderen Menschen, so als würde sie in einem schalldichten Glashaus sitzen. Sie konnte sie sehen, aber nicht hören oder verstehen. Sie war ganz alleine auf dieser Welt. Wann hatte sie eigentlich zum letzten Mal etwas gegessen? Müsste sie nicht Hunger verspüren?

Das Einzige, was sie fühlte, war diese ständig steigende Übelkeit, die nur noch von der tief empfundenen Trostlosigkeit überlagert wurde. Der Wind frischte auf und ließ die Tür auf- und zuschlagen. Schwer erhob sie sich und schloss die Tür. Kaum hatte sie das erledigt, es kostete sie fast ihre gesamten Kraftreserven, ging auch schon das Unwetter los. Blitz und Donner wechselten sich im Sekundentakt ab und heulende Windböen trieben über das Land.

Gnade Gott der armen Seele, die sich vielleicht bei diesem Wetter draußen befand. Emma legte sich auf das schmale Bett ihres Großvaters und lauschte auf den Wind. Irgendwann fiel sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

*

Das musste einfach ein Traum sein. Wie sonst sollte sie sich erklären, was sie in einer unterirdischen, unbewohnten Stadt machte, geschweige denn, wie sie hier hergekommen war. Zielsicher setzte sie, von einer inneren Stimme gleitet, ihre Schritte. Sie brachten sie in einen größeren, merkwürdig aussehenden Raum. Das alles hier schien nicht von Menschen geschaffen worden zu sein und wirkte auf sie, als wäre es schon mehrere tausend Jahre alt.

Als Kind hatte sie solche Träume. Träume von vergessenen Stätten, von verzauberten Orten, doch als sie erwachsen wurde, starben diese Träume und wichen grässlichen, erdrückenden Alpträumen. Alpträumen von Dunkelheit, Einsamkeit und Kälte. Dieser Traum war da viel besser. Sie ging durch große Hallen, gestützt von hohen Säulen, die überreich mit merkwürdigen Darstellungen von Zwergen und Elfen und von Göttern verziert waren, die über all das wachten. Wann hatten sie sich wohl zum letzten Mal bewegt und wofür?

Vor ihren Füßen stand ein tönernes Gefäß gefüllt mit feinem Sand, Sand, wie sie ihn noch nie gesehen hatte und daneben lag eine Steinfigur. Sie betrachtete sein Gesicht. Er war auf seine Weise unwirklich schön. Tränen stiegen ihr über diesen Anblick in die Augen und blieben in ihren Wimpern hängen. Warum sie diese vergessene Figur zu Tränen rührte, vermochte sie nicht zu sagen, aber es bekümmerte ihr Herz. Emma kniete sich nieder, fasste in das Gefäß und streute den Sand, ohne darüber nachzudenken warum sie das tat, über die Figur, so als wüsste sie genau, was zu tun sei. Dabei vermischten sich ihre Tränen mit dem Sand.

Zuerst geschah nichts und sie konnte gar nicht sagen, worauf sie wartet, was passieren sollte. Plötzlich entstand ein leichter Windhauch, der Sand wirbelte in feinen Spiralen hoch und verlor sich einen halben Meter über den Boden, aber das war es nicht, was ihre Augen vor Staunen groß werden ließ. Die Figur aus Stein erwachte vor ihren Augen wieder zum Leben. Aus Stein wurden Fleisch, Knochen und Haare. Keuchend kroch sie ein Stück fort.

Als die Wandlung abgeschlossen war, stand vor ihr ein Mann, dessen Haut weiß wie Schnee war, ebenso seine langen, glatten Haare. Seine Ohren liefen an den Enden spitz zu, was in ihr die Vermutung aufkeimen ließ, dass er kein Mensch, sondern ein Elf sein musste. Sie träumte von einem Elfen. Sein Mund und die Augen waren dunkel gefärbt und über das Gesicht liefen feine Linien - Narben, was aber seiner Schönheit in ihren Augen keinen Abbruch tat, sondern sie noch verstärkte.

Er erhob sich, richtete sich zur vollen Größe auf und streckte sich. Es war, als hätte sie ihn aus einem langen, tiefen Schlaf erweckt. Suchend glitt sein Blick über den Boden. Unweit von ihm lag sein Schwert. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen hob er es auf und ließ es probeweise ein paar Mal gekonnt durch die Luft schwingen.

„Du bist also wieder unter den Lebenden!" stellte eine Stimme aus dem Schatten kommend fest.

„Wie du siehst, mein Freund!"

Emma neigte den Kopf leicht zur Seite, wie angenehm seine Stimme klang. Das Wesen, das aus dem Schatten gesprochen hatte, schälte sich aus diesem und ließ Emma vor Furcht erschaudern. Die Gestalt war riesig, mit mächtigen Flügeln, an denen sich unzählige Augen befanden. Der Kopf selber besaß keine Augen.

„Dann hat sich die Prophezeiung erfüllt."

„Welche Prophezeiung?" Der König wirkte erstaunt.

„Ich las in meinen Kreisen, dass du wieder entstehen würdest und zwar durch ihre Hand!"

Die Kreatur zeigte mit seinen klauenartigen Händen über die Schulter des Königs hinweg auf Emma, die noch immer völlig gefangen von dem, was sich vor ihren Augen abspielte, am Boden kauerte. Der König drehte sich in einer geschmeidigen Bewegung um, zielte mit dem Schwert auf ihr Herz und bedachte sie mit einem Blick, aus dem tief empfundene Verachtung und Ablehnung sprach, sobald er erkannte, was sie war.

„Das ist ein Mensch!" Voller Entsetzten stieß er diese Worte hervor und löste damit Emma aus ihrer Starre. Schnell stand sie auf und klopfte sich den Staub von ihren Kleidern.

„Ja, und?" erwiderte sie nicht verstehend, doch er beachtete sie schon nicht mehr. Nun, das war sie gewöhnt. Sie wurde nicht beachtet. Still und leise zog sie sich zurück. Sie war hier weder erwünscht noch erwartet, also konnte sie auch gehen.

„Sie ist ein Mensch, was macht das für einen Unterschied?" fragte ihn das seltsame Wesen.

„Menschen sind am Elend meines Volkes schuld – da ich keiner mehr bin, verachte ich sie. Sie werden nur von Hass und Gier getrieben und zerstören damit unsere Welt und ihre einzigartige Vielfalt!" kam vom König die harte Antwort.

Emma, die bereits die Stufen nach unten lief, konnte sie noch hören. Er mochte also die Menschen nicht, ihr konnte es egal sein, sie mochte sie auch nicht. Sie wollte schon über die nächste Stufe springen, als sie seine Stimme inne halten ließ. Er sprach voller Schmerz nur ein einziges Wort.

„Danu!" Wie sehr musste er dieses Wesen, wahrscheinlich auch eine Elfe, geliebt haben.

Sie ließ den Kopf und die Schultern sinken und dachte an ihren Großvater. Vielleicht war er auch ganz alleine auf der Welt, hatte so wie sie auch keinen mehr, wo er dazugehörte.

Nur zu dir will er bestimmt nicht gehören! Rief ihr verächtlich ihre innere Stimme zu.

„Nein, dass will er ganz bestimmt nicht." wisperte sie gepresst zurück und lief weiter. Folgte einem unsichtbaren Weg, der sie aus der Stadt ins Freie brachte.

Ohne weiter darüber nachzudenken, lief sie zurück in das Haus ihres Großvaters, wo sie nichts als Stille und Einsamkeit empfingen. Eine dumpfe, endlose Leere.

Plötzlich ertrug sie es einfach nicht mehr. Ihr Leben war sinnlos geworden. Warum sich jeden Tag mit aufstehen quälen? Um einen weiteren sinnlosen Tag verstreichen zu sehen? Hinter dem Haus, ein kleines Stück davon entfernt, gab es einen stillen, schönen Weiher. Gedankenverloren zupfte sie an ihrem viel zu kurzen Haar herum und ging einfach los.

Nie wieder weinen müssen. Nie wieder würde ihr jemand wehtun können. Alles wäre endlich zu Ende.