26 Ein neues Leben

War der Weg weiter oder sie langsamer? Es erschien ihr als würde sie sich kaum von der Stelle bewegen, obwohl sie stetig bergan stieg. Seit sie den Entschluss gefasst hatte, Nuada nicht ziehen zu lassen, bevor sie ihm nicht ihre Gefühle gestanden hatte, konnte es ihr nicht schnell genug gehen ihn zu erreichen. Was wenn er bereits fort war? Nicht daran denken! Zwang sie sich streng. Das waren Gedanken, die sie nur verwirrten und zu nichts führten. Plötzlich quälten sie starke Schmerzen. Sie war zu schnell gelaufen und nun hatte sie Seitenstechen. Jeder Atemzug schmerzte sie. Emma musste stehen bleiben und erst einmal zu Atem kommen. Kurz schloss sie die Augen und dachte darüber nach was sie zu ihm sagen würde. Sollte sie ihm einfach ihre Gefühle gestehen? Wie sagte man einem König, was man für ihn empfand? Auf einmal fühlte sie sich schwach. Sie sank auf die Knie und betrachtete ihre Hände. Er war ein König und über tausend Jahre alt und sie … „Ich bin nichts im Vergleich zu ihm!", erzählte sie flüsternd dem Staub auf dem Boden.

Er rannte beinahe den Berg hinab. Es konnte ihm nicht schnell genug gehen sie endlich in die Arme zu schließen. Sie mit der komischen Frisur und den traurigen Augen. Wie hatte sie es nur geschafft sich in sein Herz zu stehlen? Er konnte sich noch daran erinnern als er dachte sie wäre nicht schön und eigentlich mochte er sie gar nicht. Was für ein Narr war er da gewesen. Sie war alles, was er brauchte. Nun war er nicht mehr länger ein König, sondern ein einfacher Mann, der dorthin gehen konnte, wohin ihn sein Weg trug. Er war von jetzt an nur noch für sich selbst verantwortlich, und wenn Emma es zu ließ, auch für sie. Als er sich zwischen zwei großen Felsen hindurchschob, erwartete ihn dahinter der Engel des Todes. Vollkommen konzentriert zeichnete er komplizierte Muster in die nackte Erde. „Wohin so eilig, König Nuada?" Nuada wusste, dass er um ein Gespräch mit diesem alten Wesen nicht umhin kam, auch wenn ihn sein Herz weiterzog.

„Ich bin kein König mehr", widersprach er ruhig. „Doch das bist du. Niemals wirst du etwas anders sein. Du magst nicht mehr länger das Schwert deines Volkes tragen, aber dennoch im Herzen bleibst du, was du bist – ein König!" Schweigend dachte Nuada über diese Worte nach. Der Engel des Todes war ein weises Geschöpf und es wäre nicht klug ihm noch weiteres Mal zu widersprechen. „Kannst du in deinen Linien mein Schicksal sehen?", fragte Nuada ihn neugierig. Leicht nickte der Engel des Todes. „Manches sehe ich klar und deutlich, anderes hängt von deinen Entscheidungen ab", erwiderte er deutlich und nichtssagend zugleich. „Ich bitte dich um einen Gefallen …", begann Nuada.

„Welchen?" Fragend blickte der Engel des Todes mit seinen zahlreichen Augen auf ihn. „Du weißt, wohin mein Weg mich führt, und sollte sich alles so entwickeln, wie ich es mir ersehene, dann …" Nuada unterbrach sich und schloss kurz die Augen. „Dann nimm den letzten Fluch von mir!" „Du willst sterblich sein?" Stumm nickte Nuada und setzte seinen Weg, ohne eine Antwort abzuwarten, fort. Der Engel würde tun was er konnte um ihm diesen einen Wunsch zu erfüllen, das wusste Nuada.

Immer schneller trugen ihn seine Füße, er konnte es kaum erwarten bei ihr zu sein und dann … stand sie vor ihm. „Ich …" Atemlos klang ihre Stimme, als wäre sie dann ganzen Berg hochgelaufen. „Wo wolltest du hin?" Emma hob ihre Hand, um sie nach ihm auszustrecken, doch dann zuckte sie zurück, so als hätte sie Angst er würde vor ihren Augen verschwinden, wenn sie ihn berührte. Entschlossen holte sie tief Luft. Es wurde Zeit sich ihren Gefühlen zu stellen, und wenn er nicht so empfand und ihr das Herz brach, dann war es eben so. „Ich wollte zu dir!" Sein Herz machte einen Sprung. „Warum?" Hoffnung lag in seiner Frage.

„Weil ich…" Emma kehrte, ihm den Rücken zu und schlang die Arme um sich. „Weil?" Er war dicht an sie herangetreten. Sie konnte seinen Atem an ihrem Ohr spüren. Fast erlag sie der Versuchung sich gegen ihn fallen zu lassen. „Ich dich liebe!", flüsterte sie kaum hörbar. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Alle Geräusche rund um Emma drangen überlaut gegen ihr Ohr. Sie hörte das Wispern des Windes, das Flüstern des Grases und das Zirpen der Insekten.

Aber all das war unbedeutend gegen den heftigen Atemzug von Nuada. Fest schloss er sie in seine Arme. „Ich empfinde das Gleiche für dich!" Seine Worte ließen sie herumwirbeln und fragend in sein Gesicht blicken. War es die Wahrheit? Hatte sie richtig gehört? Bevor sie darüber weiter nachdenken konnte, spürte sie seine Lippen auf ihren. Er zog sie in seine Arme und küsste sie. Nach sehr langer Zeit löste er sich von ihr. Verträumt sah sie hoch zu ihm in sein Gesicht, unfähig ihr noch junges Glück wirklich fassen zu können. „Was … was tun wir jetzt?" „Was wir wollen!" Er suchte ihre Hand und verschränkte seine Finger mit ihren. Nach tausend Jahren hatte er hier in einer einfachen Frau sein Glück gefunden. „Hast du schon einmal darüber nachgedacht in einem kleinen Steinhaus zu leben?" Ihre Frage zauberte ein Lächeln auf seine Lippen.

„Nein, aber ich würde es gerne ausprobieren!" Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Haus ihres Großvaters. Vor vielen Jahren hatte sie davon geträumt eines Tages einem Elfen zu begegnen und nun schritt sie mit ihm Hand in Hand in eine ungewisse Zukunft und war glücklich. Plötzlich zwang sie ihn stehen zubleiben. „Was ist mit deiner Familie, deinem Volk und deinen Freunden? Du hast doch Pflichten und sie brauchen dich" Nuada strich zärtlich mit den Fingern über ihr Gesicht. „Du bist etwas ganz Besonderes für mich. Ich habe meine Pflichten Miach übertragen. Mein Volk und ich können diese tausend Jahre die zwischen uns liegen nicht ungeschehen machen. Ich habe geschlafen, aber sie mussten unendlich leiden." Bei seinen Worten spürte sie einen Stich nahe an seinem Herzen. Balor hatte ihm seine Familie geraubt.

„Das tut mir sehr leid" Er zog ihre Hand an seine Lippen und küsste sie. „Ich werde sie wiedersehen, denn sie sind meine Familie. Wir haben neue Freunde gewonnen, was sie für mich, für uns getan haben, werde ich nie vergessen und wir werden sie bestimmt wieder treffen. Ich kann in mein altes Leben nicht zurück, aber ich habe die Möglichkeit ein Neues mit dir zu beginnen und das ist alles, was ich will!" Nuada hatte das in Worte gefasst, was sie fühlte. Auch sie konnte sich nicht vorstellen in ihr altes, ihr oft so trostlos erschienenes Leben zurück zukehren und schon gar nicht ohne ihn. Fest drückte Emma seine Hand. Glück war nur eine kurze Laune, das hatte sie das Leben gelehrt, und deshalb würde sie es festhalten, solange es ging.

Zufrieden blickte er den Beiden hinterher. Seine Arbeit hier war getan. Vorerst. Eines Tages würde er wiederkommen und sich um ihre Kinder kümmern. Die Zukunft lag ungewiss vor ihnen. Ein mächtiger Gegner war gefallen und dadurch würde sich viel verändern. Manches zum Guten, anderes … Seufzend richtete er sich auf. Das war nun mal der Lauf aller Dinge. Ein Gutes hatte das alles – endlich wandelten wieder Elfen über die irischen Ebenen. Zulange hatte die Welt ohne sie leben müssen. Sie waren geschwächt und zu wenige, um überleben zu können, aber wer weiß. Ihr König zeigte ihnen bereits einen neuen Weg. Nun die Zeit würde es zeigen. Der Engel des Todes kehrte in seine Höhle zurück und betrachtete konzentriert seine Gefäße. Dann schob er sie zusammen, wischte alle Linien fort und begann neue zu zeichnen und an den Linien seine Gefäße aufzustellen. Eine Zeit des Friedens lag vor ihnen, auch wenn sie nicht von langer Dauer war.