Die Poesie des Fehltermins

Ich wusste alles über Jason, lange bevor er überhaupt bemerkte, dass ich existierte.

Seine Mutter war einst der aufsteigende Stern des mathematischen Instituts gewesen, genial bis in die Haarspitzen, bewundert und beneidet.

Seit dem Tag, an dem ihr einziger Sprössling den Fehler begangen hatte sich an dieser, ihrer, Universität zu immatrikulieren, wurde er von allen Seiten auf Schritt und Tritt beäugt.
Alle fragten sie sich: Würde er genauso in die Institutsannalen eingehen wie sie? Oder würde er niemals auch nur in die Nähe der verfranzten Ecken ihres überdimensionalen Schattens gelangen?

Mich kümmerte sein Erbe wenig. Große Ambitionen konnte ich mir nicht leisten, ich war das Kind eines KFZ-Mechanikers und einer Hausfrau, die schon seit der 6. Klasse panikartig den Raum verlassen hatten, wenn ich die Hausaufgabenhefte nur aus dem Rucksack gezerrt hatte.

Ich war zwar immer gut mit Zahlen gewesen und ich war auch noch gut mit ihnen, als sie schon lange keine Zahlen mehr waren, aber ein Genie war ich nie. In meinen Ohren klang immer noch der Satz, den mein Vater zu mir gesagt hatte, als ich 8 Jahre alt war und unbedingt Herzchirurgin, Schauspielerin, und Prima Ballerina werden wollte.
„Wir sind nicht besonders gescheit, wir sehen nicht besonders gut aus, wir sind keine guten Sportler und du wirst an einer Stelle deines Lebensweges erkennen, dass Gott dir auch sonst nichts Besonderes mit auf die Reise gegeben hat. Du wirst immer fleißig sein und hart arbeiten müssen."

Die „Statisten-des-Lebens-Hypothese" nannte mein Bruder diese Aussage meines Vaters, die ihn wohl ungefähr im selben Lebensalter getroffen haben muss wie mich. Seither hat er ein Jurastudium mit Auszeichnung absolviert, eine hübsche Frau geheiratet und drei Kinder gezeugt. Und immer noch, erklärte er mir manches Mal nach einem Bier zu viel auf Familienfesten, immer noch komme es ihm manchmal so vor als verschwinde er im Hintergrund. Als sei er jemand, der in einer Folge Tatort kurz durch den Bildschirm läuft, jemand der in einer Kurzgeschichte kurz erwähnt wird und dessen Namen man nicht einmal erfährt.

Irgendjemand.

Ich war auch irgendjemand. Doch hegte ich keine Illusionen und keinen Groll wie mein Bruder. Ich hatte mein Schicksal akzeptiert: Mittelmäßiges Mathematikstudium, Festanstellung in einer Bank mit mittelmäßiger Bezahlung, nebenbei mittelmäßige Ehe, mit ein bisschen Glück keine Scheidung während wir mehr mittelmäßige Menschen zeugen, die auch mittelmäßige Leben führen werden.

Gut, ich gebe zu, einst hatte ich Illusionen. Und natürlich hege ich einen Groll, denn wenn man an keinen Gott und an keinen Himmel mehr glauben kann, dann will man selbst einen göttlichen Funken in sich haben und dieses Leben ein bisschen himmlisch machen. Aber bis zu jenem Tag wusste ich einfach nicht wie und als ich es dann wusste, konnte ich nicht mehr in mein mittelmäßiges Leben zurückkehren.

Ich saß an jenem Tag in der ersten Reihe ganz links, wie jeden Montag- und Mittwochmorgen: Stochastik II bei Möller, Beginn um 8, Ende um halb 12, keine Pause zwischendurch. Möller mochte Monologe und hatte noch nie etwas vom Sokratischen Dialog gehört.

Seine Vorlesung erschien den meisten Studenten nicht nur wenig attraktiv, sie war auch ohne Anwesenheitspflicht, denn selbst wenn das Urgestein Siegfried Möller sich dem Bachelorregime gebeugt hätte, so wäre er doch zu blind gewesen um zu erkennen ob die 80 Studenten, deren Namen auf der Anwesenheitsliste standen auch tatsächlich anwesend waren.

Ich war da. Ich war nicht talentiert genug um mir die Beweise zuhause einfallen zu lassen und nicht leichtsinnig genug den Schein zu riskieren. Also war ich da. Jeden verdammten Montag- und Mittwochmorgen um 8 saß ich bereit, Stift in der Hand, Heft aufgeschlagen, fleißig und hart arbeitend.

Gerade als ich mich an jenem Tag genau so auf eine weitere Stunde Zuhören und Abschreiben einstellte, sah ich Jason durch die Tür in den Vorlesungssaal schleichen.

Er stahl sich schnell durch die nur vereinzelt besetzten Reihen und fand schließlich einen Platz genau hinter mir. Und als Möller sich in dem Rest seines weißen Haares kratzte und sich halblaut fragte, wo wir das letzte Mal stehen geblieben waren, da beugte Jason sich vor und flüsterte mir ins Ohr: „Also entweder du fehlst immer genau an den Tagen, an denen ich nicht da bin, oder du fehlst nie."
„Ich fehle nie", entgegnete ich trocken und ohne mich umzudrehen.
Jason ignorierte meine abweisende Art gekonnt und fuhr spielerisch fort: „Wirklich? Wie gehst du denn Dienstagabend ins Tucholsky, wenn du Mittwoch früh hier schon wieder so früh auf der Matte stehen musst?"

„Ich gehe nicht ins Tucholsky." Dieser verdreckte Schuppen lockte mich nun wirklich nicht und Tequila für einen Euro am Dienstagabend war für mich eher das Versprechen viele betrunkene, String-Tangas-tragende 15jährige zu sehen als einen lustigen Abend zu verbringen.

„Du solltest es mal versuchen. Ein Sonnenaufgang am Mittwochmorgen an der Kieler Förde mit einem EggMcMuffin nach einer wahnsinnigen Nacht im Tucholsky schlägt den alten Möller um Längen!"

Ich ignorierte ihn und er begann daraufhin Möller zuzuhören. Aber von diesem Tag an saß er immer öfter in meine Nähe und irgendwann gewöhnte ich mich an ihn, an seine verschmitzten Kommentare, an seine halbernste Art und sein mysteriöses Lächeln. Ich erwischte mich immer öfter dabei, wie ich ihn auch in anderen Vorlesungen und Seminaren heimlich aus dem Augenwinkel beobachtete.

Er war kein schöner Mann, dachte ich dann immer, er war ja nicht mal ein Mann, eher ein 23jähriger Junge und obgleich er durchaus ansehnlich war, war da eine gewisse Asymmetrie in seinem Gesicht, die das Mathematikerauge auf profunde Weise störte.

Nein, attraktiv fand ich ihn nicht, beschloss ich dann ein jedes Mal und versprach mir mich ganz sicher nicht einzureihen in die Schlange der liebeskranken Mathematikstudentinnen des Jason-Fanclubs, die er mit fürsorglichen Wangenküsschen begrüßte, jedes Mal wenn er auf sie traf.

Aber ich konnte mir nicht helfen. Wenn er vor, neben oder hinter mir saß, sich zu mir drehte und mir erzählte was ich alles von der Welt verpasste, während ich hier jeden Mittwochmorgen bei Möller saß, dann überstimmte mein Mädchenherz mein Mathematikerauge jedes Mal.

Und eines Tages, in einer Vorlesung, entsprang diesem Mädchenherzen ein Funke, der mich aus meinem Platz im Hintergrund des Lebens ganz plötzlich mitten in den Vordergrund des Geschehens schubste.

Ich holte tief Luft, wandte mich von Möllers zentralem Grenzwertsatz ab, drehte mich zu Jason, schob ihm mein Heft hin und sagte: „Beweis das und ich sitze nächste Woche um diese Zeit mit dir an der Förde."

Er brauchte fünfzehn Minuten für den Beweis für Lineare Algebra II, der mich nun schon eine Woche quälte.

Aber ich war nicht gekränkt: Es hätte mich enttäuscht, wenn seine Besonderheit nicht für uns beide gereicht hätte und ich lächelte erst das Ergebnis und dann ihn an und er lächelte zurück.

In der nächsten Woche, am Dienstagabend um halb 11, stand Jason dann vor meiner Tür. Er trug dasselbe verschmitzte Lächeln auf den schiefen Gesichtszügen.

Das Tucholsky war immer noch ein fürchterlich schmutziger, stinkender und lauter Ort, hatte aber, wie ich erstaunt feststellte durch Jasons Lobeshymnen auf einmal einen gewissen Zauber inne und als wir gemeinsam die Treppen in die Kellergewölbe hinabstiegen fühlte ich den unwahrscheinlichen Funken in mir erneut aufflackern.

Wir tranken billiges Hamburger Bier, spielten Billard, führten eine Diskussion mit einem betrunkenen Marokkaner über den Sinn des Lebens, trösteten ein Teeniemädchen über ihren betrügerischen Ex-Freund hinweg und lungerten auf dreckigen, grauen Sofas im Kerzenschein herum während wir einander unsere Lebensgeschichten in viel zu vielen Worten erzählten.

Und wir tanzten… oh, wie wir tanzten! Wir wirbelten umher zwischen meinen blonden Locken und seinen bloßen Armen und ich betrachtete sein vorbeifliegendes Gesicht in allen Neonfarben und wir grölten darüber, dass unsere Herzen tanzen, dass wir unseren Goldfisch erschlagen und ihn im Hof vergraben und wir versprachen 3 Tage wach zu sein und drohten die Boxen des Vaters mit in die Sauna zu nehmen und wir lachten über all diese Unsinnigkeiten bis uns fast die Tränen kamen.

Auf dieser überfüllten Tanzfläche, inmitten dieser komatös schwankenden Teenager, kam es mir so vor als würden all die bunten Lichter um mich herum auf mich abfärben, als würden sie mir die Farbe geben, die ich in meiner Statistenrolle im grauen Hintergrund des Lebens nie gehabt hatte.

Als wir nach dieser Nacht zu Frank Sinatras New York New York aus dem Tucholsky tapsten wie aus einem Traum, stand schon der graue Morgen über Kiel.

Wir schwangen uns auf unsere Fahrräder, machten Halt bei McDonalds, kauften diese ekligen Egg McMuffins und fuhren runter zur Förde.

Wir ließen uns auf einem Steg nieder und baumelten unsere vom Tanzen müden Beine ins Wasser.

Ich blickte auf die funkelnde Förde zu meinen Füßen, in die aufgehende Sonne am Horizont und in Jasons schiefes Gesicht und ich wusste, dass dies die Momente waren für die es sich eigentlich zu leben lohnte, egal wer man ist und egal was man mit auf den Weg bekommen hat.

Das war der Augenblick, in dem ich beschloss, dass ich keine Herzchirurgin, Schauspielerin, und auch keine Prima Ballerina sein musste um nicht irgendjemand zu sein. Ich musste nicht mal in Möllers Vorlesung sitzen.

Ich musste einfach nur diese Momente im Leben finden und sie genießen, wenn ich sie fand.

„Ich hab's dir ja gesagt, Christin", sagte Jason voller Stolz und legte seinen Arm um mich, „wenn das kein Grund ist mal den alten Möller zu verpassen."