Über die Rationierung der Glückseligkeit

Also gut, wenn Sie meinen, dann fange ich mal an etwas über mich zu erzählen.

Mein Name ist Wilhelmine. Ich weiß, als 12jährige sollte ich vermutlich eher Jaqueline heißen, oder in Anbetracht des erhöhten Bildungsstandes meiner Eltern vielleicht Lena oder Anna. Und wie sollte es auch anders sein, nannten meine Eltern mich natürlich auch Julia Wilhelmine. Aber Julia heißt jede hübsche, blonde, mäßig intelligente Tochter des Berliner Bildungsbürgertums, und da mir schon seit Längerem klar ist, dass ich in dieser Rolle eine komplette Fehlbesetzung sein werde, bestehe ich - sehr zur Belustigung meiner Eltern - auf Wilhelmine. Das ist der Name meiner neurotischen Urgroßmutter und der klingt altbacken, unsexy und lockt bestimmt keine meiner dank MTV und Handy komplett verdummten Generationskollegen auf den Plan.

Wieso ich nach Isolation strebe? Ganz ehrlich? Haben Sie sich meine Altersgenossen mal angesehen? Magersüchtige Mädchen in bunten Hüfthosen und Jungs, aus denen nur noch das THC spricht.

Mein Vater ist Abgeordneter im Bundestag, meine Mutter ist Anwältin in einer Kanzlei, die gut ohne sie auskommen würde, weswegen sie sich auch oft genug Zeit nimmt sich um ihren kleinen Augenstern (mich) zu kümmern. Das müsste sie nicht. Ich komme auch gut ohne sie aus.

Verstehen Sie das jetzt nicht falsch, ok? Ich weiß, danach suchen Sie – Eltern sind ja immer Schuld, nicht wahr? Aber ich hier bin die große Ausnahme.

Ich mag meine Eltern. Sie sind nette, ahnungslose Leute. Ahnungslos deshalb, weil sie sich der Sinnlosigkeit ihrer Existenz nicht bewusst sind. Sie wurden geschaffen um auf der Grenzlinie der Glückseligkeit zu wandeln: Sie sind klug genug um sich ein komfortables Leben erarbeiten zu können und dumm genug um sich nicht die ganze Zeit mit Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Sinn ihrer eigenen Existenz zu quälen.

Außerdem sind sie schön.

Und das alles zusammen genommen ist eine unschlagbare Kombination, finden Sie nicht?
Jaja, ich weiß, Glück und Zufriedenheit sind kompliziert. Sie müssen das sagen. Wäre dem Geschäft bestimmt auch nicht zuträglich, wenn Sie sagen würden: Glücklich ist, wer mäßig intelligent und hübsch ist. Alle anderen fristen ihr Leben unweigerlich damit Scheiße zu fressen.

Also - obgleich meine Eltern ein Ehepaar wie aus einem Kinderbuch sind – sie eine blonde, elfenhafte Schönheit, er ein dunkler Don Juan mit mysteriösen Augen und einem verwegenen Dreitagebart, haben sie doch einem überraschend fehlerhaften kleinen Wesen den Weg in diese Welt gezeigt.

Zunächst einmal ist alles an mir grau, gerade so als habe Gott die Farbe vergessen, als er mich schuf. Wäre dies der einzige Fehler, den er im Zuge meiner Fertigstellung begangen hätte, so könnte ich ihm seine Nachlässigkeit wohl verzeihen. Viel schlimmer als sein grauer Pinsel aber ist die Sache mit den Glasknochen. Das werde ich ihm nie vergeben. Niemals.

Hätte ich keine Glasknochen, dann wäre ich ein normales Mädchen. Nicht hübsch genug und ein bisschen zu klug für die Glückseligkeit, aber ich würde klar kommen, nehme ich an.

So aber bin ich ein verdammter Freak. Und selbst das wäre mir an sich sogar noch egal - wir haben meine Misanthropie ja bereits angerissen - viel schlimmer: So kann ich nicht mit Selim durch mein Leben tanzen. Sie wollen wissen wer Selim ist?

Ja, ich kann mir denken, dass meine Mutter nichts von ihm erzählt hat. Wie sollte sie auch? Sie kennt ihn nicht.
Dazu müssen Sie wissen: Manchmal muss sie aber eben doch in ihre schicke Kanzlei. Irgendwie muss sie ihr teures Jurastudium an dieser privaten Universität ja auch vor meinen Großeltern rechtfertigen. Dann steckt sie mich mit einer Wärmflasche ins Bett, macht mir einen widerlichen indischen Zaubertee, von dem sie vermutlich glaubt er würde mir echte Knochen wachsen lassen (und der so riecht als wäre es ihm zuzutrauen) und gibt mir ein Buch.
Ich habe schon unzählige Bücher gelesen. Ich kenne alles, von Harry Potter bis zum Verlorenen Paradies.

Glauben Sie mir, irgendwann wird selbst Poe langweilig und mit 12 ist man auch über Jane Austen langsam hinweg.

Eines Tages habe ich also gewartet bis die Tür ins Schloss fiel, habe das Buch zurück auf den Nachttisch gelegt, den Tee ins Klo gegossen und mich angezogen. Dann bin ich runter auf die Straße. Weit bin ich nicht gekommen. Das wäre auch nicht sehr klug gewesen – denken Sie nur ein Passant hätte mich angerempelt und mich zu Fall gebracht – ich bin zwar leichtsinnig, aber nicht dumm.

Also habe ich mich in unserer Straße umgeschaut und mir überlegt in welches Cafe ich mich zum Menschen-beobachten setzen wollte. Wir wohnen in einer ausgezeichneten Gegend. Viele schöne Geschäfte, exquisite Restaurants… aber das Beste ist Özdemirs Bäckerei.

Ich verstehe auch nicht genau, was sie zwischen all den Läden macht, die überteuerte Latte-Machiatto-Törtchen und hässliche Ralph-Lauren-Hemdchen verkaufen, oder auch nur wie sich die Familie die Miete leisten kann – aber wenn man unsere Wohnung verlässt und ein paar Straßen durch diesen Basar der Luxusgüter wandelt, dann kommt man bei Özdemirs Bäckerei an.

Und mit ankommen meine ich: der Geruch ergreift Sie und zerrt Sie in die kleine Bäckerei. Es riecht unglaublich gut dort, nach geschmolzener, süßer Butter, nach Honig und jeder Art von weichem, weißen Zuckergebäck, das sie sich vorstellen können. Oh, und natürlich nach dem dunkelsten, schwärzesten Kaffee der Welt.

So habe ich Selim zum ersten Mal gesehen: Hinter der Theke, über ein Anatomiebuch gebeugt, mit seinem ungesüßten Moccakaffee in der Hand. Er ist hübsch, wenn sie mich fragen. Manchmal, wenn er erzählt, sehe ich ihn einfach nur an. Er hat sehr braune Augen und dunkle Haut und seine Haare sind genauso tiefschwarz wie der Moccakaffee, den er immer trinkt. Dazu hat er stets einen Dreitagebart und Augenringe, weil er ja ständig nachts wach ist und viel zu viel Kaffee trinkt. Aber das macht ihn für mich nur noch hübscher.

Manchmal denke ich, wenn es in meinem Leben einen Moment gibt, an dem ich fast glücklich bin, dann in der türkischen Bäckerei von Selims Vater, wenn der hübsche Selim mir von den Merkwürdigkeiten des menschlichen Körpers erzählt und ich dabei langsam und genüsslich mein Baklava verspeise.

Ich muss immer zu früh wieder gehen. Meine Mutter bleibt nie lange fort, ihre Tochter hat ja schließlich „diese Besonderheit". Und da sie, wie gesagt, auch nicht wirklich in dieser Kanzlei gebraucht wird, gelingt es mir viel zu selten mich tagsüber aus dem Haus zu Selim zu schleichen.

Aber Gott sei Dank hat Özdemirs Bäckerei auch nachts geöffnet, Gott sei Dank haben meine Eltern einen gesegneten Schlaf und Gott sei Dank übernimmt Selim die meisten Nachtschichten, weil er dann in Ruhe vor seiner vielköpfigen, lauten, sehr türkischen Familie für sein Medizinstudium lernen kann. Er sitzt dann an dem kleinen Ecktisch nahe bei der Heizung, trinkt Mocca und schaut alle Weile einmal von seinem Buch auf um zu sehen ob ich vorbeikomme.
Wenn er mich dann durch die Glastür der Bäckerei sieht, lächelt er breit und steht auf.

Manchmal habe ich den Eindruck, er mache Anstalten mich dann zu umarmen, aber er besinnt sich meist schnell wieder und verneigt sich dann elegant wie ein japanischer Geschäftsmann vor meinem Seidenkimono. Ich kichere dann, obwohl ich mir sicherlich Schöneres vorstellen könnte als ein unberührbares Porzellanpüppchen zu sein.

„Mina, meine kleine Naseweis, guck was ich für dich habe!", sagt er, dann geht er zum Herd hinter der Theke und ich bekomme einen Kakao aus echter Schokolade mit richtiger, leckerer Milch gemacht, nicht mit diesem Halbfettschrott, den meine Mutter immer kauft. Anschließend darf ich mir ein Stück Gebäck aussuchen und mit Speis und Trank gewappnet mümmle ich mich dann in eine sehr warme türkische Wolldecke.

Selim erzählt mir dann, was er gerade lernt. Ich mag es, wenn er mir Fallbeispiele vorliest und mir Krankheiten vorstellt. Einmal hat er versucht mir zu erklären wie es zu meinen unseligen Glasknochen gekommen ist. Osteogenesis imperfecta. Nur um noch mal auf das imperfecta hinzuweisen, das mich verfolgt in meiner Welt voller Perfektion.

Neuerdings glaubt man übrigens die Ursache für meinen miesen Knochenbau sei eine Art programmierter Zellselbstmord.

Komisch, oder? Es scheint als möchte nicht nur das Ganze sterben, sondern auch seine Teile.

Ich weiß, was sie denken. Armes reiches Töchterchen. Überbehütetes kleines Emomädchen aus gutem Hause hat keine Probleme, langweilt sich und will sich deswegen umbringen.

Was soll ich dazu sagen? So ist es. Ich habe keine Lust mehr dieses Leben zu leben. Ich will mein Geld zurück.

Wäre es nicht super, wenn man sein Leben reklamieren könnte? Nur mal so als Gedankenspiel. Ich würde hingehen und sagen: „Entschuldigung mein Herr, bei der Produktion ist ihnen ein Fehler unterlaufen. Das Kollagen in meinen Knochen fehlt. Das hätte ich gerne noch. Und schauen sie sich mein Haar und meine Augen an – ganz mausgrau. Kann es sein dass Sie da die Farbe vergessen haben? Und sehen Sie, mein Gesicht – ein bisschen hübscher und interessanter hätte das schon ausfallen können."
Und dann würde Gott sagen: „Ganz recht meine Dame, verzeihen Sie, wir werden das sofort in Ordnung bringen."

Und dann geht man mit seinem Leben 2.0 nach Hause und alles ist gut und niemand ist mehr unglücklich.

Ich habe Selim das mal erzählt. Er sagte: „Meine kleine Mina. Gib mir nur eine kleine Weile Zeit damit ich dieses Studium beenden kann. Dann mache ich aus deinen Glasknochen echte Knochen, hart wie Stein, der niemals bricht."
Das ist natürlich lächerlich. Selim wird sein Medizinstudium beenden und dann wird er ein Allgemeinarzt mit eigener Praxis werden und den Rest seines Lebens die Wehwehchen von alten Damen behandeln, die nicht wissen was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen außer zum Arzt zu gehen. Er ist nicht dumm - natürlich nicht - aber er ist kein Genie, er ist kein Forscher und vor allem kein Visionär. Er wird weder das Heilmittel für Osteogenesis imperfecta finden noch sonst in irgendeiner Art jemals in Erscheinung treten was die medizinische Wissenschaft anbelangt.

Ob ich auch Medizin studieren möchte wenn ich erwachsen bin? Um Gottes willen, nein. Ich möchte doch gar nicht erwachsen werden – aber das haben Sie sich vielleicht schon gedacht, nachdem man mich letzte Woche quasi blutleer aus der Badewanne gezogen hat.

Jetzt schauen sie doch nicht so entsetzt. Das steht doch alles in Ihrer Akte. Das hat meine Mutter ihnen doch alles schon eine Million Mal im Detail erzählt.

Ich mache einen erschreckend emotionslosen Eindruck? Ja, da haben sie wohl recht. Ich war wohl immer schon recht nüchtern. Eine recht ungewöhnliche Eigenschaften für ein 12jähriges Mädchen, da stimme ich Ihnen zu.
Auf überschäumende Emotionen kann ich gut verzichten, es lebt sich wirklich gut ohne die Gefühlsstürme, die zum Beispiel meine Mutter in regelmäßigen Abständen heimsuchen. Nur die Glückseligkeit, die würde ich gerne noch einmal kosten. 15 Minuten habe ich von ihr zugeteilt bekommen. 15 Minuten in Anisschnaps und neongrünen Discolichtern.

Wie das kam? Nun, ganz unvorhersehbar.

Wenn Selim nämlich keine Lust mehr hat zu lernen, dann macht er Musik an. Er mag Black und R'n'B. Das ist so eine Generationskrankheit. Alle mögen sie Black und R'n'B.

In den Songs geht es meist darum, dass sich irgendein Mädchen (sie heißen alle Shorty) auf der Tanzfläche langsam entkleidet und damit alle Männer verrückt macht.

Ich weiß was sie denken: Was für ein Blödsinn. Aber es ist alles sehr melodisch und zwischendurch ist es auch ein bisschen anrührend, wie fasziniert alle von Shorty sind, die ja auch nur ein schwarzes Mädchen mit einem übergroßen Gesäß ist.

Als ich jedoch an diesem Abend in die Bäckerei kam, spielte sein abgegriffener Laptop nicht Flo Rida, sondern Death Cab for Cutie. Die kennen sie beide nicht? Nun, das habe ich auch nicht erwartet. Aber sie können sich das jeweilige Genre bestimmt auch so denken, nicht?

Gut, also als ich die Bäckerei an diesem Abend betrat schlug mir eine Welle der Traurigkeit entgegen. Selim sah nur einmal ganz kurz von seinem Laptop auf, als die kleinen Glöckchen oberhalb der Eingangstür klingelten, dann senkte er wieder den Kopf. Er saß auch nicht über Mocca Kaffee, wie ich bald sah, sondern über dem selbstgebrauten Anisschnaps seines Vaters.

Er war ganz offensichtlich wenig erfreut mich zu sehen, aber von meinem Erscheinen auch nicht entnervt genug als dass er mich gleich wieder fortgeschickt hätte.

Ich näherte mich ihm vorsichtig, wie man sich einem verletzten Vögelchen nähert – sachte, weil man es nicht erschrecken will, aber doch bestimmt, da man nicht fürchten muss, dass es fortfliegt. Ich setzte mich neben ihn, blickte ihn an und sagte: „Wieso bist du traurig, Selim? Ist's wegen Virginie?"
Virginie war die französische Erasmusstudentin in die Selim sich im letzten Sommer unsterblich verliebt hatte. Virginie war blond, magersüchtig, ein bisschen Borderline und ziemlich depressiv.

Sie war ein wandelnder Hilferuf. Eine blutende, um Beistand bettelnde Loreley.

Und Selim war da gewesen. Er hatte sie getröstet, wenn sie geweint hatte und er hatte ihr das goldene Haar beim Kotzen zurückgehalten.

Er hätte alles für sie getan. Aber alles war nicht genug gewesen. Alles ist nie genug bei dieser Art von Mädchen, aber das wusste Selim nicht.

So war Virginie an jenem Dienstag gegangen ohne das Selim es hätte vorhersehen können und jetzt konnte ein anderer sich in dem Irrglauben wiegen diesen Zugunfall eines Mädchens vor sich retten zu können.

Selim war am Boden zerstört. Virginie, sagte er, sei etwas Besonderes gewesen. Gut, das gestehe ich ihr auch gerne zu, etwas Besonderes war sie wohl. Selten habe ich einen so jungen Menschen schon derart kaputt gesehen. Man muss sich schon ranhalten wenn man sich mit knapp 20 Jahren schon so mental ruiniert haben möchte.

Ich weiß, das sagt die Richtige zu ihrem Psychiater. Aber ganz ehrlich, Sie machen sich keine Vorstellung. Ich nehme an, ich müsste die nächsten paar Jahre als Crackhure auf dem Babystrich arbeiten um auch nur annähernd dieses Sammelsurium an psychischen Erkrankungen erblühen zu lassen. Oder vielleicht einfach nur die nächsten paar Jahre mit Virginie verbringen.

Eine Weile war es meine größte Angst, sie könnte es sich zur Aufgabe gemacht haben, auch Selim derart psychisch zu zerstören, doch ich begriff recht schnell, dass sie es nicht lange genug an einem Ort und mit einem Mann aushielt um größeren Schaden anzurichten.

Und als ich ihn an diesem Tag so vorfand, tat er mir natürlich leid. Aber mehr als alles andere war ich erleichtert.

„Vor ein paar Tagen hat sie noch davon gesprochen in Deutschland zu bleiben… und jetzt… ist mit diesem scheiß Penner auf und davon."

Selim lallte schon ein kleines bisschen. Verstohlen blickte ich zum Anisschnaps und frage mich ob ich es wohl schaffen konnte ihn in dieser Verfassung dazu zu bringen mir etwas abzugeben.
„Hier", sagte er ohne Umschweife, als er meinen Blick bemerkte und schob mir die Anisflasche entgegen. „Tu dir keinen Zwang an. Du brauchst es mehr als wir alle."

Erinnern Sie sich an ihren ersten Alkoholrausch? Nein? Nun, es ein höchst merkwürdiges Gefühl. Obgleich mein Körper ein Mangelexemplar ist, habe ich doch bis zu jenem Moment völlige Kontrolle über ihn besessen. Bis zu jenem Moment eben.

Und es war die beste Erfahrung meines Lebens diese Kontrolle zu verlieren.

Selim und ich tranken bis wir gerade noch stehen konnten. Er erzählte mir von Virginie, wie er sie kennen gelernt hatte, warum er sie gern gehabt hatte, wie schön die Zeit mir ihr gewesen war und wie weh es tat sie verloren zu haben.
Und schließlich, als der Anisschnaps begann seinen Dienst zu tun, sagte er seltsam nüchtern: „Aber ich werde es überleben. Sie war auch nur ein Mädchen."
Und ich sagte: „Sie war eine Furie."
Selim lachte. „Bist du etwa eifersüchtig meine kleine Naseweis?"

Natürlich war ich eifersüchtig. Ich bin das einzige Kind reicher, zärtlicher Eltern. Die ganze Welt soll nur mich lieben und verdammt noch mal niemand sonst. Das ausgerechnet der Mensch, den ich auf der Welt am meisten wertschätzte all seine emotionale Energie auf ein unwürdiges Wesen wie Virginie richten konnte, war mir ein Dorn im Auge.

„Ja", sagte ich. Aber ich wusste in jenem Moment, dass dies nicht die ganze Wahrheit war. Ich war nicht eifersüchtig darauf, dass Selim ein Mädchen wie Virginie geliebt hatte. Ich war wütend darüber, dass ich niemals ein solches Mädchen sein würde.
Ich glaube, als ich ihm das sagte, wurde ihm zum ersten Mal wirklich klar, wie ich mich fühlte.

„Naseweis", sagte er. „Du bist ein Porzellanvögelchen in einem goldenen Käfig."

Es hörte sich leider nur halb so poetisch an, weil er nun schon sehr auffällig lallte, aber mir gefiel diese abgegriffene Metapher aus seinem Mund dennoch.
„Komm mit, meine kleine Naseweis, heute Nacht bist du meine Prinzessin."

Verstehen Sie was da geschehen ist? Ein persischer Prinz kam in jener Nacht, holte das Glasvögelchen aus seinem goldenen Käfig, führte es in einen echt miesen Studentenclub und verwandelte es mit einem magischen Anistrank und neongrünen Zauberlichtern für 15 Minuten in eine Prinzessin.

Genauer: Nachdem Selim seinen Kumpel, den Türsteher, bestochen hatte, stiegen wir die steinernen Treppen ins Ascension hinab. Die Neonlampen an den Wänden tauchten alles in ein unwirkliches Licht und ich kam mir vor als stiege ich hinab in die Unterwelt, wie Persephone, obwohl Metaphern in Anlehnung an die griechische Mythologie irgendwie pseudointellektuell sind.

Nun aber, da alles einem mysteriösen, grün-bläulichen Licht schimmerte bekam ich so eine Ahnung davon wie es sein musste eine griechische Gottheit zu sein. Mein kleines Herz hämmerte wie wild und ich wurde von der irrationalen Angst ergriffen es konnte so stark schlagen, dass es mir die Rippen brechen könnte.
Ich nahm Selims Hand. Er hielt einen Moment inne, sah zu mir hinab und lächelte ein eher dümmliches, aber ach-so-liebenswertes Lächeln.

Sie wollen wissen, was geschehen ist in meinen 15 Minuten Glückseligkeit?

Selim hat mir für eine Viertelstunde gezeigt wie es wäre, Julia zu sein. Julia, die hübsche, mittelmäßig begabte Tochter des Berliner Bildungsbürgertums. Wie sie, wenn es sie gäbe, im Neonlicht zu diesem rhythmischen R'n'B Schrott herumwirbeln würde, bei irgendwelchen Nonsens-Liedern wild herumspringend grölen und schließlich glücklich in den Armen ihres derzeitigen Freundes liegen würde.

Ich habe 15 Minuten von Julias Glückseligkeit bekommen. Das klingt wenig, aber wenn ich mir all die Menschen betrachte, die ihre Glückseligkeit von Gott nur auf Raten ausgezahlt bekommen, dann tun sie mir fast schon ein wenig leid.

15 Minuten geballtes Glück ist fast mehr als ein Mensch ertragen kann. Vielleicht ist es sogar ein bisschen zuviel. Vielleicht bin ich deswegen zerbrochen.

Das klingt jedenfalls besser als ‚Ich war zu besoffen um nach der dreifachen Drehung zu Time of my life nach Selims Hand zu greifen, hab daneben gelangt und mich so richtig auf die Schnauze gepackt'.

Der Rest ist die Geschichte, für die meine bemitleidenswerte Oberschichtmutter mich beim Kaffeekränzchen bemitleiden lässt: Oberschenkelhalsknochenbruch, um nur den wichtigsten zu nennen. Rollstuhl, diesmal vermutlich für immer. Wahnsinnig wütende Eltern, die mir von nun an einfach alles verbieten. Und der Privatlehrer. Vergessen wir nicht den Privatlehrer.

Oh, Knochen können mir nun in dieser Welt aus Decken und Kissen nun nicht mehr brechen. Aber mein Herz - das liegt in Scherben.

Verstehen Sie? Ich weiß nicht, wie ich so weiterleben soll, nachdem ich 15 Minuten lang von der Glückseligkeit gekostet habe und nun weiß, dass ich sie nie wieder kosten werde. Übrigens, Glück schmeckt nach Anisschnaps und sieht aus wie neongrüne Diskolichter und riecht genauso wie Selim, nach Backwaren und Moccakaffee.

Tja. Das war's. Jetzt sind Sie dran. Sammeln Sie die Scherben auf. Ich weiß nur noch, dass es sich gelohnt hat für 15 Minuten Glück zu zerbrechen.