Lebenslang

Man hatte sie gestern hierher gebracht und ihr erklärt, das wäre für die nächsten Jahre ihr Zuhause. Der Raum war kaum zwei Quadratmeter groß, in Weiß und Chrom gehalten, kalt. Ernüchtert hatte sie die ganze Nacht dagesessen und auf die gegenüberliegende Wand gestarrt.

Ihr persönlicher Besitz war ihr weggenommen worden. Sie trug die Kleidung die man ihr vorschrieb, selbst die Unterwäsche war fremd, fühlte sich seltsam falsch an.

Ein Summen vor der Tür sagte ihr, dass der Tag angebrochen war. Sie stand auf, wie man es ihr befohlen hatte, und stellte sich zur Tür, die lautlos nach außen aufschwang. Die Scharniere mussten gut geölt sein.

Sie trat zwei Schritte nach draußen und befand sich nun auf einem langen Gang. Links und rechts von ihr standen Frauen, gekleidet wie sie. Auf einen kurzen Befehl hin, setzte sich die Schlange in vorgeschriebener Richtung in Bewegung.

Sie begaben sich in einen riesig wirkenden Waschraum. Waschbecken reihte sich an Waschbecken und doch waren es für so viele Menschen zu wenig. Also musste sie sich hinten anstellen und als sie endlich an der Reihe war, reichte die Zeit kaum, um sich die Zähne zu putzen. Schon marschierte die Schlange wieder los – dieses Mal in einen großen Speisesaal, wo in Reih und Glied auf das Frühstück gewartet wurde. Sie hatte keinen Hunger, nahm sich nur wenig und betrachtete selbst das noch lustlos. Allein ließ sie sich am äußersten Rand einer Sitzbank nieder.

„Lebenslang", tuschelten die Frauen, die in ihrer Nähe saßen.

„Tja für Mord – was hast du erwartet? Da gibt es nun mal die Höchststrafe", erwiderte ihre Nachbarin kalt.

Sie zuckte zusammen.

Lebenslang, hatte der Richter gesagt. Mord sei nun mal kein Kavaliersdelikt, sondern eine ernste Sache.

Du sollst nicht töten, predigte der Priester, der sie ungefragt und ungebeten in ihrer Zelle aufgesucht hatte.

Sie legte die Gabel nieder und gab den Versuch zu essen endgültig auf. Nach dem Frühstück stand eine Stunde Hofgang auf dem Programm. Anschließend wurden sie wieder in ihre Zellen gebracht, wo sie den Rest des Vormittages verbrachten. Ohne Aufgabe, ohne etwas zu tun zu haben.

Später, irgendwann einmal, durfte sie, wenn sie sich eingelebt hat, vielleicht eine Aufgabe übernehmen. Es gab verschiedene Möglichkeiten. Küche, Schneiderei, Wäscherei, Bibliothek und Reinigung.

Da würde sich schon was finden, meinte der Leiter zuversichtlich. Schließlich würde sie noch genug Zeit hier verbringen, um etwas Passendes für sich zu suchen.

Bücher konnte sie sich auch ausborgen. Ob sie gerne las? Früher einmal. In letzter Zeit war sie kaum noch dazu gekommen. Es hatte anderes zu tun gegeben. Nun nicht mehr. Sie hatte alle Zeit der Welt zum Lesen.

Mittagessen gab es um Punkt Zwölf. Wieder liefen sie in einer Schlange völlig homogen wirkender Menschen in Richtung Speiseraum. Von oben würden sie vermutlich alle gleich aussehen, wie Ameisen. Das war jetzt ihr Leben. Einer Schlange hinterher laufen.

Wieder saß sie am Rande und sprach mit niemandem. Sie dachte an nichts. In ihr war vollkommene Leere.

Das würde noch kommen, meinte der Psychologe wichtigtuerisch. Sie sei momentan in einer Art Verdrängungs-Prozess. Ernsthaft hatte er ihr erklärt, sie habe ihre Tat noch nicht wirklich realisiert.

Sie dachte anders darüber. Und auch über die Leere in sich. Die hatte nichts mit der Tat zu tun. Sie bereute sie nicht. Vielleicht eines Tages, aber sicher war sie sich nicht. Nein, vermutlich würde sie niemals bereuen. Auch das Mittagessen schob sie, kaum dass sie es angerührt hatte, von sich.

Am Nachmittag durften sie zwei Stunden fernsehen. Ihnen stand das normale Fernsehprogramm zur Verfügung. Nur am Samstag gab es die Möglichkeit sich eine DVD auszusuchen. Außerdem durften einige der Frauen telefonieren. Fünf Minuten. Mehr stand keiner zu. Kurze Gespräche. Nur hallo sagen und fragen wie die Dinge zuhause ohne einen liefen.

Sie hatte keine Freunde, nicht mehr. Auch die Familie hatte so ihre Probleme mit ihr und ihrer Tat. Sie meinten zwar sie würden es verstehen, aber den Eindruck hatten sie nicht gemacht.

30 Zentimeter, kalter Stahl. Handelsübliches Küchenmesser. Die Tatwaffe. Sieben Mal. Zweimal in den Rücken. Einmal war die Klinge am Hals abgeglitten, hatte aber trotzdem einen Schnitt hinterlassen und so war auch das als Stich gewertet geworden.

Dreimal in die Brust. Einer davon direkt ins Herz.

Der siebte Hieb traf beide Hände. Abwehrverletzung. Das Opfer hatte sich schützen wollen.

Hat ihm nichts genützt. Er ist tot.

Erneuter Gänsemarsch in den Speiseraum. Abendessen. Diesmal gab es nur kalte Speisen und Obst. Wieder nahm sie sich wenig und das bisschen schaffte sie kaum zu essen.

„Am Anfang essen sie nichts. Das legt sich. War bei uns allen so."

Die Frauen am Nachbartisch unterhielten sich wieder über sie. Sie sah sie nicht an, ignoriert sie. Sie hatte kein verlangen nach Unterhaltung, wollte nur alleine bleiben.

Nach dem Essen gingen alle wieder in den Waschraum. Wer wollte, konnte duschen. Sie putzte sich die Zähne und ging in ihre Zelle.

Irgendwann später ertönte der Summton und die Türen schlossen sich. Still war es. Nur vereinzelt hörte man Frauen tuscheln, einige streiten und andere weinen.

Sie saß still auf ihrem Bett und wartete.

Auf die Müdigkeit, um schlafen zu können, auf den nächsten Tag, der wieder völlig monoton ablaufen würde, auf nichts.

Auszug aus dem Archiv einer Tageszeitung:

Leiche der verschwundenen Sabrina H. in einem nahe gelegenen Wald gefunden!

Nun ist es traurige Gewissheit. Die gestern entdeckte Mädchenleiche wurde identifiziert. Es handelt sich um die seit zwei Tagen verschwundene Sabrina H. (8). Sabrina H. verließ um 12:45 Uhr die Schule, wo sie auch zuletzt gesehen wurde. Auf dem Weg nach Hause verliert sich ihre Spur. Die allein erziehende Mutter Karin H. (36) wartete vergeblich auf ihr Kind. Als es nach einer Stunde noch nicht auftauchte, schlug sie Alarm. Die sofort eingeleitete Großfahndung brachte zunächst keine Ergebnisse, bis gestern ein Spaziergänger zufällig über die Leiche des Kindes stolperte. Sabrina H. wurde ersten Angaben zufolge gefoltert, schwer missbraucht und anschließend erwürgt. Als Tatverdächtiger wurde Johann K. (42) von der Polizei vernommen. Er hielt sich zur Tatzeit in der Nähe dieses Waldstückes auf. Johann K., für den die Unschuldvermutung gilt, ist ein enger Freund der Familie.

Frau tötet in einer Verzweiflungstat den Mörder ihrer Tochter!