Legenden entspringen dort, wo der Verstand der Sehnsucht weicht, die Realität der Fantasie und die bittere Wahrheit dem süßen Trost des Wunsches. Zuerst sind sie nur wie das Murmeln einer Quelle im Reich der Geheimnisse; dann verdichten sie sich zu einem Rinnsal, das sich den Weg durch unwegsamen, felsigen Grund bahnt - immer in Gefahr zu versiegen, doch stetig und unermüdlich. Schließlich schwellen sie an zu gewaltigen Strömen, stark und mächtig, in deren Schnellen sich alles verbirgt, was sie an den Ufern ihrer jahrelangen Wanderungen durch Raum und Zeit mit sich nahmen.

In einer anderen Welt als der unseren, zu einer anderen Zeit, gab es viele solcher Legenden. Eine davon erzählte von einem geheimnisvollen Ort: Mytharune, so hieß es, sei die Antwort auf jede ungestellte Frage, der Quell aller Freude und nie endenden Glücks, eine Hochburg der Freiheit und Harmonie, des Wohlstands und des Wissens, der Brüderlichkeit und des Friedens. Ein Platz, an dem jeder das fand, was er suchte.

Und es gab viele Suchende zu jener Zeit.

Manche Tollkühne oder Verzweifelte, Glücksritter oder Verlorene, die sich in Mytharune die Erfüllung ihrer Träume erhofften oder einfach nur einen Ort, an dem sie endlich Ruhe finden könnten, machten sich auf, die sagenumwobene Stadt zu suchen.

Sie alle sind Teil dieser Legende.

Doch wo beginnt man in einer Geschichte, deren Anfang im Lauf der Zeit versickert ist?

Am einfachsten wäre es, mitten hinein zu tauchen, vielleicht finden sich sogar verloren geglaubte Glieder einer langen Kette von Ereignissen.


Der Wasserdieb

Milan fuhr sich mit der Zunge über die spröden Lippen. Zwei Stunden brauchte man für den Weg zur Quelle und der Rückweg – mit den gefüllten Wasserschläuchen über der Schulter – zählte zweifach. Doch es war nicht nur die Sonne, die ihm zusetzte. Die Wut in seinem Innern brannte weitaus heftiger und jeder Schritt, den er in den Boden stampfte, war wie ein Schlag in das Gesicht seines Bruders.

Als ob er absichtlich über die Wurzel gestolpert wäre! Plötzlich war sie aus dem Boden gewachsen, ohne einen dazugehörigen Baum in unmittelbarer Nähe ... Sicher hatten ihm Kobolde eine Falle gestellt! Wenn Milan jetzt darüber nachdachte, glaubte er noch immer, von tief unter der Erde ihr hämisches Kichern zu hören ...

Natürlich hatte Jacopo die Version nicht geglaubt. Du wirst noch einmal gehen, hatte er angeordnet, vielleicht lernst du dann, besser Acht zu geben!

Ein Vorwurf, den Milan bis zur Genüge kannte.

Milan, du kannst nicht ... Milan, du must doch ... Die ewigen Vorhaltungen des Ältesten verfolgten ihn bis in den Schlaf!

Resigniert blieb er stehen und beschattete die Augen mit der Hand. Vor ihm döste der Gebirgszug in der Hitze. Nicht ohne Grund nannte man ihn den Großen Schläfer, wirkte er doch wie ein alter Riese, der sich nach einem langen, mühseligen Leben zur letzten Ruhe bettete. Verdorrtes Gras spross aus den Felsspalten und niemand würde beim Anblick der schroffen Steinwüste vermuten, dass sie in ihrem Innern eine wahre Kostbarkeit verbarg: eine Quelle, in deren kristallklarem Wasser sich der Himmel spiegelte. Jacopo hatte sie entdeckt, nachdem der Brunnen auf dem Hof versiegt war. Er hatte ein besonderes Gespür für so etwas. So wie Milan ein besonderes Gespür für Fallgruben und Stolpersteine hatte ...

Abgesehen von dem gelegentlichen Kreischen eines Raubvogels in luftigen Höhen war es still. Das war nicht ungewöhnlich, jedes Lebewesen schien zu dieser Zeit in irgendeinem schattigen Winkel auf die erträglicheren Abendstunden zu warten. Nur Milan nicht, denn der musste ja lernen, Acht zu geben ...!

Als er endlich die Quelle erreichte, aus der sie täglich das Wasser schöpften, fiel er auf die Knie vor Erleichterung. Seine Kehle war rau und ausgedörrt wie das Land ringsum und das frische Wasser spendete neue Kraft. Außerdem kühlte es seinen Zorn und nach einem weiteren Schluck war er schon etwas milder gestimmt. Es war auch für Jacopo nicht einfach. Nach dem Tod des Vaters hatte er die Verantwortung für die drei jüngeren Brüder übernommen. Die Mutter war schon vor langer Zeit bei der Geburt des einzigen Mädchens gestorben, zusammen mit dem Kind. Milan erinnerte sich kaum noch an sie. Nur ihre sanfte Stimme hatte er nicht vergessen. Die Stimme, die von einer wunderbaren Welt jenseits der ihren erzählte und damit eine Sehnsucht in sein Herz pflanzte, auf deren Erfüllung er bis auf den heutigen Tage wartete ...

Gedankenverloren betrachtete er die schimmernden Tropfen, die über seine Hände perlten. Während des langen Marsches in die Berge hatte er Zeit genug, sich der Ungerechtigkeit seines Daseins immer wieder aufs Neue bewusst zu werden. Und dann träumte er. Es war immer dieselbe Fantasie, die ihm den mühseligen Weg erleichterte: Er badete in einem See aus Schneekristallen, aus dessen Mitte sich die Umrisse einer Stadt wie flüssiges Glas erhoben. Eine Nymphe, schön wie Morgentau, servierte honigsüße Früchte. Die Luft war frisch und klar und wenn er untertauchte, schmolzen die Kristalle auf seinen Lippen zu einem berauschenden Nektar. Vielleicht hatte es mit den verheißungsvollen Erzählungen aus frühester Kindheit zu tun; Milan jedenfalls war tief in seinem Innern davon überzeugt, dass dieser Ort aus seinem Traum existierte. Eines Tages würde er ihn finden ….

Er gönnte sich einen mitleidigen Seufzer, füllte zum zweiten Mal an diesem Tag die Schläuche mit Wasser und überprüfte die von Jacopo sorgsam ausgebesserte Naht. Sie hielt - selbstverständlich. Jacopo war geschickt, nicht nur mit den Fingern. Aber er konnte nicht so schnell laufen wie Lenno. Oder die Stimme der bunten Vögel imitieren - wie Andres, der Zweitälteste. Nur der Jüngste von ihnen, Milan, konnte nichts wirklich gut.

Abermals seufzte er. Besser er machte sich auf den Heimweg, es war unnötig, die anderen noch länger auf die tägliche Ration Wasser warten zu lassen.

Doch als er sich erheben wollte, ließ ihn eine unangenehme Stimme erschreckt in seiner halb kauernden Position innehalten.

"Leere sie!"

Die scharfe Spitze in Milans Nacken verlieh dem Befehl besonderen Nachdruck.

„W .. Was?"

„Leere die Schläuche, du Wicht. Schütte das Wasser zurück in die Quelle!"

„Warum?"

Er wäre nicht Milan, wenn eine derartig unsinnige Aufforderung nicht den Trotz in ihm geweckt hätte. Leider bereute er den Anflug der Rebellion umgehend - ein Tritt in die Kniekehlen ließ ihn das Gleichgewicht verlieren. Er fiel vornüber, die Wasserschläuche rutschten aus seinen Händen, als er versuchte, den Sturz abzufangen. Wieder schlug er auf steinigen Grund und als etwas seine Brust befeuchtete, wich die Benommenheit und er erkannte die bittere Wahrheit: Diesmal waren beide Wasserschläuche gerissen und ergossen ihren wertvollen Inhalt über das warme Gestein.

Himmel – Jaopo würde ihn eigenhändig erwürgen!

„Steh auf!" befahl die Stimme. Milan drehte sich herum und versuchte, halbblind von aufsteigenden Tränen, zu erkennen, wer ihm das Unglück eingebrockt hatte.

„Auf die Beine, elender Dieb!"

Im gleißenden Licht der Mittagssonne nahm er die Umrisse eines Mannes wahr, der ihm ein Schwert an die Kehle hielt und endlich hatte Milan genügend Einsicht, dem Befehl nachzukommen. Vielleicht hätte er den Versuch unternommen, sich der Bedrohung durch eine geschickte Drehung zu entwinden, wenn nicht im selben Moment Berittene hinter den Felsvorsprüngen hervorgebrochen wären und sich akkurat um ihn herum formiert hätten. Die Litzen ihrer Uniformen funkelten in der Sonne und Milan erkannte, mit wem er es zu tun hatte: Die Silberblauen, Soldaten des Königs – Gott allein wusste, wie sie sich so unentdeckt vor ihm hatten verbergen können. Vielleicht, weil die Hufe ihrer Pferde mit Tüchern umwickelt waren, doch wahrscheinlich lag es eher daran, dass all seine Sinne auf die Bevormundung des älteren Bruders konzentriert gewesen waren.

Der Hauptmann drängte sein Reittier dicht an Milan heran, um ihn von oben herab mit offensichtlichem Widerwillen zu betrachten. Er hatte eine grünliche, lederne Haut, eine flache Nase und hervorquellende schwarze Augen. Ein Lepraun. Es war erst das zweite Mal, dass Milan einen Angehörigen dieses Volkes zu sehen bekam und der Anblick war noch immer ungewöhnlich genug, um mit offenem Mund zu ihm hinaufzustarren.

"Was glotzt du?" grollte der Lepraun in der Uniform des Hauptmanns.

Milans Mund klappte hastig zu. Eine Antwort auf die Frage schien nicht wirklich erwünscht.

„Ich ... ich bin kein Dieb!" murmelte er stattdessen. Es schien ihm wichtig, die - gewiss versehentlich - vorgebrachte Anschuldigung sofort von sich zu weisen.

„Nicht?" fragte der Lepraun. „Du wolltest also kein Wasser stehlen?"

Bevor Milan antworten konnte, kam ein weiterer Soldat mit flinken Schritten von einem der Felstürme.

„Er ist allein!" berichtete er atemlos und Milan staunte nicht schlecht, als er einen Elben in der Uniform der Silberblauen erkannte. Die Waldvölker hielten sich normalerweise von allen Menschen fern. Wie tief war dieses Exemplar gesunken, dass er sich sogar in ihre Dienste begab? Der Elb streifte ihn mit einem kurzen Blick und sah schnell in die andere Richtung.

„Du!" stieß Milan aus, denn er hatte in ihm den halb Verdursteten erkannt, den Jacopo unlängst vor dem sicheren Tod gerettet hatte, in dem er ihm von ihren eigenen, knapp bemessenen Wasservorräten reichlich zu trinken gab. Er war sogar so weit gegangen, dem Elben von der Quelle im Großen Schläfer zu erzählen. Kurz darauf war der Schmarotzer ohne ein Wort des Dankes verschwunden, Milan jedoch hatte einen zusätzlichen Marsch einlegen müssen, um die Wasservorräte wieder aufzufüllen.

„Allein?" wiederholte der Hauptmann zweifelnd, ohne auf den Einwurf seines Gefangenen zu achten. „So ein mageres Bürschchen ist die ganze Ausbeute? Nun – für ihn wird allemal ein Plätzchen am Pranger zu finden sein ..."

Milan schluckte. Ungute Ahnungen breiteten ihre Flügel aus. Seit Beginn der großen Dürre wurde Wasserdiebstahl mit dem Tod bestraft, das wusste er, seit Jacopo ihn einmal mit in die Stadt genommen hatte und er bei der Gelegenheit über den Prangerplatz gestolpert war. In diesen Zeiten kam eher ein Mörder ungesühnt davon als ein Wasserdieb, doch zuvor wurde man am Pranger dem Pöbel preisgegeben. Ein ganzes Dutzend gab es auf dem Markt von Lubhain. Die Erinnerung daran flößte Milan ein Schaudern ein.

„Ich habe nichts gestohlen", beharrte er und die Aussicht als Dörrfleisch auf dem Markt der Hauptstadt zu enden, gab ihm den Mut der Verzweiflung. „Ich habe nur Wasser aus der Quelle genommen. Das ... das ist ein Geschenk des Großen Schläfers ..." Ein weiterer wütender Blick traf den undankbaren Elben, der es vorzog, Schutz im Rücken eines Kameraden zu suchen.

„Soso – ein Geschenk?" Die Aussage schien den Hauptmann zu amüsieren, denn er lächelte. Dabei zog sich der linke Mundwinkel beinahe bis zu den schwarzen Augenkugeln hoch, während der rechte völlig unbeweglich blieb. „Der Berg hat dir also das Wasser geschenkt?"

Milan schöpfte neuen Mut. „Ja", antwortete er. „Fragt ihn!" Er wies auf den Elben, der deutlich unter seinem Fingerzeig schrumpfte. „Es ist für jedermann zugänglich und ..."

„Schweig!" donnerte der Hauptmann. „Seit wann können Berge Wasser verschenken, du kleiner Schwätzer? Diese Quelle gehört, ebenso wie die Wälder und alles, was darin wimmelt, unserer hochherrschaftlichen, ruhmreichen, mildtätigen und allwissenden Majestät!"

Milan fuhr sich mit der Zunge über einen Schweißtropfen, der sich in seinen rissigen Lippen verfangen hatte. „W ... wem?"

„Sie gehört dem König, du Bauernlümmel!"

„Heil dem König!" riefen die Soldaten im Chor.

„Dem ... König?"

„Ganz recht! Und du wolltest sein Wasser stehlen!"

„Aber ...das Wasser gehört ihm nicht, es ...

„Genug!" donnerte der Lepraun. Auf eine Handbewegung hin glitten zwei der Soldaten von ihren Pferden.

„Ich habe nichts Unrechtes getan!" Milan hob abwehrend die Hände, seine Augen huschten hilfesuchend umher. Es waren zu viele und er war allein. Nun würde seine Unaufmerksamkeit ihm endgültig den Garaus machen!

Allmächtiger – das soll schon alles gewesen sein? Noch nie habe ich in einem kühlen See gebadet, geschweige denn, ein Mädchen geküsst! Ich schwöre niemals wieder unachtsam zu sein ... Niemals! Nur hilf mir! Hilf! flehte er stumm, doch voll Inbrunst.

Und eine wohlwollende Fügung ließ seine Augen finden, was sein Herz so verzweifelt ersehnte: Aus dem Dickicht unterhalb der Lichtung lösten sich zwei Gestalten. Geräuschlos, wie sie das trockene Strauchwerk durchdrungen hatten, hoben sie ihre Bögen und spannten die Sehnen. Milan erkannte zwei seiner Brüder. Er fing einen Blick Jacopos auf; sie starrten einander an, einen Wimpernschlag lang, dann formten die Lippen des Ältesten ein Wort und quer über die Lichtung wehte sein lautloser Ruf:

„LAUF!"

Milan verschwendete keinen unnützen Gedanken daran, woher seine Brüder wussten, in welcher Gefahr er schwebte oder warum sie ihm überhaupt gefolgt waren; seine Füße sprangen förmlich aus dem Stand in die Flucht, wie von selbst flogen sie über den Boden, während ihn gleichzeitig laute Befehle und Pfeile wie Hornissen umschwirrten.

„Formiert euch!" brüllte die Stimme des Hauptmanns, heiser vor Empörung. „Ihr zwei – bringt mir den Dieb!"