Anmerkung: Leider musste ich den jungen Caspar umbenennen, wegen der Namensähnlichkeit zu Gaspard. Er heißt jetzt Cyril (liebe Gisela, ich hoffe, das stört dich nicht!)

Kapitel 14: Warten und Bangen

Eine große Anzahl Silberblauer quoll in das Verlies. Die Fackeln, die sie trugen, erhellten das Gewölbe mit gefräßigen Licht und offenbarten, was die Dunkelheit sonst verbarg. Sofia blinzelte; wenn das Feuer sie auch nicht blendete, so war es doch unerwartet.

„Hört ihr Leute", hob der Hauptmann an, ließ sein Schwert über die Gitterstäbe gleiten und versicherte sich so der Aufmerksamkeit der Gefangenen.

„Heut` herrscht ein reges Treiben", konstatierte Pawil. „Entweder zwickt sie die Langeweile oder sie haben etwas ausgebrütet."

„Die Pranger sind doch belegt", murmelte eine andere Stimme.

„Vielleicht haben sie weitere errichtet?" flüsterte jemand ganz hinten. „Oder ist die Zeit gekommen für das ... Finale?" Wie auf Kommando hielten die Umstehenden den Atem an und auch Sofia spürte, wie die Angst ihr die Kehle schnürte. Die Gefangenen im unteren Geschoss drängten sich an die Kerkermauern, schoben und stießen da, wo andere Leiber den Fluchtweg versperrten. Schmerzenslaute und gezischte Flüche durchdrangen die entstandene Spannung.

„Hört ihr Leute!" wiederholte der Hauptmann und senkte die Spitze seines Schwertes auf den Boden, wie um seine gute Absicht zu bekunden. „Unser geliebter und verehrter König, Wladislaw der Unbeugsame, Herrscher von Lubhain und Lepraunien, Samerland und Agualuz, will zu Ehren der Kompetition, die zu schmücken schon der ein oder andere von euch bereits das Vergnügen hatte …" , er lachte laut und neigte den Kopf zu dem Silberblauen neben ihm, der ihm unverzüglich einige Worte ins Ohr flüsterte. „ … äh … also er will euch Sündern und Übeltätern ... Wasserdieben, Abgabenprellern, Mördern, Aufwieglern … und ... und anderen Galgenvögeln", er spuckte angewidert aus, „ … den unendlichen … unendlich großen … ähm ...". Er stockte und der Soldat zu seiner Rechten flüsterte ihm erneut etwas ins Ohr, „ ... Er will also seinen Großmut beweisen, in dem er … einigen Wenigen von euch eine Begnadigung in Aussicht stellt!"

Hoffnung und Misstrauen der Zuhörer vereinigten sich zu einer beinahe ohnmächtigen Unentschlossenheit. Alle blieben dort stehen oder sitzen, wo sie waren. Es war sehr still im Kerker, selbst das sonst allgegenwärtige Fluchen, Jammern und Husten war verstummt.

„Jeder Mann, der jung und kräftig ist und sich von Stund` an in den Dienst unseres ruhmreichen Königs stellen will, hat somit die Möglichkeit, dem Henker zu entfliehen! Und das Beste: Als Lohn für jeden reuigen Söldner gibt es - einen Becher Wasser jeden Tag!"

Ein allgemeines Luftholen sorgte für eine kurzzeitige Verknappung des ohnehin spärlichen Sauerstoffvorrats. Sofia schluckte mühsam.

Der Hauptmann spielte seinen letzten Trumpf aus. „Auf Lebenszeit!"

Ein ungläubiges „Aaah" aus Hunderten von Kehlen war die Antwort.

Der Hauptmann nickte befriedigt und gab seinen Männern ein Zeichen. Diese verteilten sich sogleich und sprenkelten dabei mit ihren Uniformen das Grau des Gewölbes wie frische Wassertropfen.

Sofia ahnte mehr als dass sie sah, wie Jacopo und Pawil in ihrem Rücken Blicke tauschten.

„Was hältst du davon?" raunte Pawil.

Jacopo schwieg, aber offenbar hatte er mit den Schultern gezuckt, denn Pawil fuhr leise fort: „Möglicherweise eine Falle oder - ein Freischein ins Leben ..."

Die Soldaten begannen, die Reihen zu durchstreifen. Sie gingen dabei recht unsanft vor und hier und da machte sich Unmut breit. Die Leute wichen an die Außenmauern zurück; nun überwog das Misstrauen.

„Du", sagte ein Soldat und zog einen jungen Burschen aus der Menge. Die Frau an seiner Seite schrie auf und klammerte sich an den Jungen. „Nehmt mich! Nehmt mich!" bettelte sie, doch der Soldat stieß sie zur Seite, so dass sie fiel. „Still Weib! Du hast doch gehört: Nur Männer, jung und kräftig! Das bist du nicht, oder?" Der Junge wollte ihr zu Hilfe eilen, doch ein erhobenes Schwert ließ ihn innehalten.

„Wie gesagt: Jeder Mann, der eine Waffe führen kann, wird benötigt," verlautete der Hauptmann und winkte einem anderen Soldaten, der den Jungen, der sich heftig wehrte, in Ketten legte.

„Wenn der König ihn begnadigen will ... " , drang da die Stimme Pawils durch das Schluchzen des Weibes, „warum legt ihr ihm Ketten an?"

„Schhh ..." zischelten die Gefangenen um ihn herum, doch es war zu spät. Gleich mehrere Silberblaue näherten sich den Stufen zum nächsten Geschoss und hoben ihre Fackeln.

„Du und du" befahl einer von ihnen und zeigte auf Pawil und Jacopo.

Sofia fühlte, wie Jacopo sich anspannte. Pawil ging noch einen Schritt weiter; er trat vor und rief: „Und wenn wir nicht wollen? Ihr müsst gestehen, die Zusicherungen sind reichlich dürftig. Was, wenn der Tod das bessere Schicksal ist?"

„Den kannst du sofort haben!" knurrte ein Soldat, hob seine Armbrust und visierte den Rothaarigen an. Doch der Hauptmann wies ihn zurecht und sah zu ihnen herauf.

„Wie ist dein Name?"

„Wie ist deiner?" fragte Pawil zurück.

Der Soldat mit der Armbrust hob diese erneut, aber der Hauptmann lachte nur. „Ich weiß wohl, wer du bist, Rotkopf! Deine Rede ist ebenso flammend wie dein Haar und hat dich in diese Mauern gebracht. Doch nun hast du die Möglichkeit, deinen Mut zu beweisen und dich als Söldner unseres großmütigen Königs zu bewähren. Warum also zögern?"

Die Frage blieb ohne Antwort, denn offenbar stritten auch in Pawil die unterschiedlichen Aussichten miteinander. Die Silberblauen hingegen nutzten sein Zögern, um die Stufen zu erklimmen und sich in gewohnt achtloser Manier Zugang zu den möglichen Söldnern zu verschafften. Sofia musste zurückweichen und erntete einen Stoß von jemandem, dem sie dabei auf die Zehen getreten war. Sie schaffte es jedoch, sich und ihren Vater, der apathisch an ihrer Seite blieb, aufrecht zu halten und beobachtete, wie die Soldaten sowohl Pawil als auch Jacopo ergriffen und in Ketten legten. Zu ihrer Verwunderung wehrten sich die beiden nicht, doch das Fackellicht malte unruhige Linien auf ihre Gesichter.

„Warum die Fesseln?" Pawil hatte seine Stimme wiedergefunden und stemmte sich breitbeinig gegen den Versuch, ihn ohne weitere Umstände nach unten zu zerren. „ Können wir so unserem König besser dienen?"

Der Hauptmann ließ sich tatsächlich zu einer Antwort herab. „Nur um sicher zu gehen", sagte er, „dass ihr den Dienst auch wirklich antretet."

Sofia presste die Hand ihres Vaters bis es schmerzte. Die Aussicht, ohne ihre beiden Beschützer in diesem Loch zurück zu bleiben, erfüllte sie mit Grauen. Sich des drohenden Schicksals bewusst werdend, versuchte sie, Jacopos Blick aufzufangen. Und – tatsächlich - einen kurzen Moment lang begegneten seine Augen, glühend wie Kohle, den ihren.

„Wie sehen uns wieder", flüsterte er. Der Soldat, der ihn hielt, wandte ihm das Gesicht zu und grinste. Aber sie hatte es gehört und es hatte wie ein Versprechen geklungen. Sie schaffte es, zu nicken, während man ihn und Pawil die Stiegen hinunter stieß.

Ungefähr zwei Dutzend Männer führten die Silberblauen anschließend aus dem Speicher. Einige hatten sich tatsächlich freiwillig in Ketten legen lassen, augenscheinlich in vollem Vertrauen auf die Worte des Hauptmanns.

„Hör auf zu heulen, Weib!" keifte eine Frauenstimme von irgendwo. „Die haben das bessere Los gezogen!"

Die Worte entfachten eine erneute Flut aus Jammern und Wehklagen. Niemand schien zu bemerken, wie die Kobolde, einer nach dem anderen, in das leere Fass krochen, das - unmittelbar nachdem die Gefangenen abgeführt worden waren - von zwei Wachen heraus gerollt wurde. Sofia sank langsam zurück auf den Boden. Ihr Vater hatte kein Wort gesprochen, doch jetzt drückte er sie mit einer hilflosen Geste an sich. Seine Bemühung rührte sie und so sammelte sie die letzten Reste von Zuversicht und rang sich ein Lächeln ab. Wenn jemand ohne Schuld in diesem Loch saß, dann war es ihr Vater! Sie dagegen hatte gestohlen und gelogen … und sich die hoffnungslose Schwärmerei eines Unschuldigen zu Nutze gemacht …. Oh ja, sie verdiente es, hier zu sein!

Schweißperlen glitzerten auf der Stirn Meister Gisberts. Mit einem entschlossenen Ruck zog Sofia einen Tuchfetzen unter den Schnüren ihres Gewandes hervor und tupfte sie ab. Als sie den Fetzen zurück an seinen Platz stopfte, durchströmte sie ein Gefühl der Ruhe; Jacopo hatte das Stück aus seinem Hemd gerissen, um die Blutung ihrer Nase nach dem ersten unsanften Zwischenfall im Speicher zu stillen. Und wie eine Beschwörung wiederholte sie in Gedanken seine Worte:

Wir sehen uns wieder ….


„Was hat er jetzt vor?"

Milan lehnte an einer der Gesteinssäulen neben seinem Schlafplatz. Er hatte den Kittel auseinander gebreitet, so dass die Wunde offen lag. Margryte kniete vor ihm und begutachtete die Spur des Schwerthiebs. Es war ihm schwer gefallen, sich so vor ihr zu entblößen, doch nach einem spöttischen Blick ihrerseits und einem auffordernden „Zeig her!" hatte er schließlich getan, was sie verlangte. Seufzer auf seinem Rücken sollte freilich bedeckt bleiben, da stellte er sich stur.

Margryte folgte seinem Blick auf Maceàl, der sich mit den anderen Spielleuten beriet. Es waren noch weitere Gauklergruppen behelligt worden. Doch außer Clement und Nathan, um den es Milan nicht sonderlich dauerte, da jener es gewesen war, der seinen „Zeckenbefall" vor aller Augen offensichtlich gemacht hatte, war es allen anderen geglückt, den Soldaten des Königs zu entwischen.

„Ich weiß noch nicht genau", antwortete Margryte. Sie nahm das saubere Leintuch, das sie zusammen mit einer Schale auf einem Stein abgestellt hatte, und begann vorsichtig, die Ränder seiner Wunde zu betupfen.

„Tut das weh?"

„Nein, gar nicht." Es fiel ihm schwer, sie so nah zu spüren, ohne dem Verlangen nachzugeben, sie zu küssen. Doch er wusste, sie hätte erbost reagiert, da sie sich seiner Gesundung widmete und so genoss er nur schweigend ihre Fürsorge.

Das Tuch löste sich von seiner Haut und er beobachtete, wie sie es in die Schale tauchte.

„Was ist das?" fragte er sicherheitshalber.

„Das ist ein Heilsud, der einer Entzündung vorbeugt. Der Wilde Mann hat ihn uns gegeben."

Mit einem Ruck richtete Milan sich auf. „Der Wilde Mann?"

„Ja. Du hast ihn doch auch bemerkt. Er sieht uns Gauklern öfters zu und jedes Mal entlohnt er uns mit einer Kostprobe seiner Heilkunst. Er ist ein Medicus, musst du wissen."

„Der Waldschrat – ein Medicus?" Der Unglaube zeichnete sich so deutlich in Milans Gesicht ab, dass Margryte lachen musste. „Ja, ungewöhnlich, nicht wahr? Aber er ist ein außerordentlicher Gelehrter, der früher sogar im Königshaus angesehen war." Sie betupfte die Verletzung mit dem Sud und lachte erneut, als Milan zurückwich.

„Du kannst ihm vertrauen. Er hat einmal Filippos Bein gerichtet, ohne Bezahlung zu verlangen. Sein Name lautet Kafuzar."

Sie sah auf. Cyril war hinter sie getreten. Einen Moment lang starrte er auf ihren Hinterkopf, dann hockte er sich neben sie.

Margryte nahm die Hand von Milans Brust und legte sie auf Cyrils Schulter. „Sei beruhigt!" meinte sie mit einem aufmunternden Lächeln. „Er wird zurückkommen!"

Der Anblick ihrer Hand auf der Schulter des jungen Jongleurs versetzte Milan einen bösen kleinen Stich. Margryte hatte ihm erzählt, dass sie und Cyril wie Geschwister aufgewachsen waren, doch berührte man jemanden, der angeblich wie ein Bruder war, auf diese Art?

Er presste die Lippen zusammen und sah zur Seite, um einen Augenkontakt mit Cyril zu vermeiden. Auch wenn er dessen Sorge nur allzu gut verstehen konnte, fühlte er sich nicht in der Lage, ihm ein Wort des Trosts zu spenden.

Die nächsten Stunden zogen sich unendlich mühsam dahin. Die Spannung in der Halle war beinahe greifbar. Obwohl es Nacht sein musste, machte kaum jemand ein Auge zu. Nach und nach trafen kleine Gruppen von Kobolden ein. Maceàl sprach mit allen; die Nachrichten, die sie übermittelten, schienen ihm nicht zu gefallen. Seine ansonsten übermütige Miene war ernst. Irgendwann nahm er eine Laute zur Hand und begann - zu Milans großer Überraschung - zu singen. Er hatte eine klangvolle, schmeichelnde Stimme, sein Gesang umhüllte die Lauschenden wie ein Schleier, milderte das Flackern der Feuer, bis ihr Licht milchig schien, und tauchte die Zuhörer in ein Meer aus silbriggrauen Träumen. Milan erkannte die Melodie; Margryte hatte sie auf ihrer Schalmei gespielt und selbst das Ungestüm des Koboldkönigs damit gezähmt. Auch in ihm hatten die Worte vor einigen Tagen eine schmerzliche Sehnsucht geweckt. Eine Sehnsucht nach Vergangenem, das niemals wieder kam …. und nach einer unbekannten Ferne, die er wohl niemals erreichen würde ….

Wenn mein Lied verklingt

erfleh`ich mehr nicht,

als dass man mich bette

am quellenden Licht.

Dort will ich singen

die uralten Weisen

auf ewig

auf ewig.

Das Lied erweckte die Fantasien von einem Ort jenseits der Wirklichkeit wieder zum Leben, ließ die Stadt aus Licht und Wasser aus den Tiefen seiner Wünsche entstehen. Unaufhörlich sprudelnde Quellen rauschten in seinen Ohren … und mittendrin tanzte Margryte, lachend und mit ihren bunten Bändern im Haar, und erfrischte seine Lippen mit Küssen, die schmeckten wie roter Wein ….

Als er die Augen wieder öffnete, waren fast alle Feuer herunter gebrannt.

„Auch im Speicher sind sie nicht", sagte jemand. Blinzelnd und mit einer Spur des Bedauerns wischte Milan die Schläfrigkeit beiseite und sah hoch zu Maceàl, der vor ihnen stand. „Man muss sie an einen Ort gebracht haben, den auch Urien nicht kennt."

„Vielleicht sind sie längst tot!" Die Worte wurden heftig ausgestoßen, so als wären sie lange zurück gehalten worden und froh, endlich der Umklammerung entfliehen zu können. Cyril, der seine Ängste nicht mehr für sich behalten konnte, war hellwach. Ebenso Margryte. Wahrscheinlich hatten sie beide nicht geschlafen. Mit einem Ruck setzte Milan sich auf. Seufzer schluchzte leise.

Cyril erhob sich. „Ich sitze nicht länger untätig herum, ich werde etwas tun." Sein Ton ließ keinen Zweifel an seinen Absichten.

„Nein, mein Freund", entgegnete Maceàl, „ … wir werden etwas tun."