Die graue Dame

Glühendrot prangte die untergehende Sonne über den märchenschlossgleichen Türmen von Inveraray Castle. Es war ein warmer, strahlendschöner Tag gewesen, und nach der Tortur von zwei Stunden Busfahrt in einem muffigen, überfüllten Gefährt hatten sich meine Augen und Lungen begierig an der frischen Seeluft von Loch Fyne und dem satten Grün jahrhundertealter Buchen, Eichen und Linden gelabt. Manche Leute würden Inveraray Castle vielleicht als kitschig bezeichnen, aber wie schon Sir Walter Scott vor über 100 Jahren, war auch ich entzückt von diesen verspielten kleinen Zitadellen und den sonstigen Extravaganzen des baronial style. In seine prachtvolle Umgebung eingebettet wie ein Juwel auf grünem Samt, verströmt das Gebäude tagsüber einen stillen, friedlichen, fast bukolischen Charme mit den Rindern, die überall auf dem Gelände weiden, und den sorgfältig gepflegten Parkanlagen, die sich harmonisch in das üppige Wachstum der Natur rundherum einfügen, besonders wenn man das Schloss, scheinbar auf Puppenhausgröße geschrumpft, vom nahe gelegenen Turm Dùn na Cuaiche aus betrachtet. Nachts jedoch, wenn hier und dort in einem der unzähligen Fenster des schwarzen Gemäuers gelbe Lichter glimmen, wenn Fledermäuse um die feinziselierten schmiedeeisernen Gitter flitzen, wenn die dunklen, knorrigen Bäume noch dunklere Schatten umrahmen und der fahle Mondschein sich in tanzenden silbernen Wellen auf dem Fluss kräuselt – wer kann sich dann der geheimnisvollen Ausstrahlung dieses Ortes entziehen?

Ich war schon zum dritten Mal hier, und kam mir vor, als ob ich einen alten Freund besuchte - oder gar wie jemand, der das Zuhause seiner Kindheit wieder sieht, angefüllt mit glücklichen und merkwürdigen Erinnerungen, die nicht aufhören, einen zu necken und sich doch dem Gedächtnis immer wieder zu entziehen, wie ein Feenkind, das einen verfolgt und nur aus dem Augenwinkel sichtbar ist, jedoch verschwindet, sobald man sich umdreht.
Diesmal hatte ich, im Gegensatz zu früheren Besuchen, die grässlichen Kammern von Inveraray Jail, voll von Krankheit, Verbrechen und Leiden, ausgelassen, um stattdessen lieber das Innere des Schlosses noch einmal zu besichtigen. Solche Besichtigungstouren finde ich meist langweilig und ermüdend, denn die Möbel und Inneneinrichtungen derart plüschiger und übertrieben verschnörkelter Epochen wie Barock oder Regency, eigentlich sogar jedes anderen Zeitalters mit Ausnahme des Mittelalters, interessieren mich normalerweise herzlich wenig. Porträts jedoch waren schon immer eine Quelle der Inspiration für meine Vorstellungskraft gewesen. Hier hat man Menschenleben vor sich, Charakterzüge in den Augen festgehalten – Augen, hochmütig, gebieterisch; verwöhnt und nachsichtig; schüchtern, verwirrt, verängstigt; stolz, leidend, trotzig. Manch ein schweres Schicksal, der Nachwelt in Kurzschrift weitergegeben, in Geheimschrift, in Leerstellen zwischen den Pinselstrichen, Schicksale, die jetzt nur noch erraten werden können, der Zeitvertreib von Besuchern in einem flüchtigen Moment, zwischen einer Tasse Tee und einem Spaziergang durch den Park.
Jenes kränkliche kleine Mädchen, in sanfte Glockenblumenfarben gekleidet, mit seinen feinen blonden Haaren und dem deutsch klingenden Namen – was machte ihre Augen so ängstlich, ihren Blick so unsicher und verletzlich? War sie in einem zarten Alter dem Schutz ihrer Mutter entrissen worden, um an einen fremden Lord in einem unbekannten Land verheiratet zu werden, die sie beide nie zuvor gesehen hatte? Oder jener byronische Held unten in der Galerie: welche tragische Liebesgeschichte, welche Verletzung, sei sie selbst erlitten oder jemand anderem zugefügt, mochte sich wohl in den Tiefen seiner dunklen, schwermütigen Augen verbergen? Oft schon habe ich nach eingehender Betrachtung der Porträts in einer Burg versucht, die Geschichten dieser Menschen zu recherchieren, doch selten mit viel Erfolg.

Als ich nun mit raschen Schritten den Hügel von Dùn na Cuaiche hinunterging und die Fußbrücke über den Fluss Aray ansteuerte, war es ein bestimmtes Porträt, das mich am meisten beschäftigte, nämlich das von Lady Catherine Campbell. Alles an diesem Gemälde aus dem 18. Jahrhundert schien dunkel und geheimnisvoll, nicht nur die windgepeitschte Heide- und Berglandschaft, die der Künstler als Hintergrund gewählt hatte, sondern auch die bleiche, zerbrechliche und doch irgendwie starke Gestalt der Dame selbst in ihrem kräftigroten Kleid, ihr tiefschwarzes Haar, die offenen, ebenmäßigen, traurigen Gesichtszüge, vor allem aber ihre Augen. Diese waren von einem dunklen Graublau, wie der Ozean an einem stürmischen Tag, wenn Schiffe an den Klippen zerschellen und das Wasser die Küsten überschwemmt. Diese Augen sprachen von großer Leidenschaft, aber ebenso sehr von Leiden und Schmerz.
Irgendetwas in ihrem Gesicht musste mich wohl außergewöhnlich beeindruckt haben, denn als ich nun auf der Brücke stand und mich hinunterbeugte, um ein Spinnennetz zwischen den beiden Pfeilern der Brüstung zu untersuchen, kam es mir für den Bruchteil einer Sekunde so vor, als formten die feinen Fäden, deutlich sichtbar im Licht der untergehenden Sonne, ein Gesicht. Feine Strähnen von spinnennetzartigem, silbernem Haar bewegten sich sachte im Luftzug, wo sie eigentlich hätten am Stein befestigt sein müssen. Ausschnitte des Himmels zwischen der gesponnenen Seide formten einen offenen Mund und Augen, ein blaurotes Nichts, an dem mein Blick keinen Halt finden konnte. Ein Seufzen schwebte in der Luft. Das musste wohl ich gewesen sein.
Ich schüttelte den Kopf und wandte mich zur anderen Seite der Brücke, wo eine ähnliche Nische Liebenden nicht nur als Sitzgelegenheit gedient hatte, sondern auch dazu, ihre Namen in Stein zu verewigen. „H + S" … "Sean and Moira" … "I love Michael" … ein paar halbverwitterte Herzen. Mit einem Lächeln auf den Lippen erinnerte ich mich an die Momente, als ich selbst Namen zu dieser Sammlung hinzugefügt hatte, und versuchte ihre Überreste in dem harten, grauen Sitz zu entdecken. Ich ging langsam an der Balustrade entlang und bemühte mich, so viele Inschriften wie möglich zu entziffern, teilweise auch um meine Gedanken von dem Porträt abzulenken. „Ich war hier." (sehr tiefsinnig) … "C.S. + G.M." … das F-Wort (wer um alles in der Welt machte so etwas an einem solchen Ort?) … zwei stilisierte Gesichter, eins schief, das andere recht grimmig (ich lächelte) … „Die Graue Dame" … Die Graue Dame?
Ich hielt inne und ging noch einmal zurück, um genauer nachzuschauen. Die eingeritzten Buchstaben unterschieden sich von den anderen, sie waren tiefer, verwitterter und doch akkurater. Die Schrift war älter, verzierter, so wie man sie vor Hunderten von Jahren benutzt haben mochte. Haha, dachte ich, da wollte wohl jemand besonders witzig sein! Natürlich hatte ich von den verschiedenen Geistern auf Schloss Inveraray gelesen, und dass angeblich eine „Graue Dame" die Anlagen heimsuchte, auch wenn ihre Geschichte – im Gegensatz zu der des Harfenspielers in der Bibliothek oder des unglücklichen schwarzen Dienstjungen im Schloss – in keiner der Quellen erwähnt wurde. Nun ja, ich wusste ehrlich gesagt sowieso nicht, was ich davon halten sollte, von dieser ganzen Sache mit Geistern, meine ich.

Ich schaute über die Brücke hinab in den reißenden Fluss, und wie schon öfters zuvor fühlte ich die seltsame Faszination von Wasser. Was würde passieren, wenn ich von dieser Brücke hinabspringen würde? Das Wasser war nicht tief, aber an dieser Stelle sah es dunkel und bedrohlich aus, und das Ufer fiel steil ab. Würde es mich töten? Würde ich an dem steinigen Flussbett zerschellen? Was, wenn ich durch diese Zwischenräume fallen würde, zwischen diesen hübschen kleinen märchenhaften Säulen hindurch, mich vergeblich an den brüchigen Spinnweben festklammern, in die tiefe Leere hinunterstürzen, fallen, fallen in das endlose Spinnennetz schwarzen, schäumenden Wassers, das dort unten wartete?
Ich schalt mich selbst für diese Gedanken und setzte meinen Weg über die Brücke fort, bog instinktiv rechts ab und ging hinunter zu dem idyllischen kleinen Pfad, der am Fluss entlang führte. Ich war schon halb den Hang hinunter, bevor mir auffiel, dass ich nicht in Richtung Schloss und zurück zum Hotel gegangen war, wie ich eigentlich vorgehabt hatte, sondern den sogenannten Lady's Walk betreten hatte, den „Spazierweg der Dame". Nun gut, ich konnte genauso gut diesen Weg nehmen und dann an der Straße entlang in die Ortschaft Inveraray zurückkehren. Um diese Tageszeit dürften ja nicht so viele Autos unterwegs sein.
Tief atmete ich die frische Abendluft ein und lauschte dem vielstimmigen Gesang der Vögel, dem Rascheln des Windes in den Blättern und dem sanften Murmeln des Flusses. Auf der gegenüberliegenden Seite hob sich das Schloss düster und wuchtig gegen den Himmel ab. Was für einen Unterschied das Dämmerlicht macht, dachte ich versonnen. Heute Nachmittag hatte ich mich an genau derselben Stelle friedvoll und glücklich gefühlt, und nun war ich ruhelos, wenn nicht gar ein bisschen ängstlich. Irgendetwas bewegte sich in einem Baum hinter mir, und eine Sekunde später floh mit flatterndem Geräusch eine Krähe auf. Ich bemerkte, dass ich die Luft angehalten hatte, und atmete langsam aus. Die Luft war stickig, oder auf jeden Fall fiel mir das Atmen schwer. Vielleicht die ersten Anzeichen einer Erkältung. Ich hätte auf dem Hügel meinen Pullover anziehen sollen, es war doch sehr windig gewesen.
„Ich bin dieses Wasser leid, bin diese Schatten leid."
Warum dachte ich das? Ich war doch so froh gewesen, wieder hier zu sein, und ich hatte diesen Fluss immer geliebt.
„Bin diese Erinnerungen leid."
Diese Erinnerungen? Dieser Ort hielt einige der schönsten Erinnerungen meines Lebens!
„Genau hier trafen wir uns immer. Genau hier fand ich den Tod."
Meine Gedanken beunruhigten mich. Sie schienen außer Kontrolle zu sein. Ich entschloss mich, doch wieder zurück zu der Brücke zu gehen und über den Schlossweg zum Hotel. Irgendwie behagte mir dieser Fluss bei Nacht nicht.
Die Sonne war nun untergegangen, und ein bleicher, voller Mond füllte den Himmel. Er tauchte die Baumstämme in ein kaltes, silbernes Licht. Ich erschauerte. Die Luft war sehr still. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich erkannte, was fehlte: keine einzige Vogelstimme war mehr zu hören. Ich konnte mich nicht erinnern, wann sie alle aufgehört hatten.
„Ich konnte nicht mit ihm leben. Ich konnte nicht ohne ihn leben."
Warum kamen diese Erinnerungen jetzt hoch? Ich war mir nicht sicher, welche der tragischen Liebesgeschichten meiner Vergangenheit mein Unterbewusstsein nun gerade ausgrub, aber ich wollte an keine von ihnen erinnert werden, am wenigsten jetzt, wo ich mich schon missmutig genug fühlte. Ich schüttelte den Kopf und beschleunigte meine Schritte.
Der Fluss war blau, von dunklem Blau, fast so tief wie der Ozean. Er sang von Tod in der Dunkelheit, einem nassen, kalten, bodenlosen Grab. Nicht jetzt, dachte ich, nicht nachts, ich wollte mich nicht in seinen Tiefen verlieren. Ich wandte mich zum Gehen. Der Pfad vor mir war blau, tiefseeblau, kleine blaue Wellen zwischen den Bäumen, blaue Lachen, die sich vor mir formten, blaue Augen, von dunklem Graublau, die mich in der Dunkelheit anstarrten.
Ich konnte mich nicht bewegen. Ich konnte nicht denken. Alles, was ich wusste, war, dass dort, vor mir im Dämmerlicht, Lady Catherine Campbells Augen meinen Weg blockierten.
Ihr graues Gewand verschmolz mit den Baumstämmen, glitzerte hier und dort im Mondlicht, durchsichtig wie Spinnweben vor dem Hintergrund des Unterholzes. Ihr dunkles Haar bewegte sich sachte in der leichten Brise, eins mit den Blättern und Zweigen. Ihre Füße verloren sich in den Schatten, ihre Hände, ihr Gesicht nicht mehr als Reflexionen bleicher, vereinzelter, flüchtiger Strahlen des Mondlichts. Aber ihre Augen, ruhelos wogend wie der Fluss – sie waren unverkennbar. Sie hielten meine fest, dunkel und bodenlos, hohl und durchdringend, leer und doch überfließend vor Schmerz, schwer von Schuld, müde von dem Fluch zahlloser Jahre.
„Ich nahm seinen Dolch," sagte ihre Stimme in meinem Kopf. „Hier unter der Brücke. Seinen Dolch für mein Herz."
Tränen waren zwischen uns in der Nachtluft. Ich weiß nicht, ob es ihre waren oder meine. Tränen waren in dem Fluss neben uns. Ich wusste, dass Tränen im Himmel waren.
„Es gibt Vergebung, weißt du," sagte ich schließlich mit heiserer Stimme. „Jemand starb für all unsere Verfehlungen. Du kannst ihn darum bitten und erlöst werden."
Ein Windstoß zerzauste die Baumwipfel. Ich schloss meine Augen.
Ich weiß nicht, wie lange ich so dastand, in stillem Gebet, bevor ich die Brücke überquerte und zurück zum Hotel ging.

Seither war ich mehrere Male in Inveraray. Ich bin in der Dämmerung am Fluss entlang gewandert, und jedes Rascheln in den Blättern hat meinen Herzschlag beschleunigt. Aber ich habe nie mehr etwas Außergewöhnliches gesehen oder gehört. Nichts als das träge Murmeln des Flusses, und hin und wieder einen Vogel in einer der mächtigen Buchen. Doch jedes Mal, wenn ich jenen Pfad entlang spaziere, kehren meine Gedanken zu jener einen Nacht zurück. Und ich wundere mich, warum es jetzt so ruhig ist, warum der Fluss so friedlich scheint; und immer noch frage ich mich jedes Mal, ob damals, als ich in jener Nacht wieder an der Brücke angekommen war, ich von einem halbstündigen Traum erwacht war – oder sie von einem jahrhundertelangen Albtraum.