Genüsslich sog er an seiner Zigarette und ließ die bereits kalte Asche achtlos zu Boden fallen. Sein Blick ruhte zeitlos auf der verschmutzten Glasscheibe. Er wartete. Ein leises Geräusch zog kurz seine Aufmerksamkeit hinab zu seinen Füßen. Ein kleines Mädchen lag dort. Er hatte sie gesehen. Sie lief vergnügt von der Schule fort über eine Wiese. Sie war so fröhlich und unbekümmert gewesen. Doch die Fröhlichkeit, die er einfangen wollte, war gewichen. Die Unbekümmertheit verfolgen. Sie war nichts mehr. Nur noch ein Bild voll Jammer. Nicht länger konnte sie seine Kälte vertreiben. Wie magisch angezogen blickte er wieder nach draußen. Sie waren nicht mehr fern. Sie kannten nun sein Geheimnis und es war gut so.

*

„Mutter!" rief er, aber sie hat ihn nicht gehört. Sie hatte ihn nie gehört. Die Tür zu seinem Zimmer hatte sich geöffnet, doch es war nicht sie, sondern einer ihrer Freunde, der die Tür wieder schloss. Ängstlich sah er hoch zu ihm. Alles schreien würde ihm nichts nutzen. Alles Flehen ungehört bleiben. Furchtsam krampfte er die Hände um einen alten, zerschlissenen Teddybären, versuchte sich an ihm festzuhalten. Bis man ihm den auch wegnahm. Er hatte Briefe geschrieben. An seinen Vater. Er bat ihn um Hilfe. Ungelesen kamen sie zurück. Jeder Einzelne. Mühsam schluckte er die Tränen hinunter und vergrub den Kummer tief in seinem Herzen, bis es starb und nichts als einen kalten Fleck zurückließ.

*

Fröstelnd rieb er die Hände aneinander. Die Kälte wich nie von ihm. Egal wie heiß der Sommer war, oder wie warm der Raum war, in dem er sich befand. Er fror immer erbärmlich. Glühender Hass schoss in ihm gleich einer kalten Flamme empor, wenn er daran dachte, wer Schuld daran trug. Er hatte es ihnen gezeigt, aber sie wollten es einfach nicht verstehen. Seine Mutter. Hektisch rieb er sich mit den Händen über die Schläfen. Diese Erinnerung quälte ihn.

*

„Bitte, du bist doch mein lieber kleiner Junge!" hatte sie gebettelt. Er hatte es versucht. Er hatte es sich so sehr gewünscht, aber er konnte sie nicht lieben. Er konnte nicht der Junge sein. Nicht mehr. „Mein Kinderzimmer sollte ein Hort der Liebe sein!" schleuderte er seiner Mutter zu.
Fest schlossen sich seine Hände um ihren Hals. Immer enger drückte er sie zusammen. Er dachte, er müsste etwas spüren, aber es passierte nichts. Er hörte sie von weit weg röcheln. Sie grub ihm ihre Nägel ins Fleisch. Einer knickte um, sprang weg und hinterließ einen blutigen Abdruck auf seiner Haut. Lange hatte er ihn einfach betrachtet, dann war er schreiend ins Bad gelaufen, um ihn abzuwaschen. Er hatte Stunden gebraucht um ihn wieder los zu, werden.

*

Blut.
Er hasste Blut. Blut war unrein. Er hatte viel geblutet. Entschlossen hockte er sich zu dem Bündel am Boden. Betrachtete es neugierig. Blonde, lange Haare, wie seine Mutter. Augen, so blau, wie sie sein Vater sie in seiner Vorstellung gehabt haben musste. Er hatte ihn nie gesehen. Nie gefunden. Er hätte ihn gerne gefragt. Erneut zündete er sich eine Zigarette mit einem Streichholz an. Er mochte keine Feuerzeuge. Streichhölzer hatten für ihn etwas Erhabenes. Sie lebten nur kurz, doch dabei brannten sie lichterloh. Das faszinierte ihn. Erneut wimmerte das Bündel zu seinen Füßen. „Gleich ist es vorbei." Versprach er, ohne nach unten zu blicken. Er hatte sich wieder aufgerichtet. Sie waren da. Sie waren doch noch gekommen und umstellten das Haus. Sie riefen ihm Dinge zu, nur hörte er sie nicht. Die Flamme des Streichholzes fraß sich bereits in die Haut seiner Finger. Er musste loslassen. Erregt atmete er tief ein und aus. Er wollte er könnte das Feuer löschen. Er wollte. Mit einem Schrei, der tief aus seiner gequälten und gepeinigten Seele kam, ließ er los. Ein Flammenmeer. Alles brannte wie Zunder. Er hatte dafür gesorgt.

*

„Mein Kinderzimmer sollte ein Hort der Liebe sein!" rief er auch dem Bündel zu seinen Füßen zu, doch es rührte sich nicht mehr. Die Flammen hatte sie bereits ergriffen und tasteten bereits gierig nach ihm. Er konnte die Hitze nicht fühlen. Ihm war noch immer kalt.
„Ich will ein lieber kleiner Junge sein, Mami!" weinte er. Der Rauch brannte ihm in der Lunge und in den Augen. „Ich will ein lieber kleiner Junge sein."