Süßes oder Saures!

Seufzend sah er aus dem Fenster. Er hasste Halloween. In allen möglichen Masken rollten die Massen durch die Straßen um an den Türen zu klopfen. Bereist jetzt schallte der Ruf: „Süßes oder Sauers!" zu ihm herüber. Nicht mehr lange und sie standen auch vor seiner Tür. Mit zitternden Fingern schob er den Vorhang an seinen Platz und verhinderte so, dass das spärliche Licht von der kleinen Stehlampe die am anderen Ende des Raumes stand und die einzige Lichtquelle in diesem bildete, nach draußen drang. Er würde nicht öffnen, wenn sie kamen.

Er würde wie jedes Jahr zitternd hinter der Tür stehen, sich die Ohren zu halten und beten das die Nacht schnell vorüberging. Er war 69 Jahre alt, sein dünnes Haar schon lange grau, er ging mit gebeugten Schultern und vergaß schon mal das eine oder andere, nur eines hatte er nie vergessen. Dieses namenlose Grauen, dem er vor über 50 Jahren begegnete, lag ihm noch immer so frisch im Gedächtnis, als wäre es erst gestern gewesen. Auch damals war Halloween und er zog alleine um die Häuser. Er war so jung gewesen und so dumm.

Keuchend zuckte er zusammen. Sie waren da! Die ersten Kinder hatten das Ende der Straße erreicht und versuchte, so wie jedes Jahr, auch bei ihm sein Glück, aber er würde nicht aufmachen, nicht in dieser Nacht. Sie nannten ihn den verrückten Alten, einen Spinner. Der Schweiß brach ihm aus, als ihn die Bilder von damals heimsuchten. Sie hatten recht. Er war nicht mehr derselbe seit jener Nacht. Erneut pochte es an seiner Tür und trieb ihn so an den Rand eines Nervenzusammenbruchs.

So schnell gaben die Kleinen nicht auf, aber sie versuchten ihr Glück umsonst. Selbst wenn das Haus in Flammen stehen würde, er würde unter keinen Umständen die Tür öffnen und dieses verlassen. Lieber kam er in den Flammen um, als das er erneut ihr begegnete. Ein Klatschen erklang in seinem Rücken. Scheinbar hatten sie auch diesmal wieder das grüne, schleimige, Etwas dabei. Den morgigen Tag, sofern er ihn erleben sollte, würde er wieder damit verbringen die Spuren von dieser Nacht an seiner Tür zu beseitigen. Er hatte keine Ahnung, woher sie das Zeug bekamen, wusste nur, dass es ihn viele Stunden kostete, es wieder zu entfernen. Resigniert seufzte er und dann kamen sie. Die Erinnerungen, an eine längst vergangene Nacht, aber niemals vergessenen …

Es war Halloween, so wie heute. Nur die Nacht war anders, besonders. Er war jung gewesen, gut aussehend und er wusste es. Alex schlenderte pfeifend, die Hände tief in seine Hosentaschen vergrabend die Straße entlang, da sah er sie. Ein süßes, junges Mädchen. Er spürte, wie sich zwischen seinen Beinen etwas zu regen begann. Die oder keine. Es war schon zulange her, dass er guten Sex gehabt hatte. Unauffällig folgte er ihr. Es begann bereits zu dämmern und schon bald verbarg ihn die Dunkelheit wie ein schützender Mantel und niemand würde sehen, was er vorhatte.

Ein verschlagenes, boshaftes Grinsen legte sich über seine schönen, attraktiven Züge. Oh ja er sah gut aus, könnte glatt jede haben die er wollte, nur so wollte er keine. Sie sollten Angst haben, sich wehren … umso mehr, umso schöner für ihn. Gierig leckte er sich über die Lippen, er meinte schon ihren süßen Duft der Angst zu schmecken. Sie würde einen leckeren Happen abgeben. Sie verließ die Straße und bog in einen verschlungenen Feldweg ein. Noch hatte sie ihn nicht wahrgenommen und er achtete darauf, dass es so blieb. Vorerst.

Der Weg brachte sie direkt in einen dunklen, dicht bewachsenen Wald. Alex frohlockte innerlich. Wahrlich er hatte Glück. Er gab auf sich leise und unauffällig zu verhalten und trat, seinen Schritt dabei beschleunigend, offen auf den Weg. Nur seinen Kopf hielt er gesenkt. Auch wenn es unmöglich schien, da es schon zu dunkel dafür war, so wollte er dennoch nicht riskieren, dass sie ihn erkannte. Er fühlte, wie sie nervös wurde. Immer wieder blickte sie sich hektisch um.

Ihr Schritt wurde schneller, schon rannte sie fast. Sie hatte ihn entdeckt. Er konnte ihre abgehackte Atmung hören. Gut. Seine Hände krampften sich zu Fäusten und lockerten sich wieder, schon bald würde er seine Finger in ihr junges Fleisch graben. Sie war sein. Auch er begann zu laufen. Er hatte den Wald erreicht und bereits die ersten Bäume

hinter sich gelassen. Hier gab es nur ihn und sie, sonst niemand. Keiner würde ihr helfen, keiner konnte sie hören. Ihre Schreie würden Musik in seinen Ohren sein. Plötzlich stolperte sie und fiel der Länge nach hin. Schmerzhaftes Stöhnen drang zu ihm. Sie hatte sich bestimmt wehgetan. Vielleicht blutete sie sogar. Wenige Meter trennten ihn nur noch von ihr, wenn er wollte, konnte er sie jetzt, wo sie am Boden lag, haben, aber er liebte den Reiz der Jagd und so blieb er stehen. Beobachtete sie einfach.

Sie drehte sich auf den Rücken und sah zu ihm zurück. Ihre Augen waren vor Angst geweitet. Sie war über und über mit Laub und Erde bedeckt. Kurz ekelte ihn. Er mochte es nicht, wenn sie schmutzig waren. Heftig begann sie mit den Beinen zu strampeln und versuchte sich von ihm fortzubewegen, doch es war als würden ihre Beine ihr nicht richtig gehorchen. Er kannte das. Mit dem Zeigefinger fuhr er sich über die Unterlippen, dann leckte er kurz mit der Zunge über die Spitze seines Fingers. Angstvoll keuchte sie auf, sprang, den Schmerz dabei ignorierend, sie hatte sich beim Sturz tatsächlich verletzt, auf die Beine und versuchte wegzulaufen, aber sie konnte nicht mehr. Alles war auf einmal zu viel. Sie schlug die Hände vors Gesicht und blieb ihm den Rücken zugewandt stehen.

Die Jagd war vorüber, sie war sein. Als Erstes würde er ihr die Angst vor dem Ungewissen nehmen, sie glaubte bestimmt es würde schlimm werden, sie hatte keine Ahnung. So waren sie alle gewesen – ahnungslos. Er würde ihr die Träume rauben und jegliche Hoffnung zerschlagen, einzig das Wissen dieser Nacht sollte ihr bleiben. Dicht hinter ihr blieb er stehen. Beinahe sanft legte er ihr seine Hände auf die Schultern.

„Süßes oder Saures?", flüsterte er ihr zärtlich fragend ins Ohr.

„Saures!", erwiderte etwas knurrend.

Er drehte sich um und sah etwas mitten ins Gesicht. Aufkeuchend wich er zurück. Er fiel über seine eigenen Füße, das Mädchen hinter ihm war verschwunden, doch dran verschwendete er im Moment keinen Gedanken. Nun war er es der um sein Leben bangte.

„Aber … was?" Reißzähne blitzten im Dunkeln auf und ein Fauchen ähnlich einer Katze drang über die Lippen dieses Ding. Es ließ sich nach vorne fallen und stand nun auf allen vieren vor ihm.

„Happy Halloween, Kleiner!", kam es süffisant von der Kreatur, dabei blies es ihm ihren stinkenden Atem mitten ins Gesicht. Die Dinge hatten sich von einer Minute zur anderen vollkommen geändert. Nicht mehr länger dachte er an das Mädchen, das er vergewaltigen wollte, sondern nur mehr an die reißende Bestie, die riesige Katze die vor ihm stand. Bewehrt mit scharfen Klauen und einem gewaltigen Gebiss. Vermutlich würde sie ihn in Stücke reißen.

Schreiend kam er auf die Beine und begann zu laufen. Schneller als jemals in seinem ganzen Leben. Er spürte mehr als das er es sah, dass es ihm folgte. Er brauchte nur den Waldrand erreichen, dann war er bestimmt in Sicherheit. Hoffte er zumindest. Mit letzter Kraft schaffte er es auf den offenen Weg, ließ die Bäume hinter sich und somit auch diese Kreatur. Keuchend blieb er stehen. Es folgte ihm nicht mehr. Zwischen den Bäumen sah er gelbe Augen aufleuchten. Es beobachtete ihn.

„Wir sehen uns wieder und dann töte ich dich!", versprach ihm dessen grauenerregende Stimme.

*

Die nächsten Tage verbrachte er voller Angst. Tat in den Nächten kaum ein Auge zu, doch nichts geschah. Er sah es nie wieder. Schon bald vergaß er es und wiegte sich wieder in Sicherheit. Ein Jahr verging. Wieder war es Halloween, die Nacht, an der die Toten und die Geister über die Erde wandeln durften. Die Nacht, an der auch andere Kreaturen die Linie zum Reich der Menschen überschritten. Alex war mit Freunden unterwegs und guter Dinge. Schon lange dachte er nicht mehr an das Mädchen, er hatte sie seit jener Nacht nie wieder gesehen und auch nicht die Kreatur, die er sich eingebildet hatte, hatte er schon längst aus seinen Gedanken getilgt.

Leicht betrunken ging er spät am Abend nach Hause. Sein Weg führte ihn an einer dunklen, kaum beleuchteten Allee entlang. Da entdeckte er durch die Schatten gut verborgen eine unauffällige Gestalt, die am Boden kauerte. Er spürte, wie ihm der Angstschweiß ausbrach. Von dieser Gestalt ging etwas Unheimliches und zugleich Bekanntes aus. Die Gestalt hob den Kopf und fixierte ihn mit ihren gelben Augen. Seine weiteten sich vor Entsetzten. Langsam erhob es sich. Es war wieder da.

„Ich bin gekommen um dich zu holen!", keuchte es. Mit ihren scharfen Krallen fuhr sie ihm über das Gesicht.

„Bleib weg von mir!", schrie er hysterisch und rannte los als wäre der Leibhaftige höchstpersönlich hinter ihm her. Grauenhaftes Gelächter folgte ihm. Er stürzte zweimal schwer, schlug sich die Knie blutig und schrammte sich die Hände hässlich auf, aber das war ihm egal. Er musste sein Zuhause erreichen, dort war er sicher, das wusste er. Er schaffte es. Geschunden und zerschlagen kam er dort an. Schnell verschloss er die Tür, zog auch alle Vorhänge zu und versteckte sich, die Ohren zuhaltend, hinten in der kleinen Abstellkammer. Schwer schlug etwas gegen die Eingangstür. „Wir sehen uns wieder und dann hole ich dich!", versprach ihm die Stimme und verschwand.

*

Das lag nun 50 Jahre zurück. Seit dem blieb er an Halloween zu Hause, setzte keinen Fuß mehr vor die Tür und so würde er es heute Nacht auch tun. Dieses Ding würde ihn bestimmt nicht kriegen. Niemals! Schwerfällig sank er auf seinen dick gepolsterten Stuhl vor dem Fernseher, nahm die Fernbedienung in die Hand und zappte durch die Fernsehsender. Irgendwo auf den unzähligen Kanälen musste doch etwas anders, als diese drittklassigen Horrorfilme, die sie jedes Jahr zu Halloween zeigten, laufen. Er fand eine Tierdokumentation über Großkatzen in Afrika. Seufzend drückte er auf den nächsten Kanal. Da endlich, eine Diskussion über die unsinnigen Bräuche zu Halloween. Trocken und langweilig, das würde er sich ansehen.

Nachdenklich fuhr er unbewusst mit dem Finger die lange Narbe, die sein Gesicht seit jener Nacht zeichnete, nach. Nicht lange und er schlief ein. Ein beständiges Pochen weckte ihn, und bevor er weiter darüber nachdachte, erhob er sich schon und schlurfte zur Tür. Erst als die Tür bereits offen war, erkannt er seinen Fehler. Zitternd sank er auf die Knie.

„Bitte!", flehte er.

Am nächsten Morgen fand der Zeitungsjunge seine Leiche. Am schrecklichsten, erzählte man sich, war sein Gesicht. Es war vor Angst und Grauen vollkommen entstellt. Der Amtsarzt, den man herbeigerufen hatte, um seine Tod festzustellen, schwor, dass dieser sich, so wie sein Gesicht aussah, vor etwas zu Tode erschrocken haben musste. In seiner dreißigjährigen Karriere als Arzt war ihm so ein Fall noch nie untergekommen.

Schließlich einigte man sich darauf Herzversagen als Todesursache im Totenschein anzugeben. Der Mann war schon in einem gesetzten Alter, wo so etwas durchaus passieren konnte. Doch bei allen die an diesem Morgen Alex zu Gesicht bekamen, blieb ein kleiner Zweifel. Jeder im Ort kannte die Legende von dem hässlichen Ungetüm. Halb Mensch, halb Katze. Es kam nur an Halloween um die zu strafen, die anderen Unrecht antaten und es vergaß nie jemanden. Es war nur eine Legende und doch … jeder hatte die lange Narbe im Gesicht des alten Mannes gesehen. Sie sah aus als stammte sie von einer großen Katze.