Alles Edle ist an sich von stiller Natur und scheint zu schlafen, bis es durch einen Widerspruch geweckt und herausgefordert wird.

~ Johann Wolfgang von Goethe


Prolog


Als meine Mutter starb, ging die Welt nicht unter. Ich hatte es geglaubt, aber sie tat es nicht. Eine ganze Nacht lang lag ich neben meinem Vater und wir weinten manchmal zusammen und manchmal abwechselnd. Ich hätte nicht gedacht, dass die Sonne je wieder aufgehen würde, aber genau das geschah.

Die Welt ging nicht unter als Hitler die Juden Europas vernichten wollte und diesen Plan weit vorantrieb. Nach zwei Weltkriegen mit unzähligen Toten und Heimatlosen kam auch irgendwann wieder ein neuer Morgen und die Menschen machten irgendwie weiter. In Russland genauso wie in Italien oder Frankreich.

Afrikaner, die man aus ihrer Heimat entführt und in einem fremden Land versklavt hatte, sahen irgendwann einmal, wie der Himmel nach einer endlos langen Nacht hell wurde und sie frei waren – frei, ihr Leben in die Hand zu nehmen und zu kämpfen, um alle ihre Ziele zu erreichen.

Und die Welt ging auch nicht für all die Kinder unter, die man den australischen Ureinwohnern gestohlen hatte.

Außerhalb Australiens es vielleicht nicht vielen bekannt, aber von 1880 bis in die spätern 1970er hatte die australische Regierung das Recht, Mischlingskinder – also Kinder mit einem weißen und einem eingeborenen Elternteil – ihren Familien wegzunehmen. Diese Kinder sollten in Heimen zu erzogen werden, um in die weiße Gesellschaft integriert zu werden.

Das hieß, dass Hunderttausende ihren Müttern und Vätern entrissen und in Heimen unter brutalen Bedingungen, mit Schlägen und Misshandlungen, zu billigen Farmarbeitern und Hausmädchen gemacht wurden. Sie durften ihre eigene Sprache nicht mehr sprechen, hatten keinen Kontakt zu ihren richtigen Familien und waren vollkommen entwurzelt. Damit verfolgte man das Ziel, den Aborigine „wegzuzüchten".

Die Welt ging deshalb nicht unter – für all diese Kinder wurde sie lediglich zur Hölle auf Erden und auch heute noch, da sie erwachsen sind, leiden sie unter dem, was ihnen angetan wurde. Sie suchen ihre Familien, obwohl sie wissen, dass ihre Kindheit dadurch nicht ungeschehen wird. Jedoch haben sie die vage Hoffnung, dass so vielleicht das Gefühl von Leere und Verlassenheit an Schmerz verliert.

Doch nicht nur ihre Familien sollten dafür sorgen, dass sie sich weniger alleine fühlen. Auch die australische Regierung hielt es für angebracht, sie zu unterstützen. In den 1990er Jahren kam eine Kommission zusammen, um die Geschichte der „gestohlenen Generationen" der Ureinwohner ihres Landes zu recherchieren.

1998 schließlich wurde der National Sorry Day begangen – ein Tag, an dem eine ganze Nation versuchte auszudrücken, dass auch sie vergangenes Unrecht nicht vergessen würden und die Zukunft so gestalten wollten, dass Gerechtigkeit vollzogen werden würde, sofern es in ihrer Macht stand. So wurde Bedauern über dieses dunkle Kapitel der Geschichte zum Beispiel in den sogenannten Sorry Books ausgedrückt, in die von vielen Australiern Nachrichten an die Ureinwohner geschrieben wurden.

Die Welt wird vermutlich untergehen, wenn ein Komet die Erde trifft – in ein paar Tausend Jahren und auch nur vorausgesetzt, dass schlaue Wissenschaftler bis dahin keine Lösung gefunden haben. Aber solange es noch Leben gibt, sind Zeichen wie der National Sorry Day dazu da, zu zeigen, dass man die Welt für alle Menschen verbessern und aus vergangenen Fehlern lernen will. Auch wenn, man Geschehenes genauso wenig ungeschehen machen kann, wie Tote wieder lebendig werden...