XV.



Ich arbeitete fieberhaft an der Rede. Einmal rief Cody an und unterbrach mich bei der Arbeit, wofür ich ihn gebührend zur Schnecke machte (aber ich entschuldigte mich später natürlich auch wieder dafür). Mr. Geist hatte Recht gehabt, ich wusste ganz genau, was ich sagen wollte.

Allerdings half diese Gewissheit nicht gegen die Aufregung, die mich, unmittelbar bevor ich die Rede halten musste, erfasste. Der Wettbewerb fand im Auditorium der Schule in Rose Bay statt – in der St. Francis of Assisi School. Ich war als Drittletzte an der Reihe, nach mir kamen noch ein Junge, den ich nicht kannte und Gregory. Grace war die Zweite und ihre Rede war so gut aufgebaut, so nachdrücklich gehalten und vor allem so überzeugend, dass viele dachten, schon zu Beginn würde der Sieger feststehen.

Der Raum hinter der Bühne war matt erleuchtet und es kam mir ziemlich stickig dort vor. Ich stand mit den anderen Teilnehmern dort und zitterte innerlich wie Espenlaub und um ehrlich zu sein, konnte ich mich nicht einmal mehr richtig an den Inhalt von Grace' Rede erinnern, außer daran, dass sie den National Sorry Day befürwortete und sehr viel über die angerichteten Schäden gesprochen hatte.

Grace' Gesicht glühte regelrecht, als sie wiederkam. Sie wirkte erleichtert und ich wünschte, ich hätte es auch schon hinter mir. Sie legte mir aufmunternd die Hand auf die Schulter. „Du schaffst das schon."

„Danke."

„Dein Gesicht…"

„Was ist damit?"

„Du siehst irgendwie blass aus."

„Ach, wirklich?" Meine Stimme kam mir ebenfalls ungewöhnlich schrill vor.

„Ganz ruhig. Durchatmen, Emily." Sie lachte sogar und wir setzten uns ein etwas abseits auf ein paar Kisten, während ein Mädchen von der Assisi-Schule ihre Rede hielt. „Ich werd dich ehrlich vermissen."

„Danke."

„Aber du kommst mich doch sicher besuchen, oder?"

„Na klar."

„Und dann musst du mir einen Gefallen tun und wieder für mich mit meinem kleinen Bruder dieses dämliche Brettspiel spielen. Ich meine, inzwischen finde ich ihn ja wirklich niedlich und alles… aber dieses bescheuerte Spiel kann ich immer noch nicht leiden."

„Hä?" Ich verstand im Moment nur Bahnhof. Vielleicht lag es ja daran, dass durch die Aufregung zu viel Sauerstoff in mein Gehirn gepumpt wurde und ich nicht mehr klar denken konnte, aber irgendwie machte das, was Grace sagte, keinen Sinn.

„Mein Dad hat sich wieder versetzen lassen. Nach Alice Springs."

Wie bitte? Und du lässt ihn das machen?"

„Natürlich. Na ja, ich würde ihn wirklich vermissen, wenn er nicht mehr da wäre. Verstehst du… Irgendwie hab ich mich schon an ihn gewöhnt. Er hat sich ja wirklich Mühe gegeben mit mir. Ich denke nicht, dass jemand anderes mich so lange ausgehalten hätte. Ich hab ziemlich lange mit ihm geredet neulich, nachdem meine Großmutter mir erlaubt hat, mitzukommen."

„Wow, das ist echt toll von ihm." Ich wäre jede Wette eingegangen, dass sie nie so positiv über ihren Vater gesprochen hätte, wenn sie bei ihm in Sydney hätte bleiben müssen. Aber nun war es eben nicht so.

Grace lachte auf. „Und es hilft außerdem seiner Karriere. Er hat da einen besseren Job bekommen, nur mal so ganz nebenbei. Aber er behauptet, er hat sich meinetwegen überhaupt erst darum bemüht, also lassen wir ihm die Freude." Aber wir beide wussten, dass sie die Wahrheit kannte, auch wenn sie es vielleicht nie zugegeben hätte.

„Das heißt, du hasst ihn nicht mehr?"

„Nein. Um ehrlich zu sein mag ich ihn auch – er und die anderen beiden, so komisch Joana auch ist, sind okay. Wie gesagt, sie haben mich wirklich mit Engelsgeduld ertragen."

„Wie kommt es, dass du das auf einmal einsiehst?"

„Grandma hat mich mehr oder weniger darauf aufmerksam gemacht."

„Ich bewundere diese Frau dafür, dass sie es schafft, dass du auf sie hörst. Bist du jetzt eigentlich… na ja… glücklich?"

„Ich wünschte, meine Mom wäre hier. Dann wäre ich glücklich. Um ehrlich zu sein, ist jedes andere Leben gegen ein Leben ohne sie nur zweite Wahl. So kommt es mir zumindest im Moment vor."

„So wird es dir immer vorkommen, ich spreche aus Erfahrung. Aber weißt du was, ich bin froh, dass du jetzt nicht mehr so furchtbar unglücklich bist – und so furchtbar unausstehlich", fügte ich hinzu und wir lachten beide. Das war doch mal ein schönes Ende für meine Freundin.

„Als nächste Rednerin hören wir Emily Madison", kündigte mich auf der Bühne jemanden an und ich beeilte mich, um mit meinen Notizen zum Rednerpult vorzukommen. Alle klatschten höflich Beifall, aber ich versuchte, nicht auf das Publikum zu achten. Das machte mich nur nervös.

Mr. Geist saß an der Seite und blinzelte mir verschwörerisch zu. Irgendwo saßen auch mein Dad, Onkel Peter, Grandma Sophia, Grandpa Joseph, Klara, Robert und sogar Louise. Aber ich hatte keine Zeit, sie lange im Publikum zu suchen.

Meine Stimme zitterte, als ich anfing zu reden: „Ich muss nicht noch einmal erwähnen, worüber wir heute hier sprechen, ich denke, meine Vorredner haben genügend in das Thema eingeführt und es wurden bereits viele Argumente für und gegen einen National Sorry Day genannt. Sogar die Regierung hat einen Katalog veröffentlich, in dem sie uns erklärt, was wir davon halten können. Sowas tun Regierungen nun einmal gerne, schätze ich, damit die Verwirrung nicht so groß ist, wenn wir versuchen sollten, selber zu denken." Allgemeines Lachen ertönte und ich entspannte mich ein bisschen.

„Während ich mich mit dem Thema der gestohlenen Generationen und des National Sorry Days beschäftigt habe, war ich trotzdem sehr verwirrt, um ehrlich zu sein. Meine Hauptfrage war wohl, wie viel eine Entschuldigung wert ist, wenn sie von jemandem kommt, der eigentlich nichts gemacht hat. Meiner Meinung nach gar nichts und das ließ mich unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass der National Sorry Day damit auch sinnlos ist.

Wir müssen uns überlegen, was wir wollen. Wir alle wissen, dass in der Vergangenheit Unrecht geschehen ist und wir sollten uns vor Augen führen, dass dieses Unrecht weiterhin besteht – es hat nur seine Gestalt verändert, es wurde zu Leid und Verzweiflung. Aber trotzdem reißt es Familien noch auseinander. So viele Menschen haben keine Vergangenheit, sie kennen ihre Mütter und Väter, ihre Geschwister, Großeltern, Onkel und Tanten nicht. Manche nicht einmal ihren richtigen Namen. Und was wir nicht tun können, ist zu sagen, dass das gut ist. Ich weiß nicht, wie damals jemand denken konnte, dass das gut war. Sie müssen es doch gesehen haben: Die weinenden Mütter, die nach ihren Kindern riefen, die verwirrten Jungen und Mädchen, die sich vor Angst nicht bewegen konnten, die ihr Leben für sinnlos hielten.

Und wenn wir heute die Augen aufmachen, können wir das gleiche sehen wie die Menschen damals: Diese entwurzelten Menschen wissen manchmal nicht, wie sie mit ihren eigenen Kindern umgehen sollen, sie fühlen sich leer und halten ihr Leben für sinnlos. Es sind erfolgreiche Menschen, die wir jeden Tag auf der Straße sehen – wir sehen sie, wie sie zur Arbeit gehen oder mit ihren Familien in den Park. Aber was wir nicht sehen ist, dass ihnen ein Unrecht angetan wurde, das wir nicht wieder gut machen können. Und eigentlich haben wir auch nicht die Chance, irgendetwas wieder besser zu machen, indem wir uns entschuldigen, denn wir sind nicht die Ursache des Unrechts.

Wir müssen zeigen, dass wir wissen, dass es Unrecht war und die Vergangenheit akzeptieren, so wie wir akzeptieren, dass unsere Flagge blau oder unsere Hauptstadt Canberra ist. Wenn wir zeigen, dass wir verstehen und besser sind als die Menschen vor uns, dann wird die Angst, dass so etwas wieder passiert, vielleicht verschwinden.

Das ist es doch, was wir wollen: Dass wir alle – egal, woher wir kommen – zusammen in Frieden leben können, ohne Angst voreinander haben zu müssen. Wir wollen in einem Land leben, in dem die Herkunft keine Rolle spielt; wo wir mit unserer Familie leben können, denn dann fühlen wir uns sicher und geborgen und können zu den Menschen werden, die wir sind und sein wollen.

Das ist nicht leicht, das weiß ich, und es wird lange dauern. Und dazu müssen wir Signale setzten, um zu zeigen, dass wir verstehen und akzeptieren, aber auch lernen und verändern können. Stimmen Sie mir da nicht zu? Und ein Feiertag wäre ein solches Signal. Ich gebe zu, dass National Sorry Day nicht die beste Bezeichnung für einen solchen Tag ist, aber wen kümmert schon der Name? Es ist der Gedanke, der dahinter steht: Dass wir vergangenes Unrecht einsehen und das Leid, das daraus entstanden ist, verstehen und bekämpfen wollen, indem wir zusammen stehen und unseren Mitmenschen, egal, wo sie herkommen, die Hand reichen, um gemeinsam eine Zukunft zu schaffen, in der alle Menschen so gerecht wie möglich behandelt werden. Danke."

Ich hatte gar nicht bemerkt, wie leicht mir das Sprechen gefallen war, bis es vorbei war und alle Beifall klatschten. Zuerst hatte ich das Gefühl, meine Beine würden mich nicht mehr bis hinter die Bühne tragen, aber dann kehrte die Kraft in meine Glieder zurück und ich fühlte mich tausend Tonnen leichter. Mindestens.

Der Abschied von Grandma Klara, Robert, Louise und den Kleinen am Flughafen am darauf folgenden Tag schien ewig zu dauern. Immer wieder umarmten wir uns, sagten bis bald und vereinbarten uns bald wieder zu sehen. Irgendjemand hat mal gesagt, jeder Abschied sei ein kleiner Tod und das stimmte zweifellos.

„Es ist eine Schande, dass du nicht gewonnen hast", meinte Klara zum bestimmt hundertsten Mal. „Von allen warst du mit Abstand die Beste bei diesem Wettbewerb, Emily – und zwar in jeglicher Hinsicht. Der Standpunkt war nicht klar genug definiert…? Was denken diese Preisrichter sich eigentlich. Ach Schätzchen, mach dir nichts draus."

„Mach ich auch nicht."

„Wir sehen uns in zwei Monaten. Und ich werd dich so bald wie möglich anrufen."

Ich weiß nicht, wie ich mich von allen verabschieden konnte, ohne dabei in Tränen auszubrechen.

Als ich wieder mit meinen Dad im Auto saß und wir zurück nach Hause fuhren, nur wir beide, hatte ich jedoch einen Kloß im Hals.

„Hab ich dir eigentlich schon gesagt, wie toll ich dich fand gestern?"

„Nur so an die tausend Mal, aber ich hör's immer wieder gerne." Und nicht nur er hatte das gesagt, auch Dorothy und sogar Mr. Geist. „Aber diese Junge von Assisi war einfach besser." In Wirklichkeit konnte ich mich nicht einmal mehr an dessen Rede erinnern. Es war komisch, wie wichtig mir dieser Wettbewerb einmal gewesen und wir nebensächlich er dann geworden war.

„Von allen Schülern, die da gesprochen haben, hast du die Leute im Saal am meisten beeindruckt", hatte Mr. Geist mir nach dem Wettbewerb gesagt und ich wusste, dass er es ernst meinte. Das hatte mich am stolzesten gemacht und war eigentlich besser, als jede Reise, die ich hätte gewinnen können.

„Das stimmt nicht, der war nicht besser", meinte mein Dad.

„Du musst das ja auch sagen, du bist mein Vater."

„Ich meine das sehr wohl objektiv. Ich bin Journalist, ich bin sowas wie die Neutralität in Person!"

„Okay, gut, dann war ich eben objektiv die Allerbeste." Nach kurzem Überlegen meinte ich dann: „Es ist ganz schön kompliziert."

„Was denn?"

„Das Erwachsenwerden. Ich meine, es ist schon so viel passiert und ich hab das Gefühl, als hätte es erst angefangen."

„Das hat es auch erst. Glaub mir, da kommen noch Dinge auf uns beide zu… Bei dem Gedanken daran fühle ich nur Freude."

„Haha", lachte ich trocken. „Aber es ist wirklich nicht einfach. Es ist so unkontrollierbar. Ist das der Spaß daran?"

„Irgendwie schon, ja. Aber mach dir keine Gedanken und warte einfach ab. Es werden Dinge kommen, an die du nicht mal in deinen kühnsten Träumen gedacht hättest."

„Du meinst, sowas wie eine ganze neue Familie – inklusive berühmter Künstlergroßmutter und allem drum und dran? Stimmt, davon hätte ich vor ein paar Monaten wirklich noch nicht geträumt. Aber nicht alle Dinge werden so gut ausgehen, oder?"

„Das weiß keiner, Emily. Und darüber nachzudenken bringt nichts. Aber ich denke, das wird schon alles."

Was genau wird, kann eben nie jemand sagen. Ich hätte noch vor einer Weile nie gedacht, dass ich bald eine Großmutter haben würde wie Klara, die ich in London besuchen würde, ohne eine Großtante wie Dorothy, die so energisch wie liebevoll war und die für mich in Zukunft da ein würde, als hätten wir uns schon immer gekannt.

Wir fuhren auf der Küstenstraße durch Bondi Beach zurück in die Stadt, wegen des Verkehrs. Ich blickte durch das Autofenster nach draußen und sah das Meer. Die Wellen schlugen an diesem Tag wieder besonders hoch – vier oder fünf Meter mindestens. Das nächste Mal musste ich beim Surfen vorsichtiger sein, damit ich nicht wieder gegen ein Riff gespült werden würde. In der Spätnachmittagssonne glänzte das Meer verführerisch. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie irgendjemand diesem Anblick widerstehen konnte. Es war am Horizont so tief blau, so unergründlich. So eine Farbe gibt es wahrscheinlich nur einmal auf der Welt, dachte ich in diesem Moment.