2. Die Zauberschülerin

Zu ihrem eigenen Erstaunen bedauerte Miranda, das Haus des Alchimisten verlassen zu müssen. Solange ihr despotischer Arbeitgeber hier gelebt hatte, waren ihr die mit Krempel vollgestopften, kleinen Kammern bedrückend erschienen, aber ohne seinen Besitzer hatte das Haus seinen Schrecken verloren.

Trotzdem war es höchste Zeit aufzubrechen, denn sicher würden bald die Gendarmen kommen, denen mittlerweile der Tod des Alchimisten zu Ohren gekommen sein musste. Miranda legte keinen Wert darauf, mit ihnen zusammenzutreffen, da es sicher Zeugen dafür gab, dass der Alchimist sie auf offener Straße beschimpft und bedroht hatte.

Miranda seufzte. Sie wusste, dass sie keine Wahl hatte. Sie musste Unterschlupf bei ihrer Schwester Dorothea suchen, obwohl sie sich noch nie gut mit ihr verstanden hatte.

Miranda schaute sich um und betrachtete, nicht ohne einen gewissen Stolz den glänzenden Boden, den sie am Vortag geschrubbt hatte.

„Ich werde nicht einmal Geld für meine Plackerei erhalten", durchfuhr es sie plötzlich. „Die Zeit reicht sicher noch für einen letzen Abstecher in das Labor. Vielleicht finde ich dort irgendetwas, das mich über den Verlust meines Arbeitsplatzes hinwegtröstet."

So schnell sie konnte stieg Miranda die Treppe zum Dachboden hinauf. Ein Luftzug streifte sie. Miranda fühlte, wie sich ihr Puls beschleunigte, denn ganz plötzlich wurde sie von der irrationalen Furcht ergriffen, der Alchimist könne ihr irgendwo auflauern.

Vorsichtig öffnete Miranda die Tür des Labors. Der Wind, der durch das offene Dachfenster wehte, hatte das Durcheinander, das im Raum herrschte noch vergrößert. Miranda schaute sich um und fragte sich, was unter all den Bergen von altem Papier für finstere Geheimnisse verborgen sein mochten.

Nach dem Desaster, das der falsche Apfelsaft ausgelöst hatte, hielt Miranda es für angebracht, die Hände von den Chemikalien zu lassen, aber die Folianten auf dem Regal, das die ganze Rückwand des Raumes einnahm, zogen sie magisch an. Die Bücher waren von einer dicken Staubschicht bedeckt, was darauf schließen ließ, dass der Alchimist seine Bibliothek schon lange nicht mehr konsultiert hatte.

Miranda legte den Kopf auf die Schulter, um die Titel besser lesen zu können, aber zu ihrer Enttäuschung musste sie feststellen, dass es Chemie- und Pharmazielehrbücher waren.

Dann sichtete sie einen Stoß Zettel, bei denen es sich überwiegend um unbezahlte Rechnungen handelte. Ganz unten lag ein Heft, dessen Einband mit Stockflecken übersäht war. Ohne große Erwartungen klappte Miranda es auf, wurde aber neugierig, als sie sah, dass es Rezepte enthielt.

„Vielleicht finde ich etwas Nützliches", dachte sie und steckte das Heft ein. Dann stieg sie die Treppe wieder herunter und verlies das Haus.

Am folgenden Tag war Miranda gerade damit beschäftigt, Wäsche im Garten ihrer Schwester aufzuhängen, als Dorothea vom Marktplatz zurückkehrte, wo sie Lebensmittel für die folgenden Tag einkaufen wollte. Schon aus der Ferne sah Miranda, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Das Gesicht ihrer Schwester war gerötet und sie ging schneller als gewöhnlich.

„Der Alchimist ist nicht tot!" rief sie Miranda entgegen. „Die Frau des Apothekers sagt, dass er mit einer Gehirnerschütterung im Hospital liegt."

„Das darf doch wohl nicht wahr sein", entfuhr es Miranda. Unfähig weiterzuarbeiten, ließ sie sich ins Gras sinken. Ihr Kopf schwirrte. Sie musste es erst einmal verdauen, dass der Alchimist noch lebte. Dann wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie in höchster Gefahr schwebte.

„Wenn er wieder gesund ist, wird er mich suchen!"

Miranda sprang vom Boden auf.

„Weiß er wo ich wohne?" fragte Dorothea mit scharfer Stimme.

„Er weiß, dass ich eine verheiratete Schwester in der Neustadt habe", antwortete Miranda. „Ich muss sofort von hier verschwinden!"

Sie kam nicht umhin zu bemerken, dass ihre Schwester froh war, dass sie freiwillig ging.

„Und wohin willst du gehen?" fragte Dorothea etwas halbherzig.

Miranda zuckte unschlüssig mit den Schultern. Von „Wollen" konnte hier eigentlich nicht die Rede sein.

„Keine Ahnung, Hauptsache weg von hier."

Die Schwester schwieg einen Augenblick.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass er heute aus dem Hospital entlassen wird", sagte sie dann, „nicht, wenn er eine Gehirnerschütterung hat! Du kannst also gern bis Morgen bleiben."

Miranda nickte, sagte aber nichts.

In diesem Augenblick wurde das Tor geöffnete. Es war ihr Schwager, der zum Mittagessen nach Hause kam.

Miranda ergriff die Gelegenheit, sich zurückzuziehen, denn sie brauchte Ruhe, um einen Plan zu fassen. Verzweifelt überlegte sie, wo sie sich vor der neugierigen Schwester verbergen konnte.

Schließlich entschied sie sich für den Geräteschuppen am Ende des Gartens. Dort hockte sie sich auf den Boden und öffnete das Notizbuch, das sie im Labor des Alchimisten entwendet hatte. Im spärlichen Licht, das durch das kleine Finster in der Tür drang blätterte sie in dem Heft herum. Auf der letzten Seite waren einige Namen notiert, von denen Miranda vermutete, dass es sich um die Opfer des Erpressers handelte. Sie überflog die Angaben: ein Bäcker, ein Arzt, ein Lehrer, eine Kräuterfrau und drei Ehefrauen.

Miranda beschloss, Kontakt mit der Kräuterfrau aufzunehmen. Sie verspürte keine Neigung, weiterhin wie eine Fliege im Spinnennetz auf den Alchimisten zu warten. Daher machte sie augenblicklich sich auf den Weg.

Bald stand Miranda vor der Tür eines leicht verwahrlosten Hauses, auf die in altmodischen Buchstaben „Margarete Schmidt" geschrieben waren. Miranda fand es seltsam, dass der Erpresser vermutete, dass hier etwas zu holen sei.

Miranda zögerte einen Augenblick. Dann klopfte sie, denn sie konnte keinen Klingelzug finden. Eine energisch wirkende Frau von etwa dreißig Jahren öffnete die Tür.

„Kann ich dir helfen?" fragte sie und musterte Miranda von Kopf bis Fuß.

„Vielleicht können wir uns gegenseitig helfen", erwiderte Miranda, die sich etwas über den abschätzenden Blick der älteren Frau ärgerte, „aber ich möchte dies lieber nicht auf der Straße erörtern."

Die Kräuterfrau bat Miranda einzutreten und geleitete sie in eine Art Wohnküche. An den Wänden standen Regale mit Einweckgläsern. Von der Decke hingen getrocknete Pflanzen. Auf dem Herdfeuer brodelte eine wenig appetitanregende Flüssigkeit in einem großen Blechtopf, der Miranda ein einen Hexenkessel erinnerte.

„Möchtest du etwas trinken?" fragte die Kräuterfrau, erneut Miranda taxierend.

Zwar war Miranda nicht neugierig auf die Getränke, die in dieser Küche zubereitet wurden, aber sie wollte nicht unhöflich sein.

„Das wäre sehr nett!" antwortete sie daher, bereute aber im gleichen Augenblick ihre Worte, da sie an das Gebräu des Alchimisten dachte.

Zu Mirandas großer Erleichterung ging die Kräuterfrau nicht zum Herd, sondern zum Kachelofen, auf dem eine Kanne aus einfacher Keramik stand. Sie füllte zwei passende Becher mit dampfend heißer Flüssigkeit.

Wenigstens trinkt sie auch etwas davon, dachte Miranda. Der Trank wird also hoffentlich ungefährlich sein. Die Hausherrin überreichte ihr einen der Becher und Miranda probierte einen Schluck eines Kräutertee, der besser schmeckte als befürchtet. Erst jetzt bemerkte sie, wie durstig sie war, aber sie wartete vorsichtshalber bis auch die andere Frau einen Schluck ihres Tees zu sich nahm.

„Also, spann mich nicht auf die Folter", forderte sie die Kräuterfrau auf und Miranda erzählte ihr von ihrer Konfrontation mit ihrem Arbeitgeber.

„Leider kenne auch ich den Alchimisten. Er hat versucht, mich zu erpressen", gab die junge Frau zu, als Miranda geendet hatte.

„Womit?", fragte Miranda, die sich noch immer nicht vorstellen konnte, dass es der Mühe wert war, der jungen Frau Erpresserbriefe zu schreiben.

„Er hat mir damit gedroht, mich bei der Ärztezunft wegen Pfuscherei anzuzeigen."

Miranda blickte sie erstaunt und erschrocken an. War es doch ein Fehler gewesen, den Kräutertee getrunken zu haben?

„Stimmt das?", fragte sie, obwohl sie sich vor der Antwort fürchtete.

„Natürlich nicht!" Margarethe Schmidt war sichtbar empört. „Aber ich bin den Ärzten ein Dorn im Auge. Ihnen ist jeder Vorwand recht, mich loszuwerden."

Miranda schaute sich in der einfachen Stube um.

„Wie viel Geld hat er verlangt?"

Das Gesicht der Kräuterfrau nahm einen zornigen Ausdruck an.

„Gar keins. Er will, dass ich ihn in meine Kunst einweihe!"

Miranda fand diese Bedingung ziemlich leichtsinnig, denn es wäre für die Kräuterfrau ein Leichtes, beim Unterricht diesen schrecklichen Menschen einfach zu vergiften, aber ein Blick in das strenge Gesicht ihrer Gastgeberin genügte, um Miranda davon abzuhalten, diesen Gedanken auszusprechen.

„Und wann will er vorbeikommen?" fragte sie stattdessen.

Die Kräuterfrau ging im Zimmer auf und ab.

„Das hat er nicht gesagt. Er hat mir nur angedroht, sich bald wieder zu melden."

Miranda schauderte es. Der Alchimist konnte also jeden Augenblick hier aufkreuzen!

„Falls er sich an meine Adresse erinnern sollte. Dein früherer Arbeitgeber hat nämlich ein miserables Gedächtnis. Ständig hat er nach Worten gesucht als er mit mir sprach" fügte die Kräuterfrau in einem Anfall von Galgenhumor hinzu. Sie blickte Miranda lächelnd an. „Es war eine wunderbare Idee von dir, sein Adressbuch zu entwenden."

„Ich würde mich nicht darauf verlassen", wandte Miranda ein, da der Alchimist ihr nicht den Eindruck vermittelt hatte, dass er etwas vergaß, was ihm wirklich wichtig war. „aber wenn er sich bei dir blicken lässt, müssen wir diesem gemeinen Erpresser endlich das Handwerk legen!"

„Wie stellst du dir das vor?" wollte die Kräuterfrau wissen. Sie wirkte plötzlich alarmiert.

„Wir müssen ihn vor allen bloßstellen! Dann kommen die Gendarmen und stecken ihn ins Gefängnis zu seinem sauberen Freund!"

Die Kräuterfrau sprang von ihrem Stuhl auf.

„Ich will aber keinen Ärger mit den Ärzten bekommen."

„Mir wird schon etwas einfallen, wie ich dich aus der Sache heraushalten kann", beruhigte sie Miranda, obwohl es ihr schleierhaft war wie sie dieses Kunststück zustande bringen sollte.

Sie sagte sich, dass es besser sei, aufzubrechen, bevor sie dazu aufgefordert wurde. Also stellte sie ihren halbgefüllten Becher auf den Tisch und erhob sich.

„Vielen Dank für den Tee. Ich möchte deine Zeit nicht über Gebühr in Anspruch nehmen."

„Wohin gehst du denn jetzt?" fragte die Kräuterfrau. „Bei deiner Schwester bist du bestimmt nicht mehr willkommen."

Miranda zuckte resigniert mit den Schultern, da sie sich genau dieselbe Frage soeben gestellt hatte.

„Das weiß ich selbst noch nicht", gab sie zu.

Die Kräuterfrau blicke ihr schweigend in die Augen.

„Du kannst bei mir bleiben. Ich kann jemanden brauchen, der mir zur Hand geht", sagte sie schließlich.

Die nächsten Tage verstrichen ohne besondere Ereignisse. Tagsüber half Miranda der Kräuterfrau beim Zerhacken von Kräutern, beim Kochen von Tinkturen und beim Mischen von Salben. Abends studierte sie das Notizbuch des Alchimisten, das aber leider nicht hielt, was es versprochen hatte. Mit zunehmender Enttäuschung las Miranda endlose Aufzählungen von Namen und Adressen, unterbrochen von Kochrezepten. Deshalb hatte der Alchimist immer an den köstlichen Mahlzeiten herumgenörgelt, die Miranda zubereitet hatte! Warum hatte er nicht selbst gekocht, wenn er meinte es besser zu können?

Am dritten Abend bemerkte Miranda, dass zwei Seiten des Heftes aneinanderklebten, weshalb sie sie noch nicht begutachtet hatte. Sie zog an einem der Blätter. Mit einem schmatzenden Geräusch lösten sich die Seiten. Miranda las mit angehaltenem Atem. Sie fand weitere Rezepte: Schweinegeschnetzeltes mit Pilzen, Hustensaft, ein Liebestrank! Miranda schreckte auf: Gott bewahre! Das hätte ihr gerade noch gefehlt! Sie hatte schon genug Probleme.

Miranda las weiter, aber auf die Euphorie folgte die Enttäuschung. Es folgte ein weiteres Kochrezept. Offensichtlich war es dem Alchimisten bisher weder gelungen, den Stein der Weisen zu finden, noch hatte er eine Methode entwickelt, Gold zu machen. Kein Wunder, dass er sich als Erpresser seinen Lebensunterhalt verdienen musste und sich trotzdem die unbezahlten Rechnungen in seinem Labor stapelten.

Miranda war am letzten Eintrag auf der zweiten Seite angelangt. Plötzlich las sie ein Wort, dass sie, trotz der späten Stunde hellwach werden ließ: „Vogelsaft". Endlich hatte sie das Rezept des Verwandlungssaftes gefunden, den sie aus Versehen getrunken hatte. Miranda staunte, als sie die Zutaten las, denn es handelte sich um ziemlich gewöhnliche Substanzen, die bei der Kräuterfrau aufzutreiben sein mussten.

Wozu brauchte der Alchimist dann die Fledermäuse, Kröten und Vogelnester, die sich ihm besorgen musste? Weshalb hing im Labor dieses schrecklichen Menschen ein ausgestopftes Krokodil? Nur um unbefugte Eindringlinge zu vertreiben?

Miranda nahm die Kerze, in deren Licht sie gelesen hatte und schlich sich die Treppe hinunter. Die Kräuterfrau war glücklicherweise bereits zu Bett gegangen. Auf Zehenspitzen pirschte Miranda sich in die Vorratskammer, wo sie sich die benötigten Kräuter zusammensuchte. Zwar hatte sie ein schlechtes Gewissen, Margarethe Schmidt zu hintergehen, aber sie ahnte, dass diese ihr verboten hätte, in ihrem Haus einen Zaubertrunk zu brauen. Sie hatte viel zu viel Angst vor den Ärzten.

Miranda stellte einen Topf auf den Herd, wartete, bis das Wassers kochte und schüttete die getrockneten Kräuter hinein.

Jetzt kam der komplizierte Teil des Rezeptes. Miranda nahm einen Kochlöffel und rührte den Sud fünfzehnmal nach rechts, einmal für jedes Lebensjahr, das sie zählte. Anschließend musste sie hundertzweiundachtzigmal nach rechts rühren, einmal für jeden Monat ihres kurzen Lebens. Mit großer Konzentration zählte sie mit: achtzig, einundachtzig, zweiundachtzig, nicht nachdenken, sonst verzählst du dich. Hundertundelf…

Hinter Miranda knarrte eine Diele. Mit einem leisen Aufschrei drehte sie sich um. Dann atmete sie auf. Es war nur der Nero, der schwarze Kater, nicht die Kräuterfrau!

Noch immer rührte Miranda den Sud, war sich aber nicht sicher, ob sie sich nicht vor Schreck verzählt hatte.

„Es wird nicht so schlimm sein", murmelte sie halblaut vor sich hin. „Hundertfünfzig und so weiter."

Dann nahm sie den Topf vom Herd und goss seinen Inhalt durch einen kleinen Trichter in eine Flasche, die sie sorgfältig verkorkte und in ihren Beutel steckte.

Beim Frühstück musterte die Kräuterfrau ihren Lehrling.

„Du siehst ja schrecklich aus!"

Miranda benötigte ihre gesamte Willenskraft um nicht zu erröten.

„Ich habe die halbe Nacht wach gelegen", erwiderte sie, was ja auch durchaus den Tatsachen entsprach.

„Du machst die Sorgen wegen des Alchimisten?"

Miranda konnte es nicht abstreiten. Wortlos nickte sie.

„Deine Schwester hat dir heute Morgen eine Nachricht geschickt", sagte die Kräuterfrau und drückte Miranda einen Zettel in die Hand.

Mit gemischten Gefühlen erbrach Miranda das Siegel und faltete den Brief auseinander. Sie las ihn laut vor: „Kannst du heute Morgen vorbeikommen? Ich brauche deine Hilfe. Deine Schwester Dorothea."

Margarethe Schmidt sah Miranda aufmunternd an.

„Das wird dich auf andere Gedanken bringen!"

Miranda hingegen kam das Ganze ziemlich seltsam vor, zumal Dorothea ihr noch nie einen Brief geschrieben hatte. Und woher kannte sie die Adresse der Kräuterfrau?

„Ich komme auch einen Tag ohne dich aus."

Die Worte der Kräuterfrau rissen Miranda aus ihren Gedanken. Sie verspürte keinerlei Neigung, ihre neue Lehrherrin in ihre Familienangelegenheiten einzuweihen.

„Das ist sehr nett von dir, aber ich bleibe nicht lange. Zum Mittagessen bin ich wieder da", sagte Miranda daher und machte sich auf den Weg.

Kurze Zeit später klopfte sie an die Tür des Bürgerhauses, in dem sie wenige Tage zuvor Zuflucht gesucht hatte.

Dorothea öffnete. Bei ihrem Anblick erschrak Miranda, denn sie sah schrecklich aus.

„Was ist denn los? Du bist ja so weiß wie eine Wand", entfuhr es ihr.

Ihre Schwester seufzte.

„Komm mit. Du wirst es gleich erfahren!"

Miranda folgte der Schwester in den Garten. Sie bewunderte die roten Äpfel, die mittlerweile am Baum gereift waren und dann geschah etwas Schreckliches: ganz unvermittelt stand der Alchimist vor ihr. Eine eisige Kälte durchfuhr sie. Ihre Schwester hatte sie in eine Falle gelockt!

„Ich kann nichts dafür", jammerte Dorothea. „Er hat mir gedroht, meinem Sohn etwas anzutun, wenn ich dir nicht schreibe. Er hat mir den Text diktiert!"

Miranda würdigte ihre Schwester keines Blickes.

Auf dem Gesicht des Alchimisten lag ein unangenehmes Lächeln.

„So leicht lasse ich mich nicht abschütteln", sagte er und zog eine Augenbraue hoch. „Du kommst sofort zurück zu mir. Als Belohnung für deine Neugier wirst du mich heiraten."

Miranda verschluckte sich.

„Niemals!" rief sie. „Lieber sterbe ich!"

„Das kannst du haben", erwiderte der Alchimist fast freundlich, „aber denk an den Sohn deiner Schwester! Du willst doch nicht, dass er für deinen Dickköpfigkeit bestraft wird?"

Miranda konnte es gar nicht fassen, was dieser widerliche alte Lüstling ihr anzubieten gewagt hatte. Sie beschloss, sich aus dem Staube zu machen. Wozu hatte sie den Vogeltrunk gebraut? Aber, wie sollte sie, heimlich davon trinken? Sie musste den Alchimisten ablenken.

„Ich zeige dich beim Magistrat an!" fuhr sie ihn an.

„Nicht, wenn du meine Frau bist! Dann darfst du nicht gegen mich aussagen!"

„Bitte tu es", bettelte Dorothea. „Denk an meinen Sohn. Außerdem ist er doch keine schlechte Partie und dann hättest du endlich deinen eigenen Haustand."

Diesen Kommentar hätte Miranda selbst ihrer Schwester nicht zugetraut.

„Du hast eine große Begabung für die Alchimie", sagte der Alchimist mit zuckersüßer Stimme. „Unsere Kinder werden die größten Zauberer der Welt sein!"

Miranda hörte, dass ihre Schwester weinte. Dies brachte sie auf eine Idee. Sie tat so, als ob auch sie weinte.

„Jetzt tu nicht so scheinheilig! Zuerst mir nachschnüffeln und dann das Unschuldslamm spielen."

Miranda verstärkte ihr falsches Weinen. Sie griff in ihren Beutel und holte ein Taschentuch heraus, in das sie die kleine Flasche mit dem Trunk verbarg. Ehe der Alchimist sie zurückhalten konnte, führte Miranda die Flasche an ihren Mund und trank einen Schluck des Saftes.

Miranda fand, dass er wesentlich besser schmeckte als der Zaubertrank des Alchimisten.

„So was kann eine Frau einfach besser", dachte sie.

Aber sie hatte die Rechnung ohne den Alchimisten gemacht. Auch er führte eine Portion des Verwandlungstrunkes bei sich.

„So leicht entkommst du mir nicht", rief er und trank einen Schluck des Gebräus.

„Miranda", schrie ihre Schwester.

„Er tut deinem Sohn nichts, denn dann kann er mich nicht mehr erpressen", beruhigte Miranda sie. „Außerdem möchte er keine unnötige Aufmerksamkeit erregen. Das wäre schlecht für sein Geschäft."

Dann setzte die Verwandlung ein. Diesmal wurden die Gegenstände um Miranda herum nicht größer, sondern die Welt schrumpfte in sich zusammen. Sie gähnte. Dann breitete sie ihre Schwingen aus und stellte fest, dass es die Flügel eines grünen Drachens waren.

Verblüfft schaute Miranda herab auf den jämmerlichen, zerzausten Sperling, der an der Stelle saß, an der sich eben noch die drohende Gestalt des Alchimisten erhoben hatte. Sie öffnete das Maul, um den Vogel mit ihrem feurigen Atem anzupusten.

Der Sperling flatterte hoch und ehe sich Miranda etwas dagegen konnte, war er im Brunnenschacht verschwunden.

„Das ist unfair", fauchte Miranda und spie Feuer in den Brunnen, aber der kleine Vogel war jenseits ihrer Reichweite.

Ihre Schwester lief schreiend ins Haus zurück. Irgendwie war alles schief gegangen.

Miranda schaute sie um. Mit Bedauern stellte sie fest, dass es hier keine Schätze gab, die sie bewachen konnte. Was für ein langweiliger Garten! Am liebsten hätte Miranda ihn so schnell wie möglich verlassen.

„Aber ich kann am hellerlichten Tag nicht als Drache über die Stadt fliegen", war der letzte klare Gedanke, den sie hatte.

Dann lehnte sie sich gegen einen Baum und hoffte, dass das Geschrei der Schwester nicht die Nachbarn herbeilockten. Miranda fühlte, wie sie immer träger wurde. Nur ein quälender Durst, wie sie ihn noch nie gekannt hatte, hielt sie vom Schlafen ab. Sie ergriff eine Gießkanne, die zufällig herumstand trank sie in einem Zuge leer, aber dies war nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Außerdem hatte das Wasser einen seltsamen Beigeschmack.

„Wenn ich im Labor des Alchimisten wäre, hätte ich jetzt Angst vor Giften und Zaubertränken, aber hier wird es sich wohl nur um schales Wasser handelt", dachte Miranda und gähnte. Eine Rauchwolke kam aus ihrem Mund.

Sie rollte sich am Boden zusammen, damit sie die Nachbarn nicht über den Zaun hinweg erkennen konnten und schlief augenblicklich ein. So vergingen einige Stunden, aber Miranda wurde nur sehr langsam wieder wach.

Am Nachmittag hatte sie wieder ihre menschliche Gestalt angenommen. Miranda stand auf und klopfte sich Grashalme und Lehm von der Kleidung. Zu dumm, dass sie den Garten nicht verlassen konnte, ohne das Haus zu durchqueren. Eine Begegnung mit ihrer Schwester war also unvermeidlich.

Zaghaft öffnete Miranda die Tür.

„Lass dich nie wieder hier blicken", fauchte sie Dorothea an.

„Du warst es, der mich hierher gelockt hat", wandte Miranda vorsichtig ein.

Dorothea hörte nicht zu. Wütend schaute sie in den Garten.

„Du hast ja den ganzen Rasen zertrampelt und versengt", schrie sie.

„Aber Dorothea", murmelte ihr Schwager, der gerade den Raum betrat. „So kenne ich dich doch gar nicht! Du bist ja der reinste Drache! Wie redest du denn mit deiner kleinen Schwester?"

Miranda lächelte ihn an. Es war das erste Mal, dass ihr der Mann ihrer Schwester sympathisch war.

„Das bin ich von Kindesbeinen an gewohnt, lieber Schwager. Was meinst du, warum ich mich nach dem Tod unserer Eltern als Hausmagd verdingt habe?"

Dorothea wirkte, als ob sie kurz vor einem Wutanfall wäre.

Miranda zögerte einen Augenblick.

„Ist der Alchimist noch hier?"

Dorothea schüttelte den Kopf.

„Dann verwinde ich lieber wieder!"

„Ich möchte wissen, was in meinem eigenen Haus vorgeht", hörte Miranda ihren Schwager sagen, als sie mit zitternden Knien die Türklinke herunterdrückte.

Miranda atmete erleichtert auf. Der Alchimist stand nicht vor der Tür. Erst jetzt dachte sie darüber nach, wohin sie eigentlich gehen sollte. Eigentlich hatte sie keine Wahl. Sie konnte nur zur Kräuterfrau zurückkehren, zumindest solange wie sie keine andere Arbeitsstelle gefunden hatte.

Als Miranda um die Ecke bog, tauchte plötzlich die lange, hagere Gestalt des Alchimisten vor ihr auf. Er schnitt ihr den Weg ab, hob aber beschwichtigend die Hände.

„Du hast einen neuen Verwandlungstrunk erfunden", stellte er fest. Respekt lag in seiner Stimme. „Willst du nicht meine Partnerin werden?"

„Bei der Erpresserei?"

Der Alchimist zuckte mit den Schultern.

„Bei der Wissenschaft natürlich, bei der Alchimie!"

Miranda staunte über die Unverschämtheit des Alchimisten.

„Seid froh, dass Euch nicht anzeige!"

Der Alchimist lächelte.

„Wer würde dir glauben?"

Miranda schnappte nach Luft.

„Ich habe das Notizbuch mit den Adressen, der Menschen, die Ihr erpresst habt."

Der Alchimist schaute Miranda an, als hätte er in eine Zitrone gebissen.

„Ich habe es überall gesucht, du kleines Biest, wie konntest du mir das antun!"

Miranda lächelte.

„Ich schlage Euch einen Waffenstillstand vor", sagte sie. „Ihr erpressen niemanden mehr. Außerdem lasst Ihr mich in Ruhe. Dann nehme ich davon Abstand, Euch anzuzeigen."

„Abgemacht", sagte der Alchimist, „aber überleg es dir noch mal. Falls du mich nicht heiraten willst, gilt immer noch mein Angebot von vorhin: Werde meine Partnerin!"

„Nein", antwortet Miranda, „ich habe andere Projekte."